Alexander Kissler kritisiert politische Ausrichtung der Kirchen
Publizist wirft der katholischen und der evangelischen Kirche vor, ihren geistlichen Auftrag zugunsten politischer Stellungnahmen zu vernachlässigen.
In seiner werktäglichen Videokolumne „Kissler Kompakt“ auf der Nachrichtenplattform NIUS kritisiert der Publizist Alexander Kissler am 9. Oktober 2026 die aus seiner Sicht zunehmende Politisierung der beiden großen Kirchen in Deutschland. Katholische und evangelische Kirche hätten ihren religiösen Auftrag verengt und seien zu „Lautsprechern der sogenannten politischen Mitte“ geworden. Statt Erlösung und Seelenheil in den Mittelpunkt zu stellen, böten sie etablierten politischen Kräften religiösen Rückhalt.
Der renommierte Buchautor und Journalist Alexander Kissler, der vor seinem Wechsel zu NIUS unter anderem für NZZ, Cicero, Focus, Süddeutsche Zeitung und FAZ tätig war, sieht Parallelen zwischen dem Vertrauensverlust der Kirchen und dem Niedergang der traditionellen Volksparteien: „Die alten Volksparteien sind keine Volksparteien mehr, und den Kirchen kommt ihr Glaubensvolk abhanden.“ Beide Entwicklungen verliefen parallel, Austrittszahlen und der Rückgang der Sakramente sprächen eine deutliche Sprache. Über die Kirchen und die Politik urteilt er zudem: „Thron und Altar [würden] nur noch moralisch plappern auf die erwartbarste Weise.“
Als Beispiel nennt Kissler den Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, der bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe vor der AfD gewarnt hatte. Wilmer hatte der Partei vorgeworfen, die Grundwerte des Zusammenlebens infrage zu stellen. Kissler kritisiert, der katholische Bischof betreibe damit das politische Geschäft von CDU, CSU, SPD und Grünen. Zugleich wirft er Wilmer vor, die Einstufung der AfD durch den Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem unkritisch zu übernehmen und andere politische Entwicklungen nicht mit vergleichbarer Schärfe zu thematisieren.
Grundsätzlich fordert der Publizist eine stärkere Konzentration der Kirchen auf ihre geistliche Aufgabe. „Die Kirche muss Anwalt der Seelen sein, nicht Pressesprecher der Herrschenden“, erklärt Kissler. Zugleich wirft er den politischen Eliten vor, selbst zur Schwächung der Demokratie beizutragen. Als Beispiele nennt er den Ausschluss von Kandidaten vor Wahlen und Einschränkungen von Oppositionsrechten. Die Kirche dürfe nicht zur Sprecherin der politischen Macht werden, sondern müsse sich auf ihren Auftrag für das Seelenheil konzentrieren.
Auch die Predigt des Osnabrücker Bischofs Dominicus beim Gottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit stößt bei Kissler auf Ablehnung. Die Aussagen über Haltung, Zusammenhalt sowie den Widerstand gegen Spaltung und Polarisierung seien für ihn inhaltsleere politische Floskeln. Er bezeichnet sie als „absurdes Wortgeklingel“ und wirft den „Kirchensteuerkirchen“ vor, mit solchen Stellungnahmen ihre Glaubwürdigkeit weiter zu verspielen.
Die UOJ berichtete zuvor, dass der emeritierte Wiener Kardinal Schönborn in einem Interview die hohe Zahl von Kirchenaustritten beklagt und sich gegen staatliche Eingriffe beim Kinderkopftuch ausspricht.
