Ein Heiliger für zwei Welten

Ein Nischenheiliger, ein Idol für Konvertiten oder universeller Lehrer? Das jüngst in München eröffnete Heiligsprechungsverfahren rückte Priestermönch Seraphim (Rose) von Platina in den Fokus des allgemeinen Interesses. Der Asket und geistliche Schriftsteller gilt Vielen als erstgeborener Heiliger des modernen Amerika. Bekannt ist er für seine apologetischen Werke und radikale Christusnachfolge. Doch Priestermönch Seraphim ist weit mehr als eine Identifikationsfigur für Neubekehrte. Er ist ein Wegweiser zur geistlichen Erneuerung in Ost und West.

Zahlreiche Kanäle sprachen bereits von einer erfolgten Heiligsprechung, als die Nachricht noch ein bloßes Gerücht war: Am 4. Mai fällte das Konzil der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) in München die Entscheidung, den Heiligsprechungsprozess für Priestermönch Seraphim (Rose) einzuleiten.

Die Versammlung der Bischöfe war am 29. April anlässlich des 100-jährigen Bestehens der deutschen Diözese der ROKA zusammengetreten, unter ihnen der Ersthierarch der Russischen Auslandskirche, Metropolit Nikolaj von Ostamerika und New York, Metropolit Mark von Berlin und Deutschland, der Vikar der Deutschen Diözese, Bischof Hiob von Stuttgart, Bischof Irenei von London und Westeuropa, sowie weitere Bischöfe, Geistliche und Gäste der Jubiläumsfeierlichkeiten.

In dem am 5. Mai veröffentlichten offiziellen Rundschreiben der Bischöfe heißt es:

„In Antwort auf die zahlreichen Gesuche der Gläubigen hat das Konzil der Bischöfe, in Anerkennung des rechtschaffenen Lebenswegs des allzeit denkwürdigen Priestermönchs Seraphim (Rose), den Prozess der Vorbereitung seiner kirchlichen Verherrlichung in den Reihen unserer Ehrwürdigen Väter gesegnet.“

(aus dem Englischen) 

Erst kürzlich betonte Bischof Irenei von London im Interview, dass Medienberichte, in denen behauptet wird, die Heiligsprechung sei bereits abgeschlossen, Falschmeldungen seien. In Wirklichkeit handele es sich um „einen Prozess der Anerkennung der Heiligkeit eines Menschen und der Umsetzung besonnener, vorsichtiger Schritte, die notwendig sind, um ihn zur allgemeinen Verehrung durch die Gläubigen zu erheben“. Gleichzeitig brachte er seine Freude über diesen Prozess zum Ausdruck und sagte:

„Wir spüren seine Heiligkeit und erkennen sie an. Wir beten, dass auch andere sie spüren mögen. Und wir möchten diesen Weg mit derselben geistlichen Ernsthaftigkeit fortsetzen, deren Vorbild Vater Seraphim selbst ist, damit diese Heiligkeit auch unsere wird.“

Bischof Irenej (Steenberg) von London

Vorgeschichte der Kanonisierung

Die Vorgeschichte von Vater Seraphims Kanonisierung beginnt bereits mit seinem Begräbnis. Bischof Nektarij (Kontzevitch) von Seattle, der die Zeremonie der Beerdigung vollzog, war ein geistlicher Sohn des ehrwürdigen Altvaters Nektarij von Optina (+1928), einer der in der russisch-orthodoxen Kirche als Heilige verehrten Erzväter dieses Klosters, und damit ein lebendiges Bindeglied zwischen der alten heiligen Rus und der westlichen Welt.

