„Tempel aller Götter“ anstelle des Hauses der Gottesmutter: Wozu brauchen die Behörden ein Pantheon in der Lawra

Wird neben den orthodoxen Kathedralen in der Lawra ein Pantheon errichtet? Foto: UOJ

Am 28. Juni 2026, am Tag der Verfassung der Ukraine, trat Präsident W. Selenskyj im Kiewer Höhlenkloster auf und gab bekannt, dass er in die Werchowna Rada der Ukraine einen Gesetzentwurf über die Schaffung eines ukrainischen Nationalen Pantheons einbringe, das, nach den Worten des Präsidenten, dazu bestimmt sei, jene Ukrainer zu ehren, die „für die Ukraine gekämpft, die Ukraine inspiriert haben“. Bereits am 1. Juli stimmte die Rada zügig dafür, und das Ministerkabinett billigte ebenso zügig den Mechanismus zur Schaffung des Pantheons. Es soll auf dem Territorium des Kiewer Höhlenklosters untergebracht werden.

Warum ausgerechnet in der Lawra? Wer wird dieses nationale Pantheon bevölkern? Welche Namen werden verewigt werden? Wen wird es zum Vorbild erheben?

Vom Kloster zum Start-up einer neuen Staatsideologie

Den Beschluss über das Pantheon kann man nicht losgelöst von dem betrachten, was mit der Lawra bereits geschieht. Die Mönche der UOK versuchen seit drei Jahren, die Behörden aus dem Kloster zu vertreiben: Die Kirchen und einen Teil der Mönchszellen hat man weggenommen, den Gläubigen wurde der Zugang zum Heiligtum verschlossen. Mit dem „Kloster der OKU“ will es nicht so recht klappen – Mönche gibt es dort kaum, und die, die es gibt, werden nebenbei als festangestellte Mitarbeiter des Kulturministeriums geführt. Eine Zeitlang wussten die Behörden offensichtlich nicht, was sie mit dem an sie gefallenen Heiligtum anfangen sollten: Mal veranstalteten sie eine Kochshow, mal ein Gebetsfrühstück, mal ließen sie ein Gesangs- und Tanzensemble auftreten. Jetzt aber, allem Anschein nach, hat sich der Staat entschieden. Die Lawra wird zu einer Plattform für das Hochpushen einer neuen Staatsideologie umfunktioniert – zu einer Art Start-up, das man der ukrainischen Gesellschaft zu verkaufen versuchen wird.

Bezeichnend ist, dass Selenskyj gerade in der Lawra den Tag der Verfassung beging, einen rein weltlichen Feiertag. An der Veranstaltung nahmen hohe Amtsträger, Vertreter religiöser Organisationen sowie weitere Ehrenpersonen teil. Noch gestern bekundete die Obrigkeit demonstrativ Trauer, als sie der Welt vom Angriff der Russischen Föderation auf das „Heiligtum“ berichtete. Heute aber ist ebendieses Heiligtum nur noch eine Kulisse für Staatsveranstaltungen: Selenskyj tritt vor dem malerischen Hintergrund der Mariä-Entschlafens-Kathedrale auf, die Amtsträger sitzen unter dem Glockenturm der Lawra.

Und nun wird diese Praxis auf Gesetzesebene festgeschrieben. Im Text des Gesetzes über das Pantheon heißt es unverblümt, dass es zu einer Stätte staatlicher Zeremonien und der Verleihung höchster staatlicher Auszeichnungen werden soll und dass der Besuch des Pantheons Teil des staatlichen Protokolls während der Visiten ausländischer Führer und Delegationen sein wird.

Das heißt, von irgendeiner Heiligkeit ist gar nicht die Rede. Die Obrigkeit beabsichtigt, das Kiewer Höhlenkloster als staatliche Ritualplattform zu nutzen.

Bauen in der Lawra ist verboten? Wenn man es wirklich will – dann geht es doch

Als die Obrigkeit den Vertrag mit der UOK über die Pacht der Unteren Lawra zerriss, lastete der Staat der Kirche die Sorge um die Objekte des Klosters als Vergehen auf. Damals stellte man im Kulturministerium eine ganze Liste von „Verstößen“ zusammen. Die Liste der Vorwürfe umfasst „eigenmächtigen Umbau, Anbau und Umgestaltung von Kulturdenkmälern sowie die Errichtung von Neubauten auf dem Territorium des Schutzgebiets“, „zweckfremde Nutzung des Kellers aus dem Jahr 1914“ sowie „nicht ordnungsgemäße Instandhaltung eines Baudenkmals von lokaler Bedeutung“ – eines Bücherlagers im Gebäude Nr. 113. Von welchen Objekten genau die Rede ist (außer dem letztgenannten), präzisierte man im Kulturministerium nicht.

