Christi Himmelfahrt in Dresden
Die Kirche des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge in Dresden mit Fjodor Dostojewski und Sergei Rachmaninow. Collage-Illustration: UOJ
Heute feiert die Orthodoxe Kirche Christi Himmelfahrt — eines der wichtigsten Feste des Kirchenjahres, das am vierzigsten Tag nach Ostern begangen wird. Die Kirche erinnert daran, wie Christus nach Seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren ist und dem Menschen den Weg zum ewigen Leben mit Gott geöffnet hat.
In der Kirche des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge in Dresden wurde an diesem Tag die festliche Liturgie gefeiert. Ein Gläubiger, der am Gottesdienst teilnahm, teilte seine Eindrücke mit Orthodoxnews.de.
Eine der bekanntesten orthodoxen Kirchen Deutschlands
Die Kirche des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge wurde in den Jahren 1872–1874 nach dem Entwurf des Architekten Harald Julius von Bosse unter Mitwirkung von Karl Weißbach erbaut. Am 6. Juni 1874 wurde sie zu Ehren des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge geweiht.
Sie gilt als eine der bekanntesten orthodoxen Kirchen Deutschlands und als eines der ausdrucksstarken Beispiele orthodoxer Kirchenarchitektur des 19. Jahrhunderts in Europa. Die Kirche wurde im russischen Stil mit byzantinischen Elementen errichtet. Ihre blauen Kuppeln mit goldenen Kreuzen gehören längst zum wiedererkennbaren Bild Dresdens.
Im Inneren sind alte Ikonen, eine zweistöckige Ikonostase aus Marmor und die besondere Atmosphäre einer orthodoxen Kirche des 19. Jahrhunderts erhalten geblieben. Nach historischen Materialien der Gemeinde existierte in Dresden bereits in den 1860er Jahren eine eigenständige orthodoxe Gemeinde.
Diese Kirche hat Revolution, Kriege, Emigration, die Bombardierung Dresdens und die Nachkriegszeit erlebt. Doch der wichtigste Eindruck von ihr ist heute nicht nur mit der Vergangenheit verbunden.
Christi Himmelfahrt in der Dresdner Kirche
Schon am frühen Morgen kommen Menschen zur Kirche: Frauen mit Kopftüchern, Familien mit Kindern, Jugendliche und ältere Gemeindemitglieder. Viele halten Gebetbücher und liturgische Bücher in den Händen.
Während des Gottesdienstes erklingt Kirchenslawisch, doch ein Teil des Gottesdienstes wird auch auf Deutsch gefeiert. Unter den Gläubigen sieht man auch einheimische Deutsche, die dem Gottesdienst aufmerksam anhand von Übersetzungen folgen.
Neben ihnen beten Menschen aus der Ukraine, Russland, Belarus, Moldau, Serbien, Georgien und anderen Ländern. So entsteht ein seltenes Bild für eine moderne europäische Stadt: Eine historische orthodoxe Kirche wird zu einem Ort des gemeinsamen Gebets für Menschen unterschiedlicher Sprachen und Herkunft.
Gerade deshalb wirkt die Dresdner Gemeinde nicht wie eine geschlossene nationale Gemeinschaft, sondern wie eine orthodoxe Gemeinde der Zukunft, in der sich kirchenslawische Tradition auf natürliche Weise mit der deutschen Sprache und dem Leben im heutigen Deutschland verbindet.
Die Kirche des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge in Dresden. Foto: UOJ / Orthodoxnews.de
Eine Predigt über Christi Himmelfahrt
Die festliche Liturgie wurde von Vater Roman Bannack gefeiert.
In seiner Predigt sprach der Priester über Christi Himmelfahrt als Vollendung der heilbringenden Sendung Christi auf Erden. Ohne die Himmelfahrt, so sagte er, könnte die Geschichte des Evangeliums wie eine endlose Fortsetzung des irdischen Lebens Christi verstanden werden.
Doch gerade die Himmelfahrt eröffnet dem Menschen die Möglichkeit des ewigen Lebens mit Gott und in Gott. Christus erhebt die menschliche Natur zum Vater — und in diesem Ereignis wird die Zukunft des Menschen offenbar.
Die Predigt war ruhig, klar und inhaltlich tief. Sie war kein formales Wort zum Fest, sondern eine aufmerksame Erklärung des Sinns von Christi Himmelfahrt.
Ein Chor, in dem Gebet spürbar wird
Einer der stärksten Eindrücke des Gottesdienstes war der Chor.
