Kann Deutschland zu einem Ort orthodoxer Einheit werden?

Orthodoxie in Deutschland. Illustration: UOJ

Das orthodoxe Christentum in Deutschland erlebt eine Entwicklung, die noch vor zehn bis fünfzehn Jahren kaum vorstellbar schien. Es geht nicht mehr nur um einzelne Diasporagemeinden — russische, serbische, griechische, rumänische, georgische, antiochenische, ukrainische orthodoxe Gemeinden der UOK unter Metropolit Onufrij sowie Gemeinden der Erzdiözese der westeuropäischen Gemeinden russischer Tradition. Vor unseren Augen entsteht eine neue Form orthodoxen Lebens, in der nationale Grenzen allmählich in den Hintergrund treten und die Kirche selbst wichtiger wird als die ethnische Zugehörigkeit.

Russische Kapelle St. Maria Magdalena in Darmstadt. Foto: Thomas Wolf / foto-tw.de

Für die Redaktion der UOJ Deutschland ist dieses Thema längst nicht mehr nur eine Beobachtung. Wir begegnen ihm regelmäßig in Interviews, Leserbriefen, Kommentaren von Priestern und Berichten unserer Korrespondenten. Menschen erzählen von einer neuen kirchlichen Atmosphäre, die sich in Deutschland auf natürliche Weise bildet — ohne Anweisungen von oben, ohne offizielle Erklärungen und ohne laute Parolen über Einheit.

In vielen deutschen Städten kann ein orthodoxer Christ nicht ausschließlich innerhalb einer vertrauten nationalen kirchlichen Umgebung leben. Dann beginnt der Gläubige nicht nach „seiner nationalen Kirche“ zu suchen, sondern nach der Möglichkeit, kirchlich zu leben. Er schaut auf die Gottesdienstpläne, sucht, wo heute die Liturgie gefeiert wird, wo man beichten und die Kommunion empfangen kann, wo ein Patronatsfest stattfindet. Heute geht er in eine russische Gemeinde, morgen zu den Serben, an einem anderen Tag zu den Griechen, Rumänen oder in eine Gemeinde der Antiochenischen Kirche. Immer häufiger wird dies nicht als Wechsel von einer kirchlichen Umgebung in eine andere wahrgenommen, sondern als natürliches Leben innerhalb eines gemeinsamen orthodoxen Raumes.

Genau hier zeigt sich ein wichtiges Phänomen: Die Gläubigen selbst beginnen, ohne administrative Entscheidungen, nationale Grenzen zu überwinden. Nicht, weil ihnen die eigene Sprache, Kultur oder Tradition gleichgültig wäre. Sondern weil unter den Bedingungen Deutschlands eine wichtigere Frage in den Vordergrund tritt: Wo kann ich heute in der Kirche sein?

Deutschland zerstört die nationalen Traditionen nicht, stellt sie aber in einen neuen Kontext. Die serbische Tradition bleibt serbisch, die griechische griechisch, die russische russisch, die rumänische rumänisch; die ukrainischen orthodoxen Gemeinden der UOK unter Metropolit Onufrij bewahren ihre kirchliche Identität, die Antiochenische Kirche ihre alte geistliche Linie, die Erzdiözese der westeuropäischen Gemeinden russischer Tradition ihren besonderen historischen Weg. Doch all dies erscheint nicht mehr wie voneinander abgeschlossene Welten. Unter deutschen Bedingungen werden die verschiedenen Traditionen zunehmend als Teile einer einzigen orthodoxen Fülle wahrgenommen.

Eine besonders wichtige Rolle spielt die deutsche Sprache. Immer mehr Gemeinden verwenden sie in Predigten, Ankündigungen, Katechese, Jugendarbeit und im Kontakt mit Konvertiten. Für die zweite Generation der Emigranten wird Deutsch oft zur natürlichen Sprache des kirchlichen Lebens. Für Deutsche, die zur Orthodoxie kommen, ist sie eine notwendige Brücke zum Glauben.

