Eine Osterpredigt über den Streit im Weinberg
Weinbergskandal. Foto: UOJ
Stellen Sie sich den Marktplatz Jerusalems bei Tagesanbruch vor. Dort stehen diejenigen, die niemand zur Arbeit gerufen hat. Im alten Palästina war ein Tagelöhner ein Mensch ohne jegliche Lebensmittelvorräte. Wurdest du heute nicht eingestellt, bedeutet das, dass deine Kinder hungern bleiben? Der Besitzer des Weinbergs kommt früh am Morgen an diesen Ort, findet Menschen und vereinbart mit ihnen einen Denar als Bezahlung für den Tag. Das war der übliche Tageslohn, der ausreichte, um eine Familie zu ernähren.
Doch dann verhält sich der Besitzer seltsam. Er kehrt um neun Uhr morgens auf den Platz zurück. Dann am Mittag. Dann um drei Uhr nachmittags. Jedes Mal findet er neue Menschen, die während dieser ganzen Zeit untätig herumgestanden haben, und schickt sie in den Weinberg. Um fünf Uhr abends, eine Stunde vor dem Ende des Arbeitstages, geht er erneut hinaus und findet wieder diejenigen, die noch immer niemand gerufen hat. „Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum?“, fragt er. „Niemand hat uns eingestellt“, antworten sie. Und er schickt sie den übrigen Arbeitern zur Hilfe.
Der Skandal am Ende des Arbeitstages
Am Abend befiehlt der Besitzer dem Verwalter, den Lohn auszuzahlen und mit denjenigen zu beginnen, die zuletzt gekommen waren. Die Arbeiter der elften Stunde, die genau 60 Minuten gearbeitet hatten, erhielten einen ganzen Denar. Als Nächste in der Reihe stehen diejenigen, die bei Tagesanbruch aufs Feld gegangen waren. Sie sehen, wie viel die Zuspätgekommenen erhalten haben, und in ihnen erwacht eine durchaus verständliche Hoffnung: Wenn eine Stunde einen Denar wert ist, müsste für zwölf Stunden wesentlich mehr zusammenkommen. Doch sie erhalten denselben Denar und keinen Groschen mehr.
Sie beginnen, dem Besitzer ins Gesicht zu murren: „Diese Letzten haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages und die Hitze getragen haben.“ Darin liegt keinerlei Übertreibung. Vom Standpunkt des gesunden Menschenverstands aus ist das tatsächlich empörend. Keine Gewerkschaft würde eine solche Entlohnung gutheißen.
Der Besitzer rechtfertigt sich nicht
Die Antwort des Besitzers verdient besondere Aufmerksamkeit: „Freund! Ich tue dir nicht Unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf einen Denar geeinigt? Nimm, was dir gehört, und geh. Ich aber will diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Darf ich nicht mit dem, was mir gehört, tun, was ich will? Oder ist dein Auge neidisch, weil ich gut bin?“
Der Besitzer entschuldigt sich nicht und geht keinen Kompromiss ein.
Er verweist auf eine einfache Tatsache: Mit den ersten Arbeitern wurde eine Vereinbarung getroffen, die genau eingehalten wurde. Die Verpflichtungen ihnen gegenüber wurden vollständig erfüllt, bis zur letzten Münze. Die Vorwürfe der Ungerechtigkeit sind unbegründet: Niemand hat sie benachteiligt. In Wirklichkeit ärgerte die murrenden Arbeiter nicht, dass sie weniger erhielten, als sie verdient hatten, sondern dass jemand anderes mehr erhielt, als sie erwartet hatten.
Das neidische Auge
An dieser Stelle verbirgt sich im Text ein interessantes Detail. Der Ausdruck „dein Auge ist neidisch“ lautet im Original „dein Auge ist böse“. Das war eine feste Redewendung, die jedem Zuhörer Christi bekannt war. Im Alten Testament bezeichnet das „böse Auge“ den Blick eines Menschen, der geizt, einem Bedürftigen zu helfen, obwohl er selbst alles im Überfluss besitzt (Dtn 15,9), oder einen neidischen Blick auf das Glück eines anderen (Spr 23,6). Christus selbst stellt etwas früher das „böse Auge“ dem „lauteren Auge“ gegenüber – dem Blick der Großzügigkeit, der den Gewinn eines anderen nicht als eigenen Verlust betrachtet (Mt 6,22–23).
Der Besitzer des Weinbergs stellt den Arbeitern also eine ehrliche Frage: Seid ihr auf das Glück eines anderen neidisch oder sorgt ihr euch um das euch selbst zugefügte Unrecht? Die Antwort ist offensichtlich. Ihr Denar ist ihnen nicht abhandengekommen. Ihr Lohn wurde durch die Einstellung neuer Arbeiter nicht beeinträchtigt; der Neid auf das Einkommen anderer hatte Besitz von ihnen ergriffen.
Gott schaut nicht auf die geleisteten Arbeitsstunden
Die alten Ausleger lasen dieses Gleichnis als eine vollständige Erzählung über das Schicksal des Menschen. Der heilige Johannes Chrysostomos verstand den Morgen sowie die dritte, sechste, neunte und elfte Stunde als unterschiedliche Lebensalter, in denen die Menschen zum Glauben kommen. Manche arbeiten seit Kindheit an im Weinberg. Manche kommen im Erwachsenenalter. Und manche gelangen erst kurz vor Sonnenuntergang dorthin – beispielsweise der einsichtige Schächer am Kreuz, der sein ganzes Leben ohne Gott verbracht hatte und für ein einziges Wort der Reue die Seligkeit des Paradieses erhielt.
Genau diesen Gedanken wiederholt die Osterpredigt desselben heiligen Johannes Chrysostomos, die in der Nacht der Auferstehung Christi in den Kirchen erklingt. Dort wird gerade das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg zitiert: „Der freigebige Gebieter nimmt den Letzten ebenso an wie den Ersten; Er gewährt demjenigen Ruhe, der in der elften Stunde gekommen ist, ebenso wie demjenigen, der seit der ersten Stunde gearbeitet hat; des Letzten erbarmt Er sich und für den Ersten sorgt Er; jenem gibt Er und diesen beschenkt Er.“ Jedes Jahr erinnert die Kirche in der feierlichsten Nacht erneut daran: Die Eintrittskarte ins Paradies wird nicht nach der Zahl der geleisteten Arbeitsstunden vergeben.
Die Fürsorge des Besitzers
Dieses Gleichnis besitzt noch eine weitere Ebene. Der Denar der Arbeiter der elften Stunde ist kein großzügiger Bonus über das Übliche hinaus. Es ist genau die Summe, die der Arbeiter benötigte, um am Abend Brot für seine Familie zu kaufen. Bezahlt man ihn anteilig – ein Zwölftel eines Denars pro Stunde –, werden seine Kinder hungrig schlafen gehen, nur weil niemand ihren Vater früher eingestellt hat.
Der Besitzer des Weinbergs führt keine strenge Buchhaltung. Er rettet eine konkrete Familie vor dem Hunger.
Während wir das Einkommen anderer zählen, vernachlässigen wir unser eigenes, das schon lange in unserer Tasche liegt. Das Gleichnis endet mit einer Frage, die nicht mehr an die Weinbauern, sondern an den Leser gerichtet ist: Kannst du dich über das Einkommen eines anderen ebenso freuen wie über dein eigenes?
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