Theologie ausgetretener Schuhe

W. van Gogh. Gemälde „Schuhe“. Foto: UOJ

In einem der geräumigen Säle eines Museums in Amsterdam hängt ein Gemälde, auf dem zwei alte Schuhe auf dem Boden stehen. Ihre Schnürsenkel sind verknotet, die Schuhspitzen bis zu einem weißlichen Glanz abgetreten und die Sohlen mit getrocknetem Lehm bedeckt. Vincent van Gogh malte dieses Werk im Sommer 1886 in Paris und verwandelte damit einen gewöhnlichen Kleidungsgegenstand in ein eindringliches Zeugnis von der Schwere des menschlichen Lebens.

Schaffen inmitten regnerischer Viertel

Der Künstler kaufte das Paar Schuhe zu einem bescheidenen Preis auf einem Flohmarkt. François Gauzi, der gemeinsam mit dem Maler in einem Pariser Atelier studierte, erinnerte sich daran, dass die Schuhe recht gewöhnlich aussahen: klobig, aber sauber und von ihrem früheren Besitzer sorgfältig geputzt. Doch der Meister konnte mit dieser Gepflegtheit nichts anfangen.

Eines Nachmittags ging ein heftiger Regenguss nieder. Der Maler zog die gekauften Schuhe an und machte einen langen Spaziergang entlang der Stadtbefestigung. Klebriger Schmutz setzte sich im Leder fest, durchnässte die Nähte und blieb in den Falten der Schuhe hängen. Der Spaziergang verlieh dem Gegenstand einen einzigartigen Charakter. Auf diese Weise konnte der aufmerksame Künstler die Abnutzung der Schuhe darstellen, die durch schwere Arbeit entsteht.

Das abgetragene Leder der Schuhe bewahrt die Erinnerung an jeden Schritt ihres Besitzers. Das Fehlen des Menschen selbst auf dem Gemälde erzeugt seltsamerweise einen erstaunlichen Eindruck seiner Anwesenheit. Die Schuhe sind ausgezogen und an der Schwelle abgestellt, doch der Besitzer scheint nur für eine Minute vor die Tür gegangen zu sein. Die Beschaffenheit der Leinwand vermittelt die Rauheit des Materials so überzeugend, dass der Betrachter den Geruch von Feuchtigkeit und Schweiß eines erschöpften Handwerkers wahrzunehmen meint.

Malerische Erinnerung an die Bergwerke

Der aufmerksame Blick auf das abgetragene Leder führt den Betrachter weit fort von der französischen Hauptstadt in die arme belgische Region Borinage. Einige Jahre vor der Pariser Gemäldeserie lebte der junge Künstler unter den dortigen Bergarbeitern und stieg tief in die düsteren Stollen hinab, wo die Menschen tagelang in völliger Dunkelheit arbeiteten. Der Maler gab Kranken Geld, las ungebildeten Arbeitern das Evangelium vor und versuchte, bei den örtlichen Vorgesetzten Gerechtigkeit zu erwirken, wurde wegen seines übermäßigen Mitgefühls jedoch lediglich entlassen.

Beim Malen von Bildern mit bäuerlichen Gegenständen stützte sich der Meister auf seine früheren Erfahrungen. In einem Brief an seinen Bruder schrieb der Künstler über das Gemälde mit den Kartoffelessern, dass die darauf dargestellten, von der Arbeit gezeichneten Hände, die die feuchte Erde umgegraben hatten, nach der bescheidenen Speise greifen. Zwischen den schmerzenden Schwielen und dem Stück Brot besteht eine inhaltliche Verbindung.

Das Stillleben mit den Schuhen führt diesen Gedanken des Künstlers fort. Es bezeugt, dass ehrlich verdientes Brot mit abgelaufenen Füßen bezahlt wird.

Die Welt der Bergarbeiter hinterließ tiefe Spuren in der Seele des Malers. Der Abstieg in eine Tiefe von siebenhundert Metern, das Knacken der hölzernen Stützen, das erstickende Grubengas und die ständige Gefahr eines Einsturzes prägten seine besondere Haltung gegenüber körperlicher Arbeit. Van Gogh verstand es, auf seinen Gemälden den Kampf ums Überleben darzustellen. Der Mensch tritt jeden Tag in den Kampf mit den Naturgewalten, wenn er mit Spitzhacke und Lampe in die Tiefen der Erde hinabsteigt. Seine Schuhe fangen den Hauptschlag dieser Gewalten ab. Jeder Kratzer im Leder ist eine Narbe von der Verletzung durch unterirdisches Gestein. Jede Falte ist die Spur eines bis zum Äußersten gebeugten Knies. Beim Betrachten der Gemälde des Meisters sieht der Betrachter Abdrücke menschlicher Schicksale, die von einer unerträglichen Last erschöpft sind.

Philosophische Auseinandersetzungen vor der Leinwand

Jahrzehnte später wurde das bescheidene Paar Schuhe auf dem Gemälde zum Gegenstand einer intellektuellen Debatte. Ein deutscher Philosoph erkannte in der Leinwand einen Dialog zwischen einer Bäuerin und der verwundeten Erde. Ein Kunsthistoriker widersprach seinem Gegner und argumentierte, die Schuhe hätten dem Maler selbst und nicht einer erdachten Landarbeiterin gehört.

Die Intellektuellen stritten über das Materielle und ließen dabei das Wichtigste außer Acht. Im Bild der Schuhe tritt dem Betrachter das Bild eines einfachen Menschen entgegen, der sein Leben unter unerträglichen Mühen verbracht hat und dennoch für die ungerechte Geschichte unsichtbar geblieben ist.

Die Leinwand gibt dem Betrachter die Möglichkeit, sich die Biografie des Besitzers der abgetragenen Schuhe auszumalen. Doch dieses Gemälde besitzt auch eine theologische Dimension. Der Schöpfer blickt mit derselben Aufmerksamkeit auf die erschöpften menschlichen Schicksale, mit der der Meister den klebrigen Schmutz auf den Schuhen betrachtete. Die Barmherzigkeit des Schöpfers gilt denen, die sich bei der ehrlichen Erfüllung ihrer irdischen Berufung die Füße blutig gelaufen haben. Das abgetragene Leder wird zum Symbol verwandelten Leidens. Die Arbeit des Menschen findet, wie schwer und unbeachtet sie auch erscheinen mag, ihre Anerkennung in der Ewigkeit, in der nicht irdische Titel zählen, sondern das Maß des bei der täglichen Arbeit vergossenen Schweißes.

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