Grüne Tarnung: Warum Christus den Feigenbaum verfluchte
Der Fluch des Feigenbaums. Foto: UOJ
Der Pfad, der von Bethanien nach Jerusalem hinaufführt, wirkt im Frühjahr trügerisch friedlich. Hier, am Übergang der Judäischen Berge zur von Osten herandrängenden wasserlosen Wüste, beginnt die Sonne früh zu brennen. Der Anstieg ist steil, zermürbend und erfordert unablässige körperliche Anstrengung.
Das Evangelium hebt ein wichtiges Detail hervor: Christus hungerte. Der Hunger des Erlösers war natürlich. Ein Wanderer, der lange unter den sengenden Strahlen der nahöstlichen Sonne bergauf gestiegen war, wurde müde. Rings um ihn – ausgedörrte Erde, spärliche Büsche, starres Gestrüpp und Ölbäume mit ihrem gräulichen Laub.
Und plötzlich, inmitten dieser fahlen Landschaft, scheint von weitem ein leuchtend grüner Fleck hervor. Sie ist es – der Feigenbaum. Der Baum hatte seine breiten Äste unmittelbar am Wegrand ausgebreitet und rauschte im Wind mit saftigem Grün. Er sah aus, als hätte er inmitten der Dürre eine verborgene Wasserader gefunden und beeilte sich nun, jedem Vorübergehenden davon zu künden.
Die Botanik des Feigenbaums
Der Feigenbaum trägt Früchte in strengem Biorhythmus. Der Evangelist Markus hinterließ hierzu eine bemerkenswerte Anmerkung: »Denn es war noch nicht die Zeit der Feigenernte« (Mk 11,13).
Am Vorabend des jüdischen Pessachfestes, im März oder Anfang April, auf die sommerliche Feigenernte zu warten, wäre tatsächlich unsinnig. Doch der Feigenbaum besitzt eine einzigartige Besonderheit, von der die örtlichen Hirten sehr wohl wissen. Im zeitigen Frühjahr, wenn der Baum erst erwacht, erscheinen an seinen Zweigen winzige grüne Knötchen. Dies sind die frühen Fruchtansätze, getrocknete Knospen. Sie sind hart, leicht bitter, enthalten wenig Zucker, sind aber durchaus genießbar und vermögen einen Reisenden vor dem Hunger zu retten.
Eine Beschreibung dieser Tatsache finden wir beispielsweise im Hohenlied: »Der Feigenbaum hat seine Frühfeigen angesetzt, und die blühenden Reben strömen Duft aus« (Hld 2,13). Wichtig ist, dass die Frühansätze entweder noch vor dem Erscheinen der ersten Blätter oder zeitgleich mit ihnen durch die Rinde brechen.
Der Betrug an den arglosen Wanderern
Der Baum, zu dem Christus hintrat, brach sämtliche Gesetze der palästinischen Natur. Er stand da, vollständig in grünem Kleid bedeckt. Unter den Bedingungen der Wüste schrie dieser Feigenbaum buchstäblich seine Fülle in die ganze Gegend hinaus. Seine breiten Blätter erreichten zuweilen die Größe eines menschlichen Gesichts.
Jeder Einheimische, der solch üppiges Grün im Frühjahr erblickte, wäre ohne den Schatten eines Zweifels vom Weg zum Baum abgebogen, wohl wissend: Gibt es Blätter, dann brechen die Äste darunter fast unter den saftigen Frühfrüchten.
Der Erlöser tritt auf der Suche nach Nahrung an den Baum heran. Er streckt die Hand aus, schiebt das nach Saft duftende Grün auseinander, doch darunter ist nichts als trockene Rinde.
Der Baum erwies sich als unfruchtbare taube Blüte, die alle dem kargen Kalkboden abgerungene Feuchtigkeit für die Herstellung einer grandiosen Fassade vergeudet hatte. Er hatte seine vermeintliche Fruchtbarkeit weithin angepriesen, die Erwartungen eines hungernden Menschen getäuscht und ihm die Hoffnung auf Sättigung genommen. Christus verflucht den Feigenbaum, und er verdorrt augenblicklich bis auf die Wurzel.
