Orthodoxe Christen für das Leben
Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.
Dieser Gedanke aus Friedrich Nietzsches Buch "Die Geburt der Tragödie" (1974) ist heute omnipräsent – wenn auch meist unausgesprochen. Er zeigt sich in Formulierungen wie: „Ich kann nicht guten Gewissens Kinder in diese schlimme Welt setzen.“ Oder, noch direkter, in Aussagen wie der eines anonymen Nutzers in den sozialen Medien: „Mein Beitrag zu einer besseren Welt ist, keine Kinder zu haben. Das ist dann auch schon alles.“
Was Menschen heute am Leben festhalten lässt, ist meist nicht das Leben selbst, sondern das, was es angenehm macht: Genuss, Erfolg, Macht – die dreifache Begierde dieser Welt (s. 1Joh 2,16). Verliert eine solche Person die Möglichkeit zur Vergnügung, die Perspektive des Angesehen-Seins bei den Menschen, die Kontrolle über das eigene Leben, so verliert sie alles, was ihr Leben sinnvoll erscheinen lässt. Die zunehmende Legalisierung der aktiven Sterbehilfe macht den Weg in den Tod dabei zur realen Option.
Die westlich geprägte Zivilisation ist, wie es der sowjetische Dissident und orthodoxe Christ Igor Schafarewitsch einmal formulierte, fest im Griff des „Todestriebes“ – einer Sehnsucht nach dem Nichts, die als psychologische Grundkraft unsere Kultur durchdringt. Nichts macht diese Tatsache deutlicher als der Geburtenschwund, der seit Jahrzehnten zu beobachten ist.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche († 1900) prägte den berühmten Ausspruch: "Gott ist tot", mit dem er den Bedeutungsverlust Gottes für den modernen Menschen feststellte (Bild: Wikimedia Commons)
Folgen und Ursachen der Geburtenkrise
„Sterben die Deutschen aus?" – so titelte der Spiegel bereits 1975. Die amtliche Statistik verzeichnet seit 1972 einen ungebrochenen Trend: Seitdem sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen, als geboren werden. Im Jahr 2023 kamen auf rund eine Million Todesfälle lediglich 690.000 Lebendgeburten – das sind 44 Prozent mehr Beerdigungen als Entbindungen. Die absolute Einwohnerzahl wächst zwar nach wie vor, doch ausschließlich durch kontinuierliche Zuwanderung.
Deutschland steht mit diesem Problem nicht allein. Weltweit liegt die Geburtenrate in einem historischen Sinkflug. Als Mindestwert für den Erhalt der Bevölkerungszahl gilt eine Fertilitätsrate von 2,1 Kindern je Frau. Diesen Wert erreicht auf der Welt kein Kontinent mehr außer Afrika (3,95) – und auch dort sinkt die Rate seit Jahrzehnten. Selbst klassische Entwicklungsländer wie Indien liegen mittlerweile unter der Erhaltungsgrenze. Die schon im 18. Jh. von Thomas Malthus prophezeite „Überbevölkerung“ hat sich damit einmal mehr als Mythos erwiesen. Was uns tatsächlich droht, ist das Gegenteil: ein demographischer Kollaps durch Überalterung als Folge der Geburtenkrise.
Die Vergreisung der Gesellschaft
Die klassische Bevölkerungspyramide steht seit Langem auf dem Kopf. Eine immer schwächere Basis junger, erwerbsfähiger Menschen muss eine wachsende Zahl älterer Generationen tragen. Laut Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird bis 2035 mindestens jede fünfte Person in Deutschland das Rentenalter von 67 Jahren überschritten haben – je nach Entwicklung sogar jede vierte.
Die Folgen sind bereits spürbar: Pflegenotstand, Fachkräftemangel, Rentenkrise, Altersarmut und Einsamkeit. Ein Blick auf Japan – mit einer Fertilitätsrate von 1,23 Kindern je Frau – zeigt, wohin dieser Weg führt: Dort ist der Begriff Kodokushi, das „einsame Sterben", längst zum geflügelten Wort geworden. In besonders stark gealterten Regionen liegt die Selbstmordrate deutlich über dem nationalen Durchschnitt.
Gleichzeitig werden die verbleibenden jungen Menschen in Deutschland – insbesondere kinderreiche Familien, die dem Trend entgegenwirken – durch steigende Abgaben und sinkende Sozialleistungen immer stärker belastet.
