Zwischen Liturgie und Alltag
Es ist ein Herzensanliegen vieler orthodoxer Christen in Deutschland, die alten christlichen Wurzeln unseres Landes freizulegen und das Gedächtnis ihrer Heiligen wieder lebendig werden zu lassen. Deutschsprachige Gemeinden und Gottesdienste nehmen ebenso zu wie die Konversionen deutschstämmiger Menschen zur Orthodoxie. Das Gedächtnis der Heiligen, die auf deutschem Boden gewirkt haben, blüht nicht nur im gläubigen Volk langsam neu auf etwa in Form von Wallfahrten oder in der Schaffung von Ikonen, sondern erfährt auch Würdigung und Förderung vonseiten der kirchlichen Hierarchie durch die Stiftung von Festen (wie der Feier der Synaxis Heiliger der deutschen Lande) und eine wachsende Zahl von Publikationen unter Mitwirkung oder mit dem Segen der Geistlichkeit.
All das sind erfreuliche Entwicklungen, die es zu begrüßen und zu stärken gilt. Und doch ist da ein wichtiger Aspekt, der bisher kaum Berücksichtigung findet: Zwischen dem kirchlichen Leben und dem privaten und gesellschaftlichen Alltag herrscht weithin ein kulturelles Vakuum. Denn wir leben in einer zunehmend entchristlichten Gesellschaft. Für den Großteil der Menschen in Deutschland spielt die Pflege der einheimischen christlichen Kunst und Kultur keine Rolle mehr. Und die einzige lebendige christliche Kultur, die deutschstämmige Orthodoxe oftmals vorfinden, ist daher die Kultur der russisch, rumänisch, griechisch oder anderweitig ethnisch geprägten Gemeinden. Selbst für Gläubige mit ethnisch orthodoxen Wurzeln stellt sich die Frage nach dem langfristigen geistigen Überleben in einer säkularen und in vielerlei Hinsicht antichristlich gewordenen ‚Leitkultur‘.
Denn geistliches Leben findet nicht in einem Vakuum statt. Es braucht Rahmenbedingungen, sowohl häusliche als auch öffentliche, die dem Menschen helfen, seine Aufmerksamkeit auf Gott und sein Evangelium zu richten und das eigene Leben danach zu gestalten. Diese Rahmenbedingungen zu schaffen ist eine der Aufgaben jedes volkstümlichen christlichen Brauchtums, seiner gesellschaftlichen Umgangs- und Ausdrucksformen von der Architektur über Literatur, Musik und Malerei bis hin zu modernen Unterhaltungsmedien wie Filmen oder Podcasts.
Kein geistliches Leben ohne christliche Kultur
Kultur in diesem Sinne hat sowohl eine äußere wie auch eine innere Funktion: Die äußere besteht darin, eine geistige, moralische und ästhetische Atmosphäre zu schaffen, die dem Gedenken an Gott als Urheber des Wahren, Guten und Schönen Raum gibt. Dies zu gewährleisten ist nicht Aufgabe einer einzelnen Zunft, sondern aller menschlichen Berufe und Künste, die gemeinsam den göttlichen Auftrag verwirklichen, die Erde zu bebauen, ihre Erzeugnisse zu veredeln und zu pflegen – im ursprünglichen Sinne des lateinischen Wortes cultura: Verehrung, Bebauung, Pflege.
Das alttestamentliche Buch Jesus Sirach erkennt in den verschiedenen Berufen und Handwerken nicht nur Ausdrucksformen ein und derselben von Gott geschenkten Weisheit, sondern auch eine echte, tätige Form des Gebetes:
All diese haben auf das Werk ihrer Hände vertraut,
und jeder erweist sich in seinem Werk als weise.
Ohne sie wird eine Stadt nicht wohnlich gemacht.
…
Das Geschaffene der Welt stärken sie
und ihr Gebet besteht in der Ausübung ihres Handwerks.– Jesus Sirach 38,31-32.34
Die genannten Tätigkeiten von der Viehzucht bis zum Kunsthandwerk werden selbst zu einer Form des Gebetes, der Verherrlichung Gottes. Nicht anders haben unsere christlichen Vorfahren sie verstanden. Sie machen das Gemeinwesen "wohnlich", schaffen also eine Atmosphäre, in der die Seele sich (auch geistlich) wohlfühlen kann und stellen Gott in den Mittelpunkt ihres Tuns.