Foto: Altvater Nektarij von Optina (optina.ru)

Schon jetzt hatten Einige begonnen, nicht nur für die Seelenruhe des entschlafenen Seraphim zu beten, sondern ihn selbst um Fürbitte anzurufen. Der Bischof ermutigte die Gläubigen darin. In seiner Predigt am Grabe würdigte er den verstorbenen Mönch: „Vater Seraphim war ein gerechter Mensch, vielleicht ein Heiliger.“ Als der Übersetzer zögerte, die Worte auf Englisch wiederzugeben, stampfte der Bischof mit seinem Stab auf den Boden und wiederholte auf Russisch: „Ein Heiliger!“

Nach der Begräbnisprozession stimmte Bischof Nektarij vor der Kirche den Lobhymnus (Velitschanije) an: „Wir hochpreisen Dich, heiliger Vater Seraphim, und verehren Dein heiligen Gedächtnis, Lehrer der Mönche und Genosse der Engel“.

Foto: Bischof Nektarij und Priestermönch Seraphim Rose vor der Kapelle der Einsiedelei in Platina (orthochristian.com)

Es ist in der Orthodoxie üblich, dass die Verehrung eines Heiligen aus dem Volk erwächst und von Bischöfen offiziell bekräftigt wird. Ein zentraler, formalisierter Heiligsprechungsprozess wie in der römisch-katholischen Kirche existiert nicht. Auch ist keine Mindestanzahl von Wundern oder die Unverweslichkeit der sterblichen Überreste für eine Heiligsprechung nötig, wenngleich diese Phänomene als göttliche Bekräftigung der Heiligkeit aufgefasst werden können. Auch wenn es Berichte über durch den heiligen Seraphim gewirkte Wunder gibt, ist also seine vom Heiligen Geist inspirierte Verehrung im gläubigen Volk und Klerus ausschlaggebend für die Geltung als Heiliger in der universalen orthodoxen Kirche. Eine solche Verehrung existiert bereits nicht nur in der russischen Auslandskirche, sondern der gesamten orthodoxen Welt, wie z.B. ikonographische Darstellungen in Kirchen von Moskau bis Australien bezeugen.

Es war auch kein westliches Land, sondern die Diözese Akhalkalaki in Georgien, in der 2023 die erste lokale Heiligsprechung Priestermönch Seraphims vorgenommen wurde. Metropolit Nikolozi hatte sich bereits zuvor auch in den USA für die Kanonisierung eingesetzt. Am 19.02.2023 vollzog er selbst diesen Schritt für seine Diözese. Eine Woche später erhielt er Besuch von Bischof Gerasim von Forth Worth (Orthodoxe Kirche in Amerika), einem geistlichen Sohn des heiligen Seraphim. Bei der sonntäglichen Liturgie, von der Aufnahmen auf YouTube veröffentlicht wurden, war seine Ikone an der Wand der Kirche hängend zu sehen. Auch ein Interview mit Met. Nikolozi von Akhalkalaki ist auf YouTube zu finden.

Foto: Metropolit Nikolozi von Akhalkalaki mit der Ikone des Heiligen Seraphim (The Uncreated Light Blog, Substack)

Georgien ist nicht das einzige orthodox geprägte Land, in dem die Verehrung von Seraphim Rose von bischöflicher Seite bekräftigt wurde. Der griechische Metropolit Neophytos von Morphou auf Zypern sprach in einer Predigt über seinen Lebensweg und machte deutlich: „Vater Seraphim ist ein Heiliger“.

Zum Fest der Geburt unseres Herrn, Gottes und Erretters Jesus Christus 2025 veröffentlichte Bischof Makarios von Kenia und Exarch von ganz Ostafrika (Patriarchat von Alexandria) ein pastorales Rundschreiben, in dem den Heiligen als Vorbild christlicher Nächstenliebe zitierte:

„Wie der Heilige Seraphim Rose lehrte, wahres Christentum wird gelebt nicht nur in Worten, sondern in Umkehr, Demut und Liebe die nach außen strömt zu Anderen. Ein von Christus berührtes Herz kann nicht verschlossen bleiben für das Leiden seines Nächsten.“

Bischof Makarios von Kenia 

Foto: Ikone des hl. Seraphim von Platina, Holy Archangel Michael Serbian Orthodox Church in Homebush Australia (Foto: The Uncreated Light Blog, Substack)

