Wenn die Welt verstummt

Gestern 14:51
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Jesus Christus. Foto: UOJ Jesus Christus. Foto: UOJ

Über Resonanz, die Göttliche Liturgie und eine Wirklichkeit, die wir nicht selbst herstellen müssen

 Der Tag hat kaum begonnen, und schon wartet die Welt. Auf dem Smartphone stehen Nachrichten, Termine und Meldungen bereit. Menschen wollen Antworten, Aufgaben müssen erledigt, Entscheidungen getroffen werden. Noch bevor wir das Haus verlassen haben, sind wir mit Orten und Menschen verbunden, die weit entfernt sind. Wissen, Bilder, Musik und Gespräche – vieles, was früher Zeit, Wege oder geduldiges Warten erforderte, ist heute innerhalb weniger Augenblicke erreichbar.

Das ist zunächst ein großer Gewinn. Und doch gehört zu den merkwürdigen Erfahrungen unserer Zeit, dass eine Welt, die uns immer näher rückt, uns zugleich fremd werden kann. Musik, für die Menschen einst selbst musizieren oder anderen beim Musizieren zuhören mussten, steht heute jederzeit auf Knopfdruck bereit. Und doch bedeutet ihre ständige Verfügbarkeit nicht, dass sie uns auch berührt. Wir können mit zahlreichen Menschen verbunden sein und uns dennoch einsam fühlen. Wir können Orte besuchen, fotografieren und festhalten, ohne ihnen wirklich zu begegnen.

Noch nie war so viel Welt für uns erreichbar. Und vielleicht war es noch nie so leicht, ihre Stimme dabei zu überhören.

An diesem Widerspruch setzt der Soziologe Hartmut Rosa an. Seine Diagnose der Entfremdung beschreibt eine eigentümliche Distanz inmitten wachsender Reichweite: Die Welt steht uns immer weiter offen, ohne uns deshalb näherzukommen. Dem stellt Rosa eine andere Form der Weltbeziehung gegenüber: Resonanz.

Wenn Erreichbarkeit nicht genügt

In seiner 2016 erschienenen Studie Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung beschreibt Rosa moderne Gesellschaften als Gesellschaften, die sich fortwährend steigern müssen. Technik wird schneller, Kommunikation unmittelbarer, Arbeit effizienter. Immer größere Teile der Welt werden erreichbar, berechenbar und verfügbar. Doch mit den Möglichkeiten wachsen auch die Erwartungen. Wenn Kommunikation schneller wird, sollen wir schneller antworten. Wenn mehr Arbeit in kürzerer Zeit möglich ist, kann auch mehr erledigt werden. Die gewonnene Zeit bleibt selten einfach frei.

Das Problem ist deshalb nicht nur die Geschwindigkeit unseres Lebens. Es betrifft die Weise, in der uns die Welt begegnet. Vieles steht unter der Frage: Was lässt sich damit anfangen? Wie lässt es sich nutzen, verbessern, planen oder kontrollieren? Selbst Ruhe kann Teil dieser Logik werden – wir schlafen, damit wir wieder leistungsfähig sind; wir erholen uns, damit wir anschließend wieder funktionieren.

Rosa stellt dieser Form des Weltverhältnisses die Resonanz gegenüber. Gemeint sind Begegnungen, in denen etwas uns wirklich erreicht und wir darauf antworten können. Ein Gespräch verändert unseren Blick auf einen Menschen. Ein Musikstück berührt etwas in uns, das sich nicht einfach herstellen lässt. Eine Begegnung bleibt nicht äußerlich, sondern verändert uns.

Resonanz meint also eine Beziehung, in der wir uns angesprochen erfahren, selbst antworten können und dabei nicht völlig dieselben bleiben. Ob eine solche Begegnung entsteht, können wir jedoch nicht erzwingen.

Gerade diese Unverfügbarkeit ist für Rosa wesentlich. Man kann ein Gespräch vereinbaren, aber nicht bestimmen, dass es einen berühren wird. Man kann Musik einschalten, aber nicht anordnen, dass sie einen ergreift. Etwas Wesentliches bleibt unverfügbar.

Bis hierhin spricht die Soziologie.

Doch was geschieht, wenn wir mit dieser Frage an die Schwelle einer orthodoxen Kirche treten?

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An der Schwelle

Schon beim Eintritt verändert sich vieles. Der Blick fällt auf die Ikonen, vor denen Kerzen brennen. Weihrauch erfüllt den Raum, Gebete und Psalmen werden gesungen. Menschen stehen im Gebet, bekreuzigen und verneigen sich, verehren die Ikonen und antworten auf die liturgischen Rufe. Schließlich treten die Gläubigen zum Empfang der heiligen Gaben heran.

