Die Krokodilstränen über Kiewer Lawra und die unbequeme Wahrheit über die UOK
Das Kiewer-Höhlenkloster nach dem russischen Luftangriff. Foto: Redaktion UOJ
Wer heute über die beschädigte Kiewer Höhlen-Lawra spricht, darf nicht schweigen über das, was mit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche schon vor diesem Angriff geschah.
Nach dem russischen Angriff auf Kiew wurde auch die Kiewer Höhlen-Lawra beschädigt. Für orthodoxe Christen ist das ein schmerzlicher Moment. Ein Heiligtum, das seit Jahrhunderten zum geistlichen Gedächtnis der Orthodoxie gehört, ist erneut zum Schauplatz des Krieges geworden. Unsere Redaktion hat darüber berichtet. Wir haben geschrieben, dass die Lawra während des Beschusses von Kiew gelitten hat. Wir haben auch die darauffolgenden Reaktionen veröffentlicht. Viele sprachen von einem Angriff auf das christliche Erbe, von der Verletzung eines Heiligtums und von der Notwendigkeit, religiöse und kulturelle Stätten der Ukraine zu schützen. Dem können wir zustimmen. Jede Kirche, jedes Kloster, jedes Heiligtum und jedes Menschenleben müssen geschützt werden. Wer schießt, wer Raketen und Drohnen einsetzt, wer Krieg führt, muss wissen: Es können Menschen sterben, Zivilisten verletzt werden, Kirchen, Klöster und heilige Orte zerstört werden. Dafür müssen alle Verantwortung tragen.
Aber wenn wir an dieser Stelle einen Punkt setzen würden, würden wir euch, liebe Leser, nicht die ganze Wahrheit sagen.
Denn während jetzt viele auf die beschädigte Lawra schauen, wird sehr leicht vergessen, was mit dieser Lawra bereits Die geschehen ist. Es wird aus der Acht gelassen, dass die Kiewer Höhlen-Lawra nicht erst in dieser Kriegsnacht gelitten hat. Sie leidet seit Jahren unter einem anderen Druck: dem Versuch, die Ukrainische Orthodoxe Kirche, die UOK, aus ihrem eigenen geistlichen Zentrum zu verdrängen.
Die Lawra wurde nach der sowjetischen Zeit der Gottlosigkeit nicht von Talkshow-Gästen, Politikern oder staatlichen Kulturmanagern wiederbelebt. Sie wurde von Mönchen, Geistlichen und Gläubigen aufgebaut, die dort gebetet, gedient, gearbeitet und das geistliche Leben wiederhergestellt haben. Für sie war die Lawra nicht nur ein Denkmal. Sie war kein touristisches Objekt, keine Kulisse und kein Symbol für politische Erklärungen. Sie war ein lebendiges Kloster.
Und genau dieses klösterliche Leben wird seit Jahren aus der Lawra verdrängt.
Aus einem großen Teil der Lawra wurden die Mönche der UOK bereits faktisch hinausgedrängt. Es laufen Gerichtsverfahren. Der Statthalter der Kiewer Höhlen-Lawra, Metropolit Pawel, kann sich nicht frei in seinem Kloster aufhalten; gegen ihn dauern Verfahren und Druckmaßnahmen an. Was für Millionen Gläubige ein geistliches Herz der Orthodoxie ist, wird schrittweise aus dem Raum der Kirche herausgelöst.
Zugleich wurde das Territorium der Lawra immer wieder so behandelt, als sei es einfach eine kulturelle Bühne: als Ort für Konzerte, Festivals, Fernsehformate, Kochshows, Tänze und Auftritte, die mit dem Geist eines Klosters kaum vereinbar sind. Wer heute von der verletzten Lawra spricht, muss auch fragen: Warum wurde ihre Heiligkeit erst dann öffentlich verteidigt, als sie infolge des Krieges beschädigt wurde? Warum schweigen viele, wenn dieses Heiligtum im Alltag seiner kirchlichen und monastischen Identität beraubt wird?
Hier beginnt die unbequeme Wahrheit.
Es reicht nicht, nur den einen Medientag zu sehen. Es reicht nicht, nur das zerstörte Dach, die beschädigte Mauer oder die erschütterten Bilder nach dem Beschuss zu zeigen. Das ist wichtig, aber nicht alles. Wer tiefer schaut, erkennt: In der Ukraine gibt es heute keine einfache Erzählung von „Verteidigern des Christentums“ auf der einen Seite und „Angreifern des Christentums“ auf der anderen. Der Krieg ist eine Tragödie. Der Beschuss ist eine Tragödie. Aber auch die Diskriminierung der UOK ist eine Tragödie.
Über diese Diskriminierung muss gesprochen werden.
In der Ukraine wird seit langem versucht, die Ukrainische Orthodoxe Kirche rechtlich und gesellschaftlich an den Rand zu drängen. Es gibt Initiativen, die faktisch auf ein Verbot der UOK hinauslaufen können. Geistliche und Mönche der UOK werden mobilisiert.
Nach Angaben von Vertretern der Kirche haben andere Konfessionen Möglichkeiten, für Geistliche während des Krieges Schutz vor der Mobilisierung zu erhalten, während die UOK praktisch von solchen Möglichkeiten ausgeschlossen bleibt. Für eine Kirche mit Millionen Gläubigen ist das nicht nur eine administrative Frage. Es ist eine Frage religiöser Gleichbehandlung.
