Das Geheimnis des nächtlichen Zweikampfs in der felsigen Schlucht
Kampf mit dem Engel. Foto: UOJ
Der Gebirgsfluss Jabbok durchschneidet die felsigen Schluchten des heutigen Jordanien und führt sein schnell fließendes Wasser dem Jordan zu. Heute trägt dieser Fluss den Namen Zarqa. Genau hier, an der alten Grenze Baschans, spielt sich eine der bewegendsten Szenen des Alten Testaments ab.
Der Patriarch Jakob unternimmt einen verzweifelten Schritt. Er bringt in der Nacht seine beiden Frauen, die Mägde, elf Söhne und die Reste seines Besitzes durch die Furt. Am Nordufer bleibt alles zurück, wofür er zwanzig Jahre bei seinem Onkel Laban gearbeitet hat. Vor ihm wartet sein Bruder Esau. Derselbe Esau, der einst geschworen hatte, Jakob wegen des geraubten Erstgeburtsrechts zu töten, und der seinem Feind nun an der Spitze einer Schar von vierhundert bewaffneten Reitern entgegenzieht.
Nachdem er seine Angehörigen hinübergebracht hat, kehrt Jakob zurück. Er bleibt völlig allein am kalten, steinigen Ufer. Der Patriarch muss beten. Angesichts des sicheren Todes muss er sich an den Schöpfer wenden. Doch statt eines stillen Gesprächs erscheint aus den nächtlichen Schatten ein Unbekannter. Ein schwerer Kampf beginnt, der bis zu den ersten Strahlen der Morgendämmerung dauert.
Unter den Füßen knirscht feuchter Kies, über dem Fluss liegt dichter Nebel. In der Stille der Schlucht sind nur stoßweises Atmen und das Knirschen des steinigen Bodens zu hören.
Der Kampf im nächtlichen Staub und der Gleichklang alter Wörter
Der althebräische Text des Alten Testaments schafft auf diesem kleinen Fleck Erde ein ganzes Geflecht von Gleichklängen. Der Name des Patriarchen selbst lautet Jaakow und geht auf den Begriff „Ferse“ oder „der Listige“ zurück. Der Fluss heißt Jabbok. Und das Verb, das den Zweikampf bezeichnet, lautet wajjeawək.
Alle drei Wörter beruhen auf demselben Fundament aus drei Buchstaben. Der Name des Menschen, der Name des Gebirgsflusses und der Zweikampf verschmelzen zu einem gemeinsamen sprachlichen Gewebe.
Die alte Wurzel „awak“ ist unmittelbar mit dem Wort „Staub“ verbunden. Im Verb selbst klingt das Aufwirbeln feiner Staubwolken an. Vor uns liegt tatsächlich ein enger Ringkampf, bei dem die Gegner einander umklammern und Staub aus dem trockenen Boden aufwirbeln.
Wer war dieser Unbekannte? In der russischen Synodalübersetzung steht das zurückhaltende Wort „jemand“. In der kirchenslawischen Bibel wird das Wort „Mann“ verwendet. Der Prophet Hosea schreibt in seinem Buch: „Als er aber herangewachsen war, rang er mit Gott. Er rang mit dem Engel und siegte“ (Hos 12,3–4).
Orthodoxe Theologen geben darauf eine tiefgehende christologische Antwort. Die meisten Kirchenväter – der heilige Johannes Chrysostomos, der selige Theodoret von Kyrrhos, der Märtyrer Justin der Philosoph und der heilige Athanasius der Große – sehen in diesem Zweikampf eine alttestamentliche Christophanie. Es handelt sich um eine Erscheinung des Sohnes Gottes vor Seiner irdischen Menschwerdung. Der selige Augustinus neigt dazu, darin die Erscheinung eines Engels zu sehen. Der Text der Heiligen Schrift bewahrt diese heilige Tiefe.
Warum lässt Gott sich besiegen und gibt dem Patriarchen einen neuen Namen?
Der Kampf dauert bis zum Morgengrauen. Als der mit Jakob Ringende sieht, dass dieser nicht nachgibt, verletzt Er durch eine Berührung dessen Hüftgelenk. Doch selbst mit ausgerenktem Gelenk löst Jakob seinen Griff nicht. Er spricht die Worte: „Ich lasse Dich nicht los, bis Du mich segnest.“
Der selige Theodoret von Kyrrhos stellt eine direkte Frage: Warum lässt sich der allmächtige Gott auf einen nächtlichen Kampf ein und erlaubt einem Menschen, Ihn festzuhalten? Der Heilige erklärt, dass der Herr den Sieg freiwillig überließ. Gott selbst stärkte Jakob, der sich vor seinem Bruder fürchtete. Durch dieses Nachgeben sagte der Herr dem Patriarchen gleichsam: Du hast im Kampf mit Mir standgehalten – warum solltest du jetzt noch einen sterblichen Menschen fürchten?
