Warum uns eine Filmgeschichte, die wir gut kennen, immer wieder berührt
Filme mit christlichem Unterton. Foto: UOJ
Im Kinosaal gibt es immer diesen Moment des Übergangs, in dem das Licht langsam erlischt und der Raum von Vorfreude erfüllt wird. Am Freitagabend, nach einer langen Woche, wollen wir am wenigsten Vorträge hören oder über Kompliziertes nachdenken. Wir suchen Entspannung – einfach, verständlich, eingefangen in den Bildern eines soliden Hollywoodfilms. Wir machen es uns bequem, bereit, für ein paar Stunden uns selbst und unsere Angelegenheiten zu vergessen.
Und plötzlich geschieht ganz am Ende etwas, worauf wir nicht vorbereitet waren. Ein Kloß bildet sich in der Kehle, und Tränen steigen uns in die Augen. Auf der Leinwand ist ein alter Mann zu sehen, der sein ganzes Leben lang in einer Rüstung aus Grummeln und übertriebener Gleichgültigkeit gegenüber seinen Mitmenschen verbracht hat. Den ganzen Film über hat er die Menschen eifrig von sich gestoßen, um seine kleine, vertraute Welt zu schützen. Doch im entscheidenden Moment stellt er sich der Gefahr entgegen. Allein. Unbewaffnet. Er wird aus nächster Nähe erschossen und fällt mit weit ausgestreckten Armen ins Gras, wobei er diejenigen mit seinem Körper schützt, die sich nicht selbst verteidigen können.
Das ist „Gran Torino“ von Clint Eastwood. In den Ankündigungen und Pressemitteilungen stand kein Wort über spirituelle Suche oder religiöse Motive des Autors. Doch Millionen von Zuschauern, die in der Dunkelheit der Kinosäle auf der ganzen Welt saßen, haben soeben Golgatha betrauert, ohne es selbst zu merken.
Wachsame Drachen und Umwege
C. S. Lewis schrieb über ein Phänomen, das er als „wachsame Drachen“ bezeichnete. Er meinte damit jene seltsame seelische Taubheit, die sich über Jahre hinweg in uns ansammelt. Seit unserer Kindheit hören wir die Worte „Kirche“, „Sünde“, „muss glauben“ – und unsere Seele, müde von Belehrungen und äußerem Druck, stellt augenblicklich eine Wache auf. Wir fürchten uns unbewusst vor einer weiteren Liste strenger Regeln.
Lewis fand einen erstaunlichen Umweg: Er beschloss, Gott unter einem anderen Namen, in einer anderen Gestalt und in einer ganz anderen Welt zu verbergen. Er brachte uns dazu, den Löwen Aslan zu lieben – seinen Schmerz mitzufühlen, seine Kraft zu bewundern und seinen Tod zu betrauern –, bevor wir uns bewusst wurden, an wen genau er uns erinnert.
Lewis glaubte: Wenn man das „Buntglasfenster der Religion“ vorsichtig von einem Ereignis entfernt, kann der Mensch es wirklich erleben, ohne inneren Widerstand gegen fremde Vorschriften.
Das Kino hat diese Idee – vielleicht ohne es selbst zu merken – aufgegriffen und ausgeweitet. Es hat gelernt, mit uns über das Wesentliche zu sprechen, ohne Namen laut auszusprechen.
Gefängniszelle oder Rettung der Welt
In Hollywood hat sich längst ein unausgesprochener Drehbuchrhythmus etabliert. Vielleicht hat niemand dieses Schema bewusst entworfen, doch die Initialen J.C. sind zu einer ständigen Erinnerung für unser Unterbewusstsein geworden.
Erinnern wir uns an John Coffey aus „The Green Mile“. Ein riesiger, hilfloser Mann mit dem Verstand eines Kindes und einem erschreckend gütigen Blick. Er besitzt die Gabe, den Schmerz anderer auf sich zu nehmen und ihn buchstäblich aus sich herauszuspucken. Er ist wegen eines Verbrechens zum Tode verurteilt, das er nicht begangen hat, und diejenigen, die ihn zum elektrischen Stuhl führen, können ihre Tränen nicht zurückhalten – sie spüren, dass sie etwas Unwiderrufliches tun. Stephen King hat diese zeitlose Geschichte in die raue Kulisse eines Gefängnisdramas versetzt, und es hat reibungslos funktioniert.
Wir weinen nicht über juristische Ungerechtigkeit, sondern über das Bild des sanftmütigen Opfers, das sich dem Bösen nicht widersetzt.
Oder John Connor in „Terminator“ – derjenige, der die Menschheit vor dem unvermeidlichen Untergang retten soll. Sogar Jim Caviezel, der in Mel Gibsons Film die Rolle des Jesus spielte, trägt im wirklichen Leben dieselben Initialen.
