Entschlafung oder Himmelfahrt
Am 15. August, der nach dem julianischen Kalender auf den 28. fällt, feiert die Orthodoxe Kirche das Fest des Entschlafens der Gottesgebärerin: ein Feiertag, der hierzulande als „Mariä Himmelfahrt“ bekannt ist. Beide Namen beziehen sich auf dasselbe Ereignis, und trotzdem suggerieren sie Unterschiedliches: Das Entschlafen deutet auf den Tod als Ruhe des Leibes, die Himmelfahrt auf eine leibliche Entrückung der Gottesmutter.
Sowohl orthodoxe als auch römisch-katholische Christen glauben, dass die Mutter Jesu am Ende ihres Lebens vom Herrn zu sich genommen wurde. In der westlichen Tradition spricht man von der „Aufnahme“ (assumptio) Marias in den Himmel. Doch die Voraussetzungen dafür wie auch die Art und Weise, in der dies geschehen konnte, bleiben meist unklar. Dabei sind sie von entscheidender Bedeutung dafür, wie wir die Beziehung der Gottesgebärerin zu ihrem Sohn und ihre rechtmäßige Verehrung verstehen.
Aber fangen wir von vorne an: Was ist der Anlass und Gegenstand dieses Festes? Warum musste die Gottesgebärerin sterben? Und was bedeutet der Hinübergang ins andere Leben für ihre Verehrung und die künftige Auferstehung aller Erlösten?
Ursprung und Gehalt des Festes
Der liturgische Festtag des Entschlafens der Gottesmutter geht zurück auf den heiligen Kyrill von Alexandria, der die im 5. Jh. n. Chr. die Feier auf das Datum des 15. August festsetzte. Derselbe Bischof der ägyptischen Metropole Alexandria war es auch, der auf dem 4. Ökumenischen Konzil in Ephesos 451 die Anrede der Jungfrau Maria als Gottesgebärerin verteidigte. Vom 7. Jahrhundert an wurde das Fest ihrer Entschlafung auch von den Kirchen in Rom und Konstantinopel gefeiert und verbreitete sich so in Ost und West, wo es noch von Luther und zumindest eine Zeit lang auch von seinen Anhängern beibehalten wurde. Älter als das Fest jedoch ist die christliche Überlieferung, die dem liturgischen Gedenktag zugrunde liegt und nach einigen Forschern bis ins 3. oder sogar 2. Jahrhundert nach Christus zurückreicht.
Der Heilige Kyrill von Alexandria (Foto: Reddit/r/Christianity)
Die kirchliche Überlieferung
Der Kern dieser Überlieferung ist der: Nach der Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu blieb die Gottesmutter beim heiligen Apostel Johannes, dessen Obhut sie vom Herrn anvertraut worden war (Joh 19,27). Als sich der Tag ihres Todes nahte, wurden die in alle Himmelsrichtungen zerstreuten Apostel auf wundersame Weise von Engeln zu ihrem Sterbelager gebrach, um von ihr Abschied zu nehmen. Nur Thomas kam durch Gottes Vorsehung drei Tage zu spät. Im Moment von Marias Tod erschien Christus, begleitet von Engeln, um ihre Seele in Empfang zu nehmen. Es ist dieser Augenblick, der in der kanonisch gewordenen Festikone der Entschlafung dargestellt wird. Anschließend trugen die Apostel die Gottesmutter zu Grabe. Der drei Tage später kommende Thomas öffnete ihr Grab, fand jedoch den Leichnam nicht mehr vor. Daraufhin erschien sie den Jünger selbst in himmlischer Glorie, von Engeln umgeben, und versicherte sie ihres bleibenden Beistands.
Die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel wurde in der Orthodoxie nie formal dogmatisiert, sie ist aber unverrückbarer Bestandteil der kirchlichen Überlieferung und des liturgischen Brauchtums. Dementsprechend sind von der Gottesgebärerin – anders als von anderen großen Heiligen – auch keine leiblichen Überreste erhalten. Die einzigen Reliquien sind ein paar Gewänder und ihr Gürtel, von dem ein Teil im Kloster Vatopedi auf dem Athos aufbewahrt wird.
