Eine Fassade aus Knochen und eine Fassade aus Licht

Die Sagrada Família. Foto: UOJ

Die Sagrada Família. Foto: UOJ

Am Montag, dem 7. Juni 1926, verließ ein älterer Mann in einem abgetragenen Anzug die Werkstatt neben der unvollendeten Kirche. Wie jeden Tag machte er sich auf den Weg zur Kirche Sant Felip Neri. Auf der Straße wurde er von einer Straßenbahn angefahren. Drei Tage später starb er im Krankenhaus.

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Wir stehen vor zwei Abgründen: dem wilden Wirbelwind Michelangelos und dem sanften Blick des ehrwürdigen Andreas. Zwei Gesichter Christi – zwei Wahrheiten, die wir in den Feuern der Prüfungen erforschen werden.

Am Samstag zog der Trauerzug durch die ganze Stadt zu jener Kirche, in der er die letzten Monate gelebt hatte. Der katalanische Journalist Luis Carreras schrieb am nächsten Tag: „Am Montag ging er allein von dort fort. Am Samstag kehrte er zurück – begleitet von einem ganzen Volk.“

Dieser Mann war Antonio Gaudí. Er wurde in der Krypta der Sagrada Família, der Kirche der Heiligen Familie, beigesetzt. Damals ragte über seinem Grab erst ein einziger fertiggestellter Turm auf.

Ein Baum statt eines Lehrbuchs

Der Grundstein der Kirche wurde am 19. März 1882 nach dem Entwurf eines anderen Architekten, Francisco de Paula del Villar, gelegt. Ein Jahr später übernahm der dreißigjährige Gaudí die Baustelle. Von den 48 Jahren, in denen er als Architekt tätig war, widmete er 43 dieser Kirche. In seinen letzten Jahren nahm er keine anderen Aufträge mehr an; seit November 1925 übernachtete er auf der Baustelle.

Gaudí lernte nicht nur bei den großen Architekten. Seine Schüler erinnerten sich daran, wie er auf einen Baum zeigte und hinzufügte: „Dieser Baum neben meiner Werkstatt ist mein Lehrer!“

Gaudí betrachtete die Natur als ein Buch des Schöpfers. Wenn Gott Bäume so geschaffen hat, dass sie schwere Kronen tragen, kann sich auch eine Säule in der Kirche wie ein Stamm verzweigen. Wenn sich eine Muschel spiralförmig windet, kann auch eine Treppe so gebaut werden. Die Gewölbe berechnete er ebenfalls auf ungewöhnliche Weise: Er hängte Schnüre mit Gewichten auf und betrachtete anschließend ein umgedrehtes Foto dieses Netzes.

Fotoporträt von Antonio Gaudí. Quelle: Wikipedia

Viele seiner schöpferischen Lösungen wirken fließend, beinahe lebendig. Tatsächlich setzen sie sich aus geraden Linien zusammen. Gaudí gehörte zu den ersten Architekten, die Formen verwendeten, die Mathematiker Hyperboloide und Paraboloide nennen.

Eine Eselin unter der Decke der Werkstatt

Als Erstes errichtete Gaudí die östliche Fassade zu Ehren der Geburt Christi. Alles an ihr atmet festliche Freude.

Geburtsfassade. Quelle: Barcelona Tickets

Für die Skulpturen suchte er lebende Modelle, fotografierte sie und nahm direkt von ihren Körpern Gipsabdrücke. Für die Szene des Kindermords wurden Abdrücke von Babys genommen, die bei der Geburt gestorben waren und aus dem Krankenhaus gebracht wurden. Die Eselin für die Flucht nach Ägypten musste man mit Gurten unter dem Bauch hochheben. Der Überlieferung nach widersetzte sich das Tier und wollte nicht für die Menschen posieren.

Wenn man den Blick zu den Säulen am Eingang hebt, kann man Schildkröten entdecken. Die Säule des Josef trägt eine Meeresschildkröte, die zum Meer schaut. Die Säule der Maria trägt eine Landschildkröte auf der Seite der Berge. Nach Angaben der Stiftung, die den Bau betreut, scheinen Schildkröten und Chamäleons an der Fassade hinabzukriechen und vor dem Bösen zu fliehen.

Zu Gaudís Lebzeiten wurde hier nur der Glockenturm des heiligen Barnabas fertiggestellt, und zwar 1925. Alles Übrige überließ er seinen Nachfolgern.

Eine Fassade aus Knochen

Die westliche, dem Sonnenuntergang zugewandte Fassade ist der Passion Christi gewidmet. Nach Gaudís Vorstellung sollte sie erschreckend wirken, als wäre sie aus Knochen zusammengesetzt.

Passionsfassade. Quelle: Sagrada Familia Tickets

Mit dem Bau wurde erst 1954 begonnen; seit 1986 schuf Josep Maria Subirachs die Skulpturen. Sein Stil bildet einen starken Kontrast zur gegenüberliegenden Fassade.

Man sieht kantige Figuren und grob behauene Gesichter; von Feierlichkeit ist nicht einmal ein Schatten zu erkennen. Der Architekt tat dies bewusst, denn der Tod ist niemals schön.

