„Metropolit Schio wird das Erbe von Patriarch Ilia II. sicherlich bewahren wollen“, — Priester Elias Schlepegrell

UOJ-Interview mit Priester Elias Schlepegrell, Augenzeuge der Wahl von Metropolit Shio zum neuen Patriarchen von Georgien. Foto: UOJ

Heute wurde Metropolit Schio zum neuen Katholikos-Patriarchen von ganz Georgien gewählt. Aus diesem Anlass sprach die UOJ mit dem Priester Elias Schlepegrell, einem Geistlichen der Georgisch-Orthodoxen Diözese von Deutschland und Österreich.

Priester Elias Schlepegrell betreut die georgisch-orthodoxe Gemeinde des Hl. Georg in Bremen sowie die deutschsprachige Gemeinde der Hl. Ansgar und Lambert. Heute befand er sich in Tbilisi und war Augenzeuge dieses historischen Ereignisses. Im Gespräch mit der UOJ teilte er seine persönlichen Eindrücke und Gedanken zur Wahl des neuen Patriarchen.

Sie befinden sich derzeit direkt in Georgien und waren Augenzeuge der Wahl des neuen Patriarchen. Welche persönlichen Eindrücke haben Sie von diesem Ereignis? Welche Atmosphäre herrschte in der Kirche und unter den Gläubigen?

Zunächst danke ich Gott, dass ich mit dem Segen unseres Metropoliten Gerasime bei diesem historischen Ereignis dabei sein durfte. Für unsere Kirche war dieser Tag von großer Bedeutung, denn fast fünfzig Jahre lang stand nur ein Patriarch an ihrer Spitze. Unser geliebter Katholikos-Patriarch Ilia II. wurde bereits 1977, noch zu Sowjetzeiten, gewählt und hat die Georgische Orthodoxe Kirche über Jahrzehnte geprägt. Aufgrund seines hohen Alters und seiner gesundheitlichen Situation wurde bereits 2017 Metropolit Schio als Patriarchalischer Statthalter eingesetzt.

In der Kirche herrschte eine besondere Atmosphäre — geprägt von Ehrfurcht, Spannung und Hoffnung.

Viele Gläubige waren emotional bewegt, weil allen bewusst war, dass eine neue Epoche beginnt. Gleichzeitig spürte man eine große geistliche Ruhe und Einheit im Gebet. Für mich persönlich war es ein sehr bewegender und unvergesslicher Moment.

Wie erwartet war Ihrer Meinung nach die Wahl von Metropolit Schio zum neuen Katholikos-Patriarchen von ganz Georgien? Kann man sagen, dass viele genau diese Entscheidung erwartet haben?

Wenn wir ehrlich sind, haben viele Gläubige und auch zahlreiche Geistliche mit dieser Entscheidung gerechnet. Metropolit Schio wurde bereits im ersten Wahlgang gewählt, was zeigt, dass seine Unterstützung innerhalb des Heiligen Synods sehr groß war. Überraschend war das nicht, denn er hatte in den vergangenen Jahren bereits viele Aufgaben des verstorbenen Patriarchen übernommen und galt für viele als der natürliche Nachfolger.

Hinzu kommt, dass er von Patriarch Ilia II. selbst als Patriarchalischer Statthalter eingesetzt wurde. Viele Menschen sahen darin bereits ein Zeichen des Vertrauens und eine Vorbereitung auf die Zukunft der Kirche.

Was ihn besonders auszeichnet, ist seine ruhige und besonnene Art. Er hält sich aus vielen Konflikten heraus und konzentriert sich auf den geistlichen Dienst und die Verantwortung, die ihm übertragen wurde.

Wie haben das georgische Volk, die Gläubigen der Georgischen Orthodoxen Kirche und der Klerus diese Entscheidung aufgenommen? Ist eine Einheit um den neuen Patriarchen spürbar?

