Der unsterbliche Dirigent

Die Überlieferung beschreibt die Kirche als einen einzigen Chor, in dessen Mitte er Heilige Geist wirkt (Collage: UOJ)
Stellen wir uns vor, ein Komponist hat ein Meisterwerk geschaffen und es mit einem Chor von zwölf Sängern eingeübt. Um es für die Nachwelt zu erhalten, hat er dem Chor einen Dirigenten gegeben, unter dessen Leitung die Partitur von leitenden Sängern aufgezeichnet wurde. Die Sänger sterben und wechseln über die Jahrzehnte und Jahrhunderte, nur der Dirigent bleibt derselbe. Er ist unsterblich.
Aber um das Stück richtig singen zu können, müssen die Sänger auch von ihren Vorgängern und Kollegen lernen. Gleichzeitig geht es unter den Chormitgliedern nicht immer harmonisch zu. Immer wieder gibt es auch Einzelne, die mit dem Chor unzufrieden sind und ihn verlassen. Manche von ihnen gründen ein eigenes Ensemble und führen etwas auf, das sie für besser als das ursprüngliche Werk halten.
Später kommen Leute hinzu, die nie Teil des Chores waren und von der bloßen Partitur zu singen versuchen. Auch bei ihnen kommt etwas anderes heraus, als der Komponist ursprünglich geschaffen hat, obschon man die Ähnlichkeit noch hört und in vielem den Komponisten wiedererkennen kann.
Der unsterbliche Dirigent bleibt die ganze Zeit über beim ursprünglichen Ensemble. Die anderen Ensembles schauen sich gelegentlich von ihm ab, wie sie eigentlich zu singen haben. Aber ihnen fehlt der Zusammenhang, die Tradition und die Gemeinschaft des ersten Chors.
Der Chor der Erlösten und das Lied Jesu Christi
Der Komponist ist Gott. Der Chor ist die apostolische Kirche. Der unsterbliche Dirigent ist der Heilige Geist. Dieses Sinnbild des Chors ist so alt wie die Kirche selbst. In der Offenbarung des Johannes lesen wir:
Und sie singen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier lebendigen Wesen und den Ältesten; und niemand konnte das Lied lernen als nur die 144 000, die von der Erde erkauft waren. (Offb 14,3)
Glieder des Chors sind also grundsätzlich diejenigen, die Christus mit seinem Blut aus der Gefangenschaft des Bösen erkauft hat:
Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast durch dein Blut Menschen für Gott erkauft aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation. (Offb 5,9)
Mit dem „neuen Lied“ ist nicht etwa gemeint, dass wir Gott immer neue Lieder zu singen haben. Es ist vielmehr, wie der selige Augustinus sagt, das ewige Lied des Neuen Bundes und des neuen, erlösten Menschen. Der heilige Ignatius von Antiochia, der selbst eine Generation nach den Aposteln lebte und ein Nachfolger des Petrus auf dem bischöflichen Thron von Antiochia war, schreibt in seinem Brief an die Gemeinde von Ephesus:
Deshalb ertönt in eurer Einmütigkeit und zusammenklingenden Liebe das Lied Jesu Christi. Auch Mann für Mann sollt ihr zum Chor werden, damit ihr in Eintracht zusammenklingt, Gottes Melodie in Einigkeit aufnehmt und einstimmig durch Jesus Christus dem Vater singt, auf dass er euch höre und aus euren guten Werken euch erkenne als Glieder seines Sohnes.
Was Ignatius beschreibt, ist nicht nur eine Metapher. Es ist liturgische Realität. Die Kirche ist eine singende Versammlung. Ihr Gottesdienst wird von der menschlichen Stimme getragen, denn die orthodoxe Liturgie kennt keine Instrumente.
Ein Chor ist zudem Einheit. Viele Stimmen, hohe und tiefe, junge und alte, verbinden sich zu einem Klang. Keine verschwindet darin, aber ebenso steht auch keine für sich allein. In den Gebeten der Chrysostomos-Liturgie bitten wir darum, Gott „mit einem Munde und einem Herzen“ zu verherrlichen.
All dies geschieht unter der Leitung des Heiligen Geistes, den Christus den Seinen hinterlassen hat mit der Verheißung, dass er sie „in alle Wahrheit einführen“ werde (Joh 16,13). Doch wem wurde der Geist verliehen? Und wie wirkt er in der Kirche?
