Nachwort zum Projekt – Erzpriester Mladen Janjić blickt auf sechs Monate deutscher Liturgie in Köln zurück
Am 4. Juli endete in der Kölner Kirche der Erhöhung des Heiligen Kreuzes ein sechsmonatiges Projekt – vorerst. Über seinen Abschluss, die Taufe an jenem Tag und das gemeinsam erarbeitete Fazit hat die UOJ bereits in einer Reportage berichtet. Was als monatliche göttliche Liturgie in deutscher Sprache begann, war zu einem Ort geworden, an dem sich vor allem orthodoxe Christen aus serbischen, griechischen, russischen, rumänischen und weiteren Gemeinden begegneten – und an dem auch Suchende der Orthodoxie zum ersten Mal näherkamen. Nach der Sommerpause soll der gemeinsame Weg im Herbst fortgesetzt werden.
Was bleibt von diesen sechs Monaten? Und was hat sich im Laufe der Zeit, ausgehend von der ursprünglichen Idee, verändert? Wir haben Erzpriester Mladen Janjić, der das Projekt geleitet und getragen hat, um eine Rückschau gebeten. In einem schriftlichen Interview beantwortet er Fragen zum Ursprung des Projekts, zu seinen Erfahrungen als Priester und Seelsorger, zum wachsenden Interesse an der Orthodoxie und zu der Frage, wie sich die Kirche zu einer Welt im Wandel verhalten soll.
Vom Gottesdienstangebot zur Plattform der Begegnung
Am Anfang stand eine überschaubare Absicht – am Ende ein Projekt, das über sein ursprüngliches Ziel hinausgewachsen ist. Sechs Monate deutschsprachiger Liturgien haben nicht nur einen neuen Gottesdienst hervorgebracht, sondern auch eine Dynamik in Gang gesetzt, die sich so kaum planen ließ. Wir haben Erzpriester Mladen zunächst gefragt, was am Beginn dieses Weges stand und welche Idee ihn getragen hat.
Was war die ursprüngliche Idee des Projektes – das Verbinden orthodoxer Gemeinden, eine deutsche Liturgie oder was war es?
Manchmal braucht ein Projekt Zeit, damit man am Ende wirklich sagen kann, was daraus geworden ist.
Unsere ursprüngliche Idee war, allen – besonders denjenigen, die die deutsche Sprache besser verstehen, aber auch nichtorthodoxen Menschen, die sich für die Orthodoxie interessieren, sowie uns selbst – einen weiteren regelmäßigen Gottesdienst in deutscher Sprache anzubieten.
Im Laufe der Zeit hat sich jedoch gezeigt, dass das Projekt noch etwas anderes geworden ist: Es hat sich zu einer wertvollen Plattform entwickelt, auf der orthodoxe Christen einander kennenlernen. Natürlich gibt es auch Menschen, die auf diesem Weg die Orthodoxie entdecken möchten. Die Mehrheit sind jedoch orthodoxe Gläubige aus verschiedenen Traditionen, die sich begegnen, die Schönheit und die Bräuche der anderen kennenlernen und dadurch ihren eigenen orthodoxen Horizont erweitern.
Oft sind sie sich gar nicht bewusst, dass sie gerade dadurch die Schönheit, Vielfalt und Weite der Orthodoxie sichtbar machen. Diese Erfahrung können Menschen, die die Orthodoxie kennenlernen möchten, in einer einzelnen national geprägten Gemeinde oft nicht in derselben Weise machen.
Eine Bilanz nach sechs Monaten
Sechs Monate sind ein Zeitraum, der eine ehrliche Rückschau erlaubt – lang genug, um Muster zu erkennen, und kurz genug, um die Anfänge noch klar vor Augen zu haben. Ob das Projekt die eigenen Erwartungen erfüllt hat und woran sich sein Wert bemisst, war unsere zweite Frage.
Wie würden Sie nach sechs Monaten das Projekt einschätzen? War es ein Erfolg oder gab es eher nüchterne Ergebnisse?
Ich bin sehr dankbar, dass wir in diesen sechs Monaten Kontinuität bewahren konnten. Alles, was wir uns vorgenommen hatten, konnten wir auch umsetzen.
Gerade ein Projekt, das man über einen Zeitraum von sechs Monaten erlebt und begleitet, ermöglicht eine ehrliche und fundierte Auswertung. Daraus lassen sich viele wertvolle Erkenntnisse für die Fortsetzung gewinnen.
Wir durften viele schöne Gottesdienste feiern, zahlreiche junge Menschen begrüßen und authentische Gäste kennenlernen, die mit ihren persönlichen Lebensgeschichten vielen Zuhörern Mut für die eigenen Herausforderungen gemacht haben. Dazu kamen bereichernde geistliche Gespräche und viele wertvolle Begegnungen.