Das Erkalten der Liebe
Über die Ursachen des Geburtenschwundes wird viel spekuliert. Materielle Not scheidet als Hauptgrund aus: Wohlstand und soziale Absicherung haben die Familiengründung in Deutschland erleichtert wie nie zuvor. Der Kern des Problems liegt woanders.
Soziologisch betrachtet entstehen die meisten Kinder aus jungen, stabilen und dauerhaften Beziehungen. Das durchschnittliche Heiratsalter lag 2024 bei 35,1 Jahren (Männer) bzw. 32,6 Jahren (Frauen) – so hoch wie nie. Die Zahl der Eheschließungen (349.200) erreichte den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Rund zwei Drittel der Deutschen sind mit 30 Jahren noch ledig – obwohl die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft nach diesem Alter stark sinkt. Zudem würden ohne Abtreibungen schätzungsweise 10–15 Prozent mehr Kinder zur Welt kommen.
Der Demograph Stephen J. Shaw hat in seinem Dokumentarfilm Birth Gap – A Childless World das Phänomen weltweit untersucht. Sein zentrales Ergebnis: Es ist nicht die bewusste Ablehnung von Kindern, sondern deren kontinuierliches Aufschieben – zugunsten von Karriere, Bildung oder schlicht dem Wunsch, das Leben zu genießen. Das Problem: Mit zu langem Aufschub schwindet die Chance auf Nachwuchs.
Was letztlich fehlt, ist die selbstlose, hingebungsvolle Liebe – in der gegenseitigen Hingabe von Mann und Frau, in der Bereitschaft, Verantwortung für neues Leben zu übernehmen, in der Pflege von Familie und Gemeinschaft. Das Wort des Herrn drängt sich unwillkürlich auf:
Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe der Vielen erkalten.
Matthäus 24,12
Der Trailer zur Dokumentation 'Birth Gap: A Childless World' (Dt.: Geburtenlücke - eine kinderlose Welt)
Die Geburt einer Willkommenskultur des Lebens
Was kann eine Gesellschaft noch retten, deren Liebe erkaltet ist? Gottes Gebot „Seid fruchtbar und mehrt euch" (Gen 1,28) gilt nicht nur für den Alten Bund. Das Evangelium berichtet: Jesus „nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte" (Mk 9,36). Eine christliche Gesellschaft ist eine, die Kinder in ihre Mitte stellt – denn „wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf" (Mk 9,37).
Nirgends in der Heiligen Schrift wird eine solche Willkommenskultur des Lebens eindrucksvoller beschrieben als beim Propheten Sacharja:
1 Und es geschah das Wort des HERRN der Heerscharen: 2 So spricht der HERR der Heerscharen: Ich eifere für Zion mit großem Eifer, und mit großem Zorn eifere ich dafür. 3 So spricht der HERR: Ich kehre nach Zion zurück und wohne mitten in Jerusalem. Und Jerusalem wird »Stadt der Treue« genannt werden und der Berg des HERRN der Heerscharen »heiliger Berg«. 4 So spricht der HERR der Heerscharen: Es werden noch Greise und Greisinnen auf den Plätzen von Jerusalem sitzen, jeder seinen Stab in seiner Hand wegen der Fülle der Tage. 5 Und die Plätze der Stadt werden voll von Jungen und Mädchen sein, die auf ihren Plätzen spielen. 6 So spricht der HERR der Heerscharen: Wenn ⟨das zu⟩ wunderbar ist in den Augen des Restes dieses Volkes in jenen Tagen, sollte es auch in meinen Augen ⟨zu⟩ wunderbar sein?, spricht der HERR der Heerscharen.Sacharja 8,1-5
Diese prophetische Botschaft steht im Zusammenhang mit dem verheißenen Reich des Messias – einem Gemeinwesen, das Christus in seiner Mitte hat als „Stadt der Treue". Darin hat auch das Alter seinen geachteten Platz. Und doch prägen spielende Kinder das Bild des öffentlichen Lebens. In unseren Städten bietet sich heute meist das Gegenteil: Die älteren Generationen sind in der Mehrheit, Kinder sind selten zu sehen.
Der Traum eines solchen lebensbejahenden Gemeinwesens erscheint in unserer Zeit des neuen Heidentums wie ein Wunder. Und doch, so der Prophet: Nichts ist „zu wunderbar" in Gottes Augen (Sach 8,6). Nur muss uns bewusst bleiben: Eine Kultur des Lebens kann man nicht errichten ohne den lebendigen Gott.