Als die UOK dann die Vorlage einer konkreten Liste der „Verstöße“ forderte, verweigerte der Staat der Kirche dies und stufte das Dokument als geheim ein.

Damals bekamen wir von den Beamten auch eine Menge zorniger Sentenzen zu hören mit Beschuldigungen, als verletze die UOK die „historische Gestalt“ der Lawra. Und da erhebt sich eine völlig berechtigte Frage – wird denn der Bau eines „Tempels aller Götter“ (genau so übersetzt sich das Wort „Pantheon“) in einem orthodoxen Heiligtum nicht diese „Gestalt“ verletzen? Die Frage scheint rhetorisch, doch das ist sie nur auf den ersten Blick.

Die Sache ist, dass der Bau in der Lawra weder die „historische Gestalt“ noch das Gesetz verletzen wird. Aber ganz und gar nicht deshalb, weil sich das Pantheon in die Architektur des alten Klosters einfügen würde. Die Obrigkeit verfährt nur einfacher: Sie hat vorab alle Gesetze außer Kraft gesetzt, die diesen Bau behindern könnten.

Darauf machte der Volksabgeordnete Maxim Buschanski aufmerksam, als er das Gesetz Nr. 15360 „Über das ukrainische nationale Pantheon“ kommentierte: „Da ist im Gesetz unverblümt die Regel vorgeschrieben – andere Gesetze nicht zu beachten.“

Tatsächlich werden in den Übergangsbestimmungen des Gesetzes über das Pantheon mit einem Schlag gleich sechs gesetzgeberische Akte „ausgeschaltet“.

Verlangt das Bodengesetzbuch, dass Land zweckgebunden genutzt wird? Für das Pantheon gilt diese Regel nun nicht mehr – eine Änderung der Zweckbestimmung des Grundstücks ist nicht erforderlich.

Das Gesetz über den Naturschutzfonds verbietet kapitales Bauen auf Schutzgebietsterritorien? Nun wird in ihm ein Paragraf erscheinen, der unmittelbar erlaubt, das Pantheon im Schutzgebiet zu errichten. Mehr noch, der Schutzstatus des Bodens „kann keine Grundlage für eine Ablehnung“ der Genehmigung des Projekts sein. Das heißt, den Beamten, die für den Schutz des Gebiets verantwortlich sind, wurde gesetzlich untersagt, „nein“ zu sagen.

Schützt das Gesetz über den Schutz des Kulturerbes Zonen des Denkmalschutzes und Pufferzonen von UNESCO-Objekten? Zwei Schlüsselparagraphen dieses Gesetzes – der 32. und der 33. – „finden auf das Pantheon einfach keine Anwendung“. Und durch eine gesonderte neue Norm wird das Bauen unmittelbar in der Pufferzone des Welterbeobjekts erlaubt – also genau dort, wo es kategorisch verboten ist.

Da ist ferner das Gesetz über das Bestattungswesen, das sanitäre und ökologische Anforderungen an Grabstätten festlegt. Erraten Sie, ob es auf das Pantheon Anwendung findet? Richtig, nein: Weder städtebauliche noch ökologische noch sanitär-hygienische Normen, die für jeden Friedhof oder jedes Kolumbarium im Lande verpflichtend sind, werden hier angewendet.

Schließlich werden die städtebaulichen Bedingungen für die Projektierung des Pantheons „ohne Beachtung der Forderungen der städtebaulichen Dokumentation auf lokaler Ebene“ erteilt. Einfach gesagt – den Generalplan Kiews braucht man gar nicht erst aufzuschlagen.

Es ergibt sich ein bezeichnendes Bild. Der Kirche lastete man „eigenmächtige Umbauten“ und die „Verletzung der historischen Gestalt“ an – und auf dieser Grundlage vertrieb man die Mönche aus dem Kloster, das sie selbst über Jahrzehnte nach der sowjetischen Verwüstung wiederhergestellt hatten. Als aber der Staat selbst es nötig hatte, in dem Heiligtum einen „Tempel aller Götter“ zu errichten, hat er sich nicht damit abgemüht, seine eigenen Gesetze einzuhalten – er hat sie schlichtweg abgeschafft.