Der 2025 neu gewählte Patriarch Daniil von Bulgarien (Nikolov) pilgerte selbst im Jahr 2016 als Vikarbischof der bulgarisch-orthodoxen Diözese in den USA zum Grab des Heiligen in Platina, wo er in einer Predigt anlässlich seines Todestages folgende Worte fand:

„Vater Seraphim hat zu meinem Leben und zum Leben unser aller hier beigetragen, wie auch zum Leben vieler weiterer Menschen. Wir kommen hier her, um ihm die schuldige Liebe entgegen zu bringen und seinen Segen zu empfangen. Als ich Mitte der 90er Jahre, in den Jahren nach dem Kommunismus, meine ersten Schritte in die Kirche machte, war Vater Seraphim sehr beliebt unter den bulgarischen Neukonvertiten, die zum ersten Mal in die Kirche kamen. Es war ungewöhnlich und überraschend, von diesem Ort, wo die westliche Kultur floriert, jemanden mit einem so nüchternen Blick auf die Dinge zu hören, der uns vor den Gefahren dieser Konsumgesellschaft warnt; davor, dass wir unsere Kinder in einer Weise aufziehen, dass sie kleine Prinzen und Könige werden, in deren Herzen die Leidenschaften von frühster Kindheit an Wurzeln schlagen. Und all das nicht aus einem psychologischen Blickwinkel heraus, sondern aus einem orthodoxen Blickwinkel – dass die moderne Welt das christliche Leben schwieriger macht und so gefährlich ist für unsere Seelen. Er [sc. Vater Seraphim] war die Gegenwart Christi selbst.“

All dies zeigt, dass Seraphim von Platina kein ‚Nischenheiliger‘ der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland oder gar exklusives Idol einer westlichen Konvertitenszene ist, wie er manchmal irrtümlich wahrgenommen wird, sondern ein Heiliger der universalen Kirche. Ein Mahner, der nicht nur Kinder der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft zu Gott zurück rief, sondern auch einer, der die Kinder des Kommunismus nach dessen Fall vor den Verlockungen derselben Wohlstands- und Konsumkultur warnte

Aber wer war Seraphim Rose? Und welche Verdienste sind es, die ihn in den Augen der orthodoxen Welt zu einem Heiligen machen?

Foto: Ikone des hl. Seraphim (zweiter von rechts), Kirche der Entschlafung der Gottesgebärerin im Norden von Moskau (Foto: The Uncreated Light Blog, Substack)

Leben und Werk des hl. Seraphim

Eugene Dennis Rose wurde 1934 in San Diego, Kalifornien als drittes Kind einer protestantischen Familie geboren. In seiner Jugend dem christlichen Glauben zunehmend entfremdet, fand er auf einem intensiven Weg existenzieller und intellektueller Suche zur Orthodoxie – jener kostbaren Perle, für die er wie der Kaufmann im Gleichnis sein ganzes Sein hingab. Aufschluss über sein Leben und Wirken gibt die von Vr. Damascene (Christensen), einem Mönch in Platina verfasste monumentale Biographie „Father Seraphim Rose: His Life and Works“. Dieses leider vergriffene, mehr als 1600 Seiten lange Werk ist mehr als eine Biographie im engeren Sinne: Es ist die Zusammenfassung eines Lebenswerks und atmet die ganze geistliche Atmosphäre der Auslandskirche in den USA zur Zeit eines heiligen Johannes von San Francisco wie auch die Atmosphäre der paradiesischen Wildnis von Platina, in der Vater Seraphim und sein Gefährte Vater Herman (Podmoshenskij) dem Leben der asketischen Väter nacheiferten. Die folgenden Anekdoten sind wesentlich diesem Buch entnommen, das nach Gottes Wille bald auch eine Übersetzung ins Deutsche finden möge.

