Die Bibel der Apostel (2)
Im ersten Teil dieses Diptychons zur Bibel der Apostel stand die vorchristliche Übersetzung des Alten Testaments, die sogenannte Septuaginta im Mittelpunkt. Kern der Argumentation war, dass die Septuaginta für Christen die zentrale biblische Autorität sein sollte. Das ergibt sich schon daraus, dass sie die Grundlage für die Verkündigung der Apostel im Neuen Testament bildet, die das Alte Testament maßgeblich nach ihr zitieren. In den Bibeln dagegen, die den masoretischen hebräischen Text zum Ausgangspunkt nehmen, wird eine Diskrepanz zwischen Altem und Neuem Testament sichtbar: Viele Zitate vor allem aus den Propheten stimmen nicht überein.
Es gibt eine weitere Kluft, die in vielen modernen Bibeln das Alte vom Neuen Testament trennt und so die Kontinuität der Offenbarung in Frage stellt. Ein kritischer Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt das deutlich werden: Das letzte Buch des Alten Testaments ist dort der Prophet Maleachi, der um 400 v. Chr. lebte. In den 400 Jahren zwischen Maleachi und den Evangelien scheint das Wort der Schrift stumm gewesen zu sein. Tatsächlich wird in protestantischen Kreisen oft angenommen, Gottes Wort sei während dieser Jahrhunderte praktisch verstummt. Der evangelikale Theologe und Autor Roger Liebi nennt es ein „langes Schweigen Gottes) was die schriftliche Offenbarung angeht“.
Der Grund für die Lücke ist allerdings woanders zu suchen: nämlich in der Verwerfung der sogenannten apokryphen („verborgenen“) oder deuterokanonischen Schriften. Gemeint sind Bücher aus der Zeit nach Maleachi, die nicht zum älteren Kanon der biblischen Schriften dazugehören, sondern später dazukamen. Wir können sie darum Spätschriften nennen. Das sind vor allem die Makkabäerbücher, welche das Schicksal unter der hellenistischen Herrschaft (3./2. Jh. v. Chr.) und ihre Verfolgung durch Antiochus IV. thematisieren, und einige Schriften, die in dieselbe Tradition der Weisheitsliteratur wie das Buch der Sprüche, Hiob oder Prediger gehören (zentral: Weisheit Salomons, Jesus Sirach, Tobit).
Die Abwertung der Apokryphen geht im Wesentlichen auf pharisäische Gelehrte zurück, die nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. das rabbinische Judentum neu formierten, dabei auch den Kanon des nachchristlichen Judentums festlegten und jene Schriften ausschlossen, die angeblich nicht auf Hebräisch verfasst waren (eine Annahme, die sich etwa für Jesus Sirach und Tobit später als unhaltbar erwies) und die von rivalisierenden Gruppen, vor allem den Christen rezipiert wurden.
Der heilige Hieronymus, der (wie im ersten Teil dieses Artikels gezeigt) die hebräische Überlieferung für die wahrhaftigere hielt, teilte diese abwertende Haltung, nahm jedoch die Apokryphen aus Respekt vor der Tradition in seine lateinische Bibelübersetzung (Vulgata) auf. Das Konzil von Trient dogmatisierte den erweiterten Kanon. Selbst Luther druckte die Spätschriften noch im Anhang seiner Bibel ab, erst im 19. Jh. wurden sie gänzlich aus den meisten protestantischen Bibeln verbannt.
Ironischerweise sind es ausgerechnet die Makkabäerbücher, die uns über das Verstummen der Prophetie nach Maleachi unterrichten: „Und es herrschte große Trübsal in Israel, wie sie seit dem Tag, seit dem sich ihnen kein Prophet mehr zeigte, nicht gewesen war“ (1 Makk 9,27; vgl. 14,41). Das Verstummen der Prophetie bedeutet aber nicht, dass es keine Heilige Schrift mehr gegeben habe. Nach altjüdischer Auffassung besteht der Kanon aus drei Teilen: dem Gesetz („Tora“), den Propheten („Nevi’im“) und den übrigen Schriften („Ketuvim“), abgekürzt „Tanach“ (TNK). Alle drei Teile sprechen prophetisch von Christus, das ist aus christlicher Sicht das Kriterium ihrer Inspiration:
Und von Moses und den Propheten anfangend erklärte er ihnen in allen Schriften, was ihn betraf.
