Den Teufel beschämt nicht Rache, sondern Dankbarkeit
Ein Gespräch über Dankbarkeit. Foto: UOJ
Im Juni des Jahres 404 führte man den heiligen Prediger unter Bewachung aus der konstantinopelischen Kathedrale hinaus – und weniger als einen Monat später lag ebendiese Kathedrale bereits in Asche, zusammen mit dem benachbarten Senatsgebäude. Wer das Heiligtum in Brand steckte, blieb für immer ein Rätsel. Die einen beschuldigten die erbitterten Anhänger des verbannten Heiligen der Brandstiftung. Andere sagten, der Brand sei ein reiner Zufall gewesen. Doch für die Gläubigen, die den in Ungnade gefallenen Heiligen nach wie vor als ihren Hirten betrachteten, stand die Frage anders: Was bedeutet dieses Unglück, und steht nicht die Strafe Gottes für die Verfolger dahinter?
Wenige Monate später setzte sich die Kette der Heimsuchungen fort – die Hauptstadt wurde von einem Erdbeben erschüttert, und im Oktober starb die Kaiserin Eudoxia, auf deren Befehl Chrysostomus damals nach Kukusos verbannt worden war. Viele Stadtbewohner behaupteten mit Gewissheit: Gott sei endlich für Seine Kinder eingetreten.
Der Heilige selbst, seiner Kathedra, seiner Gesundheit und jeglicher Hoffnung auf Rückkehr aus der Verbannung beraubt, beurteilte dieselben Ereignisse vollkommen anders.
In dem von ihm geschriebenen Wort an die konstantinopeler Freunde erklärt der Erzhirte nichts und beschuldigt niemanden in irgendetwas. Dieser bewusste Verzicht auf subjektive Bewertungen trifft den Teufel am härtesten.
Heute sprechen wir nicht mit dem Prediger, dessen Worte die Herde Konstantinopels dazu brachten, noch in der Kirche Beifall zu brechen. Wir sprechen mit einem Menschen, dem man alles genommen hat, außer der Feder und einigen Blättern Papier. Er beraubte den Teufel seiner stärksten Waffe: der Fähigkeit, den Menschen dazu zu zwingen, sich seinen Emotionen zu unterwerfen, anstatt in Demut auf Gott zu vertrauen.
Das stärkste Heilmittel gegen Mutlosigkeit
– Herr, die Nachricht vom Brand in der Sophienkathedrale erreichte Kukusos rasch. Was empfanden Sie, als Sie davon erfuhren?
– Damals konnte ich nicht bei meinen Kindern sein, – antwortet der heilige Johannes Chrysostomus. – Es blieb mir nur, ihre Seelen aus der Ferne zu heilen. Ich schrieb ihnen damals: »Das Wort nährt besser als Brot, heilt besser als Arzneien, stärker als Eisen schneidet es die vereiterte Wunde – und dies ohne jeden Schmerz.«
– Eure Herde in der Hauptstadt wollte von Euch hören, dass der Brand die Vergeltung für die Verfolger sei. Ihr gabt ihr diesen Trost nicht. Warum?
– Weil schon die Frage »Wofür?« eine Falle ist, – sagt der Heilige. – Ich schrieb ihnen streng: »Sage nicht – wozu dies, weshalb dies.«
Solche Neugier halte ich nicht für Eifer um Gott, sondern für gewöhnliche Vermessenheit – das Verlangen, über die Wege Gottes zu richten, als stünden sie uns Rede und Antwort.
Hier verbirgt sich, wenn wir den Gedanken des Herrn fortsetzen, eine feine Berechnung. Die Festung wird von den Eroberern selten in einem einzigen Sturm erobert. Häufiger locken sie die Besatzung unter dem Versprechen von Verhandlungen an die Tore, wohl wissend, dass die geöffneten Tore der Übergabe der Festung an den Feind gleichkommen. Die Frage an Gott »Wofür?« gleicht sehr solchen Verhandlungen: Der Mensch tritt selbst unter dem göttlichen Schutz hervor, dem Unglück entgegen, und in diesem Augenblick ist die Festung seiner Seele bereits dem Teufel geöffnet. Die Dankbarkeit gegen Gott aber für alles, was Er sendet, kommt dem völligen Verzicht gleich, solche zweifelhaften Verhandlungen zu führen.
Die dankbaren Gerechten und das Protokoll der Schlacht
– Doch es ist schwer zu schweigen, wenn die gewohnte Welt vor den Augen zusammenbricht.
– Es ist schwer – stimmt der Erzählte zu. – Erinnert euch an Ijob – einen Menschen, der in einem Augenblick Besitz, Kinder und Gesundheit verlor und kein einziges Mal fragte: »Wofür geschieht mir dies?«. Oder an Josef – von den eigenen Brüdern in die Sklaverei verkauft, verleumdet, für nichts in den Kerker geworfen – und kein einziges Mal verlangte er von Gott Rechenschaft dafür, warum Er so mit ihm – einem gerechten Menschen – gehandelt habe. Die Prüfungen werden nicht dazu verordnet, um die Starken zu zerbrechen, sondern damit die Festigkeit der Mutigen nicht abnimmt.
– Also ist Dankbarkeit eine Taktik der Rettung?
– Gewiss – antwortet der heilige Johannes Chrysostomus. – Zu danken im Glück ist nicht schwer: Dazu treibt uns die Natur selbst. Wenn ein Mensch dankt, während er sich in äußersten Umständen befindet, so hat er, erstens, Gott erfreut; zweitens, den Teufel beschämt; drittens, gezeigt, dass das, was ihm geschehen ist, nichts ist.
Der Verzweifelte lässt den Feind näher heran, als habe dieser sein Ziel bereits erreicht. Der Dankende aber schickt ihn mit leeren Händen fort.
– Und wenn die Erklärung für die Ursachen aller Heimsuchungen nicht kommt – weder jetzt noch in absehbarer Zeit?
– Dann muss man das Ende der Zeiten erwarten – sagt der Herr Johannes. – Der Landmann urteilt doch nicht über das Korn, das mitten im Winter in den Schmutz geworfen wird – er wartet auf die Ernte. So auch du, Geliebter, harre aus und erwarte das Ende: Die Vorsehung Gottes ist unendlich, und uns steht es nicht zu, sie zu erforschen.
Antwort an die trauernde Herde
Der Brand in der Sophienkathedrale ist längst vergessen. An ihn erinnern sich höchstens noch die Historiker. Die Christen erinnern sich an etwas anderes: Im Jahr 438 begegnete man in derselben Stadt, an derselben Stelle, an der einst die abgebrannte und neu errichtete Kirche gestanden hatte, dem Schrein mit den Reliquien des verbannten Erzbischofs. Damals brauchten die Gläubigen keine Erklärungen dazu, wofür die Kathedrale niedergebrannt war.
Die Zeit verging, und die Verherrlichung des heiligen Verbannten setzte endgültig alle Punkte auf das i.
– Sei nicht neugierig, forsche nicht nach, wozu dies und weshalb dies, – sagt uns zum Abschied der heilige Johannes Chrysostomus. – Behalte das eine im Gedächtnis: »Wer ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden« (Mt 10,22).
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