Manches davon erinnert an das, was Rosa Resonanz nennt. Der Mensch bleibt nicht bloßer Beobachter. Er kann sich angesprochen erfahren und antwortet selbst – mit seiner Stimme, seiner Aufmerksamkeit und seinem Körper. Er hört und sieht, spricht und schweigt, steht und verneigt sich. Eine solche Begegnung kann ihn verändern. Doch ob sie ihn tatsächlich berührt und was sie in ihm bewirkt, lässt sich nicht erzwingen.

Zugleich tritt der Mensch in eine Ordnung ein, die er nicht selbst entworfen hat. Die Gebete waren schon vor ihm da, die Gesänge wurden schon vor ihm gesungen. Die Liturgie richtet sich nicht danach, wie schnell der Einzelne sein Ziel erreichen möchte.

Der Mensch tritt in eine Ordnung ein, die er nicht selbst entworfen hat – in etwas, das ihm vorausgeht und den Einzelnen übersteigt.

Patriarchalkathedrale St. Alexander Newski, Sofia

Patriarchalkathedrale St. Alexander Newski, Sofia. Foto: UOJ.

Und doch wäre etwas Entscheidendes verfehlt, wenn man die Göttliche Liturgie deshalb einfach als einen besonders geeigneten „Resonanzraum“ verstehen würde. Denn damit hätten wir beschrieben, wie ein Mensch die Liturgie erfahren kann – noch nicht aber, was die Liturgie nach dem Glauben der Kirche ist.

Die Liturgie ist nicht deshalb heilig, weil Menschen in ihr besondere Erfahrungen machen. Sie ist heilig, weil sie Gottesdienst ist.

Das bedeutet nicht, dass Gefühle im Gebet bedeutungslos wären. Ganz im Gegenteil. Der heilige Theophan der Klausner beschreibt das Gebet als Erhebung von Verstand und Herz zu Gott – in Lob, Danksagung und Bitte. Er spricht von Ehrfurcht, Hingabe, Dankbarkeit, Demut, Reue, Vertrauen und Hoffnung als Regungen des Herzens. Das Herz soll also keineswegs unberührt bleiben.

Entscheidend ist vielmehr, worauf diese Regungen gerichtet sind. Nicht das Gefühl selbst ist das Ziel des Gebets, sondern Gott. Auch das Gebet des Herzens ist bei Theophan kein innerer Zustand, den der Mensch nach Belieben erzeugen oder festhalten könnte. Es wird ihm letztlich von Gott gegeben.

Hier zeigt sich eine Nähe zu Rosas Begriff, ohne dass beides dasselbe wäre. Denn auch Resonanz ist nicht einfach ein besonders intensives oder angenehmes Gefühl. Sie bezeichnet eine Weise der Beziehung: Etwas erreicht den Menschen, er antwortet darauf und bleibt davon nicht völlig unverändert.

Ein Mensch kann während der Liturgie tief ergriffen sein. Er kann Trost oder Sammlung erfahren. Er kann aber auch müde sein, abgelenkt oder innerlich trocken. Eine Liturgie, in der er nichts Besonderes empfindet, ist deshalb nicht weniger Liturgie. Ihre Wirklichkeit hängt nicht davon ab, ob sie in ihm ein bestimmtes Gefühl hervorruft.

Damit verändert sich die Blickrichtung. Es geht nicht mehr nur darum, was im Menschen geschieht. Die Frage reicht tiefer:

Was geht ihm voraus?

Nicht alles beginnt bei uns

Die orthodoxe Sicht auf den Menschen beginnt nicht damit, was er aus seinem Leben machen kann. Sie beginnt damit, dass er sein Leben überhaupt erst empfangen hat.

Keiner von uns hat sich selbst ins Dasein gerufen. Auch die Welt, in die wir hineingeboren werden, haben wir nicht hervorgebracht. Noch bevor wir etwas planen, besitzen oder gestalten können, finden wir uns in einer Wirklichkeit vor, die bereits da ist.

Die Kirche nennt diese Wirklichkeit Schöpfung.

Das ist mehr als ein anderes Wort für „Welt“. Es verändert die Perspektive. Wenn die Welt Schöpfung ist, dann ist sie nicht zuerst Material, das auf unsere Zwecke wartet. Sie hat ihren Ursprung nicht in uns. Auch der Mensch steht ihr nicht als Besitzer einer stummen Wirklichkeit gegenüber, der er erst Bedeutung geben müsste. Er selbst gehört zu dieser Schöpfung.

