Die Logik der Liebe: Warum die Myrrhontragenden Frauen den Aposteln zuvorkamen
Die heiligen Myrrhontragenden Frauen am Grab Christi. Foto: UOJ
Es gibt in der Geschichte der Kirche Fragen, die sich jede neue Generation stellt. „Was muss ich tun, um das Himmelreich zu erlangen?“ – diese Frage stellten sich die Menschen nach dem Beispiel des jungen Mannes aus dem Evangelium, stellen sie sich heute und werden sie sich wohl bis zum Ende der Zeit stellen. Und es gibt Fragen, die von der einen oder anderen Epoche hervorgebracht werden, zu ihrer Zeit sehr aktuell waren, auf die der Mensch jedoch, sobald er eine Antwort erhalten hat, das Interesse verliert.
Nehmen wir zum Beispiel die Feierlichkeiten zum 8. März. Wie viele Federn wurden gebrochen, wie viele Streitigkeiten gab es! Heute ist das fast nicht mehr aktuell: Der Sonntag der Myrrhontragenden Frauen, der treuen Jüngerinnen Christi, hat alles an seinen Platz gerückt. Für uns ist es bereits alltäglich und selbstverständlich geworden: Die kirchliche Tradition ruft dazu auf, den zweiten Sonntag nach Ostern den Myrrhontragenden Frauen zu widmen. Und das ist gerechtfertigt, wenn auch meiner Meinung nach nur teilweise: Die Ereignisse der evangelischen Erzählung über die Auferstehung selbst sind bereits eine Hymne auf den Triumph weiblicher Gefühle über männliche Logik.
Entgegen dem gesunden Menschenverstand
Wenn wir in die Suchleiste im Internet „weibliche Logik“ eingeben, erhalten wir eine riesige Portion Hasskommentare. Von harmlosen Karikaturen und Videos bis hin zu anzüglichen Witzen. Überlassen wir das dem Gewissen der Autoren. Wir wollen nicht herausfinden, ob dies aus Rache von gekränkten Männern verfasst wird, deren Familienleben nicht ganz gelungen ist, oder von Frauen, die gewitzterweise bereit sind, über sich selbst zu lachen. Das ist unwichtig. Für uns ist wichtig, ob dies im Zusammenhang mit der Chronologie der Ereignisse im Evangelium von Bedeutung ist.
Stellen wir uns vor, wir wären, wenn schon nicht Teilnehmer, so doch zumindest unbeteiligte Beobachter dieser Ereignisse.
Nacht. Genauer gesagt, der frühe Morgen des ersten Tages der Woche. Der Horizont östlich von Jerusalem färbt sich gerade erst grau, die letzten Sterne erlöschen. In dieser grauen Dämmerung gehen mehrere weibliche Gestalten, kaum zu erkennen, lautlos schreitend. Sie bewegen sich auf die Stadttore zu, die die Stadtwache bei Tagesanbruch gleich öffnen wird: Bald werden die ersten Reisenden und Karawanen in die Stadt strömen, denn ein Fest ist ein Fest, und der Handel wurde von niemandem abgesagt. Die Stadt lebt ihr eigenes Leben, und an dieser Lebensweise hat sich bis heute wenig geändert.
Hier spielt sich der aus dem Evangelium bekannte Dialog ab. Die Frauen überlegen untereinander: „Wer wird uns den Stein vom Grab wegrollen?“ Über diesen Stein bemerkt der Evangelist Markus: „Denn er war sehr groß.“ Aber es geht ja nicht nur um den Stein. Der moderne Mensch verwendet oft den idiomatischen Aufruf „den Kopf einschalten“, wenn er seinen Gesprächspartner zu logischem Denken auffordert. Nun, hätten die Myronträgerinnen damals „den Kopf eingeschaltet“, wären sie aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht erst losgegangen.
Urteilen Sie selbst. Der Apostel und Evangelist Johannes der Theologe lenkt bei der Beschreibung der Bestattung Christi, die zwar in Eile vollzogen wurde, unsere Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Detail: Nikodemus, der heimliche Jünger, brachte Weihrauch mit, eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, mit der man damals den Leichnam des Verstorbenen salbte. Und, in ein Leichentuch gewickelt, legten sie ihn in das neue Grab. Das war alles. Der Ritus wurde, wenn auch in Eile, eingehalten. Hat es Sinn, ihn noch einmal zu wiederholen?
Der Sanhedrin, die Wache und die Liebe
Weiter. Von den Problemen, mit denen die Frauen konfrontiert waren, war der Stein das geringste. Da waren noch die Wachen, die genau für solche Eiferer klare Anweisungen erhalten hatten. Und da war noch das Siegel auf diesem Stein. Es ohne die Genehmigung des Hohepriesters oder der Mitglieder des Sanhedrins zu berühren – das war in etwa so, als würde man das Siegel von der Tür eines Raumes abreißen, der unter der Kontrolle der Ermittlungsbehörden stand. Dann würde man sich vor Ärger und Ermittlungsverfahren nicht retten können.
