Der Katechon - Wer ist der mysteriöse Aufhalter des Antichristen?

König Arthur zusammen mit einer gängigen Darstellung des Antichristen. Foto: UOJ

König Arthur zusammen mit einer gängigen Darstellung des Antichristen. Foto: UOJ

Jedes Ereignis aus dem Evangelium und jedes Wort aus der Heiligen Schrift ist in seiner vollen Bedeutung unerschöpflich. Selten wird dies so klar wie in dem Fall des Zweiten Briefs des Paulus an die Thessaloniker.

Im zweiten Kapitel schreibt Paulus erstmals offen von dem „Menschen der Sünde“ – in anderen Übersetzungen „Mensch der Gesetzlosigkeit“ – und seiner kommenden Offenbarung in der Welt. Die Überlieferung versteht darunter den Antichristen:

„Niemand soll euch auf irgendeine Weise verführen! Denn [dieser Tag kommt] nicht, wenn nicht zuerst der Abfall gekommen und der Mensch der Sünde offenbart worden ist, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über alles erhebt, was Gott genannt wird oder Verehrung erfährt, sodass er sich in den Tempel Gottes als Gott setzt und sich selbst als Gott hinstellt.“

 – 2 Thess 2,3–4 (nach dem griechischen Kirchentext)

Gleich darauf benennt Paulus eine Gestalt, die er als Aufhalter des Gesetzlosen bezeichnet:

„Und jetzt wisst ihr, was ihn zurückhält (to katechon), damit er zu seiner Zeit offenbart werde. Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Werk; nur [wird es so bleiben], bis der, der jetzt zurückhält (ho katechon), aus dem Weg ist.“

 – 2 Thess 2,6–7

Entscheidend ist die Grammatik: Paulus spricht zuerst im Neutrum (to katechon, „das Aufhaltende“, V. 6), dann im Maskulinum (ho katechōn, „der Aufhaltende“, V. 7), also von einer Sache und zugleich von einer Person. Beide Formen gehen auf das Verb κατέχω (katechō) zurück, das „festhalten, zurückhalten, aufhalten“ bedeutet. Paulus setzt voraus, dass die Gemeinde weiß, wer oder was gemeint ist, und erklärt es nicht. Dass er dieser Gestalt so große Bedeutung beimisst und sie in seinen Briefen dennoch nirgendwo sonst erwähnt – auch vom „Menschen der Gesetzlosigkeit“ spricht er nur hier –, ist erstaunlich.

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Frühe Auslegungen

Die frühesten Ausleger sahen im Katechon vor allem das Römische Reich. Tertullian erklärt im Apologeticum (32), die Dauer dieses Reiches halte die Schrecken auf, die dem Erdkreis drohen. Der hl. Johannes Chrysostomos nennt in seiner vierten Homilie zum Zweiten Thessalonikerbrief zwei Meinungen – manche verstünden darunter die Gnade des Heiligen Geistes, andere die römische Herrschaft – und neigt selbst der zweiten zu. Auch Theodoret von Kyrrhos kennt beide Deutungen. Augustinus dagegen bekennt im Gottesstaat (XX,19) offen, nicht zu wissen, was Paulus meint.

Auf den ersten Blick könnte man versucht sein, den Katechon für einen politischen Funktionsträger oder einen geistigen Führer zu halten – mag es sich vielleicht um einen heiligen Feldherrn handeln, der gegen die Satanisten in den Krieg ziehen wird? Einen König, der alte Imperien wiedererrichtet?

Diese Interpretationen sind verlockend, doch sie binden das Ende der Welt an das Schicksal einer irdischen Macht. Neben ihr stehen deshalb schon früh geistliche Deutungen, die den Katechon im Wirken Gottes selbst, im Heiligen Geist, suchen.

