„Kommt, empfanget Licht!“

Die Ikone „Synaxis der Heiligen der Deutschen Lande“ wird in der Verkündigungs-St.-Justin-Einsiedelei in Unterufhausen aufbewahrt (Verein Deutschsprachige Orthodoxie in Mitteleuropa, DOM e.V.).

Kurz vor Mitternacht verdunkelt sich die Kirche. Die Gemeinde verharrt in der Stille des Karsamstags – der Stille des Grabes. Dann tritt der Priester aus dem Altarraum, den dreiarmigen Leuchter in der Hand, und ruft in das Dunkel hinein: „Kommt empfanget Licht vom unauslöschlichen Licht!“ Von Hand zu Hand wandert das Osterlicht durch die Reihen, eine Flamme entzündet die nächste, bis die ganze Kirche erleuchtet ist. Was in diesem Augenblick geschieht, ist mehr als ein schöner Brauch. Es ist das Herz dessen, was orthodoxe Christen glauben und feiern – das Zeichen der Auferstehung Christi als Licht der Welt. Und so stimmen Chor und Gemeinde ein in den Gesang:

Kommt, empfanget Licht vom unauslöschlichen Licht,
und verherrlicht Christus, der erstanden ist von den Toten!


Video: Feier der Osternacht in der griechisch-orthodoxen Gemeinde Christi Himmelfahrt zu Berlin, 2016

Mit diesem Hymnus beginnt in der Osternacht der Morgengottesdient (Orthros), an den sich die österlichen Stundengebete und die Göttliche Liturgie anschließen. Der Hymnus ertönt heute nicht nur in Athen, Moskau oder Belgrad. Er wird angestimmt von München bis Hamburg, in Groß- und Kleinstädten, in provisorischen Gemeindesäle und großen Kathedralen: auf Griechisch, Kirchenslawisch, Rumänisch – und zunehmend auch auf Deutsch.

Weitergabe des Osterfeuers in der Auferstehungsnacht (Orthodoxe Gemeinde Balingen)

Doch die Feier der Osternacht ist nur ein Teil des reichen liturgischen Lebens der Orthodoxie. Um die Tiefe und Bedeutung dieses Gottesdienstes besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die kirchliche Vielfalt und die grundlegenden Elemente der Göttlichen Liturgie, wie sie auch in Deutschland mittlerweile an vielen Orten gefeiert wird.

Orthodoxie im Herzen Europas

Deutschland beherbergt eine der vielfältigsten orthodoxen Diasporalandschaften Westeuropas. Seit den Migrationswellen des 20. Jahrhunderts – beginnend mit der russischen Emigration nach der Oktoberrevolution 1917, gefolgt von griechischen Gastarbeitern in den 1960ern und späteren Zuzügen aus Serbien, Rumänien, Bulgarien und der ehemaligen Sowjetunion – ist eine pulsierende, plurale kirchliche Wirklichkeit entstanden. Es sind mehr nur historische, meist auf russische Initiative errichtete Denkmäler wie in die im 19. Jahrhundert errichteten Kirchen der hl. Magdalena in Darmstadt oder die Nikolai-Kathedrale in Stuttgart, die Brennpunkte liturgischen Lebens bilden. Würdige Stätten der Anbetung bieten auch das noch im Bau befindliche Kirchenzentrum der rumänischen Metropolie in München oder die Kirche des deutschsprachigen, zur serbischen Kirche gehörigen Klosters in Unterufhausen. Auch das Dreifaltigkeitskloster in Buchhagen pflegt die deutsche Sprache in seiner Liturgie, gehört aber zur ebenfalls in Deutschland präsenten bulgarisch-orthodoxen Jurisdiktion (was so viel heißt wie ein kirchlicher Verwaltungsbezirk). Daneben wird die Liturgie auch in übernommenen oder gemieteten Sakralräumen anderer Konfessionen oder in provisorischen Gemeindesälen gefeiert.



