Auf dem Markt der Religionen

Ist Glaube eine Frage der Herkunft oder der Entscheidung? Diese Frage stellt sich nicht erst heute. Schon die Apostel bewegten sich in einer Welt, in der neben die ererbte Religion zunehmend die Wahl des Einzelnen trat. Auf diesem Markt der Religionen war das Christentum mehr als ein Heilsweg unter anderen. Es war ein Bekenntnis, das alles abverlangte. Was verlangt es von uns?
Es herrscht Trubel auf dem Marktplatz der Stadt Philippi in Makedonien. Zwei Männer werden von den Besitzern einer Sklavin über den Platz geschleppt. Es sind der Apostel Paulus und sein Gefährte Silas. Sie werden vor die städtischen Autoritäten gebracht, wo die Besitzer gegen sie den Vorwurf erheben: „Diese Menschen, die da Juden sind, wühlen unsere Stadt ganz und gar auf, und sie verkündigen Bräuche, die wir als Römer weder annehmen noch ausüben dürfen.“
Der Marktplatz war in der Antike nicht nur Ort des Handels, sondern Zentrum des öffentlichen Lebens und der Gerichtsbarkeit. Die Stadt war eine römische Kolonie (Apg 16,12), besiedelt mit Veteranen und verwaltet nach römischem Recht. „Römer sein“ war daher eine Frage der Loyalität, und dazu gehörte auch die Religion der Stadt. Wer fremde Bräuche einführte, stand im Verdacht, diese Loyalität zu untergraben. Denn Religion war vor allem eine ererbte soziale Verpflichtung.
Religion als ererbte Pflicht
Nach römischer Vorstellung war es die überlieferte Verehrung der Götter, die dem ganzen Reich seinen Bestand und Frieden sicherte. Man spricht auch von der pax deorum („Frieden mit den Göttern“). Das Christentum wurde als Bedrohung wahrgenommen, weil es diesen Frieden aktiv untergrub, indem es die Verehrung der Götter verwarf. Deshalb wurden Christen auch als „Gottlose“ (átheoi) bezeichnet.
Überdies waren die zu verehrenden Götter immer die Götter der Vorfahren. Damit war Religion primär durch ethnische und kulturelle Zugehörigkeit bestimmt. Der römische Staatsmann Cicero fasst diesen Grundsatz so zusammen: „Niemand soll für sich eigene Götter haben, weder neue noch fremde, es sei denn, sie sind öffentlich anerkannt“, und: „Die Riten der Familie und der Väter sollen sie bewahren.“
Den Juden wurde nur deshalb zugestanden, den Gott Israels allein zu verehren, weil diese Verehrung als volkseigene Religion galt. Den Christen fehlte genau diese Legitimierung, denn erstens waren sie in römischen Augen kein Volk mit einer eigenen religiösen Überlieferung, zweitens suchten sie die Heiden aktiv von deren väterlicher Religion abzubringen.
Wahl gegen Herkunft
Neben die Religion als ererbte Pflicht traten zur Zeit der Apostel mehr und mehr alternative Formen religiösen Lebens, sodass man in der Tat von einem Markt der Religionen sprechen kann. Die meisten dieser Angebote waren nicht exklusiv, das heißt: Sie schlossen weder ererbte Religion noch die anderen Formen aus, sondern ergänzten sie. Ein Konflikt entstand erst, wenn die persönliche Entscheidung sich gegen die eigene Herkunft wandte. Genau darauf bezieht sich die Anklage gegen Paulus und Silas. Doch wie kommt es zu dieser Situation?
Die Geschichte beginnt friedlich. Als die beiden auf ihrer Missionsreise in Philippi angekommen waren, trafen sie am Sabbat außerhalb der Stadt mit einigen Frauen zum Gebet zusammen. Eine von ihnen war die Purpurhändlerin Lydia. Sie wird in der Apostelgeschichte als „Gottverehrende“ bezeichnet (Apg 16,14). Mit dem Begriff sind für gewöhnlich Heiden gemeint, die den Gott Israels verehrten und manche jüdischen Gebote hielten, ohne selbst zum Judentum überzutreten. „Ihr Herz“, sagt der Bericht über Lydia, „öffnete der Herr, achtzugeben auf das von Paulus Gesagte“. Daraufhin ließen „sie und ihr Haus“ sich taufen.
Lydia ist ein Beispiel für das, was man als persönliche Konversion bezeichnen kann. Ihre Herkunft verpflichtete sie auf die Götter ihrer Heimatstadt. Auch mit der Ausübung ihres Gewerbes waren bestimmte Kulte verbunden. Den Gott Israels verehrte sie aus eigenem Antrieb, und aus eigenem Antrieb ließ sie sich nun taufen. Damit entschied sie sich endgültig nicht nur für die Abkehr vom heidnischen Glauben ihrer Väter, sondern auch für ein Bekenntnis, das alle Heiden aktiv zu einer solchen Abkehr aufforderte. Lydias Bekehrung bot also bereits genug Zündstoff für den Konflikt mit den Autoritäten. Ausgelöst wurde er jedoch durch etwas anderes, und zwar auf dem Weg zu eben jener Gebetsstätte.