Der heilige Johannes Chrysostomos fügt hinzu, dass Jakob in diese Nacht ging, nachdem er sein Herz bereits von jeder Feindschaft gereinigt hatte. Der Zweikampf wurde zu einer Glaubensprüfung, die die letzten Reste der Angst aus seiner Seele brannte.
In dieser Nacht erhält der Patriarch einen neuen Namen. Auf die Frage des mit ihm Ringenden nennt er seinen bisherigen Namen: Jakob („der Listige“). Und er hört die Antwort: „Von nun an soll dein Name nicht mehr Jakob sein, sondern Israel; denn du hast mit Gott gerungen und wirst Menschen überwinden.“
Die meisten heiligen Väter deuten den Namen Israel als „Gottesstreiter“. Der heilige Johannes Chrysostomos verweist auch auf eine zweite Bedeutung dieses Namens: „der Gott gesehen hat“. Jakob selbst nennt den Ort des Kampfes Penuel, was „Angesicht Gottes“ bedeutet, und spricht voller Ehrfurcht: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist bewahrt geblieben.“
Das Zeichen an der Hüfte und die koschere Metzgerei
Die Sonne ging auf, als Jakob an Penuel vorbeizog. Er ging Esau entgegen und hinkte schwer auf seinem ausgerenkten Bein.
Warum musste Gott Seinen Auserwählten verletzen? Der selige Theodoret von Kyrrhos erklärt dies sehr genau: Dem Patriarchen wurde das Hinken gegeben, damit er das Geschehene nach dem morgendlichen Erwachen nicht für einen unwirklichen Traum hielt. Der Schmerz wurde zum Beweis dafür, dass die Begegnung tatsächlich stattgefunden hatte.
Der heilige Ambrosius von Mailand hingegen sieht in der verletzten Hüfte ein prophetisches Zeichen. Das verletzte Hüftgelenk deutete auf das künftige Kreuz des Erlösers hin, der dem Fleische nach aus dem Geschlecht Jakobs hervorgehen sollte.
Der biblische Text hält eine Alltagsregel fest, die unter Juden bis heute gilt: „Darum essen die Söhne Israels bis heute nicht die Sehne am Hüftgelenk, weil der mit Jakob Ringende die Sehne an dessen Hüftgelenk berührt hatte“ (Gen 32,32).
Das Gebot über den Ischiasnerv, „Gid ha-Nasche“, gehört zu den ältesten jüdischen Kaschrut-Traditionen. Diesen Nerv aus dem Tierkörper zu entfernen, verlangt den Metzgern besonderes Geschick ab. Auch Jahrhunderte später entfernen die Fleischzerleger in jeder koscheren Metzgerei der Welt diesen Nerv sorgfältig.
Die erstaunliche Geschichte des biblischen Zweikampfs bezeugt, dass eine Begegnung mit Gott den Menschen nicht unverändert lässt. Sie nimmt dem Helden das Vertrauen auf seine eigene List, hinterlässt bleibende Spuren, schenkt ihm einen neuen Namen und verleiht ihm die Kraft, angesichts jeder Prüfung zu siegen.
Lesen Sie auch
Das Geheimnis des nächtlichen Zweikampfs in der felsigen Schlucht
Der Patriarch stand allein einer tödlichen Gefahr gegenüber. Ein geheimnisvoller Kämpfer erschien aus der Dunkelheit, um ihm einen neuen Namen zu schenken und eine lebenslange Erinnerung an Sich zu hinterlassen.
Die Rebellion des Geistes gegen die Tyrannei des Verstandes
Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl im Evangelium zerstört die naive Illusion alltäglicher Güte. Wahre Erlösung erfordert, die alten Gewänder des geschäftigen Verstandes abzulegen, um das ungeschaffene Licht zu erlangen.
Was tun, wenn Angehörige die Seele zerstören?
Wir geben uns häufig selbst die Schuld, wenn Angehörige Unmögliches von uns verlangen. Das Evangelium zieht eine klare Grenze zwischen familiärer Pflicht und Selbstschutz.
Der Geist des Antichristen innerhalb der Kirchenmauern
Äußerlich gerechte Menschen kreuzigten Christus, ohne sich schuldig zu fühlen. Derselbe Mechanismus wirkt bis heute, wenn Gebet und Buße durch Macht verdrängt werden.