Der Bräutigam um Mitternacht: Das leise Geräusch des nächtlichen Alarms

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„Siehe, der Bräutigam kommt um Mitternacht…“. Foto: UOJ „Siehe, der Bräutigam kommt um Mitternacht…“. Foto: UOJ

Dieser Tropar erklingt im Halbdunkel der Kirche wie die Stimme dessen, der bereits hinter der verschlossenen Tür steht und geduldig auf unser Erwachen wartet.

Uns, die wir in Kriegszeiten leben, ist das beängstigende Gefühl vertraut, wenn man mitten in der Nacht durch ein plötzliches Geräusch aufwacht. Es ist nicht der gewohnte Weckerklingel, auf den man innerlich schon lange vorbereitet ist. Es ist ein scharfer, beängstigender Ruck aus dem tiefen Schlaf. In den ersten paar Sekunden versteht man überhaupt nicht, wo man sich befindet, welcher Tag heute ist und was gerade geschieht. Das Herz schlägt zu schnell, der Körper fühlt sich schwer, fremd und völlig ungehorsam an.

Das erste Gefühl in solchen Momenten ist immer Angst. Das zweite: eine zaghafte Erleichterung, wenn es um einen herum scheinbar ruhig ist, nichts durch die Luft fliegt, niemand schreit und nichts Unwiderrufliches passiert ist. Und das dritte: wieder eine dumpfe Anspannung. Denn in dieser plötzlichen nächtlichen Stille hat sich etwas Unfassbares verändert, und man begreift, dass es unmöglich ist, weiterzuschlafen.

Genau auf diese sehr verständliche Erfahrung bezieht sich die Kirche in den allerersten Tagen der Karwoche. Hinter uns liegt der lärmende Palmsonntag, vor uns – das Kreuz und Golgatha. Die Menschen kommen nach langen Arbeitstagen erschöpft zu den Abendgottesdiensten. Bei der Morgenandacht am Großen Montag, Dienstag und Mittwoch wird das Licht in der Kirche fast vollständig gelöscht. Nur wenige Lampen bleiben brennen. In der dichten Halbdunkelheit beginnt der Chor leise und zurückhaltend zu singen: „Siehe, der Bräutigam kommt um Mitternacht...“.

Es ist kein feierlicher Festgesang, zu dem man freudig das Kreuzzeichen machen und mitsingen möchte. Es ist eine strenge Stimme aus der Dunkelheit, die einen überaus klaren Gedanken vermittelt: Die wichtigste Begegnung in deinem Leben könnte genau jetzt, in diesem Augenblick, stattfinden.

Die Schwere der herabsinkenden Augenlider

Die Worte in diesem Gesang sind erstaunlich präzise und treffen genau ins Schwarze. „Lass dich nicht vom Schlaf beschweren“ – auf Griechisch klingt das noch härter: „Lass dich nicht vom Schlaf von den Beinen reißen“. Das ist nicht nur eine schöne poetische Metapher für irgendeine abstrakte geistige Trägheit. Es ist eine sehr treffende Beschreibung davon, wie die unüberwindliche Schwere des Schlafes einen Menschen buchstäblich zu Boden wirft. Du hast einfach nicht die Kraft, aufrecht zu stehen, den Rücken gerade zu halten und nach vorne zu schauen. Die Augen schließen sich von selbst.

Und daneben steht das Wort „unywajuscha“. Im Kirchenslawischen bedeutet es einen sorglosen, entspannten Menschen. Jemanden, der sich so sehr hat gehen lassen, dass er nicht mehr zwischen dem wirklich Wichtigen und den alltäglichen Kleinigkeiten unterscheiden kann.

Wir sind es gewohnt, solche Worte als den üblichen Vorwurf von der Kanzel wahrzunehmen. Doch der Text spricht von dem, was wir uns selbst vor uns selbst kaum eingestehen wollen. Er beschreibt den Zustand eines Menschen, der so sehr mit dem Komfort, der Hektik und den Gewohnheiten dieser Welt verwachsen ist, dass er das Kommen Christi nicht als lang ersehnte Freude empfindet. Er empfindet darin ein beängstigendes Eindringen in seine behagliche, seit langem bewohnte Finsternis.

Der Schlaf ist hier nicht einfach nur natürliche Müdigkeit nach einem langen und anstrengenden Tag. Es ist ein schrecklicher Zustand, in dem die Seele erstickt, sich mit einer Kruste überzieht und der Ruf von außen sie nur wie durch dicke Watte erreicht.

Und die einzige Bewegung, zu der du fähig bist, ist der Versuch, dich vor dieser Stimme zu verstecken, indem du dich noch tiefer in die warme Decke deines Alltags einwickelst.

Öl, das man sich nicht leihen kann

Dieser Text ist untrennbar mit dem evangelischen Gleichnis von den zehn Jungfrauen verbunden. Der Bräutigam verspätete sich, und alle zehn Mädchen schliefen in der Erwartung ein – sowohl die klugen als auch die törichten. Alle schliefen ein, weil die menschliche Natur schwach ist.

