Meister Rogiers unsichtbare Skizze
Der niederländische Meister des 15. Jahrhunderts deutete die alte Überlieferung über den Evangelisten neu und machte aus einem Andachtsbild eine tiefgründige Betrachtung über das Handwerk des Malers.
Im Museum of Fine Arts in Boston wird eine Eichentafel aufbewahrt, die vor fast sechs Jahrhunderten mit Tempera und Öl bemalt wurde. Inmitten eines hellen Raumes kniet der heilige Apostel und Evangelist Lukas vor der allreinen Jungfrau. Er hält keinen Pinsel, wie ihn ein Ikonenmaler gewöhnlich verwendet, sondern nur einen Silberstift, einen Metallgriffel zum Zeichnen. Auf dem präparierten Blatt zieht der Heilige eine hauchdünne graue Linie und hält dabei die Züge der Allreinen fest, die ihm Modell sitzt.
Das Gemälde entstand zwischen 1435 und 1440, als Rogier van der Weyden das Amt des Brüsseler Stadtmalers erhielt. Der Brüsseler Meister verlegte die bekannte Geschichte, nach der der heilige Apostel und Evangelist Lukas als Erster die allheilige Gottesgebärerin im Bild festhielt, in einen wohnlichen niederländischen Innenraum des 15. Jahrhunderts. Die Gottesgebärerin sitzt auf der untersten Stufe vor dem Thron unter einem prächtigen Baldachin und stillt fürsorglich das Kind, während der heilige Maler behutsam ihr Bild zeichnet.
Die Tafel gelangte 1893 in die Sammlung des Bostoner Museums. Untersuchungen bestätigten ihre Echtheit. Die Holzanalyse ergab, dass die Eiche für die Tafel um 1410 gefällt worden war. Das Holz lagerte lange, bevor es auf die Werkbank des Malers gelangte.
Wessen Gesicht verbirgt sich hinter dem Evangelisten?
Kunsthistorikern ist die sorgfältige Ausarbeitung des Gesichts des Heiligen schon lange aufgefallen. Fachleute halten es für möglich, dass sich der Maler in der Gestalt des Apostels selbst porträtierte. Rogier van der Weyden, der keines seiner vollendeten Gemälde signierte, hätte sich damit zu einem unerwarteten Schritt entschlossen.
Ursprünglich hatte der Meister eine ganz andere Komposition im Sinn. In der Vorzeichnung befand sich der Kopf des Evangelisten auf gleicher Höhe wie das Gesicht der Gottesgebärerin. Später setzte ihn der Maler etwas höher. Über der allreinen Jungfrau sollte ein Engel schweben, doch in der endgültigen Fassung ließ der Künstler den Himmelsboten ganz weg. Keine der späteren Kopien des Gemäldes in den Museen von München und Brügge weist solche Änderungen auf.
Das verborgene Zimmer und die Figuren am Fluss
Die niederländische Malerei verlangt vom Betrachter stets, sich Zeit für die Einzelheiten zu nehmen. Hinter dem heiligen Lukas ist ein winziges Zimmer zu erkennen. Auf dem Holzboden verharrt ein Ochse, das Symbol des Evangelisten. Daneben liegt ein aufgeschlagenes Buch. Im Maul des Ochsen ist eine schmale Schriftrolle zu sehen.
Ein Stück weiter stehen hinter einer niedrigen Steinbrüstung zwei kleine Figuren. Ein Mann und eine Frau kehren dem Betrachter den Rücken zu und blicken reglos auf die Flusswindungen und die ferne Stadt. Wer sie sind, ist unbekannt. In der ersten Fassung der Zeichnung war die Kapuze der rechten Figur scharlachrot, doch der Maler überdeckte sie mit einem schwarzen Farbton.
Der Fluss, die Steinbrüstung und die beiden Rückenfiguren sind ein Zitat, mit dem Rogier Jan van Eyck und dessen „Madonna des Kanzlers Rolin“ seine Anerkennung erwies. Jan van Eyck malte sein Bild für einen hohen Amtsträger, Rogier dagegen schuf sein Werk für die eigene Zunft. 1520 sah der berühmte deutsche Meister Albrecht Dürer das Gemälde offenbar in Brüssel. Von seiner Reise hinterließ er kurze Aufzeichnungen.
Der Pinsel des Ostens und der Silberstift des Westens
Das Motiv des Evangelisten entwickelte sich in der christlichen Kunst auf zwei unterschiedlichen Wegen. Im Osten erwähnte der Geschichtsschreiber Theodor der Lektor die alte Überlieferung bereits im 6. Jahrhundert. Ihm zufolge hatte der heilige Apostel und Evangelist Lukas selbst die Ikone der Gottesmutter gemalt. In der byzantinischen und orthodoxen Tradition wird er stets als Ikonenmaler dargestellt, der sich streng an die überlieferten Formen hält. Vor ihm steht eine hohe Staffelei. In der Hand hält der Heilige einen Pinsel, mit dem er die Gesichtszüge in Tempera und Gold ausarbeitet. Eine solche Komposition findet sich auf einer kretischen Ikone des 16. Jahrhunderts oder in einem frühen Gemälde des jungen El Greco.
Im Westen vollzog Rogier van der Weyden einen künstlerischen Umbruch. Er kopierte keine alten Vorlagen, sondern arbeitete wie ein Maler der beginnenden Neuzeit: Am Anfang standen die unmittelbare Beobachtung und die Skizze nach der Natur.
Der westliche Maler verzichtete auf den Goldgrund und versetzte die Heilige Familie in einen gewöhnlichen Raum mit gewölbter Decke. Das schmälert die Heiligkeit der Szene jedoch nicht.
Rogier zeigt, wie redliche Arbeit, der sorgfältige Strich des Silberstifts und die Aufmerksamkeit für Einzelheiten zu einer Form des Dienstes an Gott werden.
Das Gemälde blieb unsigniert. Für die frühen niederländischen Meister war Bescheidenheit ein wichtiger Charakterzug. Doch der Meister hinterließ im Bild seine künstlerische Handschrift. Darin verband er das Handwerk des Malers, die Erinnerung an den Evangelisten und eine besondere Haltung vor der Größe der Schöpfung Gottes.
