Was sagen die Tränen Christi am Grab seines Freundes über das Wesen des Todes aus?
Die Trauer des Erlösers am Grab des Lazarus ist nicht bloß menschliche Trauer. Es ist Gott, der den Verfall seines besten Geschöpfes betrachtet und sich nicht mit der Macht des Todes über dieses abfinden will.
„Herr! Er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen im Grab“ (Joh 11,39). So spricht Martha, die Schwester des verstorbenen Lazarus, des Freundes Christi. Sie spricht diese schrecklichen Worte einfach deshalb aus, weil sie in diesem Moment keine anderen Worte hat, um die Realität zu beschreiben.
Ein schwerer, scheibenförmiger Stein verschließt den Eingang zur Höhle, erhitzt von den sengenden Sonnenstrahlen. Es ist ein heißer Sommer in Judäa. Weißer Staub legt sich auf die Kleidung der Pilger. Und als Antwort auf diese beunruhigte und hastige menschliche Rede antwortet Christus mit schwerem, tiefem Schweigen.
Im rauen Klima Judäas treten am vierten Tag die Prozesse des körperlichen Verfalls in die aktive Phase ein. Leinenbinden und Begräbnisweihrauch – Myrrhe und Aloe, mit denen der Leichnam großzügig behandelt wurde – kommen ihrer Aufgabe nicht mehr nach.
In der modernen medizinischen Sprache nennt man das die Freisetzung von Leichengasen, und in der Sprache des Evangeliums klingt es kurz und schrecklich: es stinkt. Das ist alltägliche Biologie, mit der jeder Mensch konfrontiert ist.
Doch dann sehen wir ein wahrhaft erstaunliches Bild. Jesus steht vor dem zugeschütteten Eingang zur Höhle und weint.
Zwei Verben: Stille und Erschrecken
Der griechische Text des Johannesevangeliums offenbart die verborgene innere Spannung dieser Szene. Bei der Beschreibung der weinenden Menge und von Maria, der Schwester des Lazarus, verwendet der Apostel das Verb κλαίω: laut schluchzen, klagen. Es handelt sich um das im Orient traditionelle Begräbnisweinen, das die Luft zerschneidet.
Doch wenn der Evangelist die Tränen Jesu selbst beschreibt, verwendet er ein ganz anderes Verb – ἐδάκρυσεν – leise Tränen vergießen, ohne Hysterie und lautes Wehklagen.
Es ist etwas sehr Innerliches, Zurückhaltendes und zutiefst Menschliches.
Daneben steht jedoch noch ein weiteres Verb, um das in der Bibelwissenschaft bis heute gestritten wird. In der Synodalen Übersetzung klingt der Satz fromm: „Jesus … wurde im Geist betrübt“ (Joh 11,33). Im griechischen Original steht jedoch das Wort ἐμβριμάομαι (im Text des Evangeliums – ἐνεβριμήσατο).
Die Ausleger sind sich in der Bewertung dieser Emotion uneinig. Einige Forscher und Philologen weisen darauf hin, dass dieser Wortstamm wörtlich schweres Atmen, starke Erregung bedeutet. In der Antike konnte er als anschauliche Metapher für das Schnauben eines Schlachthengstes vor dem Kampf verwendet werden.
Diese sprachliche Nuance lässt hier nicht nur einen Ausdruck der Trauer erkennen. Christus empfindet zugleich stille menschliche Tränen um den verstorbenen Freund und ein Schaudern vor tiefer Empörung, die sich gegen die Tatsache des Todes selbst richtet.
Der Tod als Hässlichkeit
Wir sind es gewohnt, den Tod als einen natürlichen Prozess zu betrachten. Wir bezeichnen ihn als den natürlichen Abschluss des Lebens, der von der Natur selbst weise vorbestimmt ist. Das ist eine bequeme Formulierung, die es uns ermöglicht, irgendwie mit der Angst fertig zu werden.
Protopresbyter Alexander Schmemann sah in dieser Episode des Evangeliums etwas grundlegend anderes. „Christus weint, weil er im Tod seines Freundes den Triumph des Todes in der Welt betrachtet, den Tod als eine Entstellung betrachtet … als den Triumph Satans“, schrieb der Theologe.
Der Übergang von der Biologie zur Theologie vollzieht sich hier augenblicklich.
