Kardinal Schönborn: „Man darf sich nicht wundern, dass Muslime die Mehrheit werden“
Der emeritierte Wiener Erzbischof beklagt in einem Interview Kirchenaustritte und spricht sich zudem gegen staatliche Eingriffe beim Kinderkopftuch aus.
Der emeritierte römisch-katholische Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn hat vor den Folgen der Kirchenaustritte gewarnt und die demografische Entwicklung als entscheidenden Faktor für die religiöse Zukunft der Gesellschaft bezeichnet. In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Heute“ am 2. Oktober 2026 äußerte sich der 81-Jährige auch zum geplanten Kinderkopftuchverbot, zum Zusammenleben von Christen und Muslimen sowie zur Bedeutung des Glaubens in einer säkularen Gesellschaft.
Anlass für seine Äußerungen zur religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung war die Feststellung, dass Muslime an Wiens Pflichtschulen inzwischen 42 Prozent ausmachen und damit die größte Gruppe stellen. Schönborn verwies auf den Zusammenhang zwischen Geburtenentwicklung und religiöser Zukunft: „Wer die Kinder hat, hat die Zukunft.“ Mit Blick auf die Kirchenaustritte sagte er: „Man darf sich nicht wundern, dass Muslime die Mehrheit werden, wenn jeder anständige Österreicher aus der Kirche austritt – ‚weil sich das so gehört‘.“ In diesem Zusammenhang verwies er auch auf eine Äußerung des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig, der angesichts der Entwicklung appelliert habe: „Tretet wieder in die Kirche ein, dann haben wir mehr Katholiken!“
Zum geplanten Kinderkopftuchverbot äußerte sich Schönborn kritisch. „Meine persönliche Überzeugung ist: Da sollte sich der Staat möglichst wenig einmischen.“ Weder Lehrkräfte noch andere Außenstehende könnten ohne Weiteres beurteilen, ob das Tragen eines religiösen Symbols Ausdruck von Zwang oder Freiheit sei. Statt Verboten müsse es darum gehen, gegenseitige Wertschätzung zu fördern. Dabei räumte der Kardinal ein, dass „von muslimischer Seite in manchen Kreisen mehr Toleranz zu wünschen wäre“, warnte aber zugleich vor einer einseitigen Betrachtung: „Wir dürfen aber nicht so tun, als wären Christen immer die Weltmeister der Toleranz gewesen.“
Auch beim Blick auf das Zusammenleben der Religionen betonte der Geistliche die Gemeinsamkeiten. Christen und Muslime seien beide Angehörige missionarischer Religionen, die ihren Glauben weitergeben wollten. Entscheidend sei, gemeinsame Grundlagen zu finden, statt auf Konfrontation zu setzen. Dazu zählten der Glaube an Gott, die Verantwortung für das eigene Handeln und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. „Ich bin überzeugt, dass der Großteil der Muslime in unserem Land in Frieden zusammenleben will.“ Für den Kardinal ist dieses Gemeinsame wichtiger als die Kopftuchdebatte.
Zugleich erklärte er, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens auch in säkularen Gesellschaften wieder an Bedeutung gewinne. Als Beispiel nannte er Frankreich, wo zuletzt mehr Erwachsene um die Taufe gebeten hätten.
Die UOJ berichtete zuvor, dass in Wien Jugendliche einen Gottesdienst mit „Allahu Akbar“-Rufen störten.
