Die Stadt tanzte zu eigens bestellter Musik in den Tod
Die geistliche Behandlung der „Tanzpest“. Foto: UOJ
Stellen wir uns folgende Szene vor: Im Jahr 1518 tanzt in der sommerlichen Hitze eine einsame Frau auf einer engen mittelalterlichen Straße. Sie tanzt ohne erkennbaren Grund und ohne Unterbrechung.
Ihr Name war Frau Troffea. Einige Tage später tanzte sie noch immer wie von Sinnen – inzwischen jedoch von weiteren Einwohnern der Stadt umringt. Innerhalb einer Woche waren es bereits 34 Menschen. Nach einem Monat waren es mehrere Dutzend, möglicherweise sogar Hunderte. Doch dies war kein ausgelassener Karneval. Den Menschen ging es schlecht. Sie schrien, weinten und flehten um Hilfe – und bewegten sich dennoch krampfhaft weiter, als würde ihnen der eigene Körper nicht mehr gehorchen.
Was sollte der Stadtrat in einer solchen Situation tun? Auch der Straßburger Magistrat wusste nicht, wie er vorgehen sollte. Daher wandten sich die Behörden an die Ärzte.
Der erfolglose Behandlungsversuch durch Tanzen
Die Ärzte kamen, betrachteten die außer sich geratenen Menschen und stellten eine nüchterne Diagnose: heißes Blut. Ihre Logik war einfach und entsprach durchaus dem damaligen Stand der Wissenschaft: Die überschüssige Hitze müsse durch Bewegung aus dem Körper entweichen. Die Menschen sollten sich bis zur völligen Erschöpfung austanzen, dann werde die Krankheit von selbst verschwinden.
Die städtischen Behörden befolgten diesen Rat wortwörtlich – schließlich gab es keinen Grund, den Ärzten nicht zu vertrauen. Auf dem Kornmarkt wurde eine hölzerne Bühne errichtet. Musiker, Flötenspieler und Trommler wurden engagiert. Die Überlegung erschien durchaus umsichtig: Auf diese Weise würden die Kranken unter Aufsicht bleiben.
Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Die mittelalterliche Tanzfläche heilte niemanden. Im Gegenteil: Sie lockte Schaulustige an, die das ungewöhnliche Schauspiel sehen wollten.
Die Zuschauer wiederum zogen, ohne es selbst zu beabsichtigen, immer weitere Menschen in den Tanz hinein – so wie eine Menschenmenge einen zufälligen Passanten in ihren Strudel zieht.
Den Chroniken des Architekten Daniel Specklin zufolge starben täglich Menschen an Erschöpfung und Herzanfällen. Wie viele es genau waren, lässt sich heute kaum noch feststellen.
Die Ärzte wollten ihren Patienten nichts Böses. Sie handelten in bester Absicht und ahnten nicht, dass ihre Theorie nicht nur falsch war. Sie verwandelte den städtischen Platz in ein Fließband, das schneller neue Kranke hervorbrachte, als irgendjemand sie behandeln konnte.
Eine Kehrtwende um 180 Grad
Ende August war selbst dem hartnäckigsten Beamten klar geworden: Je lauter die Musik spielte, desto mehr wahnsinnige Tänzer kamen hinzu. Der Magistrat musste seinen Fehler eingestehen und die eigene Anordnung widerrufen. Das Spielen von Trommeln und Tamburinen wurde unter Strafandrohung verboten.
Den ehrbaren Bürgern ließen die Behörden allerdings ein Schlupfloch: Auf Hochzeiten und anlässlich einer Primiz durfte weiterhin getanzt werden – allerdings ausschließlich zu Streichinstrumenten. Es war die erste vernünftige Entscheidung der Behörden nach anderthalb Monaten verzweifelter Versuche, die Massenpsychose zu behandeln. Sie beseitigten das, was den Brand weiter angefacht hatte. Das Feuer selbst konnten sie damit jedoch noch nicht löschen.
Drei Tage Reise und völlige Stille
Nun trat die Kirche auf den Plan und schlug eine sehr einfache Lösung vor: Die Menschen sollten nicht gewaltsam behandelt, sondern weit weg von den Reizquellen gebracht werden.
Die Tanzenden wurden auf Wagen zu einer Felsenkapelle des heiligen Vitus gebracht. Die Reise dauerte drei Tage. Was geschah dort im Heiligtum? Nichts Übernatürliches. Jedem Kranken wurde ein kleines Kreuz in die Hand gegeben. Den Menschen wurden rote Schuhe über die vom rasenden Tanz verwundeten Füße gezogen. Auch auf diese Schuhe zeichnete man mit geweihtem Öl Kreuze. Die Schuhe wurden mit Weihwasser besprengt, während man zum heiligen Vitus betete. Vor seinem geschnitzten Bildnis wurden in ruhigem Rhythmus Messen gefeiert.