Übrig bleibt einzig das eine Gesetz, das die Werchowna Rada nicht aufheben kann – die internationale Konvention zum Schutz des Welterbes. Ihr zufolge verlangt jedwedes Bauvorhaben großen Umfangs auf dem Territorium eines UNESCO-Objekts oder in dessen Pufferzone die vorherige Benachrichtigung des Welterbekomitees sowie eine Bewertung der Auswirkungen auf das Denkmal. Das ukrainische Parlament kann seine eigenen Gesetze „ausschalten“, nicht jedoch die internationalen Verpflichtungen des Landes. Und ebendarum klingt die Frage nach dem Schicksal der Lawra als Welterbeobjekt nun ganz und gar nicht mehr rhetorisch.

»Tempel aller Götter«

Das Wort »Pantheon« bedeutet aus dem Griechischen übersetzt »Tempel aller Götter«. Mit anderen Worten: eine universelle heidnische Kultstätte. Das ist sehr beunruhigend, weil es symbolträchtig ist: Der Staat errichtet ein ursprünglich heidnisches Monument im Herzen der Orthodoxie unseres Landes.

Diese Symbolik wird noch eindrucksvoller, wenn wir auf das Schicksal des echten römischen Pantheons blicken. Dieser grandiose »Tempel aller Götter« wurde in den Jahren 118–128 n. Chr. auf der Piazza della Rotonda in Rom erbaut. Im Jahr 609 wurde er aber in die christliche Kirche Santa Maria ad Martyres umgewandelt. Das war ein Symbol des Triumphes des Christentums über das Heidentum. Jetzt will man in der Ukraine das Gegenteil tun.

Mag sein, dass jemand sagen wird, dies sei lediglich ein Wort, das seine ursprüngliche heidnische Bedeutung längst verloren habe. Dass es heute nichts weiter als eine Stätte der Ehrung großer Menschen bedeute. Nun denn, lassen Sie uns schauen, wen man im neuen ukrainischen »Tempel aller Götter« zu ehren gedenkt.

Statt Gott zu preisen – der Kult nationaler Idole

Das Gesetz enthält keine bestätigte Liste der Personen, die die Behörden im Pantheon anzusiedeln gedenken. Doch Kategorien gibt es: Führer ukrainischer Staaten, Hetmane, Präsidenten, Kommandeure der Armee der UNR, der Ukrainisch-Galizischen Armee, der Karpatischen Sitsch, der Ukrainischen Aufständischen Armee und der Streitkräfte der Ukraine.

Ja, unter ihnen gibt es zweifellos würdige Menschen: Gelehrte, Schriftsteller, Mäzene, Staatsmänner, Krieger, die ihr Leben für unser Land hingegeben haben. Doch aus irgendeinem Grund begannen die ukrainischen Behörden diese Ehrung damit, die sterblichen Überreste von, milde gesagt, sehr umstrittenen historischen Persönlichkeiten in die Ukraine zurückzuführen und hier beizusetzen: Akteure der OUN, der UPA, der ukrainischen nationalistischen Untergrundbewegung, des Bürgerkriegs und so weiter.

Einige Beispiele. Andrij Melnyk wird der Kollaboration mit Nazi-Deutschland und der Teilnahme an Repressionen gegen die Zivilbevölkerung im besetzten Territorium der Ukraine beschuldigt. Stepan Bandera wird der Kollaboration mit den Nazis – mittelbar der Beteiligung am Massaker in Wolhynien – beschuldigt. Symon Petljura wird der Pogrome von 1918–1921 beschuldigt, bei denen, getöteten, verletzten oder ausgeraubten Juden zufolge, bis zu 1 Million Juden zu Schaden kamen.

Mag sein, dass diese Figuren für jemanden Helden sind, mag sein, dass jemand in ihnen Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine sieht. Doch

all diese Menschen sind unmittelbar oder mittelbar an Tötungen beteiligt; an ihren Händen klebt Blut. Wie kann man sie neben den Ehrwürdigen Vätern des Höhlenklosters, den Wohlgefälligen Gottes, bestatten?

Da ist noch ein weiterer, nicht unwesentlicher Aspekt. Die Lawra ist ein orthodoxes Heiligtum. Im Pantheon aber wird uns nahegelegt, auch griechisch-katholische, auch ungläubige Menschen zu ehren und solche, die der orthodoxen Kirche feindlich gesonnen waren.