Lk 24,27 (vgl. Hebr 1,1).
Der Herr selbst setzt also die Dreiteilung des Kanons voraus und bezeugt, dass alle Schriften von ihm künden. Die Apostel beziehen sich dabei im Neuen Testament nicht nur auf den älteren, sondern auch den zweiten Kanon (Deuterokanon).
Ikone der sieben makkabäischen Brüder, ihrer Mutter Solomonia und ihres Lehrers Eleazar, die unter Antiochos um 166 v. Chr. das Martyrium erlitten (Foto: Orthpedia)
Das Neue Testament zitiert die Spätschriften
Makkabäer im Hebräerbrief
Der Hebräerbrief nennt im elften Kapitel eine lange Reihe von Glaubenszeugen beginnend mit Abraham und den Patriarchen und den Propheten. An einer Stelle spricht er auch deutlich über die Märtyrer der Makkabäerzeit, also der Zeit des jüdischen Aufstandes gegen die hellenistische Herrschaft (160er Jahre v. Chr.), von denen das Zweite Makkabäerbuch berichtet:
Frauen erhielten ihre Toten durch Auferstehung wieder; andere aber wurden gefoltert und nahmen die Freilassung nicht an, damit sie eine bessere Auferstehung erlangten.– Hebr 11,35
Der erste Teil nimmt Bezug auf die Erweckungen der Söhne von zwei Witwen durch Elias und Elisäus (1Kön 17,22 und 2 Kön 4,35). Der zweite Teil spielt offensichtlich auf die sieben makkabäischen Brüder an, die von ihrer eigenen Mutter zum Martyrium ermuntert wurden, obwohl sie durch Lossagung vom jüdischen Gesetz Befreiung erhalten konnten:
Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Mutterleib erschienen seid, weder habe ich euch den Atem noch das Leben geschenkt, noch habe ich die Grundform eines jeden von euch aus den Elementen zusammengesetzt. 23 Daher gibt der Richter der Welt, der eines jeden Menschen Ursprung gestaltet und den Ursprung aller Dinge erfindet, euch Atem und Leben erbarmungsvoll wieder zurück, wenn ihr euch selbst nun um seiner Gesetze willen gering achtet.[...]Fürchte nicht diesen Henker, sondern nimm, deiner Brüder würdig, den Tod auf dich, damit ich dich mit deinen Brüdern in der Zeit der Barmherzigkeit wiedererhalten werde.– 2 Makk 7,22-23
Das Martyrium der Brüder ist eines der eindrucksvollsten Zeugnisse für den Glauben an die Auferstehung im Alten Bund und ähnelt darin dem Martyrium späterer christlicher Blutzeugen:
Du, Verruchter, trennst uns zwar von jetzt an vom Leben, der König der Welt aber wird uns, da wir für seine Gesetze gestorben sind, in ein ewiges Wiederaufleben des Lebens auferstehen lassen.– 2 Makk 7,9
Und kurz darauf:
Es ist zu wünschen, dass die von den Menschen Scheidenden sich auf die Verheißungen von Gott verlassen, dass sie von ihm wieder auferweckt werden. Für dich aber wird es eine Auferstehung ins Leben nicht geben.– 2 Makk 7,14
Weisheit Salomons bei Johannes
Die Makkabäerbücher sind jedoch nicht die einzigen Spätschriften, die im Neuen Testament rezipiert werden. Oft wird in der modernen Bibelwissenschaft diskutiert, ob die Erschaffung der Welt durch den Logos im Johannesprolog eine Entlehnung aus der griechischen Philosophie sein könnte:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Dieser war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch ihn geworden und ohne ihn wurde auch nicht eines, was geworden ist.– Joh 1,1-3
Naheliegender ist hingegen, dass der Theologe und Evangelist sich auf die alttestamentliche Weisheitstradition bezieht, die wir im deuterokanonischen Buch der Weisheit Salomons finden:
Gott der Väter und Herr des Erbarmens! Du hast das All gemacht durch dein Wort.– Weish 9,1
Das ist dieselbe Aussage wie im Johannesprolog: Das All wurde geschaffen durch Gottes Wort. Nirgendwo sonst im Alten Testament wird dies so eindeutig ausgesagt. Eine ansatzweise Parallele findet sich nur in Psalm 32,6: Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel befestigt / und durch den Geist seines Mundes all ihre Macht.
