Die Kultivierung der Seele

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Die Kultivierung der Seele

Vater Seraphim Rose über den Nutzen klassischer Bildung

Viele und insbesondere junge Menschen, die heute zur Orthodoxie finden, sind fasziniert von dem tiefen spirituellen und theologischen Reichtum der kirchlichen Tradition. Nicht selten führt diese Faszination zu einer intensiven Beschäftigung mit geistlicher und theologischer Literatur sowie der Praxis des Herzensgebets, wie es etwa in der Philokalie und anderen asketischen Schriften dargelegt wird. Und dieser Wunsch nach einem intensiven und heiligen Leben aus dem Glauben ist nachvollziehbar.

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Eine Mahnung von Priestermönch Seraphim Rose

Doch birgt eine solche Annäherung an das geistliche Leben große Risiken, wenn ihr nicht eine gewisse Vorbereitung und Reifung der Seele vorangeht, wie in einem vergangenen Beitrag schon unter Rückgriff auf die Schriften von Priestermönch Seraphim Rose dargelegt wurde. Vater Seraphim selbst wandte diese Einsicht nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis seines eigenen Klosters an. Im September 1981, wenige Monate vor seinem Tod, notierte er über zwei junge Seminaristen in Platina:

„Unsere beiden Seminaristen haben mit ihrem ‚vor-theologischen' Studium begonnen. Theophilos erkennt endlich den Wert einer gewissen weltlichen Bildung als Vorbereitung auf die Theologie (gerade liest er Platon), und [...] hat nach der Lektüre zweier Puschkin-Dramen entdeckt, dass gerade die weltliche Literatur die fehlende Zutat seiner bisherigen Bildung war! Das Syndrom des ‚plötzlichen Sprungs in die Theologie' scheint tatsächlich die Ursache vieler Probleme zu sein, sowohl individueller als auch solcher, die die Kirche als Ganzes betreffen.“
Priestermönch Damascene (Christensen), Father Seraphim Rose: His Life and Works

Philosophie (Platon) und Literatur (Puschkin) waren dabei nur ein Ausschnitt aus einem viel umfassenderen Programm: In einer Vortragsreihe für Mönche und interessierte Laien unter dem Titel „Orthodox Worldview“ behandelte Vater Seraphim in einem Zusammenhang Maler und Bildhauer der abendländischen Kunstgeschichte, die großen Komponisten von der Renaissance bis zur Romantik, und die Philosophen des Westens von Thomas von Aquin bis Marx. All dies verstand er nicht als voneinander getrennte Fächer, sondern als eine einzige Aufgabe: die Kultivierung der Seele. Drei dieser Disziplinen – Literatur, Musik und bildende Kunst – sollen im Folgenden weiterverfolgt werden. Geschichte und Philosophie bleiben einem künftigen Beitrag vorbehalten.

Priestermönch Seraphim Rose bei einem Vortrag in Platina im Jahr 1980 (Foto: pravmir.com)
Priestermönch Seraphim Rose bei einem Vortrag in Platina im Jahr 1980 (Foto: pravmir.com)

Über die Art der von Vater Seraphim angesprochenen Probleme wurde im besagten Beitrag bereits gesprochen: Die Fähigkeit, seine eigenen Emotionen und Impulse zu benennen und zu beherrschen, eine verantwortungsvolle und reife Einstellung zum Leben zu kultivieren, seinen Verstand zu schulen und den Menschen um sich herum mit Aufmerksamkeit und Liebe zu begegnen – all diese Dinge verlangen eine Kultivierung der Seele, die nicht aus der Lektüre anspruchsvoller geistlicher Literatur kommen kann. Und zwar deshalb, weil diese Literatur eine gewisse Formung der Seele voraussetzt, die in einer christlichen Gesellschaft weitgehend normal war, in unserer heutigen Welt aber eher die Ausnahme als die Regel darstellt.