Der heilige Maximus der Bekenner, einer der bedeutenden Theologen des 7. Jahrhunderts, denkt den Menschen von diesem Ursprung und von seinem Ziel her. Besonders in seinem Ambiguum 7 beschreibt er den Menschen als Geschöpf, dessen Ursprung und Vollendung nicht in ihm selbst liegen. Seine letzte Bestimmung liegt in der Gemeinschaft mit Gott.

Maximus spricht in diesem Zusammenhang von Theosis, auf Deutsch Vergottung. Gemeint ist damit nicht, dass der Mensch aus eigener Kraft zu Gott wird oder aufhört, Mensch zu sein. Vergottung bezeichnet seine von Gott geschenkte Teilhabe am göttlichen Leben – die Vereinigung mit Gott aus Gnade, bei der der Mensch Geschöpf bleibt.

Diese Vollendung kann der Mensch nicht selbst hervorbringen. Sie wird ihm geschenkt.

Hier liegt ein entscheidender Unterschied. Die moderne Logik fragt leicht: Was kann ich erreichen?

Die Liturgie führt zunächst in eine andere Haltung: Was habe ich empfangen?

Und genau an diesem Punkt führt der Weg zur Eucharistie.

Am Anfang steht die Gabe

Der heilige Johannes Chrysostomos legt in seiner 24. Homilie zum ersten Korintherbrief die Worte des Apostels Paulus aus:

„Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist er nicht Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht Gemeinschaft des Leibes Christi?“
(1 Kor 10,16)

Chrysostomos beginnt bei der Danksagung. Wenn Paulus vom „Kelch des Segens“ spricht, versteht er diesen Segen als Dank für Gottes Wohltaten und Gaben. Die Kirche dankt für etwas, das nicht mit dem menschlichen Handeln beginnt.

Schon darin liegt eine andere Bewegung als in vielem, was unseren Alltag bestimmt.

Nicht: Ich will – ich plane – ich erreiche.
Sondern: Gott gibt – der Mensch empfängt – der Mensch dankt.

Das Wort Eucharistie selbst trägt diese Bewegung in sich: Danksagung. Und danken kann nur, wer etwas nicht einfach gemacht, sondern empfangen hat.

Am Anfang steht die Gabe: Christus reicht den Aposteln die Eucharistie. Was der Mensch empfängt, führt ihn nicht in die Vereinzelung, sondern in die Gemeinschaft.

Apostelkommunion, Panagia Phorbiotissa (Asinou), Zypern

Apostelkommunion. Fresko aus der Kirche Panagia Phorbiotissa (Asinou), Zypern, 1106. Quelle: Wikimedia Commons (Public Domain).

Der Mensch muss Gott nicht zum Antworten bringen. Er muss das Heilige nicht herstellen. Und er muss aus der Liturgie keine möglichst intensive Erfahrung gewinnen. Etwas geht ihm voraus.

Doch Chrysostomos bleibt nicht bei der Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott stehen. Paulus fährt fort:

„Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen.“
(1 Kor 10,17)

Chrysostomos greift das Bild der vielen Körner auf, aus denen ein Brot entsteht. So, schreibt er, werden auch die Kommunizierenden „miteinander und mit Christus verbunden“. Die eucharistische Gemeinschaft verbindet den Menschen also nicht nur mit Christus, sondern auch diejenigen miteinander, die von dem einen Brot empfangen.

Der Mensch kann die Gabe nicht herstellen. Aber er kann auf sie antworten.

Genau darauf richtet Chrysostomos den Blick. Wenn alle von demselben Brot empfangen und eins werden, warum, fragt er, zeigen sie dann nicht auch „ein und dieselbe Liebe“? Wenig später formuliert er den Widerspruch noch schärfer: Christus habe den Menschen mit sich verbunden – und dennoch wolle dieser sich nicht einmal mit seinem Bruder recht verbinden.

Die Gabe nimmt dem Menschen seine Antwort also nicht ab. Was er empfängt, soll in seinem Verhältnis zum anderen sichtbar werden.

Die Gemeinschaft mit Christus führt nicht in religiöse Vereinzelung. Sie führt aus ihr heraus.

Von der Gabe zur Gemeinschaft

Der Gegenentwurf zur Verfügung ist nicht Passivität. Empfangen und Antworten gehören zusammen. Doch die Bewegung beginnt nicht beim Menschen: Seiner Antwort geht etwas voraus, das er nicht selbst hervorgebracht hat.