Und doch gehen sie. Sie sprechen leise miteinander. Sie haben Angst. Aber sie gehen trotzdem. Ja, der Leichnam liegt bereits im Grab. Nichts lässt sich ändern. Ja, alles ist bereits geschehen. Aber es ist OHNE SIE geschehen! Und niemand hat ihnen erlaubt, ihren geliebten Meister zu beweinen!
Und hier funktioniert keine Logik. Außer der Logik der Liebe.
Und Christus offenbart sich ihnen. Denjenigen, die immer „im Hintergrund“ standen. Die kochten, staubige Kleidung wuschen, den Tisch deckten und das Geschirr spülten – die still und aufrichtig liebten. Und was tat die männliche Logik in dieser Zeit? Sie schlief wohl. Einen unruhigen Schlaf aus „Furcht vor den Juden“. Die Männer hatten alles durchdacht und verstanden: Auch sie würden nicht in Ruhe gelassen werden. Man musste entscheiden, wie es weitergehen sollte.
Apostel der Aposteln
Und dann klopfte es an der Tür. Nicht vorsichtig und leise, sondern so, als wolle man die Tür aus den Angeln reißen, ein Klopfen, bei dem es einem innerlich eiskalt wurde. Aber es war weder die römische Wache noch die Tempelwache.
Es war eine Frau. Maria. Diejenige, deren Liebe und Treue in Gottes Augen wichtiger war als die Logik. Diejenige, die den Jüngern die Frohe Botschaft brachte und für einen Augenblick zum Apostel der Aposteln selbst wurde.
Und wie sieht es heute aus? Nichts ändert sich. Nach den Worten des Ehrwürdigen Makarios des Großen: „...und auch heute ist Hiob derselbe, Gott derselbe und der Teufel derselbe.“ Die Zeiten des „Hosanna“ weichen den Rufen „Kreuzige ihn!“. Die heutige Zeit bildet da keine Ausnahme. So wie vor einem Jahrhundert, als die ehemaligen Schüler der kirchlichen Pfarrschulen die Kreuze von den Kirchen abrissen und Ikonen auf Scheiterhaufen verbrannten, sind heute jene, die in den von ihren Vätern wiederaufgebauten Kirchen getauft wurden, bereit, die Gläubigen in „Richtige“ und „Falsche“ zu unterteilen.
Doch auch heute, in diesen schweren Zeiten, gehen sie weiterhin in die Kirchen. Oft unter den verächtlichen Blicken ihrer Nachbarn. Manchmal unter Beschuss und dem Heulen der Sirenen. Aber sie gehen. Sie haben Angst, aber sie gehen. Sie sind die heutigen Jüngerinnen Christi, deren Leben nicht in die Nachrichten kommt. Diejenigen, die heute, wie schon vor vielen Jahren, entgegen aller Logik und dem „gesunden Menschenverstand“ Gott treu bleiben.
Warum? Ganz einfach: „Die Liebe … erträgt alles, sie hört niemals auf“ (1 Kor 13,7–8). Herzlichen Glückwunsch zum Fest, unsere lieben Schwestern! Möge der auferstandene Christus, der Lebensspender, euch Kraft und geistige Stärke schenken!
Lesen Sie auch
Die Logik der Liebe: Warum die Myrrhontragenden Frauen den Aposteln zuvorkamen
Die Myrrhontragenden Frauen machten sich trotz ihrer Angst und trotz der Wachen auf den Weg zum Grab. Warum war ihre Liebe stärker als männliche Berechnung, und wie wiederholen moderne Christinnen diese Heldentat?
„Man muss Gott für Prüfungen und Verfolgungen danken“
Ein Interview mit Metropolit Feodosij (Snigirew) von Tscherkassy und Kanew darüber, wie man unter den heutigen Umständen die Treue zu Christus bewahren kann.
Jahre des Krieges. Wie sollte sich ein orthodoxer Christ in Kriegszeiten verhalten?
Krieg ist das Schlimmste, was einer Nation widerfahren kann. Heute, in einer Welt, die von allgemeiner Instabilität geprägt ist und in der in einigen Regionen Kriege toben, stehen orthodoxe Christen weltweit vor großen Prüfungen.
„Man kann nicht die Wahrheit erkennen und weiterleben wie früher“ — Priester Alexej Veselov
Exklusivinterview der UOJ mit Priester und Missionar Alexej Veselov über die Zukunft der Orthodoxie in Deutschland.
„Mehr Ehrfurcht vor Gott“: Warum junge Deutsche die Orthodoxie wählen
Interview der UOJ mit dem orthodoxen Influencer und Sportcoach Niklas.
Zwischen Ikonen, Kinderlachen und dem Duft von Heimat
UOJ-Reportage aus Köln-Blumenberg: Orthodoxes Osterfest in Köln-Blumenberg.