Doch der Unterschied lag nicht darin, wer von ihnen tiefer schlief oder wer früher erwachte. Der Unterschied lag darin, wer genug Öl für die Lampen hatte, als mitten in der stillen Nacht plötzlich ein lauter Ruf ertönte: „Siehe, der Bräutigam kommt, geht ihm entgegen!“ Die törichten Jungfrauen eilten zu ihren Freundinnen, um Öl zu erbitten, doch diese lehnten ab. Nicht aus Geiz, sondern weil es Dinge gibt, die man sich vom Nachbarn nicht leihen kann: die Liebe eines anderen, den Glauben eines anderen, die mühsam erworbene Hingabe an Gott. Während sie losliefen, um dieses Öl zu kaufen, schloss sich die Tür.

Der Heilige Johannes Chrysostomos sagte vor vielen Jahrhunderten, dass ein solcher geistlicher Schlaf eine freiwillige Verblendung sei. Der Mensch entscheidet sich selbst, Schritt für Schritt, Tag für Tag, das nicht zu bemerken, was auf ihn zukommt.

Wissen verlangt von uns immer eine Antwort. Eine Antwort erfordert immer Anstrengung, Handeln, eine Veränderung des Lebens. Und jede Anstrengung hindert uns daran, ruhig zu schlafen. Und so entscheiden wir uns immer wieder für den Schlaf.

Wie Schritte in der Dunkelheit klingen

Heute singen die Chöre diesen Tropar auf unterschiedliche Weise; in der Kirche sind viele schöne lokale Gesangsweisen erhalten geblieben. Doch gerade der Kiewer Gesang ist zum bekanntesten und tiefgründigsten geworden. Seine Melodie erklingt in der tiefen Lage, ohne abrupte Sprünge, ohne komplizierte Stimmübergänge. Sie erklingt gleichmäßig, in einem langsamen, gemessenen Tempo.

Versucht man, sich diese Musik visuell vorzustellen, dann ist es nicht das leichte Flackern einer Kerzenflamme im Wind. Es ist das langsame, unaufhaltsame Herannahen von etwas sehr Großem, Starkem und Echtem.

Nach dem Gottesdienstreglement muss dieser Tropar dreimal hintereinander gesungen werden. Erfahrene Chöre singen oft so, obwohl die Liturgie dies nicht ausdrücklich vorschreibt: Beim ersten Mal beginnen sie fast flüsternd zu singen, nur mit den Lippen, als käme der Klang von ganz weit her, vom anderen Ende der Straße. Beim zweiten Mal singen sie bereits voller, lauter, selbstbewusster. Und beim dritten Mal – mit voller Kraft, wobei sie den gesamten Altarraum und die Vorhallen mit Klang erfüllen.

Das Ergebnis ist nicht einfach nur eine auswendig gelernte dreimalige Wiederholung derselben Worte. Es entsteht das greifbare Gefühl näherkommender Schritte. Mit jedem Mal kommt der Klang näher, bis er direkt vor dir ist und eine sofortige Reaktion verlangt.

Die Zeit, in der wir allein sind

Während dieses Gesangs wird das Licht im Tempel fast vollständig gelöscht. Die Dunkelheit hüllt die Menschen ein wie eine schwere Decke. Das ist keineswegs eine theatralische Inszenierung, um die gewünschte emotionale Stimmung zu erzeugen. So erlebt der Tempel gemeinsam mit uns genau jene Nacht, in der der Bräutigam kommt. Die Dunkelheit lässt uns am eigenen Leib jene Verwirrung und Blindheit spüren, in der die schlafenden Jungfrauen angetroffen werden, wenn keine Zeit mehr zum Aufbrechen bleibt.

Warum gerade Mitternacht zum Hauptzeitpunkt dieser Begegnung wurde? Weil dies die Zeit unserer größten Verletzlichkeit ist.

Tagsüber sind wir durch Taten, Gespräche und Pläne geschützt. Nachts gibt es diesen Schutz nicht. Und gleichzeitig ist dies die einzige Stunde, die von uns höchste Klarheit und strenge Nüchternheit verlangt. Die Asketen der Antike verstanden das Warten auf das Ende der Welt nicht nur als globales historisches Ereignis. Für sie ist Mitternacht der Moment, in dem man allein mit Gott bleibt.

Wir wissen nicht genau, wer genau diesen eindringlichen Text verfasst hat. Forscher nennen verschiedene Namen, streiten über alte Manuskripte, sind aber zu keinem gemeinsamen Ergebnis gekommen. Wahrscheinlich ist das auch besser so.

Die Stimme, die uns in der Nacht weckt und vor dem Kommen des Bräutigams warnt, darf nicht von einer bestimmten Person stammen. Sie klingt wie eine Stimme, die von überall her zu kommen scheint.

Wir hören ihn nur einmal im Jahr, an diesen drei besonderen Frühlingstagen der Karwoche. Der Bräutigam kommt nicht, um uns, die wir in zerknitterten Kleidern unvorbereitet sind, grausam zu bestrafen. Er kommt, um diejenigen zu treffen, die er liebt. Doch diese Begegnung kann nicht stattfinden, wenn wir weiter schlafen.

Der Chor singt den Troparion dreimal und gibt uns damit drei Chancen, aufzuwachen. Und dann verstummt er.

Die Stille in der dunklen Kirche ist nach diesen Worten immer eine andere. Sie wird angespannt. In ihr hat sich bereits etwas für immer verändert. Nun müssen wir selbst entscheiden: Schließen wir die Augen wieder oder stehen wir doch auf, um dem Bräutigam entgegenzugehen?

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