Der nicht von Händen gebaute Dom Bachs

Johann Sebastian Bach. Foto: UOJ

Als wir die christliche Kunst studierten, standen wir vor Leinwänden mit gesprungenem Firnis, betrachteten den warmen Marmor und stritten uns über die Bedeutung der Fresken. All dies gehört zum visuellen Schaffen. Heute aber wollen wir das Gebäude einer Kathedrale betrachten, die auf keiner Landkarte der Welt verzeichnet ist. Sie heißt die H-Moll-Messe, und ihr Fassungsvermögen ist größer als das aller Kirchen Sachsens.

Der Architekt ist natürlich bekannt. Freilich hat sein gewohntes Porträt – das eines wohlhabenden Mannes in gepuderter Perücke, mit ebenmäßigem Blick und dem ewigen Lächeln eines satten Genies – mit diesem Bau rein gar nichts zu tun. Jener Bach, der diese unsichtbaren Gewölbe schuf, war so zermürbt wie ein Mensch nur zermürbt sein kann, dessen Haus in einen Friedhof verwandelt wurde.

Der Fluch des Geschlechts

Aus zwei Ehen gingen dem Komponisten zwanzig Kinder hervor. Nur zehn überlebten. Zehnmal schritt der aufs tiefste beraubte Vater hinter dem Sarg eines weiteren seiner Kinder her. Der Tod kehrte in der Familie Bach ein mit der Beständigkeit einer neugierigen Nachbarin.

Einmal verfuhr er gegenüber dem Komponisten jedoch besonders schonungslos. Jener war in Geschäften verreist, kehrte zurück – und die Gattin war nicht mehr am Leben. Er trat ins Haus und erfuhr, dass das Begräbnis seiner Frau ohne seine Teilnahme stattfand.

Es ist erschütternd, doch gerade dieser Mensch schrieb danach mit kalligraphischer, ruhiger, beinahe eleganter Feder die Noten des Chorsatzes Crucifixus – Kreuzigung – nieder. Von diesem Augenblick an wird Bach zum musikalischen Baumeister.

Fundament aus Tränen und Kuppel aus Freude

Betrachten wir die Partitur des Crucifixus als einen Bauplan. Die Stimmen steigen in kleinen chromatischen Schritten herab – ein Halbton, noch ein Halbton –, und jeder dieser Schritte legt sich wie ein schwerer Stein auf die Seele. Die Musik bettet das Leid in das Fundament des Gebäudes ein, Reihe um Reihe, mit der Hartnäckigkeit eines Maurers, der die Bedeutung des Fundaments für die Festigkeit des ganzen Bauwerks weiß.

Und dann schießt jäh der Lobgesang „Et Resurrexit“ – „Und er ist auferstanden“ – empor und schafft die Kuppel der musikalischen Kathedrale. Dieser Aufstieg gerät so ungestüm, weil wir doch eben noch auf dem tiefsten Grund haltlosen Kummers lagen.

Hat man die Trauer des ersten Teils dieses Stückes nicht in sich aufgenommen, so ist es unmöglich, die Erhabenheit des zweiten Teils zu spüren.

Das musikalische Denkmal des Komponisten

Die Biographie des Komponisten-Baumeisters ist bunt gesprenkelt mit verschiedenen Ereignissen. Der Stadtrat von Leipzig sah in ihm einen starrsinnigen Handwerker mit üblem Charakter. Man kürzte ihm das Gehalt, man bestrafte ihn mit Bußgeldern, man teilte ihm zu wenige Sänger zu, man zwang ihn, Latein zu unterrichten, das er auf den Tod nicht ausstehen konnte. Er verfasste Bittschriften an den Magistrat um Brennholz, das man ihm als Teil seiner Besoldung ständig vorenthielt. Er vertat die für das Schaffen kostbaren Tage mit Rechtsstreitigkeiten gegen Leute, für die seine Arbeit ein überflüssiger Ausgabenposten war.

Viele Jahre später wird Beethoven, über den Familiennamen Bach sinnend, sagen: »Nicht Bach, sondern Meer müsste er heißen!« Doch der Leitung des Rathauses, die mit ihm um ein Bündel Holz feilschte, war seine Genialität gleichgültig. Ihr war nur der beständig anschwellende Kostenvoranschlag sichtbar.

Und da tut der Mensch, dem man beinahe alle Güter des Lebens genommen hat, einen Zug, den man von einem Handwerker nicht erwartet: Er tritt aus der Gerichtsbarkeit des Magistrats in die Gerichtsbarkeit des Geistes, wo die Beamten keinerlei Befugnis mehr haben.

Es ist bekannt, dass Bach ein überzeugter Lutheraner war; auf seinem Tisch lag die zergriffene, mit Anmerkungen übersäte Calov-Bibel. Eine dieser Anmerkungen, gegenüber dem Buch der Chronik, lautet: »Bei andächtiger Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart.« Diese Worte erklären zu einem großen Teil, warum der Komponist das Hauptdenkmal seines Schaffens in die Form einer katholischen Messe kleidete.

Doch die h-Moll-Messe ist für den Gottesdienst zu groß. Und sie wurde auch nicht für eine Kirche geschrieben. Sie entstand als Denkmal des christlichen Glaubens, und der Adressat des Werks war ein einziger. Derselbe, der am Ende der Partituren den Bach mit der Abkürzung aus drei Buchstaben – SDG – vermerkte. Er pflegte zu sagen: »Das End- und Hauptziel aller Musik soll nichts anderes sein als die Verherrlichung des Herrn und die Erquickung der Seele. Wo dies nicht in Betracht gezogen wird, da ist keine eigentliche Musik, sondern ein teuflisches Geplärr.«

Albert Schweitzer, Theologe und einer der aufmerksamsten Biographen des Komponisten, merkte an, dass für Bach die Musik ein Akt des Gottesdienstes ist und die Töne bei ihm das Evangelium predigen.

Sendung in die Ewigkeit

In den letzten Jahren verlor der musikalische Baumeister sein Augenlicht. Nach dem Eingriff des umherziehenden Chirurgen John Taylor – eines Menschen, den man am treffendsten als Scharlatan bezeichnen muss – erblindete Bach. Seine letzten Werke schrieb er nicht mehr, sondern diktierte sie blind, nach dem Gehör und aus dem Gedächtnis.

Die H-Moll-Messe in ihrer Gesamtheit hat der Urheber zu Lebzeiten nie gehört. Wie er auch bei der Uraufführung keinen Applaus und keine dankbaren Kritiken des Publikums vernahm. Er sandte dieses Stück einfach in die Ewigkeit, wie ein Paket ohne Absender, und übergab es dem, für den es geschrieben war.

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