Video: „Christus ist auferstanden“, Ostertropar gesungen vom Muttergottes Chor der antiochenisch-orthodoxen Metropolie in Deutschland

Die Vielfalt in Sprache und Kultur ist Ausdruck der Katholizität (d.h. Ganzheitlichkeit, Allumfassendheit) der Kirche: Das Evangelium nimmt Gestalt an in den Kulturen und Sprachen der Völker, ohne sich darin zu erschöpfen. Trotz der großen Vielfalt sind die Gemeinden durch das gemeinsame Band des Glaubens und des Gebetes vereint, das heißt: das Festhalten an den Dogmen der sieben Ökumenischen Konzile und die sichtbare Gemeinschaft in der Feier der Göttlichen Liturgie. Es sind diese beiden Merkmale der rechten Lehre und des liturgischen Gebetes, welche die Kirche seit der Zeit der Apostel auszeichnen:

Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten. (Apg 2,42)


Das liturgische Osterbrot (Artos) mit aufgeprägter Auferstehungsikone (Hl. Elisabeth-Konvent Convent, Minsk)

Hier ist nicht die Rede von einem beliebigen Mahl und von irgendwelchen Gebeten, sondern vom Brotbrechen (artoklasía) und den Gebeten (taîs proseuchaîs), was bereits auf eine verbindende und verbindliche liturgische Ordnung hinweist. Das gemeinsame historische Erbe aller orthodoxen Kirchentümer (d.h. der einzelnen Ortskirchen unterschieden von der Kirche in ihrer Gesamtheit) ist die Göttliche Liturgie, die wie an den meisten Tagen des Jahres so auch am Fest der Feste, an Ostern, mit den Gebeten des heiligen Johannes Chrysostomos gefeiert wird.

Die Göttliche Liturgie

Üblicherweise geht der Feier der Göttlichen Liturgie das kirchliche Stundengebet voraus. Es besteht aus Psalmen und Hymnen, die zu verschiedenen Zeiten des Tages nach einem festen jährlichen und wöchentlichen Rhythmus gesungen werden. Wir haben bereits den Morgengottesdienst (Orthros) erwähnt, der etwa nach der griechischen und rumänischen Tradition nicht nur in der Osternacht, sondern zu allen Zeiten des Jahres vor der eucharistischen Liturgie gefeiert wird. Er ist ursprünglich der Lobgottesdienst zum Morgengrauen, der aus einer Vielzahl von Psalmen Hymnen gewoben ist, und ähnelt damit der Matutin in der westlichen lateinischen Tradition. Die Bezeichnung „Aufgang“ (gr. órthros) erinnert dabei auch an die Auferstehung Christi (vgl. Mk 16,2). In der slawischen Tradition geht der Liturgie die Feier der Dritten und Sechsten Stunde voran, d.h. jener Tageszeiten, die heilsgeschichtlich mit der Herabkunft des Heiligen Geistes (Apg 2,15) und der Kreuzigung des Herrn verbunden werden (Lk 23,44, vgl. auch Joh 4,6).

In der Auferstehungsnacht geht die Feier des Orthros und der österlichen Stunden in allen Kirchen der eucharistischen Liturgie voran. Diese Gebete bereiten die Gemeinde vor für den nun erwarteten unsichtbaren Einzug des auferstandenen Christus: „um zu empfangen den König des Alls“, wie es im sogenannten Cherubimhymnus vor dem Brechen des eucharistischen Brotes heißt. Folgerichtig beginnt jede Göttliche Liturgie mit dem Ruf des Priesters: „Gesegnet die Konigsherrschaft des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzt und immerdar und in die Ewigkeit der Ewigkeit.“

Die Zurüstung der Gaben (Proskomidie)