Demgegenüber besteht die innere Funktion der Kultur, verstanden als Bildung und Formung der Seele durch ihre äußere Umgebung, darin, dem Menschen eine geistig-moralische, emotionale Reife zu vermitteln, die ihn befähigt, sich mit geistlichen Dingen zu beschäftigen. Auch diese Funktion findet in der alttestamentlichen Weisheit ihre Bestätigung:
Ihr (d.h. der Weisheit) wahrster Anfang nämlich ist Begehren von Bildung;
Sorge um Bildung aber ist Liebe,
Liebe aber ist halten ihrer Gesetze,
Aufmerksamkeit auf die Gesetze aber ist Sicherung der Unsterblichkeit,
Unsterblichkeit aber macht, Gott nahe zu sein.– Weisheit 6,17-19
Jeder Verlust oder Verfall der Kultur führt in diesem Sinne zwangsläufig zu einer Entfremdung von Gott, zur Missachtung seines Gesetzes und zum Erkalten der Liebe. Und wir sehen und erleben diese Konsequenzen tagtäglich. Jeder, der heute auch nur ansatzweise versucht, ein geistliches Leben zu führen, sieht sich einem fast übermenschlichen Sog an Versuchungen ausgesetzt, den die allgemeine sittliche Ausschweifung, die Bequemlichkeit des Lebensstils und die zahllosen Formen medialer Zerstreuung und Betäubung auf ihn ausüben. All diese aber sind Früchte einer Kultur, die nicht nur Gott, sondern auch das gesunde Gespür für das Schöne, Wahre und Gute vergessen hat.
Jean-François Millet, Angelus (1857-1859). Das Gemälde zeigt ein Bauernehepaar beim traditionellen Angelus-Gebet zum Abendläuten (Foto: Wikimedia Commons)
Inkulturation als Reinigung der Atmosphäre
Wie die Kultur hat deshalb auch die Inkulturation, verstanden als Verwurzelung des christlichen Glaubens in einer spezifischen Kultur, eine äußere, gesellschaftliche, und eine innere, persönliche Seite. Die äußere besteht darin, die vorherrschende Kultur zu läutern und zu veredeln, damit sie Trägerin der Frohen Botschaft werden kann. Dies entspricht der allgemeinen Aufgabe der Christen in der Welt, die nach dem serbischen Altvater Thaddäus von Vitovnica (+2003) darin besteht, die geistige Atmosphäre zu filtern und die Atmosphäre des Königreichs Gottes zu verbreiten. Die Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche hält hierzu einige wertvolle Gedanken bereit:
„Die Kirche hat vieles, was die Menschheit in den Bereichen der Kunst und Kultur hervorgebracht hat, übernommen, nachdem sie die Früchte der schöpferischen Arbeit im Feuerofen der religiösen Erfahrung geläutert und von den der Seele abträglichen Elementen gereinigt hat, um sie so den Menschen zu geben.“Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche, Edition Hagia Sophia, S. 147
Hier ist insbesondere von Kulturschaffenden die Rede, zu denen etwa Dichter, Philosophen, Musiker, Architekten und Schauspieler gerechnet werden. Ihre christliche Aufgabe besteht darin „die Erfahrung geistiger Erneuerung zum Ausdruck zu bringen, die sie für sich erworben haben und nun anderen vermitteln wollen“. Hier klingt bereits die innere Dimension der Inkulturation an, denn nur „im Feuerofen der religiösen Erfahrung“, die ja eine innere Erfahrung des Einzelnen ist, können die „Früchte der schöpferischen Arbeit“ geläutert werden.
Der Komponist Johann Sebastian Bach (1685-1750) in seinen jungen Jahren (Bild: Wikimedia Commons)
Die von der Synode der Bischöfe Russlands im Jahr 2000 vorgelegte Sozialdoktrin meint hier vor allem die Gabe der Unterscheidung der Geister, die darin besteht, im Kontext der künstlerischen Inspiration „die wahre göttliche Eingebung von der ekstatischen ‚Eingebung‘, hinter welcher sich oft finstere Kräfte von zerstörerischen Ausmaßen bewegen, zu unterscheiden“. Hinzu kommt die moralische Beurteilung jeglichen kulturellen Schaffens, welche die Kirche als ihr Recht und ihr Pflicht betrachtet.