Bei Chrysostomos wird diese Antwort konkret. Die empfangene Gemeinschaft mit Christus soll im Verhältnis zum anderen sichtbar werden. Der Bruder oder die Schwester steht nicht außerhalb dessen, was in der Eucharistie geschieht.

Deshalb führt Chrysostomos von Christus zum Bruder. Nicht als moralischen Nachtrag zu einer persönlichen Gotteserfahrung, sondern weil beides in seiner Auslegung der Eucharistie zusammengehört.

Die Gabe führt zur Danksagung.
Die Danksagung zur Gemeinschaft.
Und Gemeinschaft zur Liebe.

Wenn die Welt nicht mehr stumm ist

Damit kehrt die Frage vom Anfang zurück. Wir können immer mehr von der Welt erreichen und verfügbar machen. Doch Verfügbarkeit, so macht Rosa deutlich, ist noch keine lebendige Beziehung zur Welt.

Die orthodoxe Tradition führt die Frage tiefer: Was, wenn die Wirklichkeit überhaupt nicht dafür geschaffen ist, uns zur Verfügung zu stehen?

Was, wenn wir sie zuerst empfangen müssen, bevor wir angemessen auf sie antworten können?

Dann kann die Antwort auf eine stumm gewordene Welt nicht darin bestehen, nun eben Resonanz herstellen zu wollen. Auch sie entzieht sich, wie Rosa betont, unserer Verfügung. Sobald wir sie zum Ziel unseres Zugriffs machen, haben wir bereits verfehlt, was mit ihr gemeint ist.

Der Mensch tritt vor Gott nicht als Herr der Wirklichkeit. Er kommt mit dem, was er ist, und empfängt, was er sich selbst nicht geben kann. Von dort verändert sich auch sein Blick auf das, was ihn umgibt: Die Welt begegnet ihm nicht bloß als Material seiner Verfügung, sondern als Schöpfung; der andere nicht bloß als Teil seiner Umwelt, sondern als Bruder oder Schwester; Gott nicht als Quelle religiöser Erfahrungen, sondern als Schöpfer, von dem der Mensch selbst sein Leben empfängt.

Das bedeutet nicht, dass plötzlich alles spricht, dass jeder Gottesdienst innerlich ergreift oder dass der gläubige Mensch keine Entfremdung mehr kennt. Es bedeutet etwas Schlichteres und zugleich Tieferes:

Die Wirklichkeit muss nicht erst durch uns Bedeutung bekommen. Sie trägt ihren Grund nicht in uns.

Vielleicht beginnt das Verstummen dort, wo wir das vergessen. Wo uns die Welt nur noch unter der Frage begegnet, was sich aus ihr machen lässt, wird es schwer, sie anders wahrzunehmen als als Gegenstand unserer Zwecke.

Doch wo der Mensch beginnt, die Wirklichkeit wieder als Schöpfung zu empfangen, muss er ihr nicht länger Bedeutung abringen.

Vielleicht ist es also nicht die Wirklichkeit, die verstummt ist. Vielleicht haben wir verlernt, ihr zuzuhören.

Und vielleicht beginnt gerade dort eine andere Beziehung zur Welt: wo der Mensch empfängt, statt zuerst besitzen zu wollen; dankt, statt alles selbstverständlich zu nehmen; und im anderen nicht nur ein Gegenüber seines eigenen Lebens erkennt, sondern jemanden, mit dem er gemeinsam vor Gott steht.

Dann führt der Weg nicht aus der Welt hinaus.

Er führt tiefer in sie hinein: zur Schöpfung als Schöpfung, zum anderen Menschen als Bruder und Schwester – und in allem zurück zu dem, von dem beides sein Leben empfängt.

Zu Gott.

Rila-Kloster, Bulgarien

„Der Blick wird erhoben. Christus in der Gewölbemalerei des Rila-Klosters – der Mensch steht in einer Wirklichkeit, deren Grund nicht in ihm selbst liegt.“

Rila-Kloster, Bulgarien. Foto: UOJ.

Vielleicht erhält vor diesem Hintergrund auch jener große Dialog der Göttlichen Liturgie sein besonderes Gewicht. Nicht als Aufforderung, ein bestimmtes Gefühl hervorzubringen, sondern als Ausrichtung des ganzen Menschen. Der Priester ruft:

„Erheben wir die Herzen +“

Und die Gemeinde antwortet:

„Wir haben sie beim Herren +“

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