Religion als optionales Angebot
Unterwegs trafen Paulus und seine Begleitung auf eine Sklavin, die „einen Wahrsagegeist“ – offenbar einen Dämon – hatte und „ihren Herren viel Erwerb verschaffte, indem sie weissagte“ (Apg 16,16). Religion wird hier als optionales Angebot dargestellt, das die verpflichtenden Praktiken ergänzt und für das Menschen unter Umständen auch bereit sind, zu bezahlen.
Weltlicher Erfolg
Gerade Wahrsager und Orakel erfreuten sich zu damaliger Zeit großer Beliebtheit. Sie versprachen Wissen um die Zukunft, göttliche Hilfe bei wichtigen Entscheidungen und damit eine gewisse Kontrolle über die Unsicherheiten des Lebens. Weltlicher Erfolg in allen Facetten war also für viele ein Motiv, sich religiösen und okkulten Praktiken zuzuwenden.
Dazu gehörte neben der Wahrsagerei auch die Magie. Die Apostelgeschichte berichtet von Christgläubigen, die vor ihrer Bekehrung „magische Einmischerei getrieben“, also Magie zu manipulativen Zwecken eingesetzt hatten und nun ihre Bücher „vor allen verbrannten“ (Apg 19,19). Der Gesamtwert der Bücher belief sich demnach auf 50.000 Silbermünzen, das entspricht etwa 50.000 Tageslöhnen.
Persönliches Heil
Daneben gehörte auch die Suche nach persönlichem Heil zu den Ursachen, warum Menschen sich religiösen Angeboten zuwandten. Auch das wird in der Begebenheit mit dem „Wahrsagegeist“ sichtbar, die Sklavin nämlich „folgte Paulus und Silas nach und schrie: ‚Diese Menschen sind Knechte Gottes, des Höchsten, welche uns einen Weg der Errettung verkündigen!‘“ (Apg 16,17).
Die Aussage suggeriert bereits, dass es – entgegen den Worten Jesu: „Ich bin der Weg“ (Joh 14,6) – mehrere Wege zur Errettung geben könne.
Tatsächlich gab es eine Vielzahl von Angeboten, die einen solchen Weg versprachen, darunter insbesondere die sogenannten Mysterienkulte. Hierbei handelte es sich um Kulte, in die man sich einweihen ließ. Was bei der Weihe geschah, musste geheim gehalten werden. Zu den berühmtesten Mysterienkulten gehörte jener auf der Insel Samothrake, auf der auch Paulus und seine Gefährten auf der Reise nach Philippi Station machten (Apg 16,11). Der Historiker Diodor von Sizilien schreibt darüber: „Man sagt, dass diejenigen, die den Mysterien dieser Götter beiwohnen, gottesfürchtiger, gerechter und überhaupt besser werden.“ Oft hätten die Götter ihre Eingeweihten in Gefahren beschützt und seien ihnen sogar sichtbar erschienen.
Mysterienkulte versprachen nicht nur Schutz im Leben, sondern auch seelische Besserung und ein privilegiertes Los nach dem Tod. Denn sie lehrten, in den Worten Ciceros, „nicht nur mit Freude zu leben, sondern auch mit besserer Hoffnung zu sterben“.
Einweihen lassen konnte sich grundsätzlich jeder, und er musste dafür nichts aufgeben: weder die Götter seiner Stadt noch andere Weihen. Die ererbte Religion wurde also nicht verworfen. Sie war aber auf das Wohl der Gemeinschaft ausgerichtet und gab auf die Frage nach dem Schicksal des Einzelnen kaum eine Antwort.
Der Anspruch des Christentums
Ganz anders verhielt es sich mit der Botschaft, die Paulus verkündete. Denn das Evangelium ließ sich nicht einreihen in die Angebote des religiösen Marktes, es ist nicht nur „ein Weg der Errettung“ unter mehreren. Das wird deutlich in dem Moment, da Paulus den Dämon aus der wahrsagenden Sklavin austreibt. Mit dem Geist ist zugleich „die Hoffnung“ der Besitzer „auf ihren Erwerb ausgefahren“, den sie ja bis dahin aus der Frau bezogen hatten (Apg 16,19).
Der Ärger über diesen Verlust treibt sie dazu, Paulus und Silas zu ergreifen und sie auf dem Marktplatz vor Gericht zu stellen. Dort beschuldigen sie die Missionare, die römische Religion zu untergraben. Die Autoritäten lassen sie daraufhin verprügeln und in den Kerker werfen.