Serbisch-orthodoxe Kathedrale des hl. Sava in Düsseldorf. Foto: Wikimedia Commons

Deutsche, die das orthodoxe Christentum annehmen, kommen nicht wegen einer nationalen Idee. Sie suchen die Tiefe des Gottesdienstes, das sakramentale Leben der Kirche, die asketische Tradition und die Verbindung zum alten Christentum. Viele finden dies im heutigen katholischen oder evangelischen Umfeld nicht und entdecken die Orthodoxie nicht als Teil einer fremden Kultur, sondern als Fülle des kirchlichen Lebens.

Gerade deshalb kann das deutschsprachige orthodoxe Umfeld zu einem der wichtigsten Faktoren der Zukunft werden. Es hebt den kirchenslawischen, griechischen, serbischen, rumänischen, georgischen oder arabischen liturgischen Erfahrungsschatz nicht auf. Aber es schafft einen gemeinsamen Kommunikationsraum, in dem die verschiedenen orthodoxen Traditionen einander und der deutschen Gesellschaft verständlich werden können.

Nicht weniger wichtig ist die gegenseitige Unterstützung zwischen Priestern und Laien verschiedener Jurisdiktionen. In Deutschland geschieht dies oft ganz natürlich: Geistliche kennen einander, Gemeindemitglieder besuchen die Feste benachbarter Gemeinden, Jugendliche treffen sich bei gesamtorthodoxen Veranstaltungen, neue Gemeinden erhalten Unterstützung von bereits bestehenden. Dort, wo es nicht so viele Orthodoxe gibt, tritt Konkurrenz hinter eine einfache kirchliche Notwendigkeit zurück: einander zu helfen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Jugendarbeit. Orthodoxe Jugendtreffen, Sängertreffen, Pilgerfahrten und gemeinsame Konferenzen bringen immer häufiger Teilnehmer aus verschiedenen Jurisdiktionen zusammen. Junge Orthodoxe, die bereits in Deutschland aufgewachsen sind oder in den letzten Jahren hierhergekommen sind, nehmen den innerorthodoxen Austausch viel freier wahr. Für sie ist es selbstverständlich, gemeinsam an Gottesdiensten teilzunehmen, über das kirchliche Leben zu sprechen und einander unabhängig von Sprache oder nationaler Herkunft zu helfen.

Antiochenisch-orthodoxe Gemeinde St. Dimitrios in Köln. Foto: Antiochenisch-Orthodoxe Metropolie Deutschlands (rum-orthodox.de)

Wichtig ist zu betonen: Es geht nicht um die Schaffung irgendeiner Struktur „über der Kirche“. Orthodoxe Einheit kann nicht künstlich, über die kanonische Ordnung und kirchliche Verantwortung hinweg aufgebaut werden. Doch Deutschland wird bereits zu einem Raum, in dem verschiedene orthodoxe Jurisdiktionen gezwungen sind, einander besser zu hören, weil ihre Gläubigen faktisch nebeneinander leben.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Lehre Deutschlands für die orthodoxe Welt. Einheit beginnt nicht immer mit großen Konzilien und Dokumenten. Manchmal beginnt sie ganz einfach: Ein Mensch kommt in ein fremdes Land, findet in der Nähe nicht „seine“ Kirche und geht dorthin, wo die orthodoxe Liturgie gefeiert wird. Dann lernt er Menschen kennen, kommt zu einem Fest, bringt seine Kinder mit, hilft der Gemeinde, hört eine Predigt auf Deutsch, sieht Orthodoxe einer anderen Tradition — und versteht, dass die Kirche weiter ist als die nationale Erinnerung.

Die Orthodoxie in Deutschland wächst tatsächlich. Das zeigt sich an neuen Gemeinden, am Interesse der Deutschen an der Kirche, an der Aktivität der Jugend, an der wachsenden Zahl der Gottesdienste, an der Entwicklung der deutschsprachigen Katechese und daran, wie häufig Gläubige über die Notwendigkeit einer orthodoxen Präsenz in der deutschen Gesellschaft sprechen.

Und vielleicht beginnt gerade hier, unter den Bedingungen der Diaspora, eine neue orthodoxe Realität zu entstehen: nicht wurzellos und nicht gesichtslos, sondern kirchlich, lebendig und offen. Eine Realität, in der die nationale Tradition bewahrt bleibt, aber das Wichtigste nicht verdeckt — die Zugehörigkeit zur Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche.

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