Dieses Ereignis ruft nicht selten Befremden bei denen hervor, die über das Evangelium vom Standpunkt eines oberflächlichen Humanismus aus zu urteilen versuchen und von der Strenge Gottes gegenüber der unschuldigen Natur sprechen. Doch der biblische Zusammenhang erfordert eine andere Blicktiefe, frei von säkularen Schablonen.
Ein Zeichen auf der staubigen Straße
Für die Jünger, die mit dem Meister auf dem Weg nach Jerusalem gingen, wirkte das Geschehene nicht wie eine spontane Handlung. Sie kannten die Schrift vortrefflich und verstanden die Sprache, in der Christus redete. Die Verfluchung des Feigenbaums ist ein klassischer prophetischer Akt. Die alttestamentlichen Propheten griffen unablässig zu solchen anschaulichen Handlungen, wenn die gewöhnlichen Worte nicht mehr bis zu den Menschen durchdrangen.
In der prophetischen Optik war der Feigenbaum fast durchweg ein Sinnbild des religiösen Lebens des Volkes, seines geistlichen Zustands. Der Prophet Hosea hinterließ hierzu poetische Zeilen: »Wie Trauben in der Wüste fand Ich Israel; wie eine Frühfrucht am Feigenbaum, in dessen erster Zeit, erblickte Ich eure Väter« (Hos 9,10).
Der Feigenbaum auf dem Ölberg war eine lebendige Veranschaulichung dessen, was in jenen Tagen hinter den Mauern des Jerusalemer Tempels vor sich ging.
Das ausgeklügelte religiöse System, die prächtigen Gewänder der Hohenpriester, das Pathos der Tempelchöre, die endlosen Schlangen der Pilger und Tausende von Opfertieren waren lediglich eine grandiose Fassade. Äußerlich sah alles so aus, als blühe der Glaube und bringe Früchte. Unter diesem dichten Laub von Riten und korrekten Worten fehlte aber das Wesentliche – die lebendige Liebe, das Erbarmen und die Gerechtigkeit.
Der heilige Johannes Chrysostomus sagte, der Erlöser habe den Baum nicht deshalb verflucht, weil er den Hunger nicht hätte ertragen können, sondern zur Unterweisung der Jünger. Ihm war es wichtig, ihnen vor Augen zu führen, dass Er die Vollmacht nicht nur zu erbarmen, sondern auch zu richten besitze, und dass die äußere Gestalt der Frömmigkeit ohne geistliche Früchte dem unausweichlichen Untergang geweiht sei.
Die Tragödie der schönen Fassaden
Dieser Evangelienabschnitt trifft mit seiner Wahrhaftigkeit schonungslos unser Gewissen, besonders jetzt, da die gewohnte Welt ringsum einstürzt und die Menschen mit ihrem Gram und ihren ausgebrannten Seelen allein zurückbleiben.
Auch wir haben gelernt, prachtvolle Fassaden um uns herum zu errichten. Wir schreiben die korrekten, frommen Texte in den sozialen Netzwerken, wählen die richtigen Profilbilder, zitieren auswendig die alten Kanones und die heiligen Väter. Unsere äußere Tarnung ist makellos.
Doch wenn ein zerbrochener Mensch, der seine Nächsten verloren hat, ausgedörrt von Schmerz, auf der Suche nach schlichter menschlicher Wärme, nach Verständnis oder einem Stück Brot zu uns tritt – was findet er unter unseren Blättern? Oft entdeckt man dort nichts als das Rascheln toter Formulierungen und ein kaltes, gleichgültiges Pharisäertum.
Die Vortäuschung von Frömmigkeit widerspricht der echten Armut im Geiste. Ein Mensch, der ehrlich seine geistliche Unfruchtbarkeit eingesteht, ist dem Heil näher als jener, der sich in die teuren Gewänder vermeintlicher Gerechtigkeit gekleidet hat. Die Gemeinschaft der Christustreuen zeichnet sich durch Solidarität aus, die Gläubigen teilen das Letzte mit dem hungrigen Wanderer. Jetzt ist die Stunde, unter unsere eigenen Blätter zu blicken und das Vorhandensein geistlicher Früchte bei uns zu prüfen – bevor Der, Der auf dem Weg ist, noch näher zu uns tritt und uns wegen Unfruchtbarkeit verflucht.
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