Die christliche Einstellung zur weltlichen Bildung

Die Frage muss also sein, wie wir unter den Bedingungen des nicht nur ‚a-christlichen‘, sondern auch sittlich verwahrlosten Zeitgeistes für uns selbst und für unsere Kinder eine Kultivierung der Seele erreichen können, die sie für ein echtes, christliches Leben vorbereitet. Genau hier liegt nach Vater Seraphim der Wert und die Aufgabe der klassischen Bildung:

Allgemein hat die Person, die wohlvertraut ist mit den besten Erzeugnissen säkularer Kultur – welche im Westen fast immer christliche Untertöne haben – eine viel größere Chance darauf, ein normales orthodoxes Leben zu führen als jemand, der nur die populäre Kultur von heute kennt. Jemand, der unmittelbar von der „Rock“ Kultur zur Orthodoxie konvertiert, und überhaupt jeder, der meint, er könnte die Orthodoxie mit dieser Art von Kultur kombinieren – muss einen langen Leidensprozess und einen schwierigen Weg im Leben durchlaufen, bevor er ein ernsthafter orthodoxer Christ werden kann, der fähig ist, seinen Glauben an Andere weiterzugeben. […] Die beste weltliche Kultur, wenn sie richtig aufgenommen wird, verfeinert und hilft der Seele; die heutige populäre Kultur verkrüppelt und verformt die Seele und hindert sie daran, eine umfassende und normale Reaktion auf die Botschaft der Orthodoxie zu zeigen.

Diese Worte sind nicht die Perspektive eines einzelnen modernen Vaters. Sie wirken wie ein erstaunlich deutliches Echo von dem, was der heilige Basilius von Cäsarea schon im 4. Jh. schrieb, als die Christen zwar Glaubensfreiheit besaßen, aber noch in einer weitgehend heidnisch geprägten Kultur lebten.

Die heiligen Schriften nun weisen uns mit ihren geheimnisvollen Lehren den Weg zum ewigen Leben. Solange wir aber wegen der fehlenden Altersreife nicht imstande sind, die ganze Tiefe ihres Sinns zu vernehmen, üben wir zunächst unser geistiges Auge an anderen Schriften, die den ersteren nicht ganz fremd, sondern gleichsam als deren Schatten und Spiegel gegenüberstehen, und machen es so denen nach, die sich auf einen Kampf einüben; denn wenn solche in Hand- und Fußbewegungen sich gut trainiert haben, dann ziehen sie im Kampf den Nutzen aus diesen Übungen. Nun haben auch wir einen Kampf zu kämpfen, und zwar den schwersten aller Kämpfe; dessen müssen wir uns bewusst sein. […] So müssen wir, soll uns der Ruhm der Tugend unauslöschlich verbleiben, uns zuvor dieser äußeren Bildung widmen; erst dann können wir den heiligen und geheimnisvollen Lehren aufhorchen. Erst müssen wir uns daran gewöhnen, die Sonne im Wasser zu sehen, ehe wir unseren Blick auf das Licht selbst heften.

Dabei war sich auch der Kirchenvater Basilius bewusst, dass nicht alle Erzeugnisse der heidnischen Kultur gut waren. Er übt ebenso Kritik an den Göttervorstellungen der Dichter wie an bestimmten neumodischen Erscheinungen seiner Zeit wie etwa in der Musik, wie wir sehen werden. Doch er war zuversichtlich, dass ein christlicher Erziehungshintergrund helfen würde, das Nützliche vom Schädlichen zu unterscheiden und aus dieser Unterscheidungsfähigkeit wiederum Nutzen zu ziehen.

Heiliger Basilius der Große, Freskenikone in der russisch-orthodoxen Kirchengemeinde zur hl. Großmärtyrerin Barbara in Krefeld (Foto: Orthpedia)

Wie klassische Kultur der Seele nützt

Nach dem heiligen Basilius bemisst sich der Nutzen säkularer Bildung danach, ob sie den Menschen zur Tugend anspornt. Dabei ist Tugend (gr. areté, wörtl. „Bestheit“) nichts anderes als die bestmögliche Verwirklichung der menschlichen Natur gemäß dem Potenzial, das der Schöpfer selbst ihr gegeben hat. Im christlichen Sinne sind mit Tugenden jene Kräfte und Eigenschaften des Geistes und des Herzens gemeint, die alle Menschen haben sollen entsprechend ihrer Erschaffung nach dem Bild und der Ähnlichkeit Gottes.