Unsere Verantwortung
Als Christen kommt uns die Aufgabe zu, den lebendigen Sauerteig des Glaubens in eine vom Todestrieb beherrschte Zivilisation hineinzutragen. Das geschieht nicht primär durch Aktivismus, sondern indem wir Gott und das Evangelium zum Mittelpunkt unserer Häuser, Kirchen und Familien machen. Die Heiligkeit des Lebens zu schützen muss ein zentraler Gegenstand kirchlicher Verkündigung sein – in der Stärkung von Familien ebenso wie in der Sorge für Alte, Einsame und sozial Schwache.
In den letzten Jahren haben orthodoxe Gläubige wiederholt bei den großen Märschen für das Leben in Berlin, München und Köln Präsenz gezeigt – als organisierte Gruppen, mit Gebet und Gesängen. Beim Münchner Marsch am 18. April 2026 war Bischof Hiob (Bandmann) von Stuttgart selbst anwesend. Er betonte, dass orthodoxe Christen durch ihre Teilnahme „ihre Bürgerpflicht erfüllen". Eine der Organisatorinnen ließ ihm anschließend ein herzliches Vergelt's Gott ausrichten: „Es war sehr beeindruckend und hat uns sehr gefreut.“
Bischof Hiob hat sich wiederholt, auch bei der UOJ, zur Wichtigkeit des Lebensschutzes geäußert. In einem Kommentar formulierte er zudem die pointierte Frage:
„Ist der Lebensschutz womöglich das Schlüsselthema, das nicht nur über die moralische Zukunft unserer Gesellschaft entscheidet, sondern auch über unsere Berufung und Verantwortung als orthodoxe Christen in ihr?“
Orthodoxe Christen für das Leben
Noch ist das kirchliche Bewusstsein für den Lebensschutz in Deutschland gerade erst erwacht. Aus dem Kreis der Organisatoren und Teilnehmer der orthodoxen Präsenz bei den Märschen für das Leben hat sich aber bereits ein fester Kern gebildet mit einem gemeinsamen Wunsch: das Anliegen des Lebensschutzes auch in andere Bereiche des kirchlichen Lebens hineinzutragen. Das ist die Vision des Zusammenschlusses ‚Orthodoxe Christen für das Leben‘. Hier geht es vor allen anderen Dingen um die Schaffung eines innerorthodoxen Bewusstseins für die Förderung und den Schutz des Lebens, das aber auch mit dem Bewusstsein der eigenen Verantwortung in der Gesellschaft einhergeht. Ganz im Sinne des Propheten Jeremia:
Sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch geführt habe, und betet für sie zum HERRN! Denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben.
Jeremia 29,7
Das liturgische und private Gebet für Ehen und Familien, für die Ungeborenen, Kranken und Alternden muss einhergehen mit der tätigen Nächstenliebe und der Anstrengung für den öffentlichen Frieden. Denn was sind Abtreibung, Euthanasie, Leihmutterschaft und sexuelle Ausschweifung anderes als ein Krieg gegen den Urheber des Lebens, der tagtäglich in Person der Schwächsten unserer Mitmenschen getötet wird? Als ein Krieg, der den Mutterleib zu einem Schlachtfeld und zu einer Räuberhöhle macht?
In diesem Sinne hat der Zusammenschluss Orthodoxer Christen für das Leben für sich die folgenden Ziele formuliert: 1. Organisation und Unterstützung kirchlicher Lebensschutzinitiativen, z.B. durch Moleben oder Spenden für Schwangere in Not 2. Verbreitung christlich-orthodoxer Positionen zu Ehe, Familie und Lebensschutz, z.B. in Form von Vorträgen, Online- und Druckschriften.
Mit bischöflichem Segen strebt der Zusammenschluss – nach Gottes Willen – an, sich als Verein zu konstituieren. Dafür sind wir auf die aktive Mitwirkung weiterer Brüder und insbesondere Schwestern dringend angewiesen. Gleichzeitig sind wir der Überzeugung, dass, „wenn nicht der Herr das Haus baut, arbeiten die Bauleute umsonst“ (Ps 127,1) – oder um es mit den Worten von Bischof Hiob auszudrücken, „dass das Licht Christi vor uns hergeht“.
Alle Brüder und Schwestern, die sich unserem Anliegen anschließen wollen, sind herzlich eingeladen, Kontakt aufzunehmen: entweder per Telegram (https://t.me/+W3hsijlQ9sUyMmRi) oder per E-Mail (orthleben@mailbox.org).
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