Der Heilige Johannes der Theologe, Ikone über dem Eingang zu dem ihm geweihten Kloster auf Patmos („Mosaic of St John“ von simonjenkins' photos/Flickr, CC BY-SA 2.0)
In einem späteren Kapitel beschreibt das Buch der Weisheit das Wort Gottes als einen Krieger, der vom Thron Gottes herabkommt, um auf Erden Gericht zu halten
14 Als nämlich tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf die Mitte erreicht hatte, 15 sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron, ein schroffer Krieger mitten in das verderbenbringende Land; 16 als scharfes Schwert trug es deine unbestechliche Anordnung, trat hin und erfüllte das All mit Tod, und es berührte zwar den Himmel, ging aber auf der Erde.– Weish 18,14-16
In der Offenbarung des Johannes begegnet uns dieselbe Gestalt des Wort Gottes als Krieger wieder beim Jüngsten Gericht:
Und ich sah den Himmel geöffnet und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf sitzt – geheißen „treu und wahrhaftig“: Und in Gerechtigkeit richtet er und führt er Krieg. 12 Seine Augen aber sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sieben Diademe, wobei er viele geschriebene Namen hat und einen geschriebenen Namen, den keiner weiß, außer er selbst, 13 und wobei er gekleidet ist mit einem in Blut getauchten Gewand, und sein Name wird geheißen „das Wort Gottes“. 14 Und die Heere, die im Himmel sind, folgten ihm auf weißen Pferden, bekleidet mit weißem, reinem Leinen. Und aus seinem Mund geht hervor ein scharfes zweischneidiges Schwert, damit er mit ihm die Nationen schlage; und er selbst wird sie hirten mit eisernem Stab, und er selbst tritt die Kelter des Weines des Grimms des Zornes Gottes, des Allherrschers.– Offb 19,11-15
Das Bild aus dem Buch der Weisheit vom Wort Gottes als himmlischer Krieger, der zum Gericht herabkommt, wird in dieser Vision aufgegriffen und entfaltet. Es ist damit zugleich eine literarische Reminiszenz und eine apokalyptische Erfüllung.
Jesus Sirach bei Matthäus/Markus
Das Herzstück der christlichen Vergebung findet sich im Vater unser. Wir beten: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. In seiner eigenen Auslegung dieser Worte sagt der Herr Jesus Christus:
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; 15 wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen aber nicht vergebt, so wird euer Vater auch eure Verfehlungen nicht vergeben.Mt 6,14-15 (vgl. Mk 11,25-26)
Das Gebot der Vergebung findet sich in dieser Formulierung im Alten Testament nur an einer einzigen Stelle, nämlich in der Spätschrift Jesus Sirach:
Wer Rache übt, wird vom Herrn her Rache finden, und seine Sünden wird er wahrlich bewahren. 2 Vergib das Unrecht deinem Nächsten, damit du, wenn du betest, von deinen Sünden erlöst wirst. 3 Ein Mensch – einem Menschen gegenüber bewahrt er Zorn, und beim Herrn sucht er Heilung? Gegenüber einem Menschen – wie er – hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner eigenen Sünden bittet er?– Sir 28,1-4
Das erhaltene Buch Jesus Sirach ist übrigens die griechische Übersetzung einer ursprünglich hebräischen Schrift, übertragen vom Enkel des Verfassers.
Der Heilige Evangelist Matthäus, Relief im Kloster Nea Moni auf Chios (Foto: Wikimedia Commons)
Warum wurden die Spätschriften nachträglich verworfen?
Angesichts dieser deutlichen Zeugnisse stellt sich die Frage, warum die Spätschriften im Protestantismus weithin verworfen wurden. Für die Pharisäer war entscheidend gewesen, dass sie sich zur Abgrenzung von den Christen auf die hebräische Tradition einengten und Schriften ausschlossen, die nicht nur von rivalisierenden jüdischen Gruppen, sondern auch von Christen benutzt wurden. Ähnlich sahen Luther und die Reformatoren nach ihm problematische Tendenzen in den Spätschriften, die mit ihrer Lehre nicht übereinstimmten.
