Der Taschen-Gott des Dritten Reiches

Der Versuch, Gott zu einem „Arier“ zu machen. Foto: UOJ Der Versuch, Gott zu einem „Arier“ zu machen. Foto: UOJ

Im Herzen Europas haben Theologieprofessoren eine alternative Bibel geschaffen, indem sie alle für den Staat unerwünschten Wörter daraus gestrichen haben.

Blättert man durch die vergilbten Korrekturfahnen deutscher Ausgaben aus den vierziger Jahren stößt man schnell auf Verwirrung. Da liegt vor einem das Buch „Die Botschaft Gottes“. Auf den ersten Blick ist es ein gewöhnliches Neues Testament, in hoher Auflage gedruckt und mit einem hochwertigen Einband versehen. Doch wenn man das Johannesevangelium aufschlägt und bis zum vierten Kapitel blättert, bleibt der Blick hängen. Der berühmte Satz, dass das Heil von den Juden kommt, ist einfach verschwunden. Er ist nicht mehr da.

Man könnte meinen, es handele sich um einen gewöhnlichen Druckfehler, einen zufälligen Satzfehler. Doch wenn man weiterblättert, wird klar: Es war ein gezielter Versuch, den Text der Parteilinie anzupassen. Aus den Evangelien wurden die Wörter „Zion“, „Jerusalem“ und die Namen der alten Propheten sorgfältig herausgestrichen. Die Abstammung Christi, die ihn mit König David verband, wurde vollständig gestrichen. Die Wörter „Amen“ oder „Halleluja“ wurden verboten und durch deutsche Entsprechungen ersetzt.

Ein Bleistift über der Heiligen Schrift

Die Säuberung des Textes in akademischen Kreisen wurde solide und mit staatlichem Pomp inszeniert. Am 6. Mai 1939 wurde auf der Wartburg eine spezielle Einrichtung mit dem komplizierten Namen „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche Kirchenleben“ eröffnet. Der Ort wurde bewusst gewählt, denn genau in diesen Mauern hatte einst Martin Luther die Bibel übersetzt. Doch die neuen Herren kamen mit einer genau entgegengesetzten Aufgabe ins Schloss.

Das Bemerkenswerteste daran ist, dass hinter diesem Projekt Dutzende deutscher Professoren, Doktoren der Theologie und lutherischer Bischöfe standen. Es handelte sich um die intellektuelle Elite jener Zeit, Menschen mit einer hervorragenden universitären Ausbildung, die Latein und Altgriechisch beherrschten. Sie versammelten sich in gemütlichen Sälen, führten höfliche wissenschaftliche Diskussionen, tranken Kaffee, genossen die Frühlingssonne Thüringens und strichen einfach mit Bleistiften riesige Teile der Heiligen Schrift durch.

Letztendlich wurden bis zu neunzig Prozent des ursprünglichen Inhalts aus den Evangelien entfernt.

Gebildete Menschen mit Doktortiteln verwandelten bewusst den ewigen Text in eine rassistische Broschüre, während auf ihren Schreibtischen die Tinte neben mit Hakenkreuzen verzierten Ordnern trocknete.

Der galiläische Krieger

Um das Evangelium irgendwie mit der neuen Lehre in Einklang zu bringen, musste der Institutsleiter Walter Grundmann einen Umweg gehen und seine eigene rassistische Erklärung der Geschichte vorschlagen. Er verkündete, dass Galiläa in der Antike von nichtjüdischen Stämmen bewohnt war, was bedeute, dass Jesus ethnisch gesehen keine Verbindung zum jüdischen Volk gehabt habe. In seiner Version sei Christus ausschließlich auf die Erde gekommen, um die alten religiösen Grundfesten zu zerstören, weshalb er schließlich hingerichtet worden sei.

Das Bild des leidenden Erlösers, der die Sünden der Welt auf sich nimmt und vom Kreuz aus seinen Peinigern vergibt, war für das neue politische System absolut überflüssig.

Ein schwacher, barmherziger Gott passte nicht in die Agenda. Deshalb verwandelte man ihn in einen „heldenhaften Kämpfer“, einen Kämpfer gegen den weltlichen Materialismus.

In der Katechese „Die Deutschen mit Gott“, die dasselbe Institut wenig später herausgab, tauchten anstelle der Bergpredigt und der Worte über die Sanftmut die üblichen Regeln über Treue, Tapferkeit und Kampfbereitschaft im Namen des eigenen Volkes auf. Christus mit dem Schwert in der Hand wurde zum Hauptsymbol, wobei der ursprüngliche evangelische Sinn vollständig verdrängt wurde, um den Bedürfnissen der Kriegsmaschinerie zu dienen.

