„Vergesst Gott nicht!“ — der heilige Alexander Schmorell
Alexander Schmorell ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus und wird heute als heiliger Märtyrer der Orthodoxen Kirche verehrt. Seine Lebensgeschichte verbindet christliche Glaubensstärke, moralische Klarheit und zivilen Mut in einer der schwierigsten Epochen der europäischen Geschichte.
Herkunft und Orthodoxe Prägung
Alexander G. Schmorell wurde am 16. September 1917 in Orenburg (Russland) geboren. Sein Vater, Hugo Schmorell, war deutscher Herkunft und als Arzt tätig, seine Mutter Natalja P. Wvedenskaja stammte aus einer russisch‑orthodoxen Priesterfamilie. Alexander wurde in der Russisch‑Orthodoxen Kirche getauft und wuchs in einem Umfeld auf, das von Glauben, Gebet und christlicher Moral geprägt war.
Bereits früh lernte er aktiv den Kirchenbesuch und das orthodoxe Gebetsleben kennen. Die Familie zog 1921 nach München (Deutschland), wo Alexander seine Kindheit und Jugend verbrachte und den orthodoxen Glauben in einer westlichen Kultur bewahrte.
Studienzeit und erste Begegnung mit dem Widerstand
In München studierte Alexander Medizin an der Ludwig‑Maximilians‑Universität. Dort lernte er den Kommilitonen Hans Scholl kennen, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft und gemeinsame moralische Überzeugungen verbanden. Gemeinsam mit weiteren Studierenden — darunter später auch Sophie Scholl, Willi Graf, Christoph Probst und Professor Kurt Huber — bildete er den Kern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.
Die Weiße Rose verstand sich nicht als klassisch politische Organisation, sondern als geistige und moralische Bewegung, die zum Nachdenken über Wahrheit, Gewissen, Verantwortung und Menschlichkeit aufrief — ganz im Sinne einer Gewissensethik, die aus christlich‑menschlichen Quellen gespeist war.
Die Weiße Rose: Flugblätter als moralisches Gewissen
Zwischen Juli und Februar 1943 verfasste die Weiße Rose mehrere Flugblätter, in denen sie die Verbrechen des NS‑Regimes anprangerte und die Deutschen aufforderte, sich nicht der Propaganda und der Gleichgültigkeit hinzugeben. Die Flugblätter wurden in ganz Süddeutschland verteilt und per Post versandt.
Aussagen aus den Blättern zeigen, dass es den Autoren nicht um politische Aktivität im engeren Sinne ging, sondern um Anstöße zum moralischen Nachdenken:
„Wir wollen, dass ihr in eurer Verantwortung als Menschen, als Deutsche, als Europäer denkt und handelt.“
(Flugblatt der Weißen Rose)
Alexander Schmorell war an der Erarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung dieser Flugblätter maßgeblich beteiligt. Er arbeitete an den Texten, half bei der Herstellung von Kopien und beteiligte sich an der strategischen Verteilung im öffentlichen Raum und per Post.
Dienst an der Ostfront und ethische Einsichten
Im Sommer 1942 wurde Alexander Schmorell zum Wehrdienst eingezogen und diente als Sanitätssoldat an der Ostfront. In dieser Zeit hatte er direkten Kontakt zu Kriegsrealität, verwundeten Soldaten und Zivilbevölkerung. Der Krieg wurde für ihn nicht nur zu einem politischen Ereignis, sondern zu einer ethische Herausforderung.
Schmorell verfügte über die Kenntnis der russischen Sprache und nutzte diese Fähigkeit, um mit Einheimischen zu sprechen und sich ein Bild von der Lage zu machen. In Gesprächen und später in Briefen zeigte sich, dass er sich gegen Gewaltanwendung richtete, die dem Gewissen widersprach:
„Wenn der Befehl käme, auf Menschen zu schießen, hätte ich meinen Vorgesetzten darauf hingewiesen, dass ich einen solchen Befehl nicht ausführen kann.“
(Aussage aus Protokollen / zeitgenössischen Berichten)
Diese Haltung zeigte, dass Schmorell nicht nur politische Kritik übte, sondern seine moralische Verantwortung als Christ ernst nahm.
Haft, Glaubenszeugnis und Briefe
Nach der Festnahme der Hauptakteure der Weißen Rose (u. a. Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943) wurde auch Alexander Schmorell festgenommen. Die Gestapo verhörte ihn mehrfach. In den gefängnisinternen Briefen kommt seine tiefe innere Auseinandersetzung mit Glaube und Menschlichkeit zum Ausdruck.
In einem seiner bekanntesten Schreiben aus der Haft äußerte er seinen geistlichen Blick:
„Vergesst Gott nicht!“
Diese Worte gelten in der orthodoxen Überlieferung nicht als bloßer Ausruf, sondern als persönlicher geistlicher Appell, der die zentrale Orientierung seines Denkens und Handelns zeigt.
In einem anderen erhaltenen Brief reflektiert Schmorell über Glaube und Leid:
„Dieses schwierige ‚Missgeschick‘ war notwendig, um mich auf den richtigen Weg zu bringen… Was wusste ich bisher über Glauben, über einen wahren und tiefen Glauben, über die Wahrheit, die letzte und einzige Wahrheit über Gott?“
Solche Texte zeigen, dass sein Glaube nicht abstrakt war, sondern in konkreter geistlicher Bewährung Wurzeln schlug.
Urteil und Hinrichtung
Am 19. April 1943 wurde Alexander Schmorell vom sogenannten Volksgerichtshof nach einem nur wenige Stunde langen Prozess das Todesurteil verhängt. Seine Hinrichtung erfolgte am 13. Juli 1943 im Gefängnis Stadelheim in München — gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Weißen Rose.
Schmorell war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Seine letzte Phase vor der Hinrichtung war geprägt von innerer Ruhe, geistlicher Sammlung und dem klaren Blick auf Christus als Sinnquelle seines Lebens.
Kanonisierung und kirchliche Bedeutung
Am 5. Februar 2012 wurde Alexander Schmorell in der Kathedrale der Heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands in München von der Russisch‑Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) offiziell als heiliger Neumärtyrer kanonisiert. Der Gedenktag des Heiligen ist der 13. Juli, der Tag seiner Hinrichtung.
Die Kanonisierung wurde von orthodoxen Geistlichen als Anerkennung seines spirituellen Zeugnisses und seiner inneren Standhaftigkeit verstanden — nicht nur als politischer Widerstand, sondern als christliches Zeugnis der Treue zu Gott selbst in größter Bedrängnis.
Schlusswort
Alexander Schmorell war ein Mensch, der Glauben, Gewissen und Verantwortung nicht getrennt denken konnte. Er war kein Theoretiker, sondern jemand, der diese Werte im Alltag und unter Druck gelebt hat. Seine Geschichte bleibt bis heute relevant — für Christen, für Gewissensmenschen und für alle, die verstehen wollen, wie Glaube in den dunkelsten Zeiten Licht sein kann.
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