Wir müssen auch über die Geistlichen sprechen, die vor Gericht stehen. Über Metropoliten, die inhaftiert oder unter Hausarrest gestellt wurden. Über Metropolit Arsenij, der erst nach langer Zeit aus dem Hausarrest entlassen werden konnte. Über Priester, Mönche und Gläubige, die unter Druck geraten. Über Gemeinden, in denen es zu Konflikten, Gewalt und Übernahmen von Kirchen kommt. Über Menschen, die geschlagen, eingeschüchtert oder aus ihren Gotteshäusern verdrängt werden. Wir müssen auch über unsere Kollegen der ukrainischen UOJ-Redaktion sprechen, die aufgrund ihrer Position und ihrer Berichterstattung lange Zeit in Haft waren. Sie haben nicht geschwiegen. Sie haben über das gesprochen, was viele nicht hören wollten. Und gerade deshalb dürfen auch wir nicht schweigen.
Wenn wir heute über die beschädigte Lawra schreiben, bedeutet das nicht, dass alles andere ausgelöscht ist. Es bedeutet nicht, dass wir vergessen haben, wer diese Lawra nach dem sowjetischen Atheismus wieder mit Gebet und Leben erfüllt hat. Es bedeutet nicht, dass wir vergessen haben, wie die Mönche der UOK aus der Lawra verdrängt werden. Es bedeutet nicht, dass wir vergessen haben, dass die UOK in der Ukraine unter Druck steht.
Es bedeutet nur: An diesem Tag ist ein konkretes Ereignis geschehen, über das berichtet werden musste. Die Lawra wurde beschädigt. Wir trauern darüber. Wir halten es für selbstverständlich, dass alle, die Krieg führen, Verantwortung für die Folgen ihres Handelns tragen müssen. Jeder Beschuss, jede militärische und jede politische Entscheidung kann Menschenleben kosten und Heiligtümer verletzen.
Aber wir werden nicht zulassen, dass ein einzelner Medienanlass die ganze Wahrheit ersetzt.
Gerade jetzt, da die Aufmerksamkeit vieler Menschen in Deutschland und anderen europäischen Ländern auf die Kiewer Höhlen-Lawra gerichtet ist, bitten wir unsere Leser: Schaut nicht nur auf das Bild des beschädigten Gebäudes. Fragt auch, was mit der Kirche geschieht, die dieses Kloster wiederaufgebaut und über Jahrzehnte hinweg geistlich getragen hat. Fragt, warum Mönche aus einem der wichtigsten orthodoxen Klöster der Welt verdrängt werden. Fragt, warum Gerichtsverfahren gegen Hierarchen und Geistliche der UOK weiterlaufen. Fragt, warum das Territorium eines Klosters als Bühne für säkulare Formate dient. Fragt, warum Priester und Mönche der UOK mobilisiert werden, während andere Konfessionen Schutzmechanismen erhalten. Fragt, warum Journalisten, die darüber berichten, verfolgt werden. Unsere Aufgabe als Redaktion besteht nicht darin, nur den bequemen Teil der Wahrheit zu schreiben. Wenn wir nur den aktuellen Medienanlass nehmen und darauf aufbauen, werden wir keine Journalisten sein. Dann werden wir zu Menschen, die verschweigen, was nicht ins einfache Bild passt. Dann werden wir Propagandisten.
Deshalb sagen wir: Ja, die Beschädigung der Lawra durch den Krieg ist ein schwerwiegendes und schmerzhaftes Ereignis. Ja, darüber muss berichtet werden. Ja, alle Seiten müssen Verantwortung tragen, wenn durch militärische Handlungen Zivilisten, Kriegsgefangene, Kirchen, Klöster oder kulturelle Stätten gefährdet werden. Aber nein, wir dürfen nicht so tun, als sei das die einzige Wunde der Lawra.
Die andere Wunde ist das, was mit der UOK geschieht.
Diese Wunde ist weniger spektakulär für Fernsehbilder. Sie entsteht nicht immer in einer einzigen Nacht. Sie entsteht durch Gerichtsbeschlüsse, politische Entscheidungen, mediale Kampagnen, administrative Ausgrenzung, Druck auf Geistliche, die Verdrängung von Mönchen und die Gewöhnung der Gesellschaft daran, eine kanonische orthodoxe Kirche als Fremdkörper im eigenen Land zu behandeln.
Gerade deshalb ist sie gefährlich.
Denn wenn Christen schweigen, wenn Orthodoxe schweigen, wenn europäische Leser nur konsumieren und nicht fragen, dann kann ein solches Modell auch anderswo wiederholt werden. Heute geschieht es in der Ukraine. Morgen kann es in einem anderen Land geschehen. Wir rufen unsere Leser nicht zu Hass und nicht zu politischer Feindschaft auf. Wir rufen sie dazu auf, wachsam zu sein, zu prüfen, zu fragen, zu beten und friedlich zu handeln. Wer Kontakte hat, soll informieren. Wer schreiben kann, soll schreiben. Wer sprechen kann, soll sprechen. Wer Verantwortung trägt, soll nicht so tun, als wisse er von nichts.
Wenn wir Christen sind, gehören wir in dieser Frage nicht zu Zuschauern, sondern zu Zeugen. Besonders orthodoxe Christen dürfen nicht schweigen, wenn eine orthodoxe Kirche aus ihrem geistlichen Zentrum verdrängt wird und ihre Gläubigen unter Druck geraten.
Die Kiewer Höhlen-Lawra ist verwundet. Aber ihre Wunde besteht nicht nur aus den Spuren des Krieges. Sie besteht auch aus dem Schweigen über die UOK. Und die Krokodilstränen derjenigen, die an der Christenverfolgung mitwirken, sollen niemanden mehr täuschen.
(Matthäus 7,20): "An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen."
Möge unser Herr Jesus Christus uns helfen, die Wahrheit nicht zu verschweigen, den Frieden zu suchen und die Kirche nicht im Stich zu lassen.
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