Heil und Bekenntnis
Paulus und Silas sind bereit, für das Evangelium auch Misshandlung und Gefangenschaft auf sich zu nehmen. Selbst im Kerker, „in der Mitte der Nacht, beteten sie und besangen Gott in Hymnen“ (Apg 16,25). Ein plötzliches Erdbeben erschüttert daraufhin das ganze Gebäude, die Türen und Fesseln öffnen sich durch ein von Gott gewirktes Wunder. Der schlafende Kerkermeister erwacht, hält die Gefangenen für entwischt und will sich mit dem Dolch den Tod geben – offenbar, weil er der gesetzlichen Strafe seiner Unachtsamkeit zuvorkommen will. Paulus hindert ihn daran, indem er ihm zuruft: „Tue dir nichts Übles, denn wir sind alle hier“ (Apg 16,28).
Aus diesen Worten spricht nicht nur Unerschrockenheit, sondern auch Nächstenliebe. Obwohl sie die Gelegenheit hätten, zu fliehen, nutzen die um Christi willen Gefangenen sie nicht. Stattdessen rettet Paulus den verzweifelten Mann vor dem Selbstmord. „Zitternd geworden, fiel er vor Paulus und Silas nieder. Und er führte sie nach draußen und sprach: ‚Ihr Herren, was muss ich tun, damit ich errettet werde?‘“ (Apg 16,29-30).
Der Sinn dieser Frage schwankt zwischen Überleben und ewigem Heil. Vielleicht will der vom Geschehen Überwältigte zunächst nur mit dem Leben davonkommen. Paulus’ und Silas’ Antwort jedoch gibt der Frage noch einen anderen Sinn: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus“ (Apg 16,31). So machen sie zudem unmissverständlich klar, dass Christus allein ‚Herr‘ ist. Die Errettung in Christus aber ist nicht nur Bewahrung des irdischen Lebens, sondern ewiges Leben.
Der Kerkermeister nimmt die Gefangenen in sein Haus auf, hört von ihnen das „Wort des Herrn“ und wäscht noch in der Nacht ihre Wunden – darauf lässt er sich taufen, „er selbst und all die Seinen“ (Apg 16,32f.). Dann setzt er ihnen eine Mahlzeit vor. Am nächsten Morgen werden Paulus und Silas freigelassen. Bevor sie die Stadt verlassen, kehren sie in Lydias Haus ein, wo sich inzwischen eine Gemeinde versammelt.
Was wird von uns verlangt?
Die Entscheidung der Purpurhändlerin und des Kerkermeisters für Jesus Christus als ihren Herrn ist ein persönlicher Bruch mit der Religion als ererbter Verpflichtung, aber sie stiftet eine neue Zugehörigkeit, die mit der Familie als Hausgemeinde beginnt und in der Gemeinschaft der Kirche aufgeht. Diese Gemeinschaft ist zugleich ein neues Volk: „Früher wart ihr ein Nicht-Volk; jetzt aber seid ihr Volk Gottes“ (1Petr 2,10).
Doch mit der Christianisierung des Reiches wurde die Kirche selbst zur staatstragenden Religion. Der Glaube wurde, gewissermaßen, selbst eine gesellschaftliche Konvention, eine ererbte Pflicht. Für viele, die in eine orthodoxe Familie hineingeboren wurden, ist er es bis heute. Das Christentum ist aber nicht vollständig, wenn es nicht vom persönlichen Bekenntnis belebt wird. Wenn es zum bloßen Mittel für politische Zwecke, für sozialen Zusammenhalt und Brauchtumspflege verkommt.
In unserer pluralistischen Gesellschaft hat die Kirche nicht nur ihre staatstragende Rolle weitgehend verloren. Auch die bindende Kraft, die sie einst auf ganze Völker und Gesellschaften ausübte, ist fast gänzlich geschwunden. Stattdessen finden auch wir uns auf einem Markt der Religionen wieder, auf dem es nicht an Angeboten mangelt, wie wir sie in der Apostelgeschichte gesehen haben: Esoterische und okkulte Praktiken, die Erfolg und persönliche Erfüllung versprechen. Andere Kulte und Sekten, die seelische Heilung und ewiges Heil versprechen, ohne dass man etwas anderes dafür aufgeben müsste.
Aber auch Christen erliegen nicht selten der Versuchung, den Glauben und die Kirche zu instrumentalisieren: als Mittel zur Erreichung eigener Wünsche, zur Mehrung von Macht, zum persönlichen Wohlbefinden. Insofern ist der Bericht der Apostelgeschichte von den Geschehnissen in Philippi ein Spiegel unserer Zeit. Er zeigt uns, dass Heil und Bekenntnis in Christus untrennbar miteinander verbunden sind. Und dass die Herkunft das Bekenntnis nicht ersetzen kann: Auch der ererbte Glaube muss zur eigenen Entscheidung werden.
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