Das Gewand aus dem Reisemantel
Geistliche Gewänder: ein moderner Look. Foto: UOJ
Wir haben uns daran gewöhnt, das kirchliche Gewand aus golddurchwirktem Brokat als etwas ganz Gewöhnliches anzusehen. Doch woher stammt sein Schnitt? Verfolgt man die Entwicklung des festlichen Messgewandes bis zu seinem ältesten Ahnen zurück, stößt man auf ein völlig weltliches Kleidungsstück: den Reisemantel eines Römers, den ein Unwetter auf dem Weg zwischen Antiochia und Ephesus überraschte.
Ein Mantel mit bequemem Schnitt
Die lateinische Bezeichnung dieses Mantels ist „Paenula“. Er sah aus wie ein dichtes Stück Wolle, glockenförmig vernäht, mit einem Schlitz für den Kopf und ohne Ärmel. Man zog ihn über den Kopf, und seine Länge reichte fast bis zur Erde. Damals war dies ein Kleidungsstück ohne jeden Anspruch auf Luxus, ersonnen nicht zur Schönheit, sondern zum Schutz vor Kälte und Wind.
Der Apostel Paulus bittet Timotheus: „Den Phelonion, den ich in Troas bei Karpus zurückgelassen habe, bringe mit, wenn du kommst“ (2 Tim 4,13). Unter den Bibelwissenschaftlern herrscht keine völlige Einigkeit darüber, ob es sich dabei um die Oberbekleidung handelte oder um etwas anderes, etwa eine Büchertasche. Wichtig jedoch ist, dass das griechische Phelónion und das lateinische Paenula ein und denselben warmen Gegenstand eines Wanderers bezeichneten und ganz und gar nicht das Gewand eines Geistlichen.
Diese Uniform hatte eine unbequeme Eigenschaft: In der Paenula lassen sich die Arme schwer heben, der Stoff zieht die Schultern zusammen.
Die christlichen Gemeinden der ersten Jahrhunderte übernahmen diese Kleidung für den Vorsteher der Kirche nicht deshalb, weil sie schön war, sondern weil sie zu jener Zeit alltäglich war.
Der Unterschied zwischen dem alltäglichen Kleidungsstück und dem heiligen Gewand zeigt sich erst später. Als man das Phelonion für die Gottesdienste zu verwenden begann, verbesserte man dessen Unbequemlichkeit – vorn, unterhalb der Brust, brachte man einen Ausschnitt an, damit sich die Arme des Presbyters frei bewegen konnten. Das heutige Phelonion mit dem charakteristischen hohen, festen Schulterteil und dem ausgeschnittenen Saum ist das Ergebnis einer langen und mühevollen Arbeit am Zuschnitt des Reisemantels.
Ein Handtuch, das zum Flügel eines Engels wurde
Deckte das Phelonion die Schultern, so war das Orarion für die Gestik bestimmt. Der Streit um die Herkunft dieses Wortes dauert bis heute an. Die einen leiten den Begriff Orarion vom lateinischen orare – beten – her. Andere von os, der Mund, weil mit diesem Band in den ersten Jahrhunderten die Lippen der Kommunikanten abgewischt wurden. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: das Tuch, mit dem man in der Synagoge von einem erhöhten Platz aus das Zeichen zum gemeinsamen Ausruf des „Amen“ gab. Möglicherweise sind alle genannten Versionen auf die eine oder andere Weise richtig.
Bereits im Jahr 364 erwähnen die Kanones des Konzils von Laodicea dieses Band als feststehenden Gegenstand der Gewandung. Zu jener Zeit war es längst kein einfaches Tuch mehr. Der Diakon hob dessen Ende und gab so dem Volk das Zeichen zum Gesang oder zum Gebet. Das Heben seiner Hand gleicht der Geste eines Verkehrsreglers, nur dass er nicht die Bewegung der Menge und der Wagen an einer Kreuzung lenkt, sondern den Strom des gemeinsamen Gebetes.
Die byzantinischen Ausleger verliehen dieser Geste noch einen weiteren Sinn. Die bei der Bewegung wehenden Enden des Orarions erinnerten sie an Engelsflügel.
Der heilige Symeon von Thessalonich schreibt, dass die Diakone, wenn sie sich vor der Kommunion das Orarion kreuzweise umgürten, den Seraphim ähnlich werden, die ihr Angesicht mit ihren Flügeln bedecken.