Abbildung: Buchcover der Biographie von Vr. Damascene (Christensen), Platina: Saint Herman of Alaska Press 1999

Orthodoxie in Disneyland

Vom Glauben seiner Kindheit mehr und mehr entfremdet, vertiefte sich Eugene Rose in das Studium von Philosophie, klassischer Musik und Literatur, Theater und Sprachen. Am Pomona College bei Los Angeles, wo er von 1952 bis 1956 studierte, lernte er Alan Watts kennen – einen ehemaligen anglikanischen Geistlichen, der sich dem Zen-Buddhismus zugewandt hatte. Als Autor und Lehrer trug Watts maßgeblich zur Popularisierung dieser und anderer fernöstlicher Philosophien im Westen bei – und damit auch zur Entstehenden Hippie- und New Age-Bewegung.

Eugene war jedoch bald enttäuscht von der Oberflächlichkeit und Bequemlichkeit, die er an Watts wahrnahm (er nannte ihn einen „Sofa-Buddhisten“). Es war nicht nur eine intellektuelle Unzufriedenheit, sondern das existenzielle Verlangen nach einer tieferen, hingebungsvollen Spiritualität, das diese Distanzierung bewirkte. Für Eugene Roses frühen zwanziger Jahren war diese Sinnsuche bis zur Verzweiflung und Todessehnsucht kennzeichnend – eine innere Zerrissenheit, die selbst seine Freunde und Vertrauten erst im Nachhinein erkannten. „Ich war in der Hölle“, sollte er später über diese Zeit sagen: „Ich weiß, was die Hölle ist“.

Eugene fand einen anderen Lehrer, der seinem Verlangen mehr entsprach. Der Exilchinese Gi-ming-Shien, ein Flüchtling vor dem Kommunismus, der in China in einem taoistischen Kloster gelebt hatte, lehrte nun an derselben Akademie wie Alan Watts und vermittelte die Philosophie und Spiritualität des Alten China in Amerika. Eugene lernte Altchinesisch und Übersetzte zusammen mit Gi-ming Shien das „Daodejing“, die zentrale Schrift des Taoismus, ins Englische. Auch nach seiner Konversion schätzte Vater Seraphim diese alte Weisheitslehre hoch, in der er ähnlich wie die Kirchenväter in der griechischen Philosophie eine Art Vorbereitung des Evangeliums sah. In dem Buch „Christ the Eternal Tao“, das posthum von Vr. Damascene (Christensen) veröffentlicht wurde, sind Eugenes bzw. Vr. Seraphims Erkenntnisse zusammen mit der Übersetzung des Daodejing veröffentlicht worden.

Abbildung: Buchcover von „Christ the Eternal Tao“, Platina: Saint Herman of Alaska Press 1999

Mit dem Autor René Guénon teilte Seraphim Rose das tiefe Unbehagen an der modernen Lebensweise und Kultur, die er als zutiefst absurd und jedem echten, spirituellen Sinn abhold wahrnahm. René Guénon vertrat die These, dass echte Wahrheit und Weisheit nur in den alten religiösen Überlieferungen der Menschheit zu finden seien. Damit ging Eugene Rose weiter als die Suche nach einer Wohlfühlspiritualität, die viele seiner Zeitgenossen beschäftigte – etwas, das er später oft als „Disneyland-Mentalität“ bezeichnete. In dem berühmten Vergnügungspark Disneyland sah er ein Symbol der westlichen Konsum- und Spaßgesellschaft, der jede tiefere Ernst- und Sinnhaftigkeit des Lebens fehlt.

Aber auch die chinesische Philosophie konnte Eugenes Wahrheitssehnsucht nicht befriedigen, sondern erst die Begegnung mit Christus, dem ewigen Tao und der Wahrheit in Person. Wie er später mit der ihm eigentümlichen Radikalität schrieb:

„Christus ist der einzige Ausweg aus dieser Welt; alle anderen Auswege – sexuelle Verzückung, politische Utopie, ökonomische Unabhängigkeit – sind nichts als Sackgassen, in denen die Leichen der Vielen verwesen, die sie ausprobiert haben.“

Foto: Eugene / Seraphim Rose vor und nach seiner Bekehrung (The Uncreated Light Blog, Substack)

Die Worte haben einen existenziellen Hintergrund in Eugenes Leben: Spätestens seit seine Nichte Cathy Scott ihre Biographie „Seraphim Rose: The True Story and Private Letters“ veröffentlichte, ist bekannt, das Eugene mit homosexuellen Neigungen kämpfte. Es war sein damaliger Partner, der ihn mit der Orthodoxie bekannt machte, jedoch selbst den Glauben letztlich nicht annahm, was zur Trennung führte.

