„Frauen verstehen nicht, worauf sie sich einlassen“ – Autorin Birgit Kelle
„Frauen verstehen nicht, worauf sie sich einlassen“ – Autorin Birgit Kelle. Illustration: UOJ
Auf dem internationalen Kongress „Kinder und Kommerz“ in Berlin, bei dem ethische, rechtliche und soziale Folgen der Leihmutterschaft diskutiert wurden, wurden alarmierende Einschätzungen zur aktuellen Entwicklung dieser Branche geäußert.
Zu den Teilnehmerinnen gehörte die deutsche Publizistin und Journalistin Birgit Kelle, Autorin des Buches „Ich kauf mir ein Kind: Das unwürdige Geschäft mit der Leihmutterschaft“, in dem sie den globalen Markt der Leihmutterschaft analysiert und seine kommerzielle Dimension kritisch beleuchtet.
Frau Birgit Kelle, deutsche Buchautorin (die bekanntesten Werke „Gendergaga“ und „Ich kauf mir ein Kind“), ist zudem als Publizistin tätig. Sie schrieb für „The European. das Debatten-Portal“, „Die Welt“, „Focus“, „Bayernkurier“, „Die Weltwoche“ sowie für überwiegend konservative Medien wie das Online-Portal kath.net, „Die Freie Welt“, „Die Tagespost“ und die „Katholische Sonntagszeitung für Deutschland“. Außerdem tritt Frau Kelle regelmäßig bei Symposien, Kongressen und Veranstaltungen als Rednerin und Expertin auf.
In ihrer Arbeit weist sie insbesondere auf Länder Osteuropas, darunter auch die Ukraine, hin, die zu wichtigen Zentren dieser Industrie geworden sind. Vor dem Hintergrund von Krieg und Migration geraten immer mehr Frauen in eine wirtschaftlich schwierige Lage – und werden damit zu potenziellen Zielgruppen für solche Programme.
Im Interview mit der UOJ erklärt Birgit Kelle, warum Leihmutterschaft ihrer Ansicht nach längst über eine private medizinische Dienstleistung hinausgeht und Teil eines globalen Marktes geworden ist, der sich weitgehend der staatlichen Kontrolle entzieht.
Die Expertin betont, dass wirtschaftliche Not eine zentrale Rolle spielt und Frauen besonders anfällig für solche Angebote macht.
UOJ - Besteht ein Risiko für ukrainische Frauen?
Autorin Birgit Kelle - Ukrainische Frauen, die in schwierigen Situationen leben, haben oft nur sehr wenige Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Viele haben keine Ausbildung und wissen nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt sichern können. Wenn man einer solchen Frau 5000–6000 Euro anbietet, ist das für sie sehr viel Geld. Frauen haben oft keine Chancen und nehmen solche Angebote an, ohne zu verstehen, was sie wirklich tun.
Nach ihren Worten liegt das Hauptproblem darin, dass viele Frauen die Tragweite ihrer Entscheidung nicht erkennen.
- Verstehen die Frauen, worauf sie sich einlassen?
- Frauen treffen diese Entscheidung, ohne zu verstehen, was das persönlich für sie bedeutet.
Und wenn sie einmal in diesem System sind, können sie nicht mehr aussteigen.
Kelle unterstreicht, dass das Thema bewusst aus der öffentlichen Diskussion herausgehalten wird.
- Warum wird darüber so wenig gesprochen?
- Das ist ein sehr diskretes Thema. Man versucht, die Probleme – sowohl gesundheitliche Risiken als auch ethische Fragen – vollständig aus der Diskussion herauszuhalten.
Wir sprechen oft nur über die Wünsche von Erwachsenen, ein Kind zu bekommen, aber nicht über die Probleme.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Vertragssystem, das Frauen zum Schweigen verpflichtet.
- Warum sprechen Frauen nicht offen darüber?
- Frauen unterschreiben Verträge, die ihnen verbieten, über ihre Tätigkeit zu sprechen.
Sie bleiben anonym und können öffentlich nicht darüber reden, weil sie sonst den Vertrag verletzen würden. Dann riskieren sie Konsequenzen und sind weiterhin auf Geld angewiesen.
Dadurch entsteht laut der Expertin ein verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit.
- Gibt es negative Folgen?
- Wir hören sehr wenig über negative Folgen. Nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil die Frauen nicht darüber sprechen.
Gleichzeitig betreffen die Folgen nicht nur die Frauen, sondern auch die Kinder.
- Was passiert mit den Kindern?
- Die meisten Kinder sind noch sehr jung und wissen nicht einmal, dass sie auf diese Weise geboren wurden.
Sie können ihre psychischen oder gesundheitlichen Probleme nicht erklären und bringen sie damit nicht in Verbindung.
Besonders besorgniserregend ist laut Kelle die mögliche Beteiligung krimineller Strukturen.
- Gibt es kriminelle Aspekte?
- Wir wissen, dass sogar Pädophile Kinder bestellt haben.
Das bedeutet, dass man davon ausgehen muss, dass organisierte Kriminalität in diesen Markt eingebunden ist.
Ein zentrales Problem ist der internationale Charakter dieser Industrie.
- Warum ist es so schwer, ihn zu kontrollieren?
- Wir haben es mit einem globalen Markt zu tun, der nicht in einem einzigen Land stattfindet.
Ein Teil passiert hier, ein anderer dort.
Welche Behörde soll das überhaupt untersuchen?
Die Zuständigkeiten enden an den Grenzen.
Deshalb fordert die Expertin strengere internationale Maßnahmen.
- Was müsste sich ändern?
Es braucht ein universelles Verbot. Es sollte unabhängig vom Land illegal sein.
Derzeit können Menschen ins Ausland gehen, ein Kind bekommen und problemlos zurückkehren.
Abschließend richtet sie eine klare Botschaft an die Frauen selbst.
- Was würden Sie den Frauen sagen?
- Ich würde Frauen davon abraten. Sie können die Konsequenzen nicht einschätzen.
Sie gehen große gesundheitliche Risiken ein. Und sie müssen ihr Leben lang damit leben, dass sie ihr eigenes Kind abgegeben haben.
Fazit
Wie aus dem Interview mit Birgit Kelle hervorgeht, ist Leihmutterschaft längst Teil eines globalen Marktes geworden, in dem wirtschaftliche Not, rechtliche Grauzonen und ethische Fragen eng miteinander verflochten sind.
Trotz der wachsenden Dimension dieser Industrie bleibt sie in weiten Teilen der öffentlichen Wahrnehmung unsichtbar.
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