Interessant ist, dass der Diakon, sobald er Presbyter wird, das Orarion nicht mehr auf der Schulter trägt, sondern es auf den Nacken wandert, wobei die beiden Enden des Bandes vorne vereinigt werden und einen neuen Namen erhalten – Epitrachelion.
Die Symbolik des engelhaften Dienstes bleibt dieselbe, doch das Epitrachelion wird zum Gewand des Geistlichen, der die Sakramente selbstständig vollzieht. Die Anzahl dieser Sakramente – sieben – spiegelt sich in der Zahl der aufgestickten Kreuze wider.
Die Dalmatik, die man demütig umbenannte
Die vielleicht ironischste Geschichte betrifft den bischöflichen Sakkos. Im 11. und 12. Jahrhundert hatte sich bei den byzantinischen Kaisern die Tradition herausgebildet, den Patriarchen von Konstantinopel Stücke aus der eigenen kaiserlichen Festgarderobe zu schenken. Zu diesen Gaben zählte die Dalmatik – ein im Vergleich zur Tunika weiter, kurzer Überwurf mit ebenso weiten Ärmeln. Sie wurde nach dem Vorbild von Gewändern aus den dalmatinischen Provinzen geschneidert und später Teil des zeremoniellen Kostüms des Basileus.
Bezeichnend ist, dass die Patriarchen nach Erhalt dieses kaiserlichen Stücks nicht damit prahlten.
Der heilige Filaret von Moskau schreibt, dass die byzantinischen Ersthierarchen die Dalmatik aus eben jener Demut in Sakkos umbenannten – wörtlich „härenes Gewand“ –, damit das neue Gewand nicht wie eine Anmaßung kaiserlicher Ehre aussah. Solch eine exemplarische Geste bischöflicher Bescheidenheit also.
In der Russischen Orthodoxen Kirche taucht der Sakkos erst im 15. Jahrhundert auf, und anfangs besitzt allein der Metropolit das Recht, ihn zu tragen. Ein Jahrhundert später wird er zum Gewand des Patriarchen, und seit Beginn des 18. Jahrhunderts wird er von allen Bischöfen ohne Ausnahme getragen. Der Weg vom kaiserlichen Geschenk zur allgemeinen bischöflichen Norm nahm beinahe sechs Jahrhunderte in Anspruch. Im Grunde erinnert der bischöfliche Sakkos, den der Bischof heute vor dem Gottesdienst anlegt, an eine kaiserliche Garderobe, von der es längst keinerlei Spur mehr gibt.
Das Schicksal der Krone
Und der letzte Gegenstand der Gewandung mit dem unerwartetsten Schicksal – die Mitra. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts trug im orthodoxen Osten die Mitra in der uns vertrauten Gestalt nur ein einziger Erzhirte – der Patriarch von Alexandrien. Dann geschah das, was das ganze Gefüge des kirchlichen Lebens der Rhomäer veränderte: 1453 fiel Konstantinopel unter den Schlägen der osmanischen Truppen. Das Reich, das tausend Jahre lang die griechische Orthodoxie verkörpert hatte, bestand nicht mehr. Und da begann, wie die Erforscher der kirchlichen Gewänder anmerken, der Patriarch von Konstantinopel die Kopfbedeckung, die in ihrer Form die kaiserliche Krone nachbildete, auf sich zu legen.
Schwer zu behaupten, dass jemand diese Geste bewusst als Manifest der bekennenden Kirche geplant hätte. Doch die Geschichte spricht für sich: Das einzige verbliebene Haupt der orthodoxen Rhomäer – nach dem Kaiser – erwies sich als der Vorsteher der Kirche.
Niemand sonst war mehr da, um den kaiserlichen Kranz zu tragen – und der Patriarch setzte ihn sich auf, ohne dabei die kaiserliche Gewalt anzunehmen, die diese Kopfbedeckung einst versinnbildlichte. Später werden sich auch andere Erzhirten die Mitra zu eigen machen.
So füllte sich die Kleidung der Bürger des Reiches – der Mantel des Wanderers, das Tuch zum Abwischen des Gesichts, die kaiserliche Dalmatik, der kaiserliche Kranz – mit einem anderen Sinn. Jetzt wird sie angelegt, um Gott zu dienen.
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