Der Gegensatz zwischen den beiden Behandlungsweisen ist offensichtlich. In der Stadt gab es eine Bühne, eine Menschenmenge, Trommeln und die Rufe der Schaulustigen. Hier herrschten Halbdunkel, andächtige Stille und die unmittelbare Begegnung des Menschen mit dem Bildnis des Heiligen.
Eine Woche verging, dann eine weitere – und der Strom kranker Pilger nach Saverne versiegte. Anfang September 1518 war die Epidemie der Massenpsychose beendet.
Die zweite Fehldiagnose
Man möchte diese Geschichte nun mit einer positiven Botschaft abschließen: Die abergläubischen Ärzte hatten sich geirrt, während die weise Kirche die Situation rettete. Das wäre eine schöne Moral. Doch die Geschichte nahm eine unerwartete Wendung, die dieses harmonische Bild trübte.
Acht Jahre später besuchte der Arzt Paracelsus Straßburg. Es war jener Paracelsus, der vor dem Hintergrund einer vermeintlich abergläubischen mittelalterlichen Welt bis heute als Verkörperung nüchterner wissenschaftlicher Vernunft gilt. Er befragte Augenzeugen und beschrieb die Ereignisse in seinem Werk „Opus Paramirum“. Dabei unterschied er drei Arten des krankhaften Tanzens: Tanz aus Einbildung und Zorn, aus Wollust sowie aus körperlichen Ursachen.
Und zu welchem Ergebnis kam er? Man sollte annehmen, dass gerade der rationalste Mensch seiner Epoche zumindest ein wenig Mitgefühl mit jener unglücklichen Frau zeigen würde, mit der der kollektive Wahnsinn seinen Anfang genommen hatte. Doch Paracelsus zeigte sich unerbittlich. Er ordnete ihren Fall ausgerechnet dem Tanz „aus Wollust“ zu. Seiner Ansicht nach hatte Frau Troffea getanzt, um ihren Ehemann zu ärgern und zu demütigen, wobei sie „die Krankheit so glaubwürdig wie möglich vortäuschte“. Andere Frauen hätten sich, so schrieb er, aus denselben „unanständigen“ Beweggründen angeschlossen.
Der gebildetste Mann seiner Zeit irrte sich nicht weniger als die Ärzte mit ihrer Theorie vom heißen Blut. Statt einer Diagnose fällte er lediglich ein zynisches moralisches Urteil über eine Frau, von der er in Wirklichkeit kaum etwas wusste.
Was beendete die Epidemie tatsächlich?
Was war in jenem Sommer in Straßburg also wirklich geschehen? Der Historiker John Waller, der sich viele Jahre mit den Ereignissen von 1518 beschäftigte, rekonstruierte deren historischen Kontext – und das daraus entstehende Bild ist bedrückend. Das Elsass hatte gerade eine verheerende Missernte erlebt. Die Stadt litt unter Hunger sowie unter Ausbrüchen von Syphilis und Pocken. Gleichzeitig war in der Bevölkerung die alte Angst vor dem „Fluch des heiligen Vitus“ lebendig. Man glaubte, dieser Heilige könne den wahnsinnigen Tanz sowohl über die Menschen bringen als auch sie davon heilen. „Wenn die entsprechenden Glaubensvorstellungen sowie ein hohes Maß an Verzweiflung und Angst vorhanden sind“, erklärt Waller, „dann kann eine Tanzpest entstehen.“
Es handelte sich nicht um eine Besessenheit durch Dämonen im wörtlichen Sinne, auch wenn es den damaligen Menschen so erschienen sein mochte. Historiker beschreiben das Geschehen als einen durch Verzweiflung ausgelösten kollektiven psychischen Zusammenbruch.
Die hungernden und erschöpften Menschen fanden die einzige ihnen zugängliche Sprache, in der ihr Körper die Unerträglichkeit des Geschehens herausschreien konnte. Dieser innere Schrei erfasste einen Menschen nach dem anderen.
Wie reagierten die Behörden? Sie beantworteten diesen Schrei mit noch mehr Lärm und einer noch größeren Menge von Zuschauern. Und wie reagierte die Kirche? Sie antwortete mit Stille und Gebet. Sie schenkte jedem einzelnen Kranken Aufmerksamkeit und folgte damit dem Beispiel Christi. Darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen jenen, die eine Panik weiter anfachen, und jenen, die sie beruhigen.
Die Behörden errichteten eine Bühne. Die Kirche entfernte die Zuschauer. Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Lehre dieser Geschichte: Das beste Heilmittel gegen Verzweiflung besteht nicht darin, den Schmerz mit irgendetwas zu übertönen, sondern darin, dass der Mensch in der Stille mit Gott allein bleibt – mit Gott, der jeden Trauernden trösten kann.
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