Der erste Teil der liturgischen Handlung besteht in der Vorbereitung der heiligen Gaben. Sie findet nicht auf dem Altartisch, sondern einem separaten Rüsttisch (próthesis) hinter der Ikonostase statt, während in der Kirche die Stundengebete gesungen werden.  Dieser Brauch geht zurück auf die Anfänge der Kirche, als die Gemeindemitglieder das Brot, den Wein und alles Nötige für den Gottesdienst mitbrachten. Deshalb wird das dabei verwendete Brot selbst Prosphore (d.h. „Darbringung“) genannt. Neben der Prosphore, die für das eucharistische Brot verwendet wird, gibt es vier weitere, welche für die Gottesgebärerin, die Chöre der Heiligen sowie die übrigen lebenden und verstorbenen Gläubigen dargebracht werden. Diese Gaben sind als Ausdruck der Danksagung –  gr. eucharistía – zu verstehen (s. Mk 14,22), die wir im Andenken an Christi Danksagung  beim Mahl vor seiner Verherrlichung Gott darbringen:

dem Vater danksagend, der euch fähig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht; er hat uns gerettet aus der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe. Kol 1,12-13


Der Gabentisch (próthesis) mit den Zurüstungen für die Eucharistie (Wikimedia Commons)

Als Besonderheit wird an Ostern das sogenannte Artos (gr. für gesäuertes Brot) geweiht, das eine symbolische Bedeutung hat: In den vierzig Tagen der Auferstehung des Herrn pflegten die Apostel mit ihm zu essen und zu trinken (s. Apg 10,41). Nach der Himmelfahrt Christi legten sie auf den Tisch vor dem leeren Platz Jesu ein Stück Brot als Erinnerung an Jesu Wort „Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Weltalters (Mt 28,20). Nach Beendigung des Mahles (vgl. 1Kor 11,25) hoben sie das Brot mit Dank zu Gott empor und sprachen: „Christus ist auferstanden!“ Mit diesem Satz grüßen sich orthodoxe Christen bis heute in der österlichen Festzeit.

Dieser Brauch setzte sich durch die Mission der Apostel auch in anderen Ländern fort und wurde von den nachfolgenden Bischöfen nur mehr am Fest der Auferstehung selbst vollzogen. Das Artos ist also ein Symbol für die Gegenwart des Auferstandenen, es wird in der Lichten Woche nach dem Osterfest während der Gottesdienste vor der offenen Königlichen Tür der Ikonostase ausgelegt, in liturgischen Prozessionen mitgetragen und am Lichten Samstag an die Gemeindemitglieder ausgeteilt. Man bewahrt es in den Häusern auf, um es bei Bedarf „zur Linderung von Sorgen und Krankheiten“ zu verzehren, wie es in den Segensgebeten heißt.

Das Artos wird in der Lichten Woche nach Ostern vor der Ikonostase ausgelegt (Hl. Elisabeth-Konvent Convent, Minsk)

Liturgie der Katechumenen

Den zweiten Teil der Göttlichen Liturgie bildet die sogenannte Liturgie der Katechumenen (d.h. Taufbewerber). Sie wird so genannt, weil die Ungetauften in der frühen Kirche und noch heute mancherorts nicht am anschließenden eucharistischen Gottesdienst teilnehmen durften. Er beginnt mit den Psalmen, Hymnen und Gebeten und gipfelt in den Lesungen aus Apostelbriefen und Evangelium. So zieht das Licht des Auferstandenen zunächst durch sein heilbringendes Wort in die Herzen versammelten Gemeinde ein:

Eine Leuchte für meinen Fuß ist dein Wort, ein Licht für meinen Pfad. Psalm 118,5

Der Priester legt durch seine Predigt das Wort Gottes aus – ähnlich wie er auch das Licht des Auferstanden in der Osternacht an die versammelte Gemeinde weitergibt.

Mit speziellen Gebeten für eventuell anwesende Taufbewerber schließt der ‚belehrende‘ Teil der Göttlichen Liturgie und weicht dem Höhepunkt der Feier, dem eucharistischen Gottesdienst.

Eucharistische Liturgie

Mit dem schon erwähnten Cherubimhymnus bereitet sich die Gemeinde nun vor „zu empfangen den König des Alls, den unsichtbar geleiten die Heerscharen der Engel“, ehe der Priester die Kraft des Heiligen Geistes auf die versammelte Gemeinde und die dargebrachten Gaben herabruft.