Der Tugend Gestalt geben

In einer Gesellschaft, die nicht nur einzelne Tugenden wie Keuschheit oder Tapferkeit, sondern auch den Begriff der Tugend selbst weitgehend vergessen oder verworfen hat, sind Tugenden meist nicht mehr als abstrakte Begriffe. In einer Reihe von Vorträgen, die unter dem Titel „Orthodox Survival Course“ an Erwachsene und junge Menschen gehalten wurden, bemerkt Vater Seraphim dazu:

„In unserer Gesellschaft wissen Jungs, sobald sie vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sind, alles über sexuelle Sünden, mehr als sogar verheiratete Menschen früher wussten. Sie wissen genau, was in Filmen vor sich geht, sie sehen es, und die ganze Atmosphäre, in der sie leben, ist von Nachgiebigkeit geprägt. ‚Warum soll man gegen so etwas ankämpfen?‘ heißt es, ‚Es ist doch natürlich‘. Ganz offensichtlich werden sie so auf ein Leben in Nachgiebigkeit gegenüber der Sünde vorbereitet.
Einem solchen Jungen kann man einen hohen Wahrheitsstandard an die Hand geben, der in den Begriffen von Keuschheit und Jungfräulichkeit besteht. Aber das ist ein sehr hoher und schwieriger Standard, wenn alles, was er dabei im Sinn hat, eine abstrakte Idee von Keuschheit ist, mit der er gegen diese allgegenwärtige Atmosphäre der Sinnlichkeit ankämpfen soll, die nicht nur den Geist, sondern auch das Herz angreift – und unmittelbar auch den Körper.“

Die klassische Literatur, die noch nicht das moderne, durchgehend sexualisierte Bild der Beziehung zwischen den Geschlechtern kennt, kann dieses abstrakte Ideal der Keuschheit mit Leben füllen. Dadurch wird die Tugend nicht nur konkret greifbar, sondern erscheint – im Gegenteil zu dem, was unsere Gesellschaft für normal erachtet – als lebbar und nachahmenswert zugleich. Vater Seraphim führt hier Charles Dickens Roman David Copperfield an, der unter Anderem die unschuldige Begegnung eines heranwachsenden Jungen mit dem anderen Geschlecht thematisiert:

Schon bekommt man eine andere Perspektive auf die Dinge: Dass die Welt nicht immer so gewesen ist, wie sie jetzt ist; dass der Standard, der heute in der Luft liegt, nur eine Art von Welt ist und es auch andere Arten gibt; und dass dies eine andere, normale Welt ist, in der, auch wenn das Element des Geschlechtsverkehrs präsent ist, es eine definierte Rolle spielt. Man zieht Kraft daraus, zu sehen, was zu jener Zeit normal war, aus der Art und Weise wie Dickens das Aufwachsen und Verliebtsein dieses jungen Mannes beschreibt.

Dieselbe Beobachtung gilt freilich auch für andere Tugenden wie auch die generelle Einstellung zum Leben und seine realen Umstände, die in literarischen oder auch historiographischen Werken sichtbar werden. Der Leser realisiert, dass seine moderne Lebenswelt nicht die einzige Normalität ist, ja dass sie im Vergleich vergangenen Jahrtausenden gleichsam nur einen Wimpernschlag ausmacht. Er taucht in eine andere kulturelle Atmosphäre ein, die auch auf ihn und seine Gegenwart abfärbt. Auch als erwachsene Menschen profitieren wir von einem solchen Perspektivwechsel, denn „es sind nicht nur Kinder, wir alle sehen uns einer Welt gegenüber, die uns zu einem Anti-Christentum zu erziehen versucht“ (Vater Seraphim).

Die Leidenschaften zähmen

Der heilige Basilius warnt unter anderen schädlichen Sinneseindrücken vor dem Genuss von „Melodien“, die „die Seele verderben“. Wie dies geschieht, erklärt er folgendermaßen:

Denn aus solcher Art von Musik entstehen naturgemäß Ausgeburten knechtischer und niedriger Leidenschaften. Wir müssen eine andere Art von Musik verfolgen, die besser ist und besser macht, die auch David, der Verfasser der heiligen Lieder, gepflogen hat, um, wie es heißt, den König von seiner Schwermut zu befreien.

Es gibt also eine Art von Musik, die niedere und unterdrückende Leidenschaften anfacht und die es zu meiden gilt. Dagegen gibt es eine Musik, welche die Seele veredelt und auch die Leidenschaften besänftigen kann, wie die Musik die David dem König Saul vorspielte (s. 1 Könige 16,14-23).

Ein Kind, das von seinen frühsten Jahren an guter klassischer Musik ausgesetzt ist und seine Seele dadurch entwickelt hat, wird nicht annähernd so stark versucht durch den kruden Rhythmus und die Botschaft des Rock und anderer zeitgenössischer Formen der Pseudo-Musik wie jemand, der ohne musikalische Erziehung aufgewachsen ist. Solch eine musikalische Erziehung, wie mehrere der Altväter von Optina gesagt haben, veredelt die Seele und bereitet sie für die Aufnahme geistlicher Eindrücke vor.

