Bischof Irenei warnte vor einem verkürzten Umgang mit den Kirchenvätern
ROKA-Bischof fordert dazu auf, die Schriften der Väter vollständig, langsam und im Gebet zu lesen.
Bischof Irenei von London und Westeuropa von der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) hat in einer neuen geistlichen Betrachtung über den verantwortungsvollen Umgang mit den Schriften der Kirchenväter gesprochen. Er warnte davor, einzelne Zitate aus ihrem Zusammenhang zu lösen und dadurch den Eindruck eines Verständnisses zu erwecken, das sich bei einer Lektüre des gesamten Textes nicht bestätigen lasse. Stattdessen sollten orthodoxe Christen die vollständigen Schriften der Väter lesen und sich von deren gesamter geistlicher Stimme prägen lassen. Das Video wurde am 29. September 2026 in englischer Sprache auf dem YouTube-Kanal „Patristic Nectar“ veröffentlicht.
Bischof Irenei bezeichnete das Herausgreifen einzelner Sätze oder Abschnitte als eine besondere Versuchung der heutigen Zeit. Gerade das Internet und Programme, die große Mengen von Texten durchsuchen und thematisch passende Passagen herausfiltern können, erleichterten es, gezielt Zitate zu Themen wie Keuschheit oder Priestertum zu sammeln. Dadurch könne jedoch ein falsches Gefühl entstehen, man kenne die Lehre eines Kirchenvaters, obwohl der größere Zusammenhang und die eigentliche Argumentation des Autors unbekannt blieben.
Als Beispiel nannte der Bischof das bekannte Wort des heiligen Athanasius des Großen: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde.“ Bei einer Vorlesung über die Kirchenväter habe er seine Zuhörer gefragt, wer den Satz kenne. Alle hätten ihn erkannt, doch niemand habe sagen können, was Athanasius unmittelbar davor oder danach geschrieben habe. Für Bischof Irenei zeigt dies, dass ein noch so schöner und geistlich bedeutender Satz nicht losgelöst von dem Gespräch und dem theologischen Zusammenhang verstanden werden könne, in dem ihn der Kirchenvater formuliert habe.
Daher empfahl Bischof Irenei, die Texte der Kirchenväter vollständig zu lesen – von der ersten bis zur letzten Seite – und der Versuchung zu widerstehen, sich lediglich im Internet einzelne Zitate oder Kommentare zu einer bestimmten Passage herauszusuchen. Auch kürzere Schriften verdienten eine aufmerksame und sorgfältige Lektüre über längere Zeit. Ziel des patristischen Lesens sei nicht, die Kirchenväter zur Bestätigung der eigenen Auffassungen zu benutzen, sondern sich von ihrer Stimme prägen zu lassen, sodass das eigene Denken und die eigene Ausdrucksweise zunehmend von ihrem Zeugnis geformt würden.
Bischof Irenei verwies zugleich darauf, dass der Zugang zu den vollständigen patristischen Schriften heute wesentlich leichter sei als in früheren Zeiten. Moderne Technik ermögliche es, zahlreiche Texte in der eigenen Sprache zu finden. Diese sollten langsam, sorgfältig und im Gebet gelesen werden, nicht um daraus einzelne Argumente für einen bestimmten Zweck zu gewinnen, sondern um den geistlichen Gehalt der Schriften aufzunehmen. Der Leser solle es den Kirchenvätern erlauben, zu ihm zu sprechen und sein Denken und sein geistliches Leben zu formen.
Die UOJ berichtete zuvor, dass Metropolit Nikolaj und Bischof Irenei das Hochfest der Kreuzerhöhung in der Genfer Kathedrale der ROKA feierten.
