„Mehr Ehrfurcht vor Gott“: Warum junge Deutsche die Orthodoxie wählen
Der Influencer und Sportcoach Niklas spricht über seinen Weg zur Orthodoxie.
Immer mehr Deutsche entdecken heute die Orthodoxie für sich und suchen darin Antworten auf Fragen, auf die die moderne Gesellschaft keine Antwort geben kann. Unter ihnen ist auch Niklas – ein deutscher Sportcoach und orthodoxer Influencer, der über Glauben, Sport und die innere Entwicklung des Menschen spricht.
Er ist erst vor wenigen Monaten zur Orthodoxie konvertiert. Warum entschied sich ein junger Deutscher, der in einem protestantischen Umfeld aufgewachsen ist, für die orthodoxe Kirche? Was hat er dort gefunden, das ihm vorher gefehlt hat? Darüber, aber auch über junge Menschen in Deutschland, die Suche nach Glauben und die innere Veränderung des Menschen spricht Niklas im Interview der UOJ.
Erzählen Sie bitte kurz etwas über sich: Wo sind Sie aufgewachsen und was hat Sie besonders geprägt?
Also ich bin in Deutschland aufgewachsen. Meine Mutter ist katholisch, mein Vater evangelisch. Aber sie waren beide eher lauwarm christlich. Wir sind vielleicht an Weihnachten in die Kirche gegangen, und Ostern war bei uns eher etwas Weltliches als wirklich die Auferstehung Christi. Religiös wurde ich also von meinen Eltern nicht besonders geprägt.
Bis vor Kurzem war ich auch noch protestantisch. Erst am 6. Januar bin ich offiziell zur Orthodoxie konvertiert. Davor war ich mein ganzes Leben protestantisch, aber eher lauwarm christlich.
Was mich besonders geprägt hat, war auf jeden Fall mein Umfeld. Meine Freunde, meine Familie, aber auch Social Media haben mich sehr stark geprägt. Zum Teil auch negativ, weil man ständig das Gefühl hat, performen zu müssen und ein bestimmter Mann sein zu müssen. Dieser Druck hat mich schon geprägt.
Wie interessant sind Glaube und Religion heute für junge Menschen in Deutschland? Beobachten Sie Interesse bei Freunden und Bekannten?
Ich glaube, das Interesse steigt rasant. Vor allem, weil es auf Social Media immer mehr Menschen gibt, die offen über den Glauben sprechen – egal ob Protestanten, Katholiken oder Orthodoxe. Hauptsache, die Botschaft wird verbreitet, dass Jesus Gott ist.
Ich merke auch, dass viele junge Menschen sich heute wieder mehr für Religion interessieren, weil sie darin Halt finden. Viele haben schwierige Erfahrungen gemacht, vielleicht eine schwierige Kindheit, Probleme in der Familie oder andere schwere Zeiten. Bei mir war es auch so, dass ich in einer schwierigen Phase zu Jesus gefunden habe. Ich glaube, dass viele Jesus heute als Anker sehen.
Und ich glaube auch, dass sich viele Menschen heute nach etwas Traditionellem sehnen. Die Gesellschaft wird immer extremer – entweder ganz frei und modern oder sehr traditionell. Viele merken, dass sie mit dem modernen Weltbild nicht glücklich werden und suchen wieder nach alten Werten. Deshalb interessieren sich heute auch immer mehr junge Menschen für die Orthodoxie.
Sie arbeiten als Trainer und Coach. Wann haben Sie verstanden, dass äußere Veränderungen allein nicht ausreichen und der Mensch sich auch innerlich verändern muss?
Man kann sein Selbstwertgefühl nicht vom Äußeren abhängig machen. Man kann Muskeln haben oder ein Sixpack und sich trotzdem innerlich leer fühlen. Man kann zwar kurzfristig sagen: ,Jetzt fühle ich mich stark‘, aber am Ende ist das oft nur Stolz und Egoismus. Es hat nichts mit wahrem Charakter zu tun.
Ich habe gemerkt, dass ein Mensch sich innerlich verändern muss. Und ich glaube ehrlich gesagt, dass das bei mir selbst bis heute noch nicht ganz abgeschlossen ist. Natürlich ist jeder bis zu einem gewissen Punkt von seinem Äußeren abhängig – das ist normal. Aber viel wichtiger als das Aussehen oder materielle Dinge sind die Seele und Gott.
Je mehr ich zu Gott komme, desto weniger wichtig wird für mich der Materialismus. Ich fühle mich viel stärker zu Gott hingezogen und weniger zu weltlichen Dingen.
Ich glaube, das Äußere ist immer nur eine Manifestation des Inneren. Wenn dein Inneres schwach ist, dann wird sich das irgendwann auch nach außen zeigen. Deshalb muss man zuerst an seiner Seele, an seinem Geist und an seinem Verstand arbeiten. Erst dann verändert sich auch das Äußere.
Warum hat Ihr Weg Sie gerade in die orthodoxe Kirche geführt? Was haben Sie dort gefunden, das Ihnen anderswo gefehlt hat?
Ich bin durch einen rumänisch-orthodoxen Freund zur Orthodoxie gekommen. Gleichzeitig sind zwei andere Freunde katholisch geworden. Deshalb habe ich angefangen, beide Seiten zu vergleichen.