Der apostolische Ursprung des Chors
Aufschluss hierüber gibt uns der heilige Clemens von Rom († Ende des 1. Jh. n. Chr.), der wie Ignatios zu den apostolischen Vätern gezählt wird und in der Nachfolge des Petrus Bischof von Rom war. Sein Brief an die Gemeinde von Korinth ist eines der frühesten Dokumente der Urkirche:
Die Apostel empfingen die frohe Botschaft für uns vom Herrn Jesus Christus; Jesus, der Christus, wurde von Gott gesandt. Christus kommt also von Gott, und die Apostel kommen von Christus her; beides geschah demnach in schöner Ordnung nach Gottes Willen. Sie empfingen also Aufträge, wurden durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus mit Gewissheit erfüllt und durch das Wort Gottes in der Treue gefestigt, zogen dann mit der Fülle des Heiligen Geistes aus und verkündeten die Frohe Botschaft von der Nähe des Gottesreiches. So predigten sie in Stadt und Land und setzten ihre Erstlinge nach vorangegangener Prüfung im Geiste zu Bischöfen und Diakonen für die künftigen Gläubigen ein.
Die hier beschriebene Einsetzung von Bischöfen bzw. Presbytern und Diakonen finden wir bereits in der Apostelgeschichte (Apg 14,23 und 6,1–6). Diese Einsetzung geschah „mit der Fülle des Heiligen Geistes“ und „nach vorangegangener Prüfung“ durch denselben Geist.
Nun hatten sich einige eifrige Laien in der Gemeinde von Korinth gegen die dort rechtmäßig eingesetzten Bischöfe aufgelehnt und versucht, die Leitung zu übernehmen. Clemens weist sie auf liebevolle und väterliche Weise zurecht und ermahnt sie, den Nachfolgern der Apostel als Leitern der Gemeinde gehorsam zu sein:
Auch unsere Apostel wussten durch unseren Herrn Jesus Christus, dass es Streit geben würde um das Bischofsamt. Aus diesem Grunde nun setzten sie, da sie genauen Bescheid im Voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben hernach Anweisung, es sollten, wenn sie stürben, andere erprobte Männer deren Dienst übernehmen. Dass nun diese […] vom Dienst abgesetzt werden, halten wir nicht für recht. Denn es wird für uns keine kleine Sünde sein, wenn wir die, die untadelig und fromm die Opfergaben darbrachten, vom Bischofsamt absetzen.
Das Prinzip der Nachfolge im Bischofsamt, das Clemens hier zugrunde legt und nicht nur auf die Apostel, sondern auf Christus selbst zurückführt, ist heute bekannt als Apostolische Sukzession. Es wird im 2. Jh. n. Chr. bei Irenäus von Lyon und später bei Eusebios von Cäsarea ausgeführt, wobei für die Gemeinden Listen über die jeweiligen apostolischen Nachfolger im Bischofsamt erstellt werden.
Die Bischöfe sind demnach die führenden Stimmen des Chores, um im Bilde zu bleiben, so wie es zu ihrer Zeit die Apostel waren. Auch das ist schon beim heiligen Ignatius nachzulesen, der vor der schon zitierten Stelle in seinem Brief an die Epheser schreibt:
Daher geziemt es sich euch, mit dem Sinn des Bischofs einig zu laufen, was ihr ja auch tut. Denn euer Gottes würdiges Presbyterium, das seinen Namen mit Recht trägt, ist mit dem Bischof so verbunden wie Saiten mit einer Zither. Deshalb ertönt in eurer Einmütigkeit und zusammenklingenden Liebe das Lied Jesu Christi.
Die Heilige Schrift als Partitur
Wenn die Kirche ein Chor ist und der Lobgesang des Neuen Bundes, das Lied Jesu Christi ihr Gesang, dann ist die Heilige Schrift die Partitur. Sie wurde von den Aposteln und Evangelisten als den führenden Kantoren niedergeschrieben. Damit ist sie aber nicht das ‚Gründungsdokument‘ des Chors, sondern sein Erzeugnis, das ebenso wie der Gesang selbst vom Heiligen Geist inspiriert ist.
Die Kirche gründet sich nicht auf ein Buch, vielmehr ist die Bibel der schriftliche Ausdruck der vom Geist erfüllten Überlieferung. Die erste Gemeinde in Jerusalem hielt fest an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und an den Gebeten (Apg 2,42), lange bevor das letzte Evangelium niedergeschrieben war. Lukas leitet sein Evangelium damit ein, dass er aufschreibe, was die Augenzeugen und Diener des Wortes von Anfang an überliefert haben (Lk 1,2).
Das mindert den Rang der Schrift nicht. Die Partitur ist unverzichtbar. Ohne sie würde das Werk im Lauf der Jahrhunderte verwischen und jeder könnte sich auf seine eigene Erinnerung berufen. Sie ist der Maßstab, an dem jede Aufführung gemessen wird. Aber sie gehört dem Chor, in dem sie entstanden ist. Um sie im Sinne ihres göttlich inspirierten Ursprungs zu interpretieren, ist es nötig, in der ungebrochenen Nachfolge der Apostel und in der lebendigen Überlieferung des ursprünglichen Chors zu stehen.