Besonders motiviert hat mich die Erfahrung, dass viele junge orthodoxe Christen den Wunsch haben, einander kennenzulernen, Zeit miteinander zu verbringen und sich über ihre Erfahrungen, ihre Traditionen und ihren Glauben auszutauschen. Das hat mich persönlich sehr gefreut.
Auch ich selbst habe durch Besuche in verschiedenen orthodoxen Gemeinden viele wunderbare Mitbrüder im priesterlichen Dienst sowie zahlreiche Gläubige kennengelernt. Viele von ihnen sind inzwischen zu Freunden geworden. Wir begegnen uns immer wieder, und ich freue mich jedes Mal auf diese Treffen.
Genau diese Erfahrung hat sich auch in unserem Projekt widergespiegelt. Aus vielen Bekanntschaften sind Freundschaften entstanden. Menschen unterschiedlicher orthodoxer Traditionen sind miteinander ins Gespräch gekommen und haben entdeckt, wie bereichernd diese Vielfalt ist.
Deshalb würde ich sagen, dass dieses Projekt ein Erfolg war – nicht nur wegen der gelungenen Veranstaltungen oder der Zahl der Teilnehmer, sondern vor allem wegen der Gemeinschaft, die entstanden ist. Für mich ist das die schönste Frucht dieser vergangenen sechs Monate und zugleich eine große Motivation, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
Ein Wunsch für die Zukunft
Aus einer serbisch-orthodoxen Gemeinde entstanden, war das Projekt von Beginn an über die eigenen Grenzen hinaus gedacht. In einer Stadt, in der nahezu alle orthodoxen Kirchen vertreten sind, liegt der Gedanke nahe, ein solches Angebot breiter zu tragen. Wir wollten wissen, was sich der Erzpriester für die kommenden Monate und Jahre erhofft.
Gibt es etwas, das Sie sich für die Zukunft des Projektes wünschen – zum Beispiel, dass sich noch mehr Gemeinden beteiligen?
Ich bin überzeugt, dass sich dieser Wunsch ganz natürlich weiterentwickeln wird. Schon heute pflegen die orthodoxen Gemeinden einen sehr guten Kontakt miteinander. Auch wir Priester schätzen und unterstützen uns gegenseitig und wünschen uns, dass unsere Gemeindemitglieder ebenfalls Beziehungen aufbauen, gemeinsam beten und miteinander ins Gespräch kommen.
Ich bin sicher, dass das Bedürfnis nach Begegnung innerhalb der orthodoxen Gemeinden in Zukunft weiter wachsen wird. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nach Orientierung und echter Gemeinschaft suchen, sind solche Begegnungen von großer Bedeutung.
Mein Wunsch ist deshalb, dass sich noch mehr Gemeinden an diesem gemeinsamen Weg beteiligen. Denn je besser wir einander kennenlernen, desto stärker wird auch das Bewusstsein dafür, dass uns viel mehr verbindet. Diese gelebte Gemeinschaft ist ein schönes Zeugnis der Orthodoxie und kann vielen Menschen den Reichtum unseres Glaubens näherbringen.
Die Suche nach einer geistlichen Heimat
Immer wieder ist in diesen Monaten von einem wachsenden Interesse an der Orthodoxie die Rede gewesen – auch unter Menschen ohne orthodoxe Wurzeln. Wo genau die deutsche Sprache dabei eine Brücke bildet und ob sich hinter den Einzelbeobachtungen ein echter Trend verbirgt, lässt sich am besten von jemandem beurteilen, der mitten in dieser Entwicklung steht.
Ein Ziel des Projektes war es, das deutschsprachige orthodoxe Angebot zu erweitern. Haben Sie selbst die Erfahrung gemacht, dass vermehrt Menschen ohne serbischen, griechischen, russischen oder anderen traditionell orthodoxen Hintergrund zur Orthodoxie finden? Gibt es da einen Trend?
Der Glaube ist immer eine freie Entscheidung des Menschen. Deshalb sehe ich unsere Aufgabe nicht darin, Menschen zu einer Konversion zu bewegen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, die Orthodoxie kennenzulernen und ihr authentisch zu begegnen.
Ich habe den Eindruck, dass es heute – nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern, selbst dort, wo die Orthodoxie die Mehrheitsreligion ist – viele Menschen gibt, die auf der Suche nach Gott und nach einer geistlichen Heimat sind. Dieses Bedürfnis ist deutlich spürbar.
Ja, ich nehme durchaus wahr, dass das Interesse an der Orthodoxie auch unter deutschsprachigen Menschen ohne traditionell orthodoxen Hintergrund wächst. Zugleich ist es mir wichtig, dass jede Annäherung an den Glauben in Freiheit und aus einer ehrlichen Suche nach Gott heraus geschieht.