Vergeblicher Verrat

Den Berichten und Veröffentlichungen nach zu urteilen, rechneten die Mitarbeiter des Instituts aufrichtig mit einer vollwertigen Anerkennung durch die Parteispitze. Sie dachten, sie würden eine zweckmäßige Religion der Zukunft schaffen, und hofften, dafür den Status einer offiziellen Staatskirche zu erhalten. Doch die Realität erwies sich als weitaus zynischer.

Die führenden Ideologen der Partei, wie Martin Bormann oder Alfred Rosenberg, betrachteten die loyalen Professoren mit unverhohlener Verachtung. Für die Parteibonzen wirkten die Versuche, das Christentum zu modernisieren, wie erbärmliche Zuckungen einer untergehenden Epoche. Die Machthaber hatten überhaupt nicht die Absicht, die Kirche zu erhalten, sondern planten, sie mit der Zeit durch neue Kulte zu ersetzen.

Die Theologen verrieten ihre Ideale, schrieben die Gebote um, blieben aber für das gottlose System dennoch Fremde. Ihr Verrat blieb für niemanden von Nutzen.

Und doch waren es nicht einfach nur Bücher, sondern das, was Millionen von Menschen über Jahrhunderte hinweg als heilig angesehen hatten. Doch die meisten gewöhnlichen Pfarrer in den Provinzgemeinden zogen es vor, einfach zu schweigen. Sie lasen gehorsam Predigten aus diesen „korrigierten“ Broschüren vor, denn offener Protest bedeutete den sofortigen Verlust von Arbeit und Status sowie die reale Gefahr, im Konzentrationslager Dachau zu landen. Die Angst, den gewohnten Lebenskomfort zu verlieren, ließ sich sehr leicht als edle Sorge um den Erhalt der Gemeinde in schweren Zeiten tarnen. Der Schweizer Theologe Karl Barth erklärte damals unverblümt, dass eine Kirche, die bereit ist, den Pass ihres Herrn um der Zustimmung der Behörden willen zu ändern, augenblicklich aufhört, eine Kirche zu sein.

Saubere Hände nach der Katastrophe

Das Schlimmste geschah erst danach, als das Dritte Reich zusammenbrach. Man könnte meinen, die Geschichte hätte der Karriere der akademischen Herausgeber der Ewigkeit ein jähes Ende bereiten müssen. Tausende Exemplare der entjüdisierten Bibeln wurden verbrannt oder in Spezialdepots versteckt, die Wartburg wurde von Parteifahnen befreit, und das Grundmann-Institut selbst wurde offiziell aufgelöst.

Doch die Urheber der Fälschung selbst waren nicht verschwunden. Sie änderten lediglich ihren Wortschatz und fügten sich geschickt in die neue Nachkriegsrealität ein. So durchlief beispielsweise Walter Grundmann erfolgreich das Entnazifizierungsverfahren. Er musste sich keinen Gerichtsverfahren stellen und verlor auch nicht seinen Doktortitel. Mehr noch: In der Nachkriegs-DDR kehrte er ganz ungestört zur Lehre der Theologie zurück, leitete das Priesterseminar in Eisenach und schrieb weiterhin Bücher. Seine Kommentare zu den Evangelien wurden in riesigen Auflagen gedruckt und erfreuten sich sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland großer Beliebtheit.

Erst nach dem Fall der Berliner Mauer öffneten Forscher die Stasi-Archive und stellten fest, dass der betagte Professor Grundmann viele Jahre lang ein wertvoller Informant des ostdeutschen Geheimdienstes unter dem Decknamen „Berg“ gewesen war.

Der Mann, der in den 1930er Jahren das Bild Christi zugunsten des Führers zurechtbog, schrieb in den 1950er und 1960er Jahren ebenso gelassen Denunziationen über seine Gemeindemitglieder und Pastorenkollegen, um den Frieden des sozialistischen Ministeriums zu wahren.

Es gab keinerlei öffentliche Reue. Es handelte sich um die übliche Anpassung eines klugen Menschen an die neuen Anforderungen einer weiteren staatlichen Behörde.

Der Staat, für den die biblischen Bücher auf der Wartburg umgeschrieben wurden, verwandelte sich ziemlich schnell in Trümmer. Denn wenn man Gott in politische Propaganda verwandeln oder ihn zum Banner für irdische Siege machen will, hört er auf, der Gott zu sein, den die Menschen suchten.

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