„Ohne den Glauben würde Georgien heute nicht existieren“

Der Tod des georgischen Patriarchen Ilia II. hat die georgische Gesellschaft tief erschüttert — sowohl im Heimatland als auch weltweit. Georgier rund um den Globus, darunter viele in Deutschland, sind von diesem Verlust stark betroffen. Viele von ihnen sind seit langem Teil der deutschen Gesellschaft, engagieren sich im öffentlichen Leben und bewahren dennoch ihre Traditionen, ihren Glauben und ihre kulturelle Identität.

Ihre Sicht auf Leben, Glauben, Traditionen und Gesellschaft ist ein wichtiger Teil des Gesamtbildes, das gehört und verstanden werden sollte.

Zuvor hatten wir bereits ein Interview mit einem Priester der georgischen Kirche in Deutschland veröffentlicht. Dieses Mal geben wir Anzor, einem seit vielen Jahren in Deutschland lebenden Georgier, das Wort, um die Perspektive eines gläubigen Menschen zu zeigen, der eng mit der Kultur und den Traditionen seiner Heimat verbunden ist.

Das Interview wird in den Antworten unverändert wiedergegeben.

Abschied von Patriarch Ilia II. Georgiens. Foto: UOJ

Persönlicher Verlust

Der Tod des Patriarchen war für viele Georgier ein persönlicher Schicksalsschlag. Unser Gesprächspartner berichtet von seinen ersten Gefühlen und davon, welche Rolle der Glaube in seinem Leben spielt.

— Wie haben Sie reagiert, als Sie vom Tod Patriarch Ilia II. erfuhren?
Das hat mich sehr getroffen. Er hat einen tiefen Eindruck in der ganzen Nation hinterlassen.

— Welche Bedeutung hat der orthodoxe Glaube in Ihrem Leben?
Der orthodoxe Glaube hat für mich eine sehr große Bedeutung. Er gibt mir Halt und Kraft im Leben.

Glaube in einer multikulturellen Gesellschaft
Das Leben zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Traditionen wirft Fragen nach Glauben und Identität auf.

— Wie stehen Sie zu dem Glauben anderer Menschen, wenn Sie in einem anderen Land leben?
Ich lasse jeden in seinem Glauben leben, ich respektiere den Glauben anderer. Jeder soll so glauben, wie er es für richtig hält, und genauso erwarte ich, dass die Menschen meinen Glauben respektieren und akzeptieren. Und das sage ich klar und direkt.

— Warum, glauben Sie, sind Georgier so im Glauben vereint?
Georgien hat nur dank seines Glaubens überlebt. Über Jahrhunderte haben wir überlebt, weil wir fest geglaubt haben. Ohne den Glauben würde Georgien heute nicht mehr existieren.

Abschied von Patriarch Ilia II. Georgiens. Foto: UOJ

Blick in die Zukunft
Anzor äußert Besorgnis über die Zukunft Georgiens und das geistliche Leben im Land. Er betont, wie wichtig es ist, dass der Glaube ein spirituelles Rückgrat der Menschen bleibt und sich nicht in Kommerz verwandelt.

— Wie schätzen Sie die Zukunft des Glaubens in Georgien nach dem Weggang des Patriarchen ein?
Ich denke, es wird nicht mehr so sein wie früher. Leider hat sich selbst in Georgien der Glaube in gewissem Maße in ein Geschäft verwandelt. Der Tod von Ilia II. ist ein sehr großer Schlag für das Land.

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Das moderne Christentum in Deutschland
Anzor hält neue Tendenzen im deutschen Christentum für inakzeptabel.

— Wie beurteilen Sie das moderne Christentum in Deutschland?
Ich finde, dass der christliche Glaube in Deutschland nicht so praktiziert wird, wie er sollte. Hier werden gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt, in Kirchen finden Partys statt — so etwas gäbe es in Georgien nie. Ich gehe nur widerwillig in Kirchen in Deutschland, weil das, was dort gepredigt wird, meistens falsch ist.

Was man voneinander lernen kann

Georgien bewahrt starke Traditionen des Glaubens und der Einheit. Unser Gesprächspartner erklärt, was die moderne deutsche Gesellschaft von seiner Heimat lernen kann.

— Was könnte Deutschland von Georgien lernen?
Deutschland könnte in Glaubensfragen viel lernen: mehr Einheit, Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe. Hier dreht sich vieles mehr um Geld als um Glauben. In Bezug auf Kultur und Gemeinschaft ist Georgien stärker als Deutschland.


Gesprächspartner im Interview: Anzor

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