Das sind nicht mehr nur Zufälle, sondern eine Art gemeinsamer Rhythmus, der so tief in die moderne Kultur eingewoben ist, dass die Autoren ihn instinktiv reproduzieren. Denn letztendlich gibt es nur eine einzige Handlung, die das Publikum wirklich zum Schweigen bringen kann. Es ist nicht der Triumph des Starken über den Schwachen und auch nicht der Sieg der formalen Wahrheit. Es ist der freiwillige Tod eines Unschuldigen zur Rettung der Schuldigen.
„Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh. 15,13) – diese Formulierung aus dem Evangelium erweist sich als der einzig wahre Maßstab, an dem sich alle großen Geschichten messen lassen.
Als die Wachowski-Brüder die „Matrix“ schufen, hatten sie wohl kaum vor, einen zeitgenössischen Kommentar zur Heiligen Schrift zu verfassen. Doch die Bilder sprechen für sich. Der Hauptheld Neo – sein Name bedeutet „der Neue“, gleichsam ein neuer Adam. Er wohnt in der Wohnung Nr. 101, er durchlebt den Tod und wird wieder auferweckt. Und beim Abendessen verrät ihn ein Mann namens Seifer, dessen Name übersetzt „Null“ bedeutet, Leere, Abwesenheit des Seins. Die uralte Geschichte wiederholt sich in einer Welt aus grünen Zahlen und virtuellen Realitäten, und unser inneres Gehör erkennt sie augenblicklich.
Das Evangelium, das man nicht verbieten kann
Darin liegt ein erstaunlicher Paradoxon. Die meisten dieser Regisseure sind ausgesprochen weltliche Menschen, oft weit entfernt vom traditionellen Glauben. Die Wachowskis oder Stephen King haben es sich nicht zur Aufgabe gemacht, zu predigen. Es ist einfach so, dass die westliche Kultur so stark vom Thema Golgatha durchdrungen ist, dass jeder Autor intuitiv versteht: Der höchste Ausdruck der Liebe muss genau so aussehen – als Bereitschaft, der Gefahr mit leeren Händen entgegenzugehen. Andernfalls würde der Zuschauer die Echtheit der Gefühle einfach nicht glauben.
In der Theologie gibt es den tiefgründigen Begriff „Kenosis“ – das ist die freiwillige „Entäußerung“ Gottes, der Verzicht auf Allmacht, um verletzlich und dem Menschen nahe zu sein.
In einem guten Film ist dies immer der Moment, in dem der Held aufhört, ein unverwundbarer Superheld zu sein, und einfach ein Mensch wird, der bereit ist, für andere zu sterben.
Ohne diese „Zurück-auf-Null-Stellung“, ohne die Bereitschaft, alles zu verlieren, entsteht in der Handlung nicht jene Spannung, die zu einer echten Auferstehung führt – ganz gleich, ob im wörtlichen oder im übertragenen Sinne.
Wir sehen oft Menschen, die sich öffentlich über „religiöse Themen“ lustig machen und sie als Relikt der Vergangenheit betrachten. Doch dieselben Menschen schlucken ihre Tränen im Dunkeln des Kinos, wenn Iron Man in „The Avengers“ seine letzte Entscheidung trifft und begreift, dass dies das Ende seines irdischen Weges ist. Oder wenn Frodo, erschöpft und verwundet, mit letzter Kraft zum Schicksalsberg kriecht. Oder wenn der alte Kowalski auf den Rasen fällt und den Hass eines anderen auf sich nimmt.
Die Seele erkennt unfehlbar das, was der Verstand manchmal ablehnt.
Lewis hatte Recht: Wenn wir in gewohnter Umgebung von ewigen Wahrheiten hören, „wissen“ wir oft schon im Voraus, was wir fühlen sollen, und dieses Wissen tötet die lebendige Resonanz. Aber das Kino nimmt uns diese Last der Verantwortung für eine Weile ab. Es sagt: „Schau, das ist einfach die Geschichte eines Menschen, der andere gerettet hat.“ Es verlangt von uns keine dogmatische Genauigkeit oder eine sofortige Veränderung unseres Lebens. Es zeigt einfach das Licht der Wahrheit.
Und wir weinen. Denn tief in unserem Innersten kennen wir diese Geschichte auswendig. Wir erinnern uns auf zellulärer Ebene daran – selbst wenn wir noch nie im Leben ein Evangelium aufgeschlagen haben. Der Bildschirm wird schwarz, der Abspann läuft, wir treten hinaus auf die belebte Straße, doch diese Erkenntnis bleibt in uns und erinnert uns daran, dass wahre Liebe immer wie Schutzlosigkeit aussieht, die die Dunkelheit besiegt. Es ist eine Botschaft, die man nicht verbieten oder auslöschen kann, denn sie ist tief im Herzen verankert.
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