Steinerner Kasten für eine lebendige Seele
„Lasst die Toten die Toten begraben.“ Foto: UOJ
Ein steiniger Weg schlängelt sich durch die sonnenverbrannten Hügel Judäas. Der Erlöser schreitet voran, entschlossen und rasch. Ihm folgt eine bunte Menge. Die Menschen drängen sich an den Wundertäter, warten auf neue Heilungen, laute Siege und reichliche, kostenlose Mahlzeiten. Doch Jesus wendet sich um und nennt den Preis der Nachfolge.
In diesem Augenblick tritt einer der Jünger aus der Menge hervor. Der Mann senkt die Augen, tritt von einem Fuß auf den anderen und spricht Worte aus, die ein Musterbeispiel kindlicher Pietät zu sein scheinen: »Herr! Erlaube mir, zuerst hinzugehen und meinen Vater zu begraben.« Die Antwort Christi klingt wie ein Peitschenhieb: »Folge Mir nach, und lass die Toten ihre Toten begraben« (Mt 8,22).
Weltliche Kritiker klammerten sich jahrhundertelang an diesen Evangelienvers und beschuldigten den Erlöser, die Familienwerte zu zerstören und mitleidlos gegenüber menschlichem Leiden zu sein. Um zu verstehen, was an jenem heißen Tag auf der staubigen Straße geschah, müssen wir in die dunklen Höhlen der jüdischen Friedhöfe aus der Zeit des Zweiten Tempels blicken. Die archäologischen Funde der letzten Jahrzehnte in Jerusalem geben dieser Geschichte ihren wahren Zusammenhang zurück.
Ritual in der Grabhöhle
Das Begräbnisritual des antiken Judäa unterschied sich stark von dem unseren. Die Angehörigen überschütteten den Verstorbenen nicht einfach mit Erde. Die Bestattung vollzog sich in zwei zwingenden, über lange Monate hinweg angelegten Etappen.
Zuerst hüllte man den Verstorbenen in Grabtücher mit Wohlgerüchen ein. Den Leichnam trug man behutsam in die in den Kalksteinfels gehauene Familiengruft. Man legte ihn auf ein steinernes Lager in einer tiefen Nische. Den Eingang zur Höhle verschloss man mit einem schweren runden Stein.
Dort, in der Finsternis der feuchten Gruft, verweste das Fleisch des Verstorbenen im Laufe eines ganzen Jahres. Die Angehörigen trugen während dieser ganzen Zeit Trauer, hielten strenge rituelle Einschränkungen ein und beteten.
Genau ein Jahr später, als vom Menschen nur noch das trockene Skelett übrig war, kehrte die Familie in die Gruft zurück. Es begann die Etappe des Ossilegiums – der zweiten Bestattung. Der älteste Sohn betrat die Höhle, sammelte behutsam die Gebeine seines Erzeugers und legte sie in einen kleinen rechteckigen Kasten aus einem einzigen Stück Kalkstein. Dieser Kasten heißt Ossuarium. Die Länge einer solchen Truhe entsprach der Länge des längsten Knochens – des Oberschenkelknochens. Die Ossuarien verzierte man mit geometrischen Schnitzereien, bisweilen ritzte man den Namen des Verstorbenen darauf ein, woraufhin man sie in eine spezielle Nische in der Ecke der Gruft stellte. Das freigewordene steinerne Lager richtete man aber für den nächsten Toten her.
Man kann nachvollziehen, in welchen Strudel ritueller Pflichten ein Angehöriger des Verstorbenen geriet. Die Bitte des jungen Mannes konnte bedeuten, dass sein Vater einen Tag zuvor gestorben war und der Sohn nun ein ganzes Jahr in Trauer, Warten und Vorbereitung auf das Ossilegium verbringen musste. Weitaus wahrscheinlicher ist jedoch eine andere Erklärung für die Haltung des Trauernden.
Die Falle der Sohnespflicht
In der nahöstlichen Kultur war die Wendung »Entlass mich, zuerst meinen Vater zu begraben« eine feststehende Redewendung. Sie bedeutete keineswegs, dass der Greis gerade jetzt bereits tot im Hause lag. Der Mann sagte zu Christus: »Gib mir, in Ruhe bei meinen Eltern zu leben. Erlaube mir, das Alter meines Vaters abzuwarten, ihn zu pflegen, den mir zustehenden Anteil des rechtmäßigen Erbes zu empfangen. Danach werde ich allen Anstand erfüllen, seine Gebeine in den Kasten sammeln, den Deckel der Familiengruft schließen, und erst dann werde ich Dir unbedingt nachfolgen.«
Der junge Mann versuchte, von Gott eine bequeme Alltagspause zu erhandeln. Er verdeckte seine Furcht vor dem Unbekannten mit der heiligen Pflicht der kindlichen Liebe. Es war die tadellose Maske der Frömmigkeit.