Gebet und Opfer für die Toten
Im 2. Makkabäerbuch wird berichtet, wie der Anführer der Juden, die gegen Zwangshellenisierung rebellierten, Gebete und Opfer für gefallene Brüder darbringt. Diese waren schuldig geworden, indem sie Amulette mit Darstellungen von Götzen trugen – eine gravierende Verfehlung, die bei der Bergung ihrer Leichname ans Licht kam:
Alle priesen also die Werke des gerecht richtenden Herrn, der das Verborgene offenbar macht, 42 und wandten sich zu einer Fürbitte, wobei sie baten, dass die entstandene Verfehlung völlig abgewischt werde. […] Er aber führte Mann für Mann eine Kollekte durch und sandte an die 2000 Silberdrachmen nach Jerusalem, um ein Sündopfer darzubringen. Damit handelte er sehr schön und klug, da er sich Gedanken über die Auferstehung machte. 44 Wenn er nämlich nicht erwartet hätte, dass die Gefallenen auferstehen, wäre es überflüssig und läppisch gewesen, für die Toten zu beten. 45 […] Daher verrichtete er das Opfer für die Toten, damit sie von ihrer Sünde erlöst würden.– 2 Makk 12,41-45
Für die Reformatoren war diese Stelle ein rotes Tuch, wurde sie doch im Katholizismus zur Rechtfertigung des Ablasswesens herangezogen. Doch unabhängig von diesen Missbräuchen wurde das Gebet für die Toten auch von orthodoxen Christen seit jeher praktiziert – ohne die problematischen Abirrungen der Ablass- und Fegefeuerlehre.
Fürbitte der Heiligen
Ein weiterer Punkt, der für die Reformatoren unannehmbar war, war der Gedanke der Präsenz und Fürsprache der Heiligen bei Gott. Nun berichtet wiederum das zweite Makkabäerbuch eine Begebenheit, die zeigt, dass dieser Gedanke sogar bereits im Alten Bund präsent war:
12 Er hatte aber Folgendes geschaut: Onias, der Hoherpriester gewesen war, ein vortrefflicher Mann, […] habe die Hände ausgestreckt, um für die ganze Kampfeinheit der Juden zu beten. 13 Darauf sei ein Mann erschienen, ausgezeichnet durch weißes Haar und würdevolle Ausstrahlung, um ihn aber wunderbare und hoheitsvolle Majestät. 14 Onias aber habe geantwortet und gesprochen: Dieser bruderliebende Mann ist der, der vieles für das Volk und die heilige Stadt erbittet: Jeremias, der Prophet Gottes.– 2 Makk 15,12-14
Wenn im Evangelium Moses und Elia bei der Gotteserscheinung und Verklärung Jesu auf dem Berg erscheinen, dann manifestiert sich darin eine Realität, die bereits die Juden des Alten Bundes kannten: „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand“ (Weisheit 3,1). Jesus selbst bezeugt, dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs „kein Gott der Toten ist, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle“ (Lk 20,38).
Auch hier dürfte ein antikatholischer Reflex eine Rolle gespielt haben: denn die ‚Verdienste der Heiligen‘ spielen in der Ablass- und Fegefeuerlehre eine wichtige Rolle. Sie sind nach vatikanischer Auffassung ‚transferierbar‘ und können daher den Gläubigen ihre zeitlichen Sündenstrafen im Fegefeuer erleichtern. Eine solche pekuniäre Auffassung von Gnade und Verdienst ist der Orthodoxie fremd.
Der Prophet Jeremia, zeitgenössische Ikone („Prophet Jeremiah“ von Ted/Flickr, CC BY-SA 2.0)
Rechtfertigung aus Werken
Schließlich enthält auch das Buch Jesus Sirach Formulierungen, die aus der Sicht Luthers und späterer Reformatoren problematisch waren:
Ein flammendes Feuer wird Wasser auslöschen, und Barmherzigkeit wird Sünden sühnen.– Sirach 3,30
Deutlicher noch formuliert es das Buch Tobit: Denn Almosen errettet vor dem Tode und lässt nicht in die Finsternis gehen“ (Tob 4,11). Beide Male wird die Rechtfertigung und Errettung sehr deutlich mit Werken der Barmherzigkeit verknüpft. Auch das 1. Makkabäer und der Jakobusbrief, den Luther am liebsten aus dem Kanon entfernt hätte, sprechen davon, dass Abraham aufgrund der Treue in seinen Werken gerechtfertigt wurde (1 Makk 2,52; Jak 2,21). Denn „der Glaube ohne Werke ist tot“ (Jak 2,26). Der bei der Fürbitte der Heiligen erwähnte antikatholische Reflex spielt auch hier eine Rolle für Luthers Ablehnung der Spätschriften und seinen Argwohn gegen den Jakobusbrief als Belegdokument der ‚Werkgerechtigkeit‘.
