Der Schläger, der zum Verfechter der Feindesliebe wurde

Heiliger Hooligan. Foto: UOJ

Ein Schlag in die Brust – und der Mensch flog zurück und blieb im Straßenstaub liegen. Passanten liefen zusammen. Es dauerte nicht weniger als eine halbe Stunde, bis er aufstehen konnte, und man führte ihn, kaum noch lebendig, nach Hause. Er war danach zwei Monate krank. Wie durch ein Wunder blieb er am Leben.

Geführt hatte den Schlag ein Dorfbursche namens Semjon Antonow. Wochenlang lauerten nach diesem Vorfall die Brüder des verprügelten Schusters mit Knüppeln und Messern in den dunklen Winkeln des Dorfes auf Semjon selbst – sie wollten sich rächen. Vor dem sicheren Tod bewahrte ihn das, was er später selbst die Vorsehung Gottes nennen sollte, und vor dem Stigma eines Mörders bewahrte ihn die Tatsache, dass der Schuster eben doch überlebte.

Diesen Burschen kennt die Kirche heute als den ehrwürdigen Siluan vom Athos. Ebenden, der die durchdringenden Worte über die Liebe zu den Feinden niederschreiben wird. Zwischen der Auseinandersetzung auf der Straße und diesen Worten liegt ein ganzes Leben.

Ein Recke ohne Maß und Ziel

Semjon war keiner jener blassen Jünglinge, wie sie die spätere Ikonenmalerei bei der Darstellung von Heiligen liebt. Ein bäuerlicher Recke von beinahe unglaubhafter Kraft – mit bloßen Händen, ohne jedes Tuch, hob er vom glühend heißen Ofen den brodelnden Eisentopf mit der Kohlsuppe und trug ihn an den Tisch, an dem die Arbeitsmannschaft aß. Mit einem einzigen Fausthieb zerschlug er ein dickes Brett, stemmte Lasten, die kaum drei Männer gemeinsam hoben. Als die Zeit der Einberufung kam, holte man einen solchen Kerl natürlich zur Garde – zum Sappeur-Bataillon nach Petersburg, wohin man die größten und kräftigsten Männer auswählte.

Zur Reckenstärke gesellte sich ein Naturell, das ihr ebenbürtig war. Er arbeitete für drei und trank hemmungslos – konnte an einem Abend einen Viertelliter Wodka hinunterschütten und auf die Beine kommen, als wäre nichts gewesen – und bei Festen ließ er sich nur zu gern in eine Schlägerei verwickeln. Jene Geschichte mit dem Schuster deckte sein ganzes Naturell auf: In ihm steckte eine gewaltige, heiße, durch nichts gezügelte männliche Kraft, die einstweilen nirgendwohin zu kanalisieren war, es sei denn, alles ringsum kurz und klein zu schlagen.

Die Schlange im Traum

Einen solchen Menschen durch Furcht oder Scham zu beugen, war unmöglich – er fürchtete schlichtweg niemanden. Die Wende in seinem Leben trat auf andere, wundersame Weise ein.

Einmal, nach zügellos verbrachter Zeit, nickte Semjon ein – und sah im Halbschlaf, wie eine Schlange durch den Mund in ihn kroch. Ihn schüttelte vor Ekel und er fuhr hoch. Und in ebendiesem Augenblick hörte er eine leise Frauenstimme von unerhörter Schönheit: „Du hast im Traum eine Schlange verschluckt, und es ekelt dich: So tut es mir weh, anzusehen, was du tust.“

Niemanden erblickte er neben sich, doch später zweifelte er nicht daran, dass es die Allerheiligste Gottesmutter selbst war, die damals zu ihm sprach.

So wurde der Recke, der mutwillig Bretter zerschmettert hatte, von einem einzigen anwidernden Vergleich in die Knie gezwungen: Dein Leben ist wie dieses schlüpfrige Untier im Mund. Von jenem Tag an begann seine lange und schwere Arbeit an sich selbst.

Arbeit in der Mühle und Nächte ohne Schlaf

Im Jahr 1892 stieg Semjon vom Boot auf den Berg Athos herab und trat als Novize in das russische Pantaleimon-Kloster ein. Sein erster Gehorsam war die Mühle – dort schleppte er in der stickigen Luft von früh bis spät Mehlsäcke. Die Kraft, mit der er Menschen niedergestreckt hatte, arbeitete erstmals nicht auf Zerstörung, sondern auf den Aufbau.

Um dieselbe Zeit hörte Siluan nachts beinahe völlig zu schlafen auf: Jahrelang schlummerte er nur stoßweise, im Sitzen, für wenige Minuten, die übrige Zeit stand er im Gebet.

Einmal, in der Klosterkirche, zermürbt von Monaten inneren Kampfes und bereits an die Grenzen seines Vermögens gelangt, sah er den lebendigen Christus.

Feuer durchströmte seinen ganzen Leib mit solcher Macht, dass er, hätte die Vision auch nur einen Augenblick länger gewährt, seinen Worten zufolge gestorben wäre. Der innere Motor, der einst seine Faust in eine fremde Brust gelenkt hatte, lief nun auf vollen geistlichen Umdrehungen.

Die höchste Messlatte

Ein Mensch, der in der Jugend wegen einer Ziehharmonika beinahe seinen Nachbarn erschlagen hätte, erreichte im Alter ein Maß, über dem auf Erden, so scheint es, nichts mehr steht. Den Glauben begann er an der Fähigkeit zu prüfen, die Feinde zu lieben. Nicht sie mit zusammengebissenen Zähnen zu ertragen, nicht ihnen mit letzter Kraft zu vergeben, sondern sie so zu lieben und zu bemitleiden, dass die Seele um den Verfolger heftiger schmerzt als um sich selbst. Wo dieses Gefühl fehlt, sagte der Starze, da ist auch die Gnade des Heiligen Geistes nicht, gleichviel wie sehr einer fastet und betet.

„Für die Menschen beten – das heißt, Blut zu vergießen“, sagte er einmal. Und er selbst vergoss es: nächtelang stand er und weinte – um die ganze Welt, um alle Menschen, um sämtliche Nachkommen des gefallenen Adams, eingeschlossen ebenso unbändige Burschen mit Messern in den Händen, wie er selbst einer gewesen war.

Der Recke, einst der Schrecken der Dorffeste, setzte sich eine geistliche Messlatte, die kein Athlet je überwinden wird. Sein Ziel war nun nicht mehr, den Gegner niederzustrecken, sondern ihn aufzuheben und unter Gebet auf den eigenen Schultern herauszutragen, wie man einen Verwundeten vom Felde trägt.

Wer heute von Zorn und Wut zerrissen wird und für sich entschieden hat, dass ihm der Weg zu Gott verschlossen sei, der sollte sich diesen Heiligen einprägen. Gott nahm ihm nicht die Kraft – Er lenkte sie nur in die rechte Bahn. Der Raufbold mit den zentnerschweren Fäusten lernte die Menschen zu lieben, riss sich aus dem Abgrund des Lasters los und verbrachte das folgende halbe Jahrhundert seines Lebens mit Weinen um die Leidenden.

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