In San Francisco begegnete er dem heiligen Bischof Johannes (Maximovich), der für ihn zu einem Lehrer wurde. Unter seiner Ägide gründete er in der Wildnis von Platina in Kalifornien die Einsiedelei des hl. Hermann von Alaska. Auf einer alten, handbetriebenen Druckerpresse veröffentlichte er dort zusammen mit der Bruderschaft zahlreiche Druckschriften, die nicht nur in den USA, sondern bis ins kommunistische Russland Verbreitung fanden. Als Asket und Seelsorger, aber auch als Autor zahlreicher Bücher führte er unzählige Menschen zur Christus – auch nach seinem Tod.

Foto: Der heilige Erzbischof Johannes (Maximovich) von San Francisco in den 30er Jahren (Foto: The Catalogue of Good Deeds Blog)

Als gebürtiger Amerikaner, der das orthodoxe geistliche Leben radikal verinnerlichte, brachte er die Orthodoxie nach „Disneyland“. Eben das macht ihn zu einem Heiligen für die westliche Welt, deren geistliche Irrwege er in Büchern wie „Orthodoxie und die Religion der Zukunft“ und „Die Seele nach dem Tod“ auseinandergesetzt und in eine orthodoxe Weltanschauung eingeordnet hat. Denen, die, von der Spaßgesellschaft enttäuscht, ihren Lebenssinn in östlichen Weisheitslehren suchten, hat er gezeigt, dass die Begegnung mit der Wahrheit als Person in der orthodoxen Kirche zu suchen ist. Nicht weil sie östlich wäre, sondern weil sich in ihr die Fülle des geistlichen Lebens erhalten hat, die einmal auch im Westen beheimatet war.

Von Platina nach Optina

Als Vater Seraphim in der kalifornischen Wildnis von Platina seine erste Zelle in Form einer selbstgezimmerten Holzhütte errichtete, gab er ihr den Namen Optina. In der Tat war das Kloster Optina, ein bedeutendes Zentrum geistlichen Lebens im vorrevolutionären Russland, auch mit seiner liturgischen und seiner Gebetstradition ein Vorbild für das Leben der Mönche in Platina. Der bereits erwähnte Bischof Nektarij von Seattle und andere Angehörige der Auslandskirche waren geistliche Kinder der dortigen Altväter gewesen und trugen auf diese Weise die Tradition des alten Russland nach Amerika.

Foto: Vater Seraphim in seiner Zelle in Platina (Aus „Father Seraphim Rose: His Life and Works“)

Doch nachdem die Bolschewiken in Russland die Macht an sich gerissen und das kirchliche Leben nahezu ausradiert hatten, wurden die Auslandskirche und mit ihr auch die Mönche in Platina selbst zu Zeugen und zu Vorbildern für die geistliche Erneuerung, die mit dem Niedergang des Kommunismus einsetzte. So sagt auch Bischof, heute Patriarch Daniil von Bulgarien in seiner oben zitierten Homilie, die Mönche in Platina seien für ihn und viele neubekehrte Brüder in Bulgarien nach dem Kommunismus „Vorbilder“ gewesen. Bischof Daniil würdigte die publizistische Arbeit Vater Seraphims, der – selbst ganz durchdrungen vom Geist der rechtgläubigen Väter, ihre Lehren z.B. über den Evolutionismus vertiefte (in seinem Buch „Genesis, Creation, and Early Man“) und so auch „die Lügen der Geister dieser Welt zerstreute“.