Der Tod ist keine natürliche, vom Schöpfer vorgesehene Ordnung der Dinge, sondern deren unrechtmäßiger Einbruch, eine metaphysische Verzerrung.
Genau deshalb gibt es am offenen Sarg keine langen Gespräche. Jesus beruhigt die Menge nicht mit philosophischen Überlegungen über die Vergänglichkeit des Daseins.
Das elfte Kapitel des Johannesevangeliums ist nicht nur eine Geschichte über die Tragödie des Verlusts, sondern auch über die bevorstehende Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. Der Erlöser weint, weil er in dieser engen Höhle nicht nur Lazarus sieht, sondern gleichsam das Gemeinschaftsgrab der gesamten Menschheit betrachtet, das zerstört werden soll.
Der vierte Tag und der Punkt ohne Wiederkehr
Für diese Szene ist es von entscheidender Bedeutung, dass es gerade der vierte Tag ist. Nach den in jener Zeit verbreiteten volkstümlichen und rabbinischen Vorstellungen kann sich die Seele des Verstorbenen drei Tage lang irgendwo in der Nähe des Leichnams aufhalten. Man glaubte, dass, solange die Gesichtszüge noch nicht verzerrt waren, noch ein winziges, geisterhaftes Fünkchen Hoffnung glimmte.
Der vierte Tag bedeutete den absoluten Punkt, an dem es kein Zurück mehr gab. Deshalb sehen viele christliche Autoren in dem Zögern Christi eine besondere Fügung. Er lässt eine Situation zu, in der jede menschliche Hoffnung vollständig erlischt.
Das Wunder der Auferstehung soll die absolute Macht Gottes über die Materie offenbaren, die sich nicht mehr auf einen lethargischen Schlaf oder eine Ohnmacht zurückführen lässt.
„Lazarus! Komm heraus!“ – ertönt der Befehl am Eingang der Höhle (Joh 11,43). Der Leichnam des Verstorbenen war nach dem Brauch mit schmalen Leinenbinden so fest umwickelt, dass es unmöglich war, auch nur einen Schritt zu tun.
Dennoch tritt der Auferstandene aus der Dunkelheit hervor – an Händen und Füßen gefesselt, das Gesicht fest mit einem Tuch bedeckt. Erst danach ertönt der Befehl an die erstarrten Menschen: „Bindet ihn los, lasst ihn gehen.“ Dies ist die Beschreibung eines äußerst konkreten, schockierenden Ereignisses, das sich vor den Augen der staunenden Menge abspielt.
Das Schweigen darüber, was hinter dem Stein lag
Was sagte Lazarus über den Ort, an dem er vier Tage lang gewesen war? Der heilige Text hütet darüber ein vorsichtiges Schweigen. Eine alte kirchliche Überlieferung, die bereits über den strengen Rahmen der biblischen Geschichte hinausgeht, berichtet, dass er später Bischof auf Zypern wurde.
Der Legende nach lachte Lazarus nach seiner Rückkehr ins Leben nie wieder und bewahrte für immer die schwere Erinnerung an die Erfahrung des Nichtseins in sich. Was sah er dort, jenseits des Steins? Wahrscheinlich hat ein Mensch, der hinter die letzte Grenze blickte, der Welt kein einziges zufälliges oder leichtfertiges Wort hinterlassen.
Wir leben in einer Kultur, die uns beharrlich lehrt, uns mit dem Ende abzufinden. Sie schlägt vor, den Tod entweder als ein therapiebedürftiges psychologisches Trauma oder als einen leichten, natürlichen „Übergang“ zu betrachten.
Doch das Evangelium zeigt uns einen Gott, der sich nicht damit abfindet. Er weint still, sein Geist erbebt, und er zieht in den Kampf gegen das, was nicht sein sollte. Diese Auferweckung in Bethanien war nur ein Vorbote der großen, entscheidenden Schlacht gegen den Tod.
In wenigen Tagen wird der Erlöser selbst ans Kreuz steigen und dann aus seiner steinernen Höhle herausgehen, dem Ostermorgen entgegen, und die Leichentücher auf dem leeren Stein liegen lassen. Doch während wir in Gedanken vor dem offenen Grab des Lazarus stehen, bleibt eine leise Frage: Sind wir bereit, den Tod nicht länger zu rechtfertigen und in ihm den Feind zu sehen, über den Gott den endgültigen Sieg errungen hat?