Der heilige Ignatij (Briantschaninow) fasst den Inhalt des Festes wiefolgt zusammen:
„Die Gottesmutter ist am dritten Tage nach ihrem Entschlafen auferstanden und wohnt seitdem im Geist und Körper in den Himmeln. Sie wohnt nicht nur in den Himmeln, sondern herrscht im Himmel. Sie ist als Mutter des Königs der Himmel zur himmlischen Königin erklärt, zur Königin der heiligen Engel und der Heiligen. Ihr ist besondere Macht und ein besonderer Zugang gegeben, um Fürsprache für die Menschheit vor Gott einzulegen. Wenn sich die Heilige Kirche in Bitten an die großartigsten Gerechten Gottes, an die Engel und Erzengel wendet, dann sagt sie: „Betet zu Gott für uns“, und nur zur Gottesgebärerin wird gesagt: „Rette uns.“ (Vgl. 1Kor 9,22)– Hl. Ignatij Briantschaninow, Auslegung der Lehre der Kirche über die Gottesmutter, Edition Hagia Sophia 2018.
Biblische Anknüpfungspunkte
Die Auffassung, dass die Gottesmutter leiblich im Himmel bei ihrem Sohn weilt und an seiner Herrschaft teilhat, findet einen biblischen Anknüpfungspunkt in der Gestalt der Frau himmlischen Frau aus der Johannesoffenbarung, die von den Vätern sowohl mit der Kirche als auch mit der Mutter des Herrn identifiziert wird:
„Und ein großes Zeichen wurde geschaut im Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.“ (Offb 12,1)
Die zwölf Sterne erinnern einerseits an die zwölf Stämme Israels, aus deren herrschendem Stamm Juda die Gottesmutter stammte, andererseits an die zwölf Apostel. Auch zu ihnen sagt Christus im Evangelium, dass sie auch sie sich nach der Wiederkunft „auf zwölf Throne setzen und die zwölf Stämme Israels richten“ würden (Mt 19,28). Er gibt ihnen Anteil an seiner Herrschaft mit den Worten: „Und ich verfüge euch, gleichwie mein Vater mir verfügt hat, ein Königtum“ (Lk 22,29).
Nach den Worten des heiligen Augustinus gebührt es deswegen gerade der Mutter des Königs, an seiner Seite zu sitzen und mit ihm zu herrschen, wie es im Alten Testament am Beispiel der Mutter Salomons sichtbar sichtbar wird: „Und es wurde ein Thron für die Königinmutter aufgestellt und sie setzte sich zu seiner Rechten“ (3 Könige 2,19).
Moses und Aaron werfen sich vor der Bundeslade nieder, Gemälde von Jacques Joseph Tissot (19. Jh.) (Jewish Museum NY/Wikimedia Commons)
So finden sich im Alten Testament Prophetien, Muster und Vorbilder, die auf Christus und sein Heilswerk hindeuten, und mit ihm auch auf seine Mutter. So etwa im Psalm 131,8, der nach Augustinus auf die Himmelfahrt Jesu und die Aufnahme der Gottesgebärerin hindeutet: „Stehe auf, Herr, zu Deiner Ruhe, Du und die Lade Deiner Heiligung“ – oder im Psalm 44, der als Prophetie des Messias zu verstehen ist: „Es steht die Königin zu Deiner Rechten, mit goldgewirkter Gewandung bekleidet und mannigfach geschmückt“ (Psalm 44,10).