Bibel der Apostel oder Kanon nach Eigenmaß?
Die wahre Ursache für die Ablehnung der Spätschriften wird nun deutlich sichtbar: Es ging letztlich darum, jene Zeugnisse aus der Bibel zu streichen, die der Lehre der Reformatoren zuwider liefen. Dabei muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die vatikanische Auffassung von den Werken und der Fürbitte der Heiligen ihrerseits eine Überwucherung war, die über die gesunde Lehre der heiligen Schrift hinausging. Die Orthodoxie hat den Kanon bewahrt, ohne auf ihm unbegründete Sonderlehren aufzubauen.
Abschließend zeigt sich, dass für den erweiterten Kanon dieselben Argumente sprechen wie wir sie für die Septuaginta angeführt haben: Die Spätschriften werden im Neuen Testament zitiert. Sie verdeutlichen die Kontinuität zwischen Altem und Neuem Testament indem sie bezeugen, dass Gottes Wort mitnichten 400 Jahre lang geschwiegen hat. Schließlich weisen auch die Spätschriften, ähnlich wie die Septuaginta, noch deutlichere und unmissverständliche Hinweise auf den künftigen Messias, womit sie aus christlicher Sicht zu den inspirierten Schriften gerechnet werden müssen (vgl. die oben zitierten Worte aus Lk 24,27).
Ein Beispiel aus dem Buch Weisheit (Kap. 2,12-20) mit einigen neutestamentlichen Entsprechungen soll hier genügen, um die Darlegung dieses knappen und umrisshaften Artikels zu vervollständigen:
12 Lasst uns dem Gerechten auflauern, denn er ist für uns nutzlos und steht unserem Tun im Weg und wirft uns Verfehlungen gegen das Gesetz vor und sagt uns Verfehlungen nach gegen unsere Erziehung. (Mt 23,25; Lk 11,39.45; Joh 7,19)
13 Er versichert, Gotteserkenntnis zu besitzen, und nennt sich Knecht (oder Kind) des Herrn. (Joh 8,24; 17,3; Mt 27,43)
14 Er wurde uns zu einer ständigen Anklage unserer Denkweisen, es ist uns schwer erträglich, sobald wir ihn nur erblicken. (Mt 9,4; Lk 6,8)
15 Denn unähnlich ist sein Leben dem der anderen, und ganz verschieden von ihnen sind seine Pfade.
16 Als Falschgeld wurden wir von ihm eingeschätzt, und er hält sich von unseren Wegen fern wie von Unreinheiten. (Joh 8,42)
Die letzten Dinge von Gerechten preist er glücklich, und prahlt, Gott sei sein Vater. (Mt 11,25; 27,43)
17 Wir wollen sehen, ob seine Worte wahr sind, und erproben, wie es mit ihm ausgeht. 18 Wenn nämlich der Gerechte wirklich Gottes Sohn ist, wird er sich seiner annehmen und ihn retten aus der Hand seiner Gegner. (Mt 27,43)
19 Durch Erniedrigung und Folter wollen wir ihn prüfen, um seine Milde kennenzulernen und seinen Gleichmut auf die Probe zu stellen. (Lk 23,34)
20 Zu einem schändlichen Tod wollen wir ihn verurteilen – es wird nämlich seine Heimsuchung stattfinden nach seinen Worten. (Mt 17,23; Lk 18,33)
Wer diese Worte der Weisheit liest und die Passionserzählung der Evangelien kennt, wird schwerlich bestreiten können, dass hier Gottes Wort spricht.
Wer die Worte der Weisheit liest und die Passionserzählung der Evangelien kennt, wird schwerlich bestreiten können, dass hier Gottes Wort spricht.
Diese Darstellung ist platzbedingt sehr verkürzt und nur die Spitze eines Eisbergs. Zur Vertiefung wird wie im ersten Teil das Buch von Alexander Basnar empfohlen, das neben der Texttradition der Septuaginta auch die Frage des Kanons behandelt.
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