Das Kreuz als Ursymbol: Altvater Johannes spricht über die Vielfalt der Kreuzformen

Altvater Johannes, Abt des deutsch-orthodoxen Dreifaltigkeitsklosters in Buchhagen, sprach am 14. September 2026 an der Universität des hl. Ochrid in Sofia über die Symbolik des Heiligen Kreuzes.
Der Vortrag verband Theologie, Religionswissenschaft sowie Kultur- und Kunstgeschichte. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie vielfältig das eine Kreuz in den Kulturen und Epochen gestaltet wurde.
Als Grundlage für alle Kreuzformen deutete Altvater Johannes das Kreuz als kosmisches und anthropologisches Zeichen. Die Horizontale steht für die irdische, raumzeitliche Dimension, die Vertikale für die ewige, göttliche. Der Kreuzungspunkt ist die Mitte, das Tor zwischen Zeit und Ewigkeit, und damit ein Sinnbild für das gottmenschliche Mysterium Jesu Christi. Diese Symbolik prägt auch den Kirchenbau. Der kreuzförmige Grundriss bildet den Kosmos und den Menschen ab. In den Westkirchen zeigt die Vertikale sich in den Türmen, in orthodoxen Kirchen in der zentralen Kuppel mit dem Bild des Pantokrators.
Die Kreuztypen im Überblick
Frühe Zeichen: Sonnenkreuz und Siegeszeichen. Das Kreuz hat Wurzeln in Naturphänomenen wie der Halo-Erscheinung um die Wintersonne und tritt schon in der Bronzezeit als Sonnenkreuz auf. In den ersten christlichen Jahrhunderten war die Darstellung des Gekreuzigten tabu. Stattdessen verwendete man das Kreuz als Siegeszeichen und „Baum des Lebens“ (Crux gemmata) sowie das Christusmonogramm. Die erste eindeutige Kreuzigungsdarstellung findet sich im Rabula-Kodex aus dem 6. Jahrhundert.
Byzantinische und frühmittelalterliche Formen. Der Vortrag stellte eine ganze Reihe von Typen vor: das byzantinische Kreuz, das karolingische (Lotharkreuz), das ottonische (Hildesheimer Scheibenkreuz) und das Weisheitskreuz.
Irische Hochkreuze. Sie entwickelten sich vom ornamentalen Sonnenkreuz, das als Himmelssäule verstanden wurde, zur bildhaften Darstellung Christi.
Das russische Kreuz. Sein unterer Schrägbalken wird als Sinnbild für die Entscheidung der beiden Schächer am Kreuz gedeutet.
Westliche Kruzifixe, Triumph- und Pestkreuze. Während der byzantinische Raum beim Relief blieb, entstand im Westen ab dem 11. Jahrhundert das vollplastische Kruzifix. Es folgten monumentale Triumphkreuze, etwa in Stendal, und später, als Reaktion auf Krisenzeiten, die leidvollen Pestkreuze.
Rumänische Segenskreuze und bulgarische Holzkreuze. Die rumänischen Segenskreuze sind Volkskunst mit Parallelen zur Irminsul. Die bulgarischen Holzkreuze sind reich geschnitzt und oft von Drachenmotiven umgeben.
Drachenkreuze. Sie krönen seit dem 15. Jahrhundert Ikonostasen in Südosteuropa und wurden möglicherweise von westlichen Triumphkreuzen beeinflusst.
Georgische Kreuze. Genannt wurden das Sonnenkreuz in der Zioni-Kirche (5. Jh.) und das Kreuz als Lebensquelle im Dschwari-Kloster.
Kuppelkreuze und Trinitätssymbolik. Das Kuppelkreuz in Vatopedi wird als Marienkreuz gedeutet und steht zugleich für die Dreifaltigkeit, ein Wesen (Ousia) in drei Personen (Hypostasen). Das erhöhte Sonnenkreuz findet sich an der Hagia Sophia in Sofia und auch auf der neuen Klosterkirche in Buchhagen.
Resonanz
Hinter den Formen steht eine gemeinsame Deutung. Das Kreuz ist Ort des freiwilligen Selbstopfers (Kenosis) Christi, das die Schöpfung erneuert. Als „Baum des Lebens“ überwindet es den Tod, als Siegeszeichen triumphiert es über die Mächte der Finsternis. Auch die Legende, Christi Blut habe den Schädel Adams benetzt, erklärt den Schädel, der auf Kreuzigungsdarstellungen unter dem Kreuz zu sehen ist. Religionswissenschaftlich wurde Christi Opfer als das endgültige kosmogonische Opfer verstanden, das alle früheren Opferrituale erfüllt und beendet.
Ein deutscher Vortrag im fernen Bulgarien unterstreicht allemal den europäischen Horizont des Themas selbst: Das Urbild des Kreuzes will in jedem Land und in jedem Volk erscheinen. Wie es erscheint und wie lange dies dauert, hängt vom Volk selbst ab.
Am Rande des Vortrags fand auch Altvater Johannes' Buch über den Gotenbischof Wulfila positive Beachtung. Die Gespräche in Sofia zeigten damit, dass das Interesse an der deutschen Orthodoxie weit über das eigentliche Vortragsthema hinausreicht.
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