Der Katechon hält die Zeit in den Angeln

Bei näherer Betrachtung ergibt sich, dass der Katechon durchaus ein zweischneidiges Schwert ist:

In seinem Aufhalten des Antichristen verhindert er zwar das explizit Böse, aber gleichzeitig zögert er damit auch die Wiederkunft Christi und die Neuschöpfung der Welt hinaus! Indem er das Ende der Welt immer weiter hinauszögert, hält er die Geschichte am Laufen – und damit indirekt auch das Böse in der Welt. Indem der Katechon also sowohl den Antichristen als auch Christus selbst „aufhält“, schafft er im Grunde eines: Er schafft Zeit und hält die Zeit aufrecht. Damit schafft er sowohl dem Guten als auch dem Bösen die Gelegenheit, volle Gestalt anzunehmen und all ihre Möglichkeiten auszuschöpfen.

Dies mag uns erst widersinnig erscheinen, wird uns aber klarer, wenn wir an das Gleichnis vom Unkraut denken, das Christus uns Selbst gab. Es soll in Gänze wiedergegeben werden:

„Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinem Acker säte. Als aber die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut mitten unter den Weizen und ging davon. Als aber das Kraut aufging und Frucht brachte, da zeigte sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn herzu und sagten zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn Unkraut? Er aber sprach zu ihnen: Ein feindlicher Mensch hat das getan. Die Knechte sagten zu ihm: Willst du, dass wir hingehen und es einsammeln? Er aber sprach: Nein, damit ihr nicht, wenn ihr das Unkraut einsammelt, zugleich mit ihm den Weizen ausreißt. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte, und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.“

 – Mt 13,24–30 (nach dem griechischen Kirchentext)

Das Böse und das Gute müssen gleichzeitig wachsen, sie müssen beide ein scharfes Profil bekommen, damit die Geister sich an ihnen scheiden können, wie sie es müssen. Wenn das Gute und das Böse noch nicht klar ausgeprägt sind, dann werden sich auch die Geister nicht an ihnen scheiden. 

Insofern enthält die Rolle des Katechon überhaupt keine Tragik: Er vollstreckt Gottes Werk, indem er dem Guten und dem Bösen Zeit verschafft, sich als das zu offenbaren, was sie sind. Dem Guten schenkt er Zeit, damit möglichst viele Leute sich noch zu ihm bekehren; dem Bösen schenkt er Zeit, damit es am Ende der Tage keine Rechtfertigung mehr hat und das Gute sich klar und sauber von ihm scheiden kann.

Was ist der Katechon?

Nach all diesen Betrachtungen scheint eine Erzählung aus dem Alten Testament den entscheidenden Hinweis zu geben: Als Abraham für Sodom eintritt, ist Gott bereit, die Stadt um einiger Gerechter willen zu verschonen:

„Der Herr sprach: Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt finde, werde ich dem ganzen Ort um ihretwillen vergeben. … Und er sprach: Ich werde sie nicht vernichten um der zehn willen.“

 – Gen 18,26.32 (nach der Septuaginta)

Zehn Gerechte fanden sich in Sodom nicht, und die Stadt wurde zerstört. Doch das Prinzip bleibt: Wenige Gerechte können vor Gott über das Schicksal vieler entscheiden.

Es sind die Heiligen, die „Herausgerufenen“ (griechisch ekklēsia, wörtlich „die Herausgerufene“), die in den letzten zweitausend Jahren das Kreuz auf sich genommen haben, die Christus nachgefolgt sind, und die ihm ähnlich geworden sind, welche das Ende der Welt hinausgezögert haben – sie sind der Katechon!

Ihretwegen gewährt Gott der Welt Zeit – den Kämpfern auf Erden, sich von der Welt zu lösen und jede geistige Gabe voll auszuschöpfen. Und allen, den Guten wie den Bösen, nimmt diese Frist die Ausrede: Am Ende der Tage kann niemand sagen, ihm sei die Gelegenheit zur Umkehr nicht gegeben worden.

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