Missionarisches Fasten
Die Vorbereitung auf die Feier der Apostelfürsten Petrus und Paulus
Am heutigen Montag, eine Woche nach Pfingsten, begehen orthodoxe Christen in der ganzen Welt das Apostelfasten. Diese Fastenzeit dient der Vorbereitung auf die Feier der Apostel Petrus und Paulus am 29. Juni (bzw. 12. Juli nach dem alten, julianischen Kalender).
Sie ist die einzige Fastenzeit des Jahres, deren Länge variiert – abhängig vom Datum des Oster- und Pfingstfestes. Dabei wird an Wochentagen (ausgenommen Mittwoch und Freitag) Fisch gegessen, während auf Fleisch, Milchprodukte und Eier verzichtet wird. In der russischen Tradition ist auch der Verzicht auf Fisch vorgesehen.
Doch die Tradition des Fastens nach der Pfingstwoche hat noch einen tieferen Sinn, der auf die Apostel selbst zurückgeht – und der von modernen orthodoxen Christen oft übersehen wird.
Vergleicht man sie mit den übrigen drei mehrtägigen Fastenzeiten der Kirche, dann erscheint ihr Zweck zuerst schwer verständlich: Das 40-tägige Philippusfasten vor Weihnachten, das am Fest des hl. Apostels Philippus (15. November) beginnt, macht uns empfänglich für die Ankunft des menschgewordenen Gottes. Die Große Fastenzeit vor dem Osterfest läutert uns für die Teilhabe an der Herrlichkeit seiner Auferstehung. Das Muttergottesfasten (1.-14. August) bereitet uns auf das Fest der Entschlafung der Gottesmutter vor – und somit auf die Realität des Todes und des jenseitigen Lebens.
All diese Fastenzeiten sind Vorbereitungen auf ein Ereignis, während das Apostelfasten die Antwort auf ein Ereignis ist: die Herabkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten.
Den Schlüssel zum Verständnis des Apostelfastens finden wir in den sogenannten Apostolischen Konstitutionen. Diese in ihrer jetzigen Fassung seit dem 4. Jh. bestehende Kirchenordnung regelt das liturgische und asketische Leben der Kirche, wobei sie sich auf das Beispiel der Apostel beruft:
Nachdem ihr den Pfingsttag gefeiert, feiert noch eine Woche und danach fastet (eine Woche); denn es ist billig, dass ihr des göttlichen Geschenkes euch erfreut und nach der Erholung fastet.– Apostolische Konstitutionen, Buch V Kap. 20
Das Fasten wird hier verknüpft mit der Freude im empfangenen Heiligen Geist, ganz im Einklang mit den Worten des heiligen Paulus an die Römer: Denn das Königtum Gottes ist nicht Speise und Trank, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist (Röm 14,17). Darauf verweisen die Konstitutionen auf alttestamentliche Vorbilder des Fastens von Moses bis David, um mit den Worten zu schließen: „In gleicher Weise sollt auch ihr alles, um was ihr Gott bittet, in Fasten von ihm erbitten.“
Der Zweck des Fastens nach der Pfingstwoche ist also zweierlei: die Freude im Heiligen Geist und die Bitte um Gottes Gnade. Aber worin besteht diese Bitte?
Historische Wurzeln
Der heilige Lukas berichtet, dass das kirchliche Leben der Apostel nach der Ausgießung des Geistes von Gottesdienst und Fasten geprägt war:
Während sie aber dem Herrn liturgisch dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: „Sondert mir nunmehr Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie gerufen habe.“ Dann, nachdem sie gefastet und gebetet und ihnen die Hände aufgelegt hatten, entließen sie <sie>. Diese nun, ausgeschickt vom Heiligen Geist, gingen hin… (Apg 13,2-4)
Schon der Herr Jesus selbst hatte angekündigt, dass die Jünger nach seinem Heimgang zum Vater fasten würden (s. Mt 9,15; Lk 5,35). In der Apostelgeschichte wird das Fasten mehrfach mit dem missionarischen Wirken der Apostel und insbesondere des heiligen Paulus verknüpft.