Inkulturation geschieht demnach im Schoß der Kirche, die durch die Taufe und Mitteilung des Heiligen Geistes an den Einzelnen die „Erfahrung geistiger Erneuerung“ überhaupt erst ermöglicht. Damit aber geht zugleich eine besondere Berufung einher, die in besonderer Weise alle kulturschaffenden Christen betrifft:
„Die Kirche erinnert die Kulturschaffenden daran, dass es ihre Berufung ist, die Seelen der Menschen – einschließlich ihrer eigenen – zu kultivieren und zu versuchen, das durch die Sünde in ihrem Innern entstellte Bild Gottes wiederherzustellen.“
Damit ist nicht nur die sakrale Kunst, sondern gerade auch die weltliche Kultur gemeint, die – in den Worten der Sozialdoktrin – zur „Trägerin der Frohen Botschaft“ werden kann: „Dies ist besonders dann von größter Bedeutung, wenn der Einfluss des Christentums in der Gesellschaft nachlässt oder die weltlichen Gewalten einen offenen Kampf gegen die Kirche entfachen.“
Zusammengefasst erfolgt die Reinigung der kulturellen Atmosphäre in zwei Schritten: Zunächst geht es um die geistig-moralische Beurteilung der vorfindlichen Kultur. Damit ist nicht nur eine Momentaufnahme der gegenwärtigen Gesellschaft gemeint, sondern auch eine Auseinandersetzung mit ihrem historischen Erbe: Philosophie, Literatur, Kunst, Architektur, aber auch religiöses Brauchtum müssen durch den „Feuerofen der religiösen Erfahrung“ gehen, damit sie dazu dienen können, „die Seelen der Menschen zu kultivieren“, das „in ihrem Innern entstellte Bild Gottes wiederherzustellen“ und somit zur „geistigen Erneuerung“ beizutragen. Gerade hier kommt es uns zu gute, dass Deutschland nicht im ersten Jahrtausend vor der kirchlichen Entfremdung zwischen Ost und West, sondern auch noch darüber hinaus kulturell christlich geprägt worden ist.
Im zweiten Schritt sind orthodoxe Christen – ob Schriftsteller, Architekten, Mediengestalter, Philosophen oder Kunsthandwerker – berufen, mit ihren jeweiligen schöpferischen Gaben an dieses reichhaltige Erbe anzuknüpfen und auf diese Weise Brauchtum, Kunst und Kultur neu zu heiligen. So kann der Raum zwischen Liturgie und Alltag wieder von einem geistfeindlichen Terrain zu eine, Treibhaus christlicher Zivilisation werden.
Inkulturation als Formung der Seele
Damit das geschehen kann, muss jedoch Reinigung und Heiligung zuerst im Innern, in der Seele stattfinden. Um ein von Priestermönch Seraphim Rose gern verwendetes Wort aufzugreifen: Wir leben nicht nur in einer Zeit, die wir mit Recht als „geistliches Ödland“ („spiritual wasteland“) bezeichnen müssen; auch die Seele des modernen Menschen ist in vielerlei Hinsicht ein geistliches und „emotionales Ödland“ („emotional wasteland“). Was ihr fehlt, ist nicht nur das Licht des Glaubens, sondern oftmals auch eine grundlegende intellektuelle und emotionale Stabilität und Reife, die für die Menschen früherer Zeiten – aufgrund ihrer Umstände und Lebensgewohnheiten – viel häufiger als heute die Normalität war. In seinem Artikel „Die Formung der Seele“ schreibt Vater Seraphim:
„Die Erziehung der heutigen Jugend, insbesondere in Amerika, ist notorisch mangelhaft was die Entwicklung einer Empfänglichkeit für die besten Ausdrucksformen menschlicher Kunst, Literatur und Musik anbelangt. Das Resultat ist, dass viele junge Leute völlig willkürlich unter dem Einfluss von Fernsehen, Rock Musik und anderen Erscheinungsformen der heutigen Kultur (oder vielmehr Anti-Kultur) geformt werden.“
Was der selige Seraphim kritisiert, ist nicht nur die moralische Verwerflichkeit moderner Kultur, sondern vor allem ihre geistig-emotionale Stumpfheit. Seine Besorgnis gilt der Unreife, die aus einer Kindheit resultiert, in der die liebevolle Strenge einer christlichen Erziehung weitgehend durch den passiven Konsum moderner Kulturerzeugnisse ersetzt wird:
Die wichtigste Zutat für diese ideale Harmonie des menschlichen Lebens, die in unserer Zeit fehlt, ist etwas, das man die emotionale Entwicklung der Seele nennen könnte. Sie ist nicht direkt etwas Geistliches, aber etwas, das oftmals geistliche Entwicklung behindert.