Der Kirchengesang wirkt hier nicht wie ein Konzert. Der Chor versucht nicht, durch Lautstärke oder Technik zu beeindrucken. Der Gesang klingt weich, gesammelt und gebetserfüllt.
Es entsteht nicht der Eindruck von Bühne und Publikum. Der Chor steht nicht außerhalb des Gottesdienstes, sondern wird Teil des gemeinsamen Gebets der ganzen Kirche. Gerade deshalb wirkt die Liturgie als ein Ganzes: Priester, Chor und Gläubige stehen gemeinsam im liturgischen Leben.
Beichte und Kommunion
Während der Kommunion fällt besonders auf, dass fast die ganze Kirche zum Heiligen Kelch geht.
Viele Familien empfangen die Kommunion gemeinsam — Eltern und Kinder. Das ist bemerkenswert, weil man in manchen Gemeinden oft sieht, dass Eltern nur ihre Kinder zur Kommunion bringen, selbst aber nicht hinzutreten.
Für diejenigen, die am Vorabend nicht zur Beichte kommen konnten, tritt einer der Priester während der Liturgie eigens zur Beichte heraus.
Eine einfache Szene bleibt besonders in Erinnerung: Ein Vater hält ein Kleinkind auf dem Arm, während die Mutter zur Beichte geht. Danach wechseln sie — die Mutter nimmt das Kind, und der Vater tritt zum Priester.
Gerade in solchen Details wird echtes Gemeindeleben sichtbar.
„Porträt von Fjodor Dostojewski“ von Wassili Perow, 1872. Quelle: Wikipedia Commons.
Bekannte Persönlichkeiten, die mit der Kirche verbunden sind
Mit der Kirche des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge sind Namen verbunden, die in Kultur, Politik und Geistesgeschichte deutliche Spuren hinterlassen haben.
Fjodor Dostojewski lebte von 1869 bis 1871 in Dresden. Hier arbeitete er am Roman „Die Dämonen“, und in der Dresdner orthodoxen Gemeinde wurde seine Tochter Ljubow getauft.
Peter Stolypin, der spätere Ministerpräsident des Russischen Reiches, wurde in Dresden geboren und 1863 in der örtlichen orthodoxen Kirche getauft. Seine Verbindung zur Dresdner Gemeinde beginnt also nicht mit Politik, sondern mit dem Sakrament der Taufe.
Sergei Rachmaninow lebte von 1906 bis 1909 in Dresden, betete in dieser Kirche und unterstützte die Gemeinde materiell. Bekannt ist, dass er eine große Spende für die Einrichtung einer Gasheizung in der Kirche gab.
Auch Iwan Turgenjew und Michail Bakunin waren mit der Dresdner orthodoxen Gemeinde verbunden. Ihre Namen zeigen, dass diese Kirche nicht nur ein Ort gelegentlicher Gottesdienste war, sondern ein wichtiger geistlicher Mittelpunkt für viele bekannte Menschen ihrer Zeit.
Die Kirche des heiligen Simeon vom Wunderbaren Berge in Dresden. Foto: orthodox-dresden.de / Bildergalerie der Gemeinde.
Eine Kirche, die Kriege überstanden hat
Das 20. Jahrhundert brachte der Kirche schwere Prüfungen.
Während des Ersten Weltkriegs wurde die Kirche geschlossen. Nach der Revolution wurde sie zu einem der geistlichen Zentren der orthodoxen Emigration in Deutschland.
Bei der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 wurde die Kirche schwer beschädigt, besonders der Glockenturm. Sie wurde jedoch nicht zerstört. Trotz Krieg und Nachkriegsnot wurden hier weiterhin Gottesdienste gefeiert.
Nachwort
Trotz dieser großen historischen Bedeutung wirkt die Kirche des heiligen Simeon nicht wie ein Museum. Während des Gottesdienstes wird deutlich: Sie lebt nicht nur aus der Vergangenheit, sondern blickt in die Zukunft. Hier verbindet sich Kirchenslawisch selbstverständlich mit Deutsch, hier beten Menschen aus postsowjetischen Ländern und einheimische Deutsche nebeneinander, und die orthodoxe Tradition wirkt im heutigen Deutschland nicht fremd.
Es ist eine lebendige orthodoxe Gemeinde, in der Menschen beichten, die Kommunion empfangen, ihre Kinder mitbringen, aufmerksam der Predigt zuhören und gemeinsam beten.
Gerade deshalb wirkt die Dresdner Kirche wie ein Ort, an dem große Geschichte nicht abgeschlossen ist. Das Gebet geht hier bis heute weiter.
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