Der Tod der Gottesgebärerin wurde zur zweiten Geburt

Ikone der Entschlafung der Jungfrau Maria. Foto: UOJ

Tatsächlich erwähnt kein einziger Evangelist auch nur mit einer Zeile, wie die Mutter Gottes starb. Es gibt weder ein konkretes Datum ihres Heimgangs noch einen Ort oder Angaben zu den Umständen ihres Todes und ihrer Beisetzung. Zum Vergleich: Vom Tod des Apostels Jakobus spricht die Heilige Schrift eindeutig (Apg 12,2), über die Gottesgebärerin aber, deren Gestalt zur Achse der gesamten Geschichte des Evangeliums wurde, verliert sie kein Wort. Seltsam, nicht wahr?

Dabei gedenkt die Kirche nicht lediglich des Tages ihres Heimgangs. Sie errichtet um ihn herum eines der zwölf wichtigsten Feste des Jahres, baut auf der ganzen Welt Kirchen und Klöster zu Ehren der Entschlafung und schafft eine ganze ikonografische Tradition. Woher stammen dann all diese Kenntnisse, wenn ihre wichtigste Quelle – die Heilige Schrift – über die Entschlafung schweigt?

Die Antwort liegt in der Komposition der Ikone des heutigen Festes. Genauer gesagt, in einem Detail, das man beim Küssen des Bildes leicht übersehen kann, ohne es auch nur ein einziges Mal richtig betrachtet zu haben.

Wer liegt in den Armen Christi?

Betrachten wir aufmerksam eine beliebige Ikone der Entschlafung. In der Mitte sehen wir die Allheilige Gottesgebärerin auf dem Sterbelager, um sie herum die weinenden Apostel und hinter dem Lager Christus in einem strahlenden Lichtkranz. In seinen Armen liegt ein Kind, eingewickelt wie ein Neugeborenes. Der erste Gedanke: Das ist doch dasselbe göttliche Kind wie auf der Ikone der Geburt Christi – nur hält der Erlöser hier aus irgendeinem Grund sich selbst an der Brust.

Doch nein. Dies ist keineswegs eine Anspielung auf den Beginn der Geschichte des Evangeliums. In den Armen Jesu befindet sich die Seele der Gottesgebärerin.

Jahrhundertelang stellten die Ikonenmaler sie genau so dar – winzig, eingewickelt und hilflos –, weil sie damit etwas Größeres als nur den Übergang der Seele in das ewige Leben zeigen wollten.

Die Mutter, die einst den neugeborenen Gott in ihren Armen hielt, wird hier selbst zu diesem Kind in den Armen ihres eigenen Sohnes. Die familiären Rollen tauschen ihre Plätze.

Zum Kind werden, um gerettet zu werden

Sobald wir begonnen haben, den Sinn dieses Bildes zu verstehen, illustriert es nicht mehr nur die Handlung des Festes, sondern beginnt schweigend zu predigen. Der Tod ist im Verständnis der Kirche keine Auflösung im Nichts und keine Auslöschung der Person, sondern eine zweite Geburt: dasselbe Zur-Welt-Kommen, nur in umgekehrter Richtung.

Der Herr selbst sagte seinen Jüngern einst etwas erstaunlich Ähnliches: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen (Mt 18,3). Die Ikone der Entschlafung der Allheiligen Gottesgebärerin zeigt am Beispiel des ersten Menschen, für den dieses Reich geöffnet wurde, wie genau dies in der Praxis geschieht. Man kann nicht allein mit Machtbefugnissen, irdischen Verdiensten oder sogar mit der im Laufe des Lebens angesammelten Weisheit dorthin gelangen.

In das Paradies gelangt man, wenn Gott dich klein und hilflos in seine Arme nimmt.

Für einen Menschen, der sich vor dem Alter fürchtet und Angst davor hat, eines Tages von seinen Angehörigen abhängig und körperlich schwach zu werden, ist das sehr tröstlich. Die Kirche bekräftigt, dass du auf dem gesamten Weg zur himmlischen Wohnstatt behutsam gestützt wirst.

Klöster, die starben und wiedergeboren wurden

Ob Zufall oder nicht: Derselbe Kreislauf von Tod und Auferstehung ist buchstäblich in das Schicksal der bedeutendsten Klöster der Ukraine eingeprägt, die einst den Status einer Lawra und einen Namen zu Ehren der Entschlafung der Allheiligen Gottesgebärerin erhielten.

Die Hauptkathedrale der Kiewer Höhlenlawra wurde 1941, mitten im Krieg, gesprengt, und mehrere Jahrzehnte lang standen an ihrer Stelle nur Ruinen. Sie wurde erst zwischen 1998 und 2000 wiederaufgebaut und am 24. August 2000, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, erneut geweiht.

Die Entschlafens-Kathedrale der Swjatogorsker Lawra wurde in der Sowjetzeit vollständig in ein Kino umgewandelt, während das Kloster selbst viele Jahre lang als gewöhnlicher sowjetischer Ferienkomplex geführt wurde. Die Mönche kehrten erst 1992 dorthin zurück, und den Status einer Lawra erhielt das Kloster im Jahr 2004.

Zweimal im 20. Jahrhundert gingen diese Klöster genau denselben Weg wie ihre Allreine Schutzherrin.

Vielleicht wurde ihre Widmung an ihre Entschlafung deshalb nicht nur zu einer Ehrung der Tradition, sondern zu einem unmittelbaren Zeugnis dafür, dass das wahre Mönchtum ein Sterben für die Welt und eine Auferstehung zum ewigen Leben ist.

Wenn wir zum festlichen Gottesdienst in die Kirche kommen, wollen wir die Ikone aufmerksamer betrachten. Schauen wir uns darauf die Hände Christi und die in Windeln gewickelte Seele seiner Mutter an. Und schließlich werden wir verstehen: Es ist nicht nötig, allen das eigene Erwachsensein zu beweisen. Es genügt, dem Äußeren nach ein erfahrener Erwachsener, in der Seele aber ein reines Kind zu sein, damit unser Erlöser diese Seele später in seinen Armen in den Himmel trägt.

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