Diese Gebete, die das Herz der Göttlichen Liturgie bilden, werden als Hochgebet (gr. anaphorá = eigentlich „Emporbringung“) bezeichnet. Während die Gläubigen im Andenken an Christus Gott „das Deine von dem Deinen darbringen“ (aus den liturgischen Gebeten), sendet Er im Gegenzug den Heiligen Geist zur Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi herab. In ihnen werden auch die Gläubigen Teilhaber an jenem Licht, das Christus als Besieger der Finsternis des Todes durch die Auferstehung in die Welt gebracht hat:

Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. 8 Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. […] Deshalb heißt es: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten!, und der Christus wird dir aufleuchten!“ Eph 5,7-8.14


Die Ikone „Synaxis heiliger der Deutschen Lande“, die in der Verkündigungs-St. Justin-Einsiedelei in Unterufhausen aufbewahrt wird (Verein Deutschsprachige Orthodoxie in Mitteleuropa, DOM e.V.)

Liturgische Einheit in der Vielfalt

Zur Kommunion wird dabei in der Auferstehungsnacht unermüdlich das Ostertropar gesungen, jedoch nach dem verschiedenen musikalischen Traditionen der jeweiligen Kirchen:

Christus ist erstanden von den Toten, hat zertreten im Tode den Tod, und denen in den Gräbern das Leben Geschenkt!


Video: Ostertropar, verschiedene Singweisen (Russisch-Orthodoxe Kirche Hl. Johannes, Heilbronn)

So pflegen die griechisch-orthodoxen Gemeinden den byzantinischen Gesang in der altgriechischen Kirchensprache; russisch-orthodoxe Pfarreien beten auf Kirchenslawisch, begleitet vom feierlichen Chorgesang im Petersburger Harmoniesatz, der für das westliche Ohr etwas weniger exotisch klingt. Durch die Übersetzung und zunehmende Feier der Liturgie findet auch das Deutsche Eingang in diese verschiedenen musikalischen Traditionen. Einen besonderen Ansatz verfolgen die Mönche des Klosters Buchhagen, die anknüpfend an ältere Traditionen einen ‚eigenwüchsigen‘ deutschen Choral entwickelt haben.

„Zur Mitte der österlichen Zeit“ (YouTube/Vater Lazarus/Kloster Buchhagen)

Die musikalische Vielfalt ist nur ein Beispiel für die Lebendigkeit des kirchlichen Lebens insgesamt, und insbesondere für das zunehmende Heimischwerden orthodoxer Frömmigkeit auch in der deutschen Kultur. Es handelt sich dabei nicht um ein dirigiertes Missionsprojekt, sondern um ein allmähliches Verwachsen von kirchlichen Traditionen und nationalem Charakter. Diese Verkirchlichung von Sprache und Kultur ist ein organischer und zutiefst persönlicher Prozess, wie die Weitergabe des Lichtes in der Osternacht von Hand zu Hand.

Schluss

Die orthodoxen Kirchentümer und Jurisdiktionen in Deutschland sind also keine musealen Relikte einer fernen Heimat, sondern ein lebendiges kirchliches Umfeld in steter Bewegung. Sie tragen das Licht des Glaubens im Gewand unterschiedlicher Sprachen und Kulturen in die hiesige Gesellschaft hinein – mit zunehmendem Anklang auch bei der angestammten Bevölkerung. Das Herz dieses Glaubens schlägt in der Göttliche Liturgie, die ihre größte festliche Fülle in der Feier der Auferstehungsnacht entfaltet.

Beachten wir zusätzlich die wachsende Verbindung des kirchlichen Lebens mit dem kulturellen und historischen Erbe Deutschlands, so können wir die Präsenz der Orthodoxie in der Tat mit der Flamme des Osterlichts in der Kirche vergleichen, die, von Hand zu Hand weiter entzündet, allmählich den ganzen Raum erhellt. Eine einzelne Kerze mag dabei als kleines Licht erscheinen, aber in der Menge und Vielfalt der anderen manifestiert auch sie eindrucksvoll das Licht des auferstandenen Christus. Und lässt damit das Wort des Apostels zur sichtbaren Realität werden:

Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. (Eph 5,8)

Auferstehungsikone am Osterfest (Orthodoxe Kirchengemeinde Balingen)

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