Wenn die Worte versiegen, beginnt Bach
Bachs Passion. Foto: UOJ
Bach schrieb die Matthäus-Passion für den Karfreitag 1727 für die Leipziger Thomaskirche und nicht für einen Saal mit Samtsesseln und Husten in den Pausen. Die Menschen kamen nicht, um „das Werk zu hören“. Sie blieben drei Stunden lang im Werk – in der Dämmerung, zwischen zwei Chören und zwei Orchestern, als direkte Teilnehmer an den biblischen Ereignissen. Zusammen mit ihrem Kummer und ihren Erfahrungen.
Die Passionen sind im Grunde wie ein spiritueller Raum angelegt, in den der Zuhörer mit seinem betäubten Schmerz eintreten muss – und ihn bis zum Ende des Werks durchleben muss.
Der Bass ist schwerer als die Luft
Der Eröffnungschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ setzt sofort mit einem pulsierenden Bass an. Dann schwellen die Stimmen schichtweise an. Sie unterbrechen sich gegenseitig, verhaken sich, trennen sich, prallen wieder aufeinander. Dissonanzen durchschneiden den Raum – in ihnen sind die Menge, der Schrei, die Enge, die spürbare Schwere des Geschehens zu hören. Und dabei bleibt die Partitur fast makellos und geometrisch geordnet.
Bach weiß genau: Kollektive Grausamkeit sieht selten wie Grausamkeit aus. Meistens gleicht sie einer klar abgestimmten Ordnung, einem Gesetz der Gesellschaft. Und so schreibt er sie auch.
Und plötzlich wirft über diesem Marsch ein Kinderchor leise ein: „Sehet! – Wen? – Den Bräutigam“. Dieser winzige Dialog von Picander klingt, als würde jemand aus einer anderen Welt sprechen. Über der Menge, die den Menschen zur Hinrichtung führt, taucht plötzlich die Frage auf: Versteht ihr überhaupt, wen ihr da tragt?
Die Geige drückt aus, was Worte nicht erfassen können
Es gibt in den „Passionen“ einen Moment, der jedes Mal fast unfehlbar auf die Emotionen wirkt – unabhängig davon, ob der Mensch gläubig ist oder nicht. Es ist die Arie „Erbarme dich, mein Gott“, die nach der Szene der dreifachen Verleugnung durch Petrus erklingt.
Im Matthäusevangelium wird diese Episode kurz in einem einzigen Satz beschrieben: „Und er ging hinaus und weinte bitterlich“ (Mt 26,75). Bach hingegen entfaltet diese Worte zu mehreren Minuten langsamen und fast unerträglichen Weinens. Selbst die Violine begleitet hier die Stimme nicht – sie weint selbst. Die Auf- und Abgänge der Melodie passen sich dem Rhythmus des Tränenstroms an. Der Alt wiederholt immer wieder dasselbe Wort, als könne es gar nicht enden: „Erbarme, erbarme dich“ – „Erbarme dich, erbarme dich meiner“.
Dieses Gefühl des inneren Gerichts ist vielen vertraut: „Ich hätte bei Gott bleiben können, aber ich bin nicht geblieben.“
Bach erklärt nicht, was man damit tun soll, und drängt nicht auf die richtige Reaktion. Er lässt dem Klang einfach freien Lauf. Und während die Geige weint, wird plötzlich etwas Einfaches deutlich: Weinen darf und muss man. Gerade das Weinen vereint den Sünder wieder mit dem Erlöser.
Zwischen Judas und Petrus nur ein Schritt
Manchmal scheint es, als würden uns die „Passionen“ etwas offenbaren, was das menschliche Auge nicht immer wahrnimmt.
Auch Judas bereute. Das Evangelium berichtet: Er warf das Geld im Tempel hin und ging hin und erhängte sich (Mt 27,5). Seine Reue schloss sich in sich selbst ein, fand keinen Ausweg nach außen und brachte den ehemaligen Apostel schließlich um.
Petrus hingegen ging hinaus aus dem Hof des Hohepriesters und weinte. Diese Regung der Seele verwandelt Bach in ein musikalisches Bild. Die Violine in „Erbarme dich“ scheint neben Petrus herzugehen, mit ihm in dieselbe Tiefe der Reue hinabzusteigen – und von dort langsam zur Wiedergeburt der Seele aufzusteigen.
Bach erinnert daran, dass es hier nicht nur um die Schwere der Sünde jedes einzelnen Apostels geht, sondern auch um die Richtung des Blicks.
Judas blickt in sich hinein und sieht das endgültige Scheitern seiner Pläne. Petrus blickt auf Christus und weint. Bach hört dies und lässt uns es hören.
Tränen am Grab
Der Schlusschor der Passionen, Wir setzen uns mit Tränen nieder, ist im Tempo eines Wiegenliedes geschrieben. Nach drei Stunden pulsierendem Bass, Dissonanzen, Schreien und zerreißender Trauer ist plötzlich ein leiser, wiegender, fast beruhigender Rhythmus zu hören. Picanders Text richtet sich direkt an das Grab:
„Wir setzen uns mit Tränen nieder
Und rufen dir im Grabe zu:
Ruhe sanfte, sanfte ruh!“
Hier gibt es keine Feierlichkeit – und es wäre seltsam, wenn sie plötzlich auftauchen würde. Der Mensch, der die Leiden des Messias durchlebt hat, setzt sich einfach vor Sein Grab. Die Trauer wird wieder nicht bis zum Ende erklärt, sondern an ihren Platz vor der Osterfreude hingelegt: in das Grab.
Am Ende der Partitur setzt Bach drei Buchstaben: S.D.G. – Soli Deo Gloria, „Gott allein sei die Ehre“. Er rühmt sich nicht damit, ein großartiges Werk geschrieben zu haben. Doch es hat sich tatsächlich als großartig erwiesen und erklingt seit Jahrhunderten.
Der Philosoph Emil Cioran – ein Skeptiker des 20. Jahrhunderts, ein Mann, der sein ganzes Leben lang mit dem Sein rang – schrieb: „Bachs Musik ist der einzige Beweis dafür, dass die Erschaffung des Universums nicht als völlige Katastrophe angesehen werden kann.“
Cioran war kein Gläubiger. Doch er hörte in dieser Musik etwas, das selbst ein Atheist nicht überhören konnte.
Heute erklingen die „Passionen“ in Konzertsälen und bekommen nach dem Finale Beifall, was ein wenig seltsam wirkt: Schließlich saßen wir gerade noch da und weinten im Gebet am Grab Christi. Der Gottesdienstraum, für den dieses Werk geschrieben wurde, lebte anders: Die Stille nach „Wir setzen uns“ ging in das Gebet des Karsamstags über.
Allerdings liegt es wohl nicht nur am Ort, an dem dieses Werk erklingt. Bach verlangt vom Menschen keine besondere innere Bereitschaft. Er bittet nur um eines – zu Gott zu kommen, ohne sich vor Ihm zu verschließen. Bach gibt keine vorgefertigten Antworten auf unsere spirituellen Fragen. Er schenkt etwas anderes – einen Raum der Musik, in dem unser Leid seinen Tiefpunkt erreicht, von dem aus man sich zur Erlösung erheben und wieder tief durchatmen kann.
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