Tatsächlich wurden russische Übersetzungen der Schriften Vr. Seraphims und der Mönche von Platina in Sowjetrussland unter der Hand als Samisdat, d.h. als hand- und maschinenschriftliche Kopien verbreitet. Zu diesen Schriften gehörten auch Ausgaben über das Leben der Altväter von Optina. Teile der Bibliothek dieses Klosters, die im Kommunismus aufgelöst wurde, gelangten durch die Emigration nach Europa und in die USA. Dort wurde die geistliche und liturgische Tradition des Klosters von den Ausgewanderten gewahrt, das damit verbundene Wissen gepflegt und neue Publikationen über die Altväter und die Geschichte Optinas geschaffen.

Foto: Das Kloster Optina im 19. Jh. (pravoslavije.ru)

Im Jahr 1991 kamen einige Mönche des Saint Herman-Klosters von Platina nach Optina – und erlebten eine Überraschung: Der neue Abt des Klosters, das erst im vorigen Jahr nach 68 Jahren wiederbelebt worden war, eröffnete ihnen, dass viele Besucher des neuen Optina durch die eben genannten Publikationen zum Glauben zurückgefunden hatten. Ein Werk über „Das Optina-Kloster und seine Zeit“, das in den 1960ern im Umfeld von Platina entstanden war, galt mittlerweile als historisches Standardwerk. Es waren die amerikanischen Mönche, die den Menschen in Russland die Wiederentdeckung und -aneignung ihrer eigenen geistlichen Tradition möglich gemacht hatten. Bei der Wiedererrichtung des Klosters griffen diese auf die Publikationen aus Platina zurück, um, wie es in Vr. Damascenes Biographie heißt, den richtigen „Ton“ für das klösterliche Leben anzugeben. Abt Benedikt gab der Bruderschaft eine der ersten jemals in Russland gemalten Ikonen des Altvaters Nektarij. Bei der Herstellung der Ikone, so der Abt, hätten die Mönche wiederholt an die Bruderschaft in Platina und insbesondere an Vater Seraphim gedacht. In der Zelle des heiligen Altvaters Ambrosius von Optina, der dort wiederholt Besucher wie den Schriftsteller Fjodor Dostojewskij und Nikolaj Gogol empfing, war auch ein Portrait Vater Seraphims augehängt worden.

Foto: Synaxis der heiligen Altväter (Starzen) von Optina (pravoslavie.ru)

Fazit

So steht der heilige Seraphim von Platina heute vor uns als Wegweiser zwischen zwei Welten: auf der einen Seite einem entchristlichten Westen, dem er selbst entstammte und der immer tiefer in „sexueller Verzückung“ und „politischen Utopismen“ (s. Zitat oben) zu versinken droht. Auf der anderen Seite einem orthodoxen Kulturkreis, der vielfach von politischen Einflussnahmen paralysiert ist und mehr denn je den Weckruf braucht, den der Heilige beständig auf seinen Lippen trug und der auf vielen seiner Ikonen zu lesen ist: „Es ist später, als ihr denkt. Beeilt euch also, das Werk Gottes zu tun!“ (It’s later than you think; hasten, therefore, to do the work of God!“).

In beiden Welten jedoch wächst zunehmend das Bewusstsein für die Heiligkeit des amerikanischen Priestermönchs Seraphim Rose und seine Botschaft, die sich mit dem hl. Tichon von Zadonsk als „Orthodoxie des Herzens“ zusammenfassen lässt:

„Wahres Christentum bedeutet nicht nur, die richtige Auffassung über das Christentum zu haben. […] Der wahre Glaube an Christus liegt im Herzen, und er ist fruchtbringend, demütig, geduldig, liebend, barmherzig, mitleidvoll, hungernd und dürstend nach Gerechtigkeit: Er zieht sich zurück von weltlichen Genüssen und hängt an Gott allein, strebt und sucht immer nach dem, was himmlisch und ewig ist, kämpft gegen jede Sünde, und sucht beständig Hilfe von Gott. Der Glaube eines Christen geht einher mit Liebe. Glaube ohne Liebe ist der Glaube des Teufels.“

Hl. Tichon von Zadonsk (aus der englischen Übersetzung Vr. Seraphims) 

 

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