Die biblische Typologie spiegelt sich auch in den liturgischen Festgesängen wider:
„Die Bestattungsgesänge lasst uns anstimmen wohlgemut. Denn die Lade ganz aus Gold, die Mutter Gottes, bereitet sich nun, von der Erde nach oben zu gehn und hinübergenommen zu werden zum göttlichen Glanz neuen Lebens.“– 1. Sticheron zum „Herr ich rief zu Dir“ in der Vesper von der Vorfeier der Entschlafung, 4. Ton
Auch der 44. Psalm wird in seinem gesamten Kontext aufgegriffen:
„Das Davidslied, ihr Völker, lasst Christus Gott uns heute singen: Es werden zugeführt werden, so sagt er, dem König Jungfrauen hinter ihr [d.h. der Königin] drein, die ihr nahe stehn werden zugeführt werden in Freude und Frohlocken. Denn sie aus dem Samen Davids, durch die wir wurden vergöttlicht, wird hinüberversetzt in den Händen ihres eigenen Sohnes und Gebieters glorreich und über dem Verstehn.“– 3. Sticheron zum Stichos in der Vesper vom Fest der Entschlafung, 4. Ton
Musste die Gottesgebärerin sterben?
Der Tod wird an zahlreichen Stellen des Alten und Neuen Testaments als eine Art Schlaf verstanden. So zuerst im 5. Buch Mose: „Und der Herr sagte zu Mose: Siehe, du wirst bei deinen Vätern schlafen“ (Deuteronomium 31,16). Ähnlich heißt es von Salomon im 1. Buch der Könige: „Und Salomon entschlief zu seinen Vätern“ (1 Könige 11,43).
Mit dieser Redeweise setzen die biblischen Autoren im Grunde schon den Glauben an die Auferstehung voraus; denn wer schläft, der kann auch wieder aufwachen. Ausgesprochen wird das z.B. beim Propheten Daniel: „Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande“ (Daniel 12,2).
Vor der Erweckung des verstorbenen Lazarus erklärt Jesus seinen Jüngern: „Lazarus, unser Freund, ist eingeschlummert; aber ich gehe hin, damit ich ihn aus dem Schlaf erwecke“ (Joh 11,11). Das griechische Wort an dieser Stelle ist dasselbe wie jenes, mit dem wir auf Griechisch die Entschlafung (Koímesis) der Gottesmutter bezeichnen: kekoímetai, „er ist eingeschlummert“.
Der Tod ist, wie der heilige Paulus klarstellt, eine Folge der Ursünde Adams: „Deshalb, gleich wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt eingedrungen ist und durch die Sünde der Tod, so ist auch der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, zumal alle gesündigt haben“ (Röm 5,12)
Wenn wir also von Entschlafung sprechen, erkennen wir damit an, dass die Mutter Jesu – trotz ihrer hohen Würde, die darin besteht, den menschgewordenen Gott geboren zu haben – dem allgemeinen Gesetz des Todes unterworfen war. Das unterscheidet sie von Christus, der „Vollmacht besaß“, seine Seele „hinzugeben und Vollmacht, sie wieder zu empfangen“ (Joh 10,18). Der heilige Ignatij fasst die Lehre der orthodoxen Väter so zusammen:
Allerdings war die Gottesmutter trotz ihres gerechten und reinen Lebens, welches sie führte, bis zum Empfang des Heiligen Geistes zusammen mit den Aposteln, der Sünde und dem ewigen Tod, welcher auch in ihr anwesend war und Herrschaft ausübte, unterworfen.