Vater Seraphim beruft sich hier auf die heiligen Väter des Optina-Klosters, die im 19. Jahrhundert wirkten. Unter ihnen pflegte z.B. der heilige Makarij (1788–1860), der gern klassische Stücke auf der Violine spielte. Diese klassische Musik hält er der modernen Musik entgegen – eine Unterscheidung, die sich so ähnlich auch beim heiligen Basilius findet:

So sehr kommt es also darauf an, ob sich man guter oder schlechter Musik sein Ohr leiht. Deshalb dürft ihr eine Musik, wie sie zur Zeit populär ist, ebensowenig aufsuchen wie sonstige offenkundig schändliche Vergnügungen.

Es geht den zitierten Vätern wohlgemerkt nicht einfach um eine ‚moralische‘ Beurteilung oder grundsätzliche Ablehnung alles Neuen. Die Frage ist vielmehr, welche Regungen die Musik in der Seele hervorruft, ob sie bestimmte Leidenschaften mehrt oder mäßigt, und welche Motive oder Botschaften ihr zugrunde liegen.

Saul und David, Gemälde von Rembrandt (zwischen 1651 und 1658) (Foto: Wikimedia Commons)

Erhebende Schönheit

Die bildende Kunst zu guter Letzt, zu der neben der Malerei auch Skulptur und Architektur gerechnet werden können, hat ebenfalls eine erziehende Aufgabe: Sie erhebt durch ihre Schönheit die Seele über die Geschäftigkeit des Alltags hinaus.

„Ein Kind, das gelernt hat, Schönheit in klassischer Malerei und Skulptur zu sehen, wird nicht leicht hineingezogen werden in die Verdorbenheit der zeitgenössischen Kunst oder angezogen werden von den Erzeugnissen moderner Werbung und Pornographie.“

Auch hier geht es nicht um einen ästhetischen Rigorismus, der alles Neue verwirft, sondern um ein Kriterium: Erhebt ein Bild die Seele über sich selbst hinaus, oder zieht es sie in die bloße Reizbefriedigung des Augenblicks? Klassische Kunst, die dieses erste vermag, schult den Blick auf eine Weise, die ihn gegen die zweite Art von Bildern – die heutige visuelle Umwelt aus Werbung, Pornographie und beliebiger Reizüberflutung – widerstandsfähig macht. Wer gelernt hat, in einem Gemälde oder einer Skulptur mehr zu sehen als bloße Oberfläche, entwickelt damit dieselbe Unterscheidungsfähigkeit, die Vater Seraphim schon bei der Musik beschrieben hat. Wer die Überlegenheit klassischer Architektur, die schön und nicht nur funktional sein will, von modernen Klotzbauten aus Beton und Glas erkennt, weiß: Auch die bauliche Umgebung kann die Sinne für Gott als Urheber alles Schönen öffnen – oder aber den Menschen in der grauen Gleichförmigkeit des Alltags untergehen lassen.

Fazit

Literatur, Musik und bildende Kunst zeigen damit auf je eigene Weise, wie klassische Bildung die Seele nicht von Gott wegführt, sondern sie auf ihn vorbereitet: indem sie die Leidenschaften ordnet, den Blick für wahre Schönheit schärft und so jene innere Reife heranbildet, ohne die – wie eingangs an Theophilos und seinem Mitbruder in Platina gesehen – auch der Sprung in die Theologie zur Gefahr wird. Es ist, um noch einmal mit dem heiligen Basilius zu sprechen, dieselbe Gewöhnung an die Sonne im Wasser, ehe der Blick das Licht selbst zu ertragen vermag.

In dieser geistlichen Pädagogik wiesen Basilius und andere Kirchenväter auch der vorchristlichen Philosophie und Geschichtsschreibung eine besondere Rolle zu (nicht umsonst fällt im Zusammenhang mit Theophilus' vor-theologischen Studien in Platina der Name des griechischen Philosophen Platon). Diese Rolle von Philosophie und Geschichte betrifft jedoch mehr die Formung des Verstandes als das emotionale Leben der Seele, das durch die oben behandelten Kunstformen kultiviert wird. Ihre Behandlung würde daher den Rahmen dieses Artikels sprengen und bleibt daher einem kommenden Beitrag vorbehalten.

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