Es ist die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und Vorstellungen zu durchschauen, klar zu benennen und auf verantwortungsvolle Weise damit umzugehen, die bei vielen Menschen nur mangelhaft ausgeprägt ist und nicht zuletzt ursächlich dafür sein dürfte, dass die Praxen der Psychotherapeuten in unseren Tagen so regen Zulauf haben – viel reger noch als im Jahr 1982, als Seraphim Rose seine Beobachtungen niederschrieb.
Priestermönch Seraphim (Rose) bei einem Vortrag im Kloster von Platina (Kalifornien) (Foto: Orthodox Ethos)
Was hat all das mit der Frage nach einer orthodoxen Kultur bzw. Inkulturation zu tun? Die kulturelle Bildung ist es, die der Seele die besagte geistig-emotionale Reife vermittelt, aufgrund derer ein gesundes geistliches Leben überhaupt stattfinden kann. Diese Reife wird aber zumal in der älteren geistlichen Literatur viel stärker vorausgesetzt als sie heute gegeben ist. Immerhin entstanden die Schriften der Väter größtenteils im Kontext einer christlichen Kultur, deren sittliche Reife die unserer verwöhnten Wohlstandsgesellschaft weit übertrifft. Wir können uns den göttlichen Realitäten des geistlichen Lebens nicht nähern, wenn wir nicht zuerst ein gewisses Maß an menschlicher Reife erlangt haben.
Schlussbemerkungen
Neben der Läuterung der kulturellen Atmosphäre ist daher die innere Formung der Seele und die Kultivierung ihrer Lebensäußerungen ein wichtiger, um nicht zu sagen der wichtigere Teil dessen, was wir hier als Inkulturation bezeichnen. Die Aufgabe ist es, den „kulturellen Ballast“ (Vater Seraphim) unserer von Christus entfremdeten Wohlstandsgesellschaft abzuwerfen und uns von den Erzeugnissen einer edleren Kultur formen zu lassen, wie sie auch in unseren Breiten existierte.
So kann der Lektüre klassischer Autoren wie Charles Dickens oder Fjodor Dostojewskij, die z.B. Vater Seraphim empfiehlt, im Deutschen getrost die Lektüre von Karl May oder Goethe beigesellt werden. Ähnliches gilt für klassische und volkstümliche Musik und andere Formen auch der modernen Kunst, sofern sie dem Ziel einer Veredlung der Seele dienen können.
Dies wie auch die Auseinandersetzung mit der einheimischen Kunst, der Geschichte, den Brauchtümern und Denkmälern sollte niemals zu einer musealen Beschäftigung werden. Vielmehr sollten wir uns fragen, welche Lehren und welchen geistigen Nutzen wir aus unserem kulturellen Erbe ziehen können, um die Atmosphäre unseres persönlichen und gesellschaftlichen Umfelds zu reinigen und zu zivilisieren – und vor allem uns selbst in einer Weise formen zu lassen, die uns zu einem ernsthaften und tiefen geistlichen Leben befähigt. Dabei dürfen wir uns das Wort des Apostels zum Leitsatz nehmen:
„Alles, was wahr, alles, was ehrbar, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was liebenswert, alles, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, das erwägt!“Philipper 4,8
Lesen Sie auch
Der Geist des Antichristen innerhalb der Kirchenmauern
Äußerlich gerechte Menschen kreuzigten Christus, ohne sich schuldig zu fühlen. Derselbe Mechanismus wirkt bis heute, wenn Gebet und Buße durch Macht verdrängt werden.
Die Zeit tilgte den Groll des Heiligen gegen seinen Freund nicht
Gregor der Theologe trug den Schmerz über Basilius jahrzehntelang mit sich und hörte dennoch nicht auf, seinen engsten Freund zu lieben.
Das absolute Passwort gegen die Angst
Das Wort des Apostels Paulus an eine gespaltene Gemeinde. Geistliche Therapie gegen Panik, die rettende Kraft der Liebe und fester Mut angesichts des herannahenden Chaos.
Der Meister, dessen letzte Ikone ein Engel vollendete
Der ehrwürdige Alipij malte Ikonen, heilte einen Kranken mit seiner Farbe und bezeugte am Sterbebett, dass der Pinsel niemals ganz ihm selbst gehört hatte.
Der Tod der Gottesgebärerin wurde zur zweiten Geburt
Das Evangelium schweigt über den Tod der Allheiligen Gottesgebärerin, aber die Kirche hat dieses Ereignis zu einem der wichtigsten Feiertage des Jahres gemacht.