Genau in diesem essenziellen Punkt widerspricht die römisch-katholische Auffassung der orthodoxen Lehre. Papst Pius XII., der das Dogma der leiblichen Himmelfahrt Marias verkündete, sieht nämlich in dieser Himmelfahrt einen Beweis dafür, dass die Gottesgebärerin aufgrund ihrer von der Sünde unbefleckten Empfängnis von Anbeginn ihres Lebens dem Gesetz des Todes nicht unterlag:
„Nun wollte aber Gott, dass die selige Jungfrau Maria von diesem allgemeinen Gesetz ausgenommen sei. Sie überwand nämlich, durch ein „einzigartiges Privileg, kraft ihrer unbefleckten Empfängnis die Sünde, und eben deshalb war sie der Verwesung im Grab nicht unterworfen und musste für die Erlösung ihres Leibes nicht das Ende der Zeit abwarten.“– Papst Pius XII., Apostolische Konstitution Munificentissimus Deus, Abs. 5
Nach römisch-katholischem Dogma ist also die leibliche Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel ein Resultat ihrer unbefleckten Empfängnis, d.h. ihrer Freiheit vom Gesetz der Sünde und des Todes. Sie ist Ausdruck für ein „einzigartiges Privileg“, das sie von allen anderen Menschen unterscheidet. Dieses Dogma der unbefleckten Empfängnis war im Jahr 1854 durch Pius IX. verkündet worden. Da die Gottesmutter nach dieser Auffassung nicht sterben musste, gibt es im Westen sogar die (jedoch auch nach katholischem Dogma nicht verpflichtende) Meinung, sie sei ohne vorige Trennung von Seele und Leib in den Himmel aufgefahren. Andere deuten ihren Tod als Ausdruck der freiwilligen Nachahmung ihres Sohnes.
Pius XII. verkündet das Dogma der Aufnahme Marias in den Himmel am 1. November 1950 (Catholic Magazine/Wikimedia Commons)
Nach orthodoxer Auffassung verhält es sich genau umgekehrt: Hier resultiert die Befreiung von Sünde und Tod nicht aus der Unberührtheit der Gottesmutter von den Folgen der Sünde Adams, sondern aus dem rettenden Wirken des Heiligen Geistes, der am Pfingsttag auch über die Apostel kam, als sie sich „samt Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und samt seinen Brüdern“ im Abendmahlssaal dem Gebet hingaben (s. Apg 1,14).
Die leibliche Aufnahme der Gottesgebärerin zu Christus ist deshalb nicht Ergebnis eines Privilegs, sondern die Vollendung ihrer Reinigung und Heiligung durch den Heiligen Geist, die allen Gläubigen zuteilwerden soll. So hat die Gottesmutter ihren noch nicht auferstandenen Brüdern und Schwestern vielleicht zeitlich etwas „voraus“, aber sie ist ebenso wie ihre Geschwister der Reinigung und Heiligung bedürftig.
Die Reinigung der Gottesmutter
Die Väter sprechen in diesem Sinne von einer zweifachen Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Gottesgebärerin, die erste bei der Verkündigung und Menschwerdung Gottes in ihrem Schoß, die zweite beim Herabkommen des Geistes an Pfingsten. Der heilige Ignatij schreibt:
„Die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Gottesgebärerin vollzog sich zweimal. Das erste Mal kam der Heilige Geist nach der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel auf sie herab und reinigte sie, die bereits nach menschlichem Verständnis rein war, durch Gnade, um fähig zu sein, Gott, das Wort, in sich aufzunehmen und Seine Mutter zu werden. Ihre Jungfräulichkeit wurde vom Heiligen Geist besiegelt und sie, die sich bis dahin jeglichen leidenschaftlichen Gedanken und Gefühlen enthalten hatte, wurde für solche Gedanken und Gefühle unerreichbar.“
Das ist die Bedeutung der Worte des Lukasevangeliums: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1,35). Dem entspricht die Auslegung des heiligen Johannes von Damaskus:
„Es kam der Heilige Geist über sie, reinigte sie und gab ihr die zur Aufnahme Gottes, des Wortes und auch die zu Dessen Geburt notwendige Kraft. Und dann kam wie ein göttlicher Samen der Sohn Gottes über sie.“– Genaue Auslegung des Orthodoxen Glaubens, Buch III Kap. 2
Durch das Wirken des Heiligen Geistes, schreibt der heilige Papst Gregor der Große, „wird der Geist eines jeden der Auserwählten gekühlt, wenn darin die Hitze der bösen Neigungen ausgelöscht und die Flamme der fleischlichen Begierden zu Eis wird“. Der Heilige fährt fort: „In Bezug auf diese vom Himmel geschenkte Erfrischung der Seele wird auch zu Maria gesagt: „Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Moralia in Job, XVIII 32-33).