Paulus und Barnabas, nachdem sie wie oben beschrieben unter Gebet und Fasten die Weihe und Aussendung empfangen hatten, zogen ihrerseits von Stadt zu Stadt, um an allen Orten Presbyter einzusetzen:
Als sie [Paulus und Barnabas] ihnen aber von Kirche zu Kirche Älteste durch Handauflegung bestimmt und mit Fasten gebetet hatten, befahlen sie sie dem Herrn an, an den sie gläubig geworden waren. (Apg 14,23)
Der Zweck des nachpfingstlichen Fastens und Gebetes wird hier eindeutig mit dem Gebet für das missionarische Wirken der Apostel und Presbyter verknüpft. Mit anderen Worten: es ist ein missionarisches Fasten mit dem Ziel, die Kirche für das Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen.
Auch die frühen Kirchenväter bezeugen diese Praxis. Der heilige Athanasios der Große (†373), in einem Brief an Kaiser Konstanz, verknüpft es zudem mit dem Gebet für die Verstorbenen: „Während der Woche nach dem Pfingstfest gingen die Fastenden hinaus auf den Friedhof um zu beten.“
Die Verknüpfung das Fastens nach der Pfingstwoche mit dem Gedenken der Apostelfürsten Petrus und Paulus geht auf das 4. Jahrhundert zurück. Die Überlieferung berichtet davon, dass die Reliquien der beiden Heiligen an einem 29. Juni in die Katakomben des hl. Sebastian an der Via Appia übertragen wurden, um sie vor der Christenverfolgung des Kaisers Valerian zu retten.
Zuerst in Rom begangen, wurde das Fest der Apostelfürsten später auch in Konstantinopel und Jerusalem übernommen. Heute wird es in der gesamten orthodoxen Welt begangen und ist so untrennbar mit dem nachpfingstlichen Fasten verbunden, das man auch von Apostelfasten spricht.
Die heiligen Paulus und Barnabas, Türsturz der Kirche des hl. Panteleimon in Nikosia, Zypern (Wikimedia Commons)
Der geistliche Sinn
Hinter dieser Verknüpfung steckt auch ein geistlicher Sinn: Die Apostel Petrus und Paulus sind die zentralen Gestalten im Bericht des heiligen Evangelisten Lukas, den wir als Apostelgeschichte kennen. Sie sind, jeder auf seine Weise, mächtige Vorbilder der Umkehr und des missionarischen Wirkens – Petrus unter den Juden, Paulus unter den Heiden: Petrus hatte den Herrn dreimal verleugnet, und durch die Tränen der Buße zu ihm zurück gefunden (Lk 22,54–62; Joh 21,15–19). Paulus hatte als Pharisäer die Kirche verfolgt, und wurde nach seiner Bekehrung zum Apostel der Nationen (Apg 9,3–19; Röm 11,13).
Die Zeit des Apostelfastens lädt uns ein, diesen Vorbildern nachzueifern und den missionarischen Geist der Kirche durch unser Gebet zu stärken – jedoch nicht ohne uns selbst durch Umkehr und Fasten geläutert zu haben. So sagt der heilige Leo der Große:
Nach dem langen Pfingstfest ist das Fasten besonders notwendig, um unsere Gedanken zu läutern und uns würdig zu machen, die Gaben des Heiligen Geistes zu empfangen. […] Daher wurde die heilsame Sitte des Fastens etabliert, nachdem wir die freudigen Tage der Auferstehung und der Auffahrt unseres Herrn sowie das Kommen des Heiligen Geistes gefeiert haben.– Hl. Leo der Große
Gerade in unserer Zeit ist die Läuterung des Geistes, aber auch das Gebet um priesterliche Berufungen und Stärkung der Mission nach dem Vorbild der Apostel ein Gebot der Stunde. Die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus sind uns dabei Vorbilder und Fürbitter zugleich, weshalb die Kirche mit Recht diese Fastenzeit mit ihrem Festtag gekrönt hat.
Wie die UOJ zuvor berichtete, fand am Samstag anlässlich des Kölner Jugendkongresses eine bischöfliche Liturgie in deutscher Sprache statt.
Russische Ikone der Apostel Petrus und Paulus, 13. Jh. (Wikimedia Commons)