Irgendwann in meiner Abi-Zeit hatte ich keine Lust zu lernen und habe mir einfach gedacht: Jetzt schaust du dir mal die Orthodoxie genauer an. Dann habe ich angefangen, Videos und Vergleiche zwischen Orthodoxie und Katholizismus anzuschauen.
Schon am Anfang hatte ich das Gefühl, dass die orthodoxe Kirche richtiger ist. Ich kann das nicht ganz rational erklären, aber meine Intuition hat mir gesagt, dass dort etwas wahrer ist.
Dann bin ich öfter mit meinem Freund in orthodoxe Gottesdienste gegangen und auch in katholische. Mit der Zeit wurde mir immer klarer, dass die orthodoxe Kirche die richtige für mich ist.
Was mir dort besonders gefallen hat, war die Mystik. In der Orthodoxie ist nicht alles rationalisiert. Vieles bleibt ein Geheimnis, ein großes Mysterium – zum Beispiel die Liturgie, die Ikonen oder das Abendmahl.
Außerdem habe ich dort etwas gefunden, was mir in anderen Kirchen gefehlt hat: Ehrfurcht vor Gott. Diese Liebe zu Gott, diese Gottesfurcht, das gemeinsame Beten – das hat mich tief berührt. Es geht nicht nur um einen kurzen Gottesdienst oder schöne Musik, sondern um wirkliche Anbetung. Im Vergleich dazu hat sich vieles andere für mich leer angefühlt.
Sie stehen erst am Anfang dieses Weges. Was hilft Ihnen heute dabei, auf dem richtigen Weg zu bleiben?
Am meisten hilft mir Gott. Aber auch mein Umfeld – Menschen, die ähnlich denken wie ich und Gott in ihrem Leben an erste Stelle setzen. Dazu gehört auch meine Freundin.
Mir ist bewusst, dass dieser Weg ein ständiger Kampf ist. Es ist nicht so, dass man nach ein paar Monaten als Orthodoxer plötzlich vollkommen wird und keine Schwächen mehr hat. Es ist ein lebenslanger Weg.
Dieses Bewusstsein hilft mir sehr: Dass es ein Weg bis zum Tod ist und dass man immer weiter an sich arbeiten muss.
Außerdem hilft mir die Ehrfurcht vor Gott. Ich möchte seine Gebote halten und ihn nicht enttäuschen. Ich möchte der Mann werden, der ich nach Gottes Willen sein soll.
Sie nannten sich einmal ironisch den „ersten orthodoxen Deutschen“. Kennen Sie heute viele Deutsche, die sich für die Orthodoxie interessieren? Und wie nehmen gewöhnliche Deutsche die orthodoxe Kirche wahr?
Also ja, das war auch ganz lustig, dass ich mich als ,ersten Orthodoxen‘ bezeichnet habe. Jedenfalls glaube ich, dass es immer mehr deutsche und deutschsprachige Leute gibt, die sich für die Orthodoxie interessieren und dass die Orthodoxie auch hier in Deutschland größer wird. Ich war vor ein paar Wochen auch in einem Kloster, und dort meinte man ebenfalls, dass sich immer mehr Menschen, vor allem Deutschsprachige, für die Orthodoxie interessieren.
Ich kenne allerdings nicht viele, die sich speziell für eine deutschsprachige Orthodoxie interessieren. Letztendlich ist es egal, ob man sich für eine deutsche, französische, italienische, kroatische oder russische orthodoxe Gemeinde entscheidet.
Wichtig ist nur, dass die Orthodoxie in ihrer Lehre dieselbe bleibt.
Die Sprache oder die Kultur dahinter können verschieden sein.
Die Russen oder die Rumänen haben zum Beispiel ihre eigene Kultur. Bei den Russen wird etwa das Tragen eines Kopftuchs als wichtiger empfunden. Bei uns ist das eher unterschiedlich – man kann es machen, muss aber nicht. Es gibt also kulturelle Unterschiede, aber die Auslegung des Glaubens bleibt dieselbe.
Wie nehmen gewöhnliche Deutsche die Orthodoxie wahr? Ich glaube, viele finden zuerst überhaupt zum Glauben, also zu Jesus. Dann fragen sie sich irgendwann – oft auch durch Social Media oder YouTube –, ob sie nicht auch eine Konfession brauchen. Dann merken sie, dass es die evangelische, katholische und orthodoxe Kirche gibt.
Und wenn man sich dann informiert und sich seine Meinung bildet, fragen sich viele: ,Welche Kirche ist die richtige für mich?‘
Ich glaube, dass viele Deutsche die orthodoxe Kirche dann als richtiger wahrnehmen, weil sie wieder an ein traditionelles Weltbild anknüpfen wollen, das heute in der Gesellschaft oft verloren geht.
Viele haben das Gefühl, dass heute vieles verweichlicht wird – auch in den Gottesdiensten. In der Orthodoxie sehen sie dagegen mehr Anspruch, mehr Ehrfurcht und mehr Erwartung an sich selbst vor Gott. Und deshalb entscheiden sich manche dann gerade für die orthodoxe Kirche.
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