Möglicherweise entspricht das ukrainische Pantheon nicht dem römischen Pantheon aus heidnischer Zeit. Wahrscheinlich werden in ihm keine Opfer dargebracht und keine heidnischen Feste abgehalten. Woran diese ganze Geschichte aber ganz sicher erinnert, ist die Erschaffung eines Kults der »Helden« der Oktoberrevolution von 1917. Auch die Sowjetmacht schuf damals ihr eigenes »Pantheon«: Lenin, Stalin, Kirow, Schtschors und so weiter. Ihre Biographien wurden als »Heiligenvitae« der neuen gottlosen Religion umgeschrieben. Der Kommunismus hatte seine eigenen »Heiligen«, seine eigenen »Reliquien«, seine eigenen Mausoleen, seine eigenen Rituale und seine eigenen verpflichtenden Feiertage. Heute schreitet das ukrainische Projekt eines nationalen Pantheons denselben Weg. Nur dass statt kommunistischer »Helden« nationale stehen, statt Lenins – Bandera, statt Sowjetmausoleen – ukrainische Pantheons.

Und sie alle – ob sowjetische, ob ukrainische – sind im Grunde ein und dieselbe geistliche Unterschiebung: An die Stelle der Verehrung Gottes, der Allerheiligsten Gottesmutter und der Heiligen tritt der Staatskult. Als höchster Wert deklariert werden: der Staat, die Nation, die Unabhängigkeit, die Revolution, der Majdan. Und zur Verehrung empfohlen werden jene, die auf diesen Altar ihr eigenes, häufiger jedoch fremdes Leben gelegt haben. Gott wird durch ein Idol ersetzt – das Idol der Staatlichkeit oder der Nation.

Und wer liebt es, sich mit derartigen Unterschiebungen zu befassen? Es genügt, sich der Worte zu entsinnen, die noch auf Tertullian zurückgehen: »Der Teufel ist der Affe Gottes.«

Pantheon in der Lawra: Sorge um den Staat oder Arbeit gegen die Orthodoxie?

Alle Experten sind sich in einem einig – ein Pantheon ausgerechnet in der Lawra zu bauen, bestand keinerlei Notwendigkeit: Dafür hätte man in Kiew Dutzende geeignetere Orte finden können. Warum ausgerechnet ein orthodoxes Heiligtum? Und wessen Idee ist das?

Der ehemalige Abgeordnete Ihor Mosijtschuk erklärte, der lästerliche Beschluss, das Pantheon im Kloster unterzubringen, habe Selenskyj persönlich getroffen. Der Politologe Konstantin Bondarenko präzisiert jedoch, dass dies ein Versuch des Präsidenten sei, der Kirche etwas anzutun. Und schwerlich kann man ihm da nicht zustimmen. In Selenskyjs Verhältnis zur UOK erblicken wir eine bestimmte Tendenz. Vor seinem Machtantritt versicherte er, dass er sich in Glaubensfragen nicht einmischen werde. Ende 2022 initiierte Selenskyj umfangreiche Repressionen gegen die Geistlichkeit, 2023 vertrieb er die Kirche aus der Lawra, 2024 unterzeichnete er das Gesetz über das Verbot der UOK, und nun – der Beschluss zum Bau eines Pantheons in einem der am meisten verehrten orthodoxen Heiligtümer der Welt. Und wenn die vorherigen Schritte noch als Kampf gegen die „FSB-Popen“ zu bewerten waren, so ist der „Tempel aller Götter“ im Heiligtum ein Schlag gegen die Orthodoxie überhaupt.

Es ist schwer, eine bestimmte Tendenz zu übersehen. Und wir wissen nicht, warum das so geschieht. Möglicherweise meint er aufrichtig, die Orthodoxie habe in der Ukraine keinen Platz; vielleicht sympathisiert er mehr mit anderen religiösen Strömungen, nicht ausgeschlossen, dass auf Selenskyj dieselben Leute Einfluss nehmen, die der frühere Leiter des Präsidialamtes bei seinen Entscheidungen zu Rate zog.

Doch wie dem auch sei – der Kampf gegen die Kirche ist von vornherein zum Verlieren verurteilt. Die Lawra hat die mongolische Verwüstung, die synodale Bürokratie und das sowjetische Atheismusmuseum überlebt – und jedes Mal kehrte das Gebet in ihre Höhlen zurück. Überleben wird sie auch den „Tempel aller Götter“. Die Frage ist nur, welche Rechnung für diese neuerliche „Umgestaltung“ des Heiligtums denen präsentiert werden wird, die sie ins Werk gesetzt haben.

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