Als Metropolit Schio die erforderliche Stimmenzahl erreicht hatte, brach unter vielen Gläubigen große Freude aus. In der Kathedrale hörte man immer wieder den Ruf „Axios“ — „Würdig“. Anfangs war die Wahl sehr spannend, da mehrere Kandidaten starke Unterstützung hatten, doch schließlich erhielt Schio Stimme für Stimme die Mehrheit.

Natürlich gibt es auch Menschen, die vielleicht einen anderen Kandidaten bevorzugt hätten. Das ist bei einer solchen Wahl normal. Persönlich fand ich auch die Gedanken und Ansätze von Metropolit Hiob interessant. Dennoch zeichnet unsere Kirche aus, dass sie in entscheidenden Momenten Einheit bewahrt und der gemeinsamen Entscheidung des Synods treu bleibt.

Metropolit Schio hat als Patriarchalischer Statthalter bereits bewiesen, dass er Verantwortung tragen kann. Viele Menschen, die ihn persönlich kennen, schätzen seine Bescheidenheit, seine Ruhe und seine geistliche Haltung.

Im Gegensatz zu den anderen Kandidaten trat er nicht mit einem großen eigenen Programm auf — vielleicht gerade deshalb, weil er deutlich gemacht hat, dass er das geistliche Erbe von Patriarch Ilia II. bewahren und weiterführen möchte.

Wie könnte sich Ihrer Meinung nach das orthodoxe Leben in Georgien unter dem neuen Patriarchen verändern? Ist eher mit einer Fortsetzung des bisherigen Kurses zu rechnen, oder könnten neue Akzente gesetzt werden?

Seine Wahl wird von vielen Gläubigen als Fortsetzung des bisherigen Kurses unserer Kirche verstanden. Metropolit Schio steht geistlich und persönlich sehr nahe an Patriarch Ilia II. und wird dessen Erbe sicherlich bewahren wollen.

Gleichzeitig bringt jeder neue Patriarch auch eigene Akzente mit sich. Das war in der Geschichte der Kirche immer so.

Vielleicht wird man neue Schwerpunkte in der Seelsorge, der Jugendarbeit oder im gesellschaftlichen Auftreten der Kirche sehen.

Im Moment spürt man jedoch vor allem den Wunsch nach Stabilität, Kontinuität und Einheit.

Sie sind Priester aus Deutschland. Wie könnte die Wahl des neuen Patriarchen das orthodoxe Leben der georgischen Diaspora in Deutschland und allgemein in Europa beeinflussen?

Für die georgische Diaspora in Deutschland und Europa ist die Wahl eines neuen Patriarchen ein sehr wichtiges Ereignis. Viele Gemeinden im Ausland fühlen sich geistlich eng mit der Mutterkirche in Georgien verbunden. Ein neuer Patriarch bringt daher auch neue Hoffnung und neue Erwartungen mit sich.

Ich glaube, dass Metropolit Schio großen Wert auf die Einheit zwischen der Kirche in Georgien und den Gemeinden im Ausland legen wird.

Gerade in Europa leben viele georgische Familien weit entfernt von ihrer Heimat, und die Kirche wird dort oft zu einem Ort der geistlichen und kulturellen Identität.

Deshalb ist es wichtig, dass die Verbindung zur Mutterkirche weiter gestärkt wird.

Könnte der neue Patriarch den georgischen Gemeinden im Ausland, insbesondere in Deutschland, mehr Aufmerksamkeit schenken? Welche Schritte wären in dieser Hinsicht besonders wichtig?

Ja, ich denke, das wäre sehr wichtig. Die georgischen Gemeinden im Ausland wachsen stetig, besonders in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Viele Gläubige wünschen sich eine stärkere geistliche Begleitung und eine engere Verbindung zur Kirche in Georgien.

Wichtige Schritte wären regelmäßige Besuche von Bischöfen, eine stärkere strukturelle Unterstützung der Gemeinden, die Ausbildung und Entsendung neuer Priester für die Diaspora sowie eine intensivere Arbeit mit Jugendlichen und Familien.