Mit unserem Projekt möchten wir dazu einen bescheidenen Beitrag leisten – für das Christentum, für unsere Gesellschaft und für die Stadt Köln, in der wir leben. Wir möchten die ursprüngliche Schönheit der Orthodoxie sichtbar machen und Menschen die Möglichkeit geben, sie in ihrer Vielfalt zu erleben.
Gerade Köln ist in dieser Hinsicht ein besonderer Ort und ein großer Segen. Hier sind nahezu alle orthodoxen Kirchen mit ihren Gemeinden vertreten. Deshalb ist es wichtig zu zeigen, dass wir trotz unterschiedlicher Sprachen und kultureller Traditionen eine gemeinsame Kirche sind. Dass wir gemeinsam die Göttliche Liturgie feiern, gemeinsam beten und nicht nur füreinander, sondern auch für alle Menschen beten, die in dieser Stadt leben.
Wenn dadurch Menschen den Weg zur Orthodoxie finden oder sich intensiver mit dem christlichen Glauben beschäftigen, dann freuen wir uns darüber. Entscheidend ist jedoch, dass jede Begegnung in Freiheit geschieht und aus einer ehrlichen Suche nach Gott erwächst.
Kirche in einer Welt im Wandel
Zum Abschluss richtet sich der Blick über das Projekt hinaus – auf eine grundsätzliche Frage, die weit über Köln hinausreicht. Die Gesellschaft verändert sich in raschem Tempo, und mit ihr die Erwartungen der Menschen, die eine Kirche betreten. Wie eine zweitausend Jahre alte Tradition damit umgehen soll, ohne sich selbst zu verlieren, war unsere letzte Frage.
In der Welt verändert sich vieles, und das merkt man auch an den Menschen, die die orthodoxe Kirche besuchen. Wie sollte die Orthodoxie damit umgehen? Soll sie sich den Veränderungen öffnen oder sich davon möglichst fernhalten – etwa bei Trends, Technik oder sozialen Medien?
Dass sich die Welt verändert, ist nichts Neues. Viel wichtiger ist, dass Christus derselbe ist – gestern, heute und in Ewigkeit.
Deshalb sehe ich keinen Grund zur Angst. In der Heiligen Schrift begegnet uns immer wieder dieselbe Botschaft: „Fürchte dich nicht." Diese Ermutigung begleitet uns jeden Tag. Wenn wir uns an Christus halten, brauchen wir keine Angst vor den Veränderungen der Welt zu haben.
Entscheidend ist, dass Christus in unserem Leben den ersten Platz einnimmt. Ist Er an erster Stelle, dann findet auch alles andere seinen rechten Platz. Fehlt diese Orientierung, gerät vieles aus dem Gleichgewicht. Deshalb sollten wir alles am Evangelium und an Christus messen.
Als Christen sind wir nicht dazu berufen, uns von der Welt zu isolieren. Wir leben mitten in dieser Welt – mit ihren Menschen, ihren Fragen und ihren Herausforderungen. Gerade dort sind wir berufen, Christus nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch unser Leben und unsere Liebe zu bezeugen.
Auch technische Entwicklungen, soziale Medien oder andere moderne Möglichkeiten sind nicht von sich aus gut oder schlecht. Entscheidend ist, wie wir sie nutzen. Wenn sie dazu beitragen, Menschen zu erreichen, Hoffnung zu schenken und die Wahrheit des Evangeliums weiterzugeben, dann können sie wertvolle Werkzeuge im Dienst der Kirche sein.
Ein Weg, der weitergeht
Wer die Antworten des Erzpriesters liest, erkennt schnell, worum es ihm geht. Immer wieder kehrt derselbe Gedanke zurück: dass die eigentliche Frucht dieses Projekts nicht in Zahlen liegt, sondern in den Menschen, die einander begegnet sind. Aus Bekanntschaften sind Freundschaften geworden, aus verschiedenen orthodoxen Traditionen ein gemeinsames Gespräch – und für Erzpriester Mladen ist genau das die schönste Frucht dieser sechs Monate.
Sein Blick reicht dabei über das Erreichte hinaus. Er wünscht sich, dass sich künftig noch mehr Gemeinden an diesem Weg beteiligen, und ist überzeugt, dass das Bedürfnis nach Begegnung ohnehin weiter wachsen wird – gerade in einer Zeit, in der viele Menschen nach Orientierung und echter Gemeinschaft suchen. Zugleich betont er, dass jede Annäherung an den Glauben in Freiheit geschehen soll, aus einer ehrlichen Suche nach Gott heraus.
So versteht Erzpriester Mladen das Projekt weniger als abgeschlossenes Werk denn als einen Anfang. Im Herbst, nach der Sommerpause, soll der gemeinsame Weg fortgesetzt werden – getragen von der Zuversicht, die aus jeder seiner Antworten spricht: dass die Kirche der Welt und ihren Veränderungen ohne Furcht begegnen kann, solange Christus im Mittelpunkt steht.
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