Der Apostel in der zweiten Reihe
Das Phänomen des „Ersatzapostels“. Foto: UOJ
In einem Haus in Jerusalem haben sich etwa 120 Menschen versammelt. Ihr Lehrer ist einige Tage zuvor in den Himmel aufgefahren. Einer seiner engsten Jünger hat ihn verraten und sich anschließend schmachvoll erhängt. Die Gemeinschaft ist ratlos: Was soll nun geschehen? In diesem Augenblick erhebt sich der Apostel Petrus und macht einen Vorschlag, der auf den ersten Blick rein bürokratisch erscheint: Anstelle von Judas müsse ein zwölfter Apostel gewählt werden.
Doch die Voraussetzung für das apostolische Amt erweist sich als weitaus interessanter als der Vorschlag selbst.
Ein Kriterium, das beinahe alle ausschloss
Petrus interessiert sich nicht dafür, wer aus der Gemeinschaft der Jünger am überzeugendsten sprechen kann oder die größte Erfahrung im Vollbringen von Wundern hat. Er formuliert nur eine einzige Voraussetzung: Der Betreffende muss Christus während seines gesamten Wirkens begleitet haben, „angefangen von der Taufe des Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns hinweg aufgenommen wurde“ (Apg 1,21–22).
Von den 120 Menschen im Raum erfüllen nur sehr wenige diese Bedingung. Die Apostel schlagen zwei Kandidaten vor: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. Die Gemeinschaft betet und wirft anschließend das Los. Das Los fällt auf Matthias, und er wird „den elf Aposteln zugezählt“ (Apg 1,26).
Dies ist die erste und zugleich die letzte Erwähnung des Namens Matthias in der Apostelgeschichte. Danach taucht sein Name weder dort noch in den übrigen Schriften des Neuen Testaments auf.
Der vergessene Apostel
Wenn Matthias tatsächlich während dieser gesamten Zeit an der Seite Christi gewesen war, dann war er bei der Heilung des Blindgeborenen, bei der Speisung der Fünftausend, beim Einzug in Jerusalem, beim Letzten Abendmahl, bei der Verhaftung im Garten Gethsemane, bei der Kreuzigung und bei den Erscheinungen des Auferstandenen anwesend. Er sah dasselbe wie Petrus, Johannes und die übrigen elf Apostel. Dennoch erwähnt ihn kein einziger Evangelist namentlich.
Man kann daraus nicht schließen, dass Matthias sich von der Gemeinschaft der Apostel ferngehalten habe. Die Evangelien nennen nur einen kleinen Kreis von Jüngern beim Namen. Christus wurde jedoch ständig von einer weitaus größeren Schar treuer, aber namenloser Zeugen begleitet.
Matthias war einer von ihnen: ein Mensch, der keinen einzigen Tag im Wirken des Erlösers versäumte und dennoch niemals im Vordergrund stand.
Es ist leicht nachzuvollziehen, weshalb der Apostel Matthias häufig mit dem Apostel und Evangelisten Matthäus verwechselt wird. Es handelt sich um zwei verschiedene Menschen, doch selbst in der Ikonenmalerei und in kirchlichen Kalendern kommt es zu Verwechslungen. Der eine schrieb ein Evangelium und gehörte von Anfang an zu den Zwölf. Der andere wurde ihnen später durch das Los hinzugefügt, hinterließ jedoch keine einzige autobiografische Zeile.
Das Entscheidungsrecht, auf das die Apostel verzichteten
Die Apostel hatten zwei würdige Kandidaten, die gemeinsam mit ihnen und mit Christus den gesamten beschwerlichen Weg seines irdischen Lebens gegangen waren. Sie hätten einfach abstimmen oder darüber beraten können, welcher von beiden kraftvoller predigte oder einen festeren Glauben besaß. Stattdessen beteten sie: „Du, Herr, der du die Herzen aller kennst, zeige, welchen von diesen beiden du erwählt hast“ – und warfen erst danach das Los.
Das Los ist in der biblischen Tradition ein anerkannter Weg, um den Willen Gottes dort zu erkennen, wo das menschliche Urteil nicht ausreicht.
Durch das Los wurde unter Josua das Land Israel verteilt. Im Alten Testament bestimmte man auf diese Weise auch die Reihenfolge des priesterlichen Dienstes. Die Apostel erklärten damit im Grunde: Wir maßen uns nicht an, darüber zu urteilen, welcher dieser beiden treuen Männer würdiger sei. Diese Entscheidung liegt nicht bei uns, sondern bei Gott.
Josef Barsabbas, auf den das Los nicht gefallen war, verschwand keineswegs. Die Überlieferung zählt ihn zu den siebzig Aposteln und verbindet ihn mit einem späteren bischöflichen Dienst. In der apostolischen Kirche bedeutete es nicht, als Mensch verworfen zu sein, wenn man für ein bestimmtes Amt nicht ausgewählt wurde.
Die verlorene Heiligenvita
Nach seiner Wahl empfing Matthias am Pfingsttag gemeinsam mit seinen elf Mitaposteln die Gabe des Heiligen Geistes – und verschwand als eigenständige handelnde Person erneut von den Seiten der Apostelgeschichte. Weitere Angaben über ihn sind nur aus späteren Überlieferungen bekannt. Sie berichten von seiner Verkündigung in Judäa, die ihm nach der Himmelfahrt des Herrn durch das Los als Missionsgebiet zugeteilt worden war, von einer Reise mit Petrus und Andreas nach Syrien und Kappadokien sowie von seiner wunderbaren Befreiung aus dem Gefängnis in Sinope, wo ihn der Überlieferung zufolge der erstberufene Apostel Andreas befreite. In seiner Lebensbeschreibung wird außerdem von einem vergifteten Getränk berichtet, das ihm keinen Schaden zufügte.
Nach einigen Quellen kehrte der Apostel nach Judäa zurück und wurde um das Jahr 63 auf Beschluss des Hohen Rates gesteinigt. Anderen Überlieferungen zufolge erlag er den Tod im pontischen Äthiopien, im Gebiet des heutigen Westgeorgiens. Ein genaues Bild seiner letzten Lebenstage lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren: Die Berichte wurden zu spät aufgezeichnet und weichen zu sehr voneinander ab. Alle Chronisten stimmen jedoch darin überein, dass Matthias bis an sein Lebensende predigte und im Glauben starb.
Auch die zweite Reihe kann eine Berufung sein
Matthias vollbrachte keine außergewöhnlichen Wunder und hinterließ uns keinen einzigen theologischen Traktat zur geistlichen Unterweisung. Sein einziger Verdienst, von dem wir mit Sicherheit wissen, bestand darin, dass er immer bei Christus war. Jeden Tag, ohne fortzugehen und ohne Anspruch auf die Hauptrolle zu erheben – auch dann, als andere weggingen, ihn verleugneten oder verrieten.
Nicht zufällig gedenkt die Kirche gerade heute seiner.
Ein Apostel muss weder eine schillernde Persönlichkeit noch ein redegewandter Redner sein. Ein Apostel ist jemand, der dem Herrn beständig treu bleibt.
Matthias lehrt uns schweigend, unsere Talente nicht zur Schau zu stellen, sondern weder das Kreuz zu verleugnen noch denjenigen, der es gemeinsam mit uns trägt.
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