Passionsfassade. Quelle: Sagrada Familia Tickets

Bleiben wir einen Moment bei der Skulpturengruppe mit der heiligen Veronika stehen. Auf dem Tuch, das sie hält, ist das Antlitz Christi als konkaves Relief eingemeißelt. Wohin man sich auch stellt, es scheint, als blicke er einen direkt an. Einer der Evangelisten auf der linken Seite trägt Gaudís Gesichtszüge. Die Szene mit dem Judaskuss enthält ein magisches Quadrat: In jeder Richtung ergibt die Summe der Zahlen 33 – das Alter Christi während seines irdischen Lebens.

Der geduldige Bauherr

Warum ließ Gaudí sich beim Bau seines architektonischen Meisterwerks Zeit? Er sagte einen Satz, den heute alle Stadtführer Barcelonas wiederholen: „Mein Bauherr hat keine Eile.“

Die überlieferten Worte Gaudís, die seine Schüler festgehalten haben, klingen noch eindringlicher: „Ich weiß, dass der persönliche Geschmack der Architekten, die nach mir kommen, den Bau beeinflussen wird … Große Kirchen waren nie das Werk eines einzigen Architekten.“

Er wusste, dass er für die Nachwelt arbeitete. Die von ihm geschaffene Fassade der Kirche wurde zum Vorbild, an dem seine Nachfolger den Entwurf des Genies erkennen konnten. Dafür fertigte Gaudí zahlreiche Gipsmodelle der Skulpturen an und bereitete Zeichnungen vor.

Bald zeigte sich, dass dies eine kluge Entscheidung gewesen war. 1936 wurde die Werkstatt verwüstet. Zeichnungen und Fotografien verbrannten, die Gipsmodelle wurden zerschlagen. Es schien, als sei der Entwurf des Architekten für immer verloren. Doch ab 1939 gingen die Arbeiten weiter: Die Architekten setzten die Bruchstücke der Modelle zusammen, untersuchten erhaltene Fotos und veröffentlichte Pläne. Und vor allem hatten sie die fertige Geburtsfassade vor Augen.

Gaudí war nicht der Erste, dessen Kirche von mehreren Generationen von Baumeistern errichtet wurde. Am Kölner Dom baute man mehr als sechs Jahrhunderte, am Mailänder Dom fast sechs. Doch die Sagrada Família ist eine der wenigen alten Kirchen, an denen bis heute weitergebaut wird.

Das Kreuz über der Stadt

Am 20. Februar 2026 hob ein Kran ein gewaltiges Kreuz mit einem Lamm in der Mitte auf die Spitze des zentralen Turms. Der Turm Jesu Christi erreichte damit seine endgültige Höhe von 172,5 Metern. Nun ist er der höchste Kirchturm der Welt.

Am 10. Juni 2026, genau hundert Jahre nach Gaudís Tod, segnete Papst Leo XIV. den Turm und eröffnete ihn. Er bezeichnete die Basilika als ein Werk, an dem noch gebaut wird.

Das Kreuz auf dem Hauptturm der Kirche. Quelle: Euronews

Etwas tiefer leuchtet seit einigen Jahren ein Stern über dem Turm der Gottesmutter. Der zwölfzackige Glasstern wurde erstmals am 8. Dezember 2021 erleuchtet.

Der Kirchenbau ist noch nicht abgeschlossen. Mit der Errichtung der südlichen Hauptfassade der Herrlichkeit wird gerade erst begonnen. Über die Gestaltung der Treppe davor beraten die Geistlichen der Kirche, die Stadtverwaltung und die Anwohner. Von den geplanten 18 Türmen sind vier noch nicht gebaut. Die Fertigstellung wird erst für die Mitte der 2030er-Jahre erwartet.

Die Kirche wird, wie Gaudí es vorgesehen hatte, aus Spenden gebaut. Sie wird als Sühnekirche bezeichnet – als ein Bauwerk, das aus der Frucht der Buße entstanden ist.

Zu den Spenden der Gläubigen kommen heute Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten an Millionen Touristen hinzu.

Generationen von Baumeistern

Gaudí starb, als über Barcelona erst ein Turm zu sehen war. Heute sind es bereits vierzehn. Dutzende Architekten, Bildhauer sowie Glas- und Steinhandwerker widmeten der Kirche ihr Leben – im Wissen, dass die Arbeit an die nächsten Generationen von Baumeistern weitergegeben würde.

Vielleicht liegt darin der verborgene philosophische Sinn der Sagrada Família als der berühmtesten Dauerbaustelle der Geschichte.

Der jahrhundertelange Bau einer heiligen Stätte erinnert daran, dass das Leben der Kirche länger währt als ein Menschenleben.

Jeder kann seinen Stein dazu beitragen, und das Gebäude selbst entsteht über Jahrhunderte. Gaudí begriff das früher als alle anderen. Deshalb baute er Gott ein irdisches Haus, damit auch spätere Generationen ihren Teil zu diesem gottgefälligen Werk beitragen können.

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