Wer je in einem Chor gesungen hat, weiß, dass die Noten nicht alles sagen. Wo geatmet wird, wie lang ein Schlusston klingt, wie leise ein Piano in diesem Raum sein darf, wie sich die eigene Stimme in die der anderen fügt, all das steht in keiner Partitur. So gibt es, wie der heilige Basilios sagt, in der kirchlichen Überlieferung Dinge, die nicht aufgeschrieben sind und doch von den Aposteln herkommen (etwa das Zeichen des Kreuzes oder das Gebet nach Osten).
Man lernt diese Dinge, indem man sich gehorsam, ja im wörtlichen Sinne horchend, in die Vielstimmigkeit des Chors einfügt und sich von den anderen, insbesondere den führenden Stimmen, leiten und mittragen lässt.
Die zusammenklingende Liebe
Dafür ist vor allem das notwendig, was den Aufrührern in der Gemeinde von Korinth offenbar fehlte und was der heilige Ignatios bei den Ephesern als „Einmütigkeit und zusammenklingende Liebe“ lobend hervorhebt.
Ein Ensemble, in welchem jeder Einzelne nur für sich selbst singt und stur auf seiner Interpretation der Partitur beharrt, wird nicht als harmonisch wahrgenommen werden. Deshalb betont der heilige Clemens gegenüber den Korinthern die Notwendigkeit der Demut und gegenseitigen Unterordnung, vor allem gegenüber den rechtmäßig eingesetzten Bischöfen bzw. Presbytern.
Einmütigkeit und Liebe sind nicht immer leicht zu verwirklichen, wie an der Gemeinde von Korinth und unzähligen Beispielen der Geschichte bis in unsere Tage deutlich wird. Im schlimmsten Fall kann es zu einer Spaltung kommen, bei der sich eines oder mehrere Glieder des Chors verselbständigen und ein eigenes Ensemble gründen – mit dem Anspruch, die ursprüngliche Weise des Gesangs zu erhalten.
Gerade die führenden Stimmen sind anfällig für diese Art von Eigensinn, wie das Beispiel des Papsttums in der Geschichte zeigt. Der Bischof von Rom als Nachfolger eines Koryphaios (Chorführers), wie Petrus und Paulus in der östlichen Tradition genannt werden, erlag der Versuchung, sich selbst zum alleinigen Maßstab für die rechte Interpretation des Liedes Jesu Christi zu machen.
Eine andere Versuchung besteht darin, die Partitur zur einzigen Richtschnur zu erklären – ein Ansatz, der dem protestantischen Sola Scriptura-Prinzip zugrunde liegt –, wo doch die Partitur ohne den lebendigen Zusammenhang der Überlieferung höchst unterschiedlich interpretiert werden kann. Der heilige Justin von Celije, ein echter Kirchenvater unserer Zeit, hat insofern Recht, wenn er den Protestantismus selbst als eine Form des Papismus bezeichnet. Mit dem Unterschied, dass hier der Alleinvertretungsanspruch von einem Bischof auf den einzelnen Gläubigen übertragen wird.
Der eine Dirigent
Dennoch ist das Wirken des unsterblichen Dirigenten menschlich nicht zu ermessen oder zu begrenzen. Der Geist weht, wo er will (Joh 3,8). Er bleibt beim ursprünglichen Chor, aber er ist nicht an dessen Mauern gebunden. Wo Menschen außerhalb der sichtbaren Grenzen der Kirche das Lied Jesu Christi in Ehrfurcht und Liebe zu singen bemüht sind, wird etwas von seiner Leitung sichtbar. Manches Ensemble hat dem Dirigenten mehr abgeschaut, als den Menschen selbst bewusst ist. Die Kirche kann sagen, wo der Chor ist. Wo der Dirigent nicht wirkt, kann sie nicht sagen.
Das ändert nichts an der Überzeugung, dass die orthodoxe Kirche der vom Herrn begründete Chor ist und dass nur in ihr der vollständige Lobgesang seines Heilswerks so gesungen und gehört wird, wie er ursprünglich komponiert wurde. Doch diese Überzeugung ist vor allem als Einladung zu verstehen. Als der verlorene Sohn zum Vater heimgekehrt ist, feiert dieser ein Fest für ihn mit „Musik und Chorreigen“ (symphōnías kai chorōn, Lk 15,25). Das ist die Harmonie der zusammenklingenden Liebe der Heiligen, die bei der Heimkehr eines jeden in den Chor der Orthodoxie erklingt.
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