Gerade die junge Generation braucht eine enge Verbindung zur orthodoxen Tradition, damit sie ihren Glauben auch fern der Heimat bewahren und weitergeben kann.

Patriarch Ilia II. war für Georgien nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine geistlich-nationale Symbolfigur einer ganzen Epoche. Wie schwierig wird es für den neuen Patriarchen sein, dieses Erbe anzunehmen und den Dienst nach einer so bedeutenden Persönlichkeit fortzusetzen?

Das wird sicherlich keine leichte Aufgabe sein. Patriarch Ilia II. war nicht nur Kirchenoberhaupt, sondern für viele Menschen eine geistliche Vaterfigur und ein Symbol der Einheit des georgischen Volkes. Er hat die Kirche durch sehr schwierige Zeiten geführt, von der Sowjetzeit bis in die Gegenwart.

Niemand kann einfach „ein zweiter Ilia II.“ werden, und das erwartet auch kaum jemand.

Entscheidend wird sein, dass der neue Patriarch seinen eigenen Weg findet und gleichzeitig das geistliche Erbe seines Vorgängers mit Würde, Respekt und Verantwortung weiterführt. Viele Gläubige wünschen sich vor allem Bescheidenheit, geistliche Stärke und die Bewahrung der Einheit der Kirche.

Welche wichtigsten Herausforderungen stehen Ihrer Meinung nach heute vor dem neuen Oberhaupt der Georgischen Orthodoxen Kirche, innerhalb der Kirche selbst, in der Gesellschaft und in den Beziehungen zu anderen orthodoxen Ortskirchen?

Die Herausforderungen sind heute sehr groß. Innerhalb der Kirche geht es vor allem darum, die Einheit zu bewahren und gleichzeitig auf die Bedürfnisse einer jüngeren Generation einzugehen. Viele junge Menschen suchen Orientierung, und die Kirche steht vor der Aufgabe, Antworten auf die Fragen der modernen Gesellschaft zu geben, ohne ihre Tradition zu verlieren.

Auch gesellschaftlich steht die Kirche vor wichtigen Aufgaben. Die Menschen erwarten geistliche Führung, Stabilität und moralische Orientierung in einer Zeit vieler Krisen und Unsicherheiten.

Hinzu kommen die Beziehungen zu anderen orthodoxen Ortskirchen. Die orthodoxe Welt erlebt seit einigen Jahren Spannungen und Konflikte. Deshalb wird es wichtig sein, dass der neue Patriarch mit Weisheit, Ruhe und diplomatischem Geschick handelt, um die Einheit der orthodoxen Kirche zu fördern und gute Beziehungen zu anderen Kirchen zu bewahren.

Was sollte der neue Patriarch Ihrer Meinung nach in den ersten Tagen seines Dienstes sagen oder tun, um das Vertrauen der Gläubigen zu stärken und die kirchliche Einheit zu bewahren?

Ich bin nicht derjenige, der unserem neuen Patriarchen Vorschläge machen soll, aber persönlich denke ich, das Wichtigste wäre eine klare Botschaft der Einheit, des Friedens und des Gebets. Die Gläubigen möchten spüren, dass die Kirche auch in dieser neuen Phase fest auf Christus gegründet bleibt.

Ein erster Schritt wäre, die Menschen zum gemeinsamen Gebet und zur geistlichen Erneuerung aufzurufen und die Einheit der Kirche ausdrücklich zu betonen. Ebenso wichtig wäre eine Haltung der Bescheidenheit und Nähe zu den Gläubigen, damit Vertrauen wachsen kann.

Gerade am Anfang seines Dienstes ist weniger ein programmatisches Auftreten entscheidend, sondern vielmehr ein geistliches Zeichen: dass die Kirche in Kontinuität steht und gleichzeitig offen für die Herausforderungen der Zeit bleibt.

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