Die Reinigung der Gottesgebärerin bezieht sich demnach auf die der gefallenen Natur eigenen Leidenschaften und sündhaften Neigungen – unabhängig von der persönlichen Sündlosigkeit in Gedanken und Taten, die der Gottesmutter nicht abgesprochen wird.
Diese persönliche Sündlosigkeit ist aber nicht das Ergebnis einer „unbefleckten Empfängnis“, sondern des Zusammenwirkens mit der göttlichen Gnade. Der heilige Erzbischof Johannes (Maximowitsch) schreibt deshalb zu Recht, dass die römisch-katholische Lehre nur „zum Schein die Jungfrau Maria lobpries, doch in Wahrheit all ihre Tugend leugnete“. Und zwar aus dem einfachen Grund: „Wenn Maria vom Mutterleibe an […] und ebenfalls durch Gnade von jeder Sünde auch nach ihrer Geburt bewahrt wurde, worin bestand dann ihr Verdienst?“ Der Heilige nennt daher den marianischen Eifer der Katholiken einen „Eifer nicht nach Erkenntnis“ (vgl. Röm 10,2).
Der Heilige Johannes von Shanghai und San Francisco, Ikone aus der Kirche zum Eintritt der Gottesgebärerin in Zakynthos, Aigina (Orthochristian.com)
Die orthodoxen Väter verstehen die Reinheit und Heiligkeit der Jungfrau nicht als eine ontologisches Privileg, sondern als eine zugleich gnadenhaften und asketische Verfassung, die auch nicht in einem einzigen Augenblick, sondern nur durch einen kontinuierlichen geistlichen Kampf erworben werden kann. Deshalb heiligte der göttliche Geist am Pfingsttag, an dem er das gesamte Erlösungswerk Christi zu krönen gekommen war, auch die Gottesgebärerin und befreite sie mit allen Gläubigen endgültig von der Herrschaft der Sünde und des Todes. Um wiederum den hl. Ignatij zu zitieren:
„Beim zweitem Mal erfüllte sie der Heilige Geist am Pfingstfest, als Er auf die Apostel herabkam, mit denen die Gottesmutter seit der Himmelfahrt des Herrn unzertrennlich beisammen war. Und da zerstörte der Heilige Geist die Herrschaft des Todes und der Sünde der Voreltern über sie, erhob sie auf die hohe Stufe der christlichen Vollkommenheit und machte sie nach dem Abbild Jesu Christi zu einem neuen Menschen.“
Fazit
Die Gottesgebärerin ist damit nicht in dem Sinn eine von Gott privilegierte Gestalt, dass ihr das Ringen um ihre persönliche Errettung von der Sünde erspart geblieben wäre. Im Gegenteil: So sehr sie sich auch durch ihr übernatürliches und göttliches Gebären von allen Menschen unterscheidet, ist sie doch ein allgemeines Vorbild in ihrer Zusammenarbeit mit der reinigenden und heiligenden Gnade. Ihre Vollendung und Aufnahme in den Himmel ist deshalb ein Zeichen der Hoffnung auf die Auferstehung und die ewige Herrlichkeit, die alle Christus liebenden Menschen erwartet.
Wir verehren Maria als erste unter den Erlösten, durch und durch eine Tochter Adams, die jedoch nach ihren eigenen Worten „von allen Generationen selig gepriesen“ wird (Lk 1,48) als einzigartig „begnadete“ (Lk 1,28) – als jene, die den menschgewordenen Gott geboren hat und damit zur Ursache des Heils aller Menschen wurde. Ihr Entschlafen und ihr Heimgang zum Herrn sind Ausdruck beider Tatsachen: der Unterworfenheit unter das Gesetz der Sünde und des Todes einerseits und ihrer vollständigen Heiligung und Errettung in Jesus Christus andererseits.
„Samt und sonders nun tanze die Natur der Erdgeborenen, denn siehe, die Jungfrau, die Tochter des Adam, geht hinüber zum Himmel.“– 2. Sticheron zum Stichos in der Vesper von der Vorfeier der Entschlafung, 2. Ton
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