Christus aber reißt diese Maske herunter. Der Erlöser sieht, dass sich hinter den richtigen Worten eine geistliche Lähmung verbirgt. Die Welt ist so eingerichtet, dass sie den Menschen niemals freiwillig gehen lässt. Immer werden sich neue unaufschiebbare Angelegenheiten finden: unbezahlte Schulden, gekränkte Verwandte, nicht fertiggestellte Häuser.
Der Versuch, zuerst sämtliche Forderungen des Sozialgefüges zu befriedigen und sich dann erst Gottes zu erinnern – das ist geistlicher Selbstmord.
Der Mensch mauert, unmerklich für sich selbst, seine lebendige Seele in den steinernen Kasten der Konventionen ein und verwandelt das Leben in das Ebenbild eines Ossuariums, außen mit schöner Schnitzerei bedeckt, innen aber voll von trockenen Knochen.
Die Mission der geistlichen Toten
Die alten Ausleger der Heiligen Schrift verstanden diese radikale Herausforderung des Erlösers vortrefflich. Der heilige Johannes Chrysostomus unterstreicht in seinen Homilien zum Matthäusevangelium, dass Christus weder zu Grausamkeit noch zur Verachtung der Eltern aufrief. Er schreibt: „Christus sagte dies nicht aus Mangel an Achtung vor den Eltern, sondern weil Er zeigen wollte, dass uns nichts wichtiger sein darf als das Himmlische … und dass man sich mit großer Sorgfalt an die geistlichen Dinge machen muss, ohne auch nur die geringste Verzögerung zuzulassen, selbst wenn die notwendigsten und unlösbarsten Bande dazu drängten.“
Ihm sekundiert der selige Theophylakt von Bulgarien, der die Aufmerksamkeit auf die Umgebung des jungen Mannes lenkt. Der Heilige merkt an, dass es im Haus des Verstorbenen immer Menschen gab, die fähig waren, die alltäglichen Mühen auf sich zu nehmen: „Christus verbot es ihm und zeigte damit, dass die Verehrung Gottes höher stehen muss als die Verehrung der Eltern … Zudem waren andere da, die den Toten begraben konnten, nämlich die Ungläubigen.“
Gott fordert eine sofortige Antwort auf Seinen Ruf. Er reißt die Menschen aus ihrer Komfortzone, weil Verzögerung bei Glaubensfragen tödlich ist.
Die lebenden Toten sind die Gesellschaft, die rasend ums Überleben kämpft und ihr Leben mit dem Anhäufen irdischer Güter und dem Vollzug äußerer Rituale verbringt. Zu versuchen, darauf zu warten, dass solche Menschen deinen Weg zu Gott billigen und deinen christlichen Dienst segnen – ist sinnlos.
Schauen wir uns um. Wie viele Menschen sind jetzt durch die Ungewissheit, durch verschiedene gesellschaftliche Verpflichtungen und durch die Angst vor der Zukunft wie gelähmt! Wir schieben das geistliche Leben ständig auf ein mythisches „Später“ hinaus. Wir sagen uns: Wenn erst der Krieg zu Ende ist, die Kinder groß sind und Stabilität einkehrt, dann werde ich anfangen zu beten, in die Kirche zu gehen und mein Leben zu ändern.
Doch das Rad der weltlichen Geschäftigkeit dreht sich unaufhörlich. Die Welt um uns herum wird immer neue Anlässe für Begräbnisse bieten. Sie wird verlangen, dass wir unsere Talente, unsere Zeit und unseren Glauben um des Überlebens willen begraben.
Christus ruft den Jünger zu sich, fort von den Grabhöhlen. Der Messias rettet den jungen Mann vor dem Los des Totengräbers. Der göttliche Ruf verlangt, sich sogleich von der geistlichen Erstarrung zu lösen, ohne auf ideale Bedingungen zu warten. Die einzige Frage ist: Sind wir bereit, die Komfortzone zu verlassen, um einen Schritt auf den zu gehen, der den Tod besiegt hat?
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