„Die Ehre gebührt Gott allein“ – Schima-Archimandrit Gabriel (Bunge)

Ein offenes Interview der UOJ mit Schima-Archimandrit Gabriel (Bunge) aus der Schweiz über Heiligkeit, Treue und Verrat. Foto: UOJ

Roveredo. Eine kleine Ortschaft im italienischsprachigen Teil der Schweiz, unweit von Lugano. Hier, in der Einsiedelei zur Kreuzerhöhung, lebt seit mehr als vierzig Jahren Schima-Archimandrit Gabriel (Bunge) – ein bekannter orthodoxer Theologe und Autor von Büchern über das Gebet und das monastische Leben. Menschen aus verschiedenen Ländern der Welt kommen hierher, um zu beichten, die Heilige Kommunion zu empfangen und geistlichen Rat zu erhalten.

Das Interview mit dem bekannten Schweizer Starez war sehr offen und aufrichtig – ohne den Versuch, bequeme Formulierungen zu finden oder unbequemen Themen auszuweichen. Wir veröffentlichen es so nah wie möglich an den Worten von Vater Gabriel, der nach dem Ende des Gesprächs lächelte und zum Korrespondenten der UOJ sagte: „Nun, vor wem oder wovor sollte ich Angst haben? Ich bin schon 86 Jahre alt.“

Das Interview begann mit einer Tragödie, die die orthodoxe Welt erschütterte. Am 23. August 2026 griff eine Gruppe bislang nicht identifizierter Personen die Brüder der Swjatohirsker Mariä-Entschlafens-Lawra an. Nach Aussage eines der Überlebenden waren die Angreifer in Militäruniform gekleidet und verlangten eine Antwort auf den Ruf „Ruhm der Ukraine!“. Der Mönch Warsonofij wurde getötet, Mönchsbruder Grigorij und Novize Andrej wurden schwer verletzt. Die letzten Worte von Vater Warsonofij, die von den Brüdern gehört wurden, lauteten: „Ehre sei dem Herrn Jesus Christus! … Ich bin ein Mönch.“

Aussicht von der Einsiedelei zur Kreuzerhöhung bei Roveredo (Schweiz). Foto: UOJ

Schima-Archimandrit Gabriel (Bunge): Wir haben diese Nachricht über die sozialen Netzwerke erhalten. Wir haben auch die Fotos gesehen. Wir sahen das Foto des getöteten Mönchs, von dem man mir sagte, er sei erstochen worden.

Ich selbst war noch nicht in der Swjatohirsker Lawra. Ich bin nur bis Potschajew gekommen. Aber Vater Evsevij (Assistent des Starez. – Red.) kennt dieses Kloster persönlich.

Und ich muss sagen, dass es nicht nur um diesen Mönch geht, der dort getötet wurde, sondern ganz allgemein um die kanonische Ukrainisch-Orthodoxe Kirche, mit der wir uns persönlich sehr tief verbunden fühlen – durch Bekanntschaften, Freundschaften und so weiter.

Ich bin tief beeindruckt von der Treue unserer Brüder, die unter den schwersten Umständen treu bleiben bis zum Tod – buchstäblich bis zum Tod. Denn dieser Mönch hätte sein Leben ohne Weiteres retten können, wenn er der Forderung seiner Mörder nachgegeben hätte. Aber er tat es nicht.

Er antwortete als Christ. Und die Ehre gebührt Gott allein. Das beeindruckt mich zutiefst, und ich muss sagen, dass ich stolz darauf bin, selbst Glied dieser Kirche zu sein.

Denn schließlich ist es die eine Kirche. Und unabhängig davon, welche organisatorische Form die Ukrainische Kirche hat, ist das, sozusagen, nicht mein Problem.

Vater Gabriel segnet die Gruppe ukrainischer Pilger aus Zürich. Foto: UOJ

UOJ: Wie beurteilen Sie das, was mit der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche geschieht?

Schima-Archimandrit Gabriel: Diese Verfolgungen dauern schon seit vielen Jahren an. Sie begannen 2014.

Die Treue, die sowohl der Klerus als auch die Gläubigen zeigen, gehört zu den goldenen Seiten der Kirchengeschichte. Sie wissen, dass ich als Historiker immer alles aus historischer Sicht betrachte. Ob die Menschen selbst die Bedeutung dessen, was geschieht, in vollem Umfang erkennen, weiß ich natürlich nicht.

Aber sie bleiben ihrem Glauben und ihrer kanonischen Kirche treu, obwohl sie viele Vorteile hätten, wenn sie ihr nicht treu wären. Sie nehmen eher in Kauf, geschlagen zu werden – wie Metropolit Longin.

Ich habe noch nie zuvor einen Menschen mit zwei derart riesigen Blutergüssen um die Augen gesehen. Ich wusste nicht einmal, dass so etwas überhaupt möglich ist. Ich kenne sein Kloster, ich war dort, aber Metropolit Longin selbst war damals nicht dort.

Ich denke auch an den armen, mir so lieben Metropoliten Arsenij, der dieses Kloster praktisch aus dem Nichts wiederaufgebaut hat. All das ist dokumentiert, im Internet gibt es genügend Material darüber. Zunächst wurde er Archimandrit dieses neuen, wiedererrichteten Klosters und später Metropolit.

Er hat zwei Jahre Haft durchgestanden und sich nicht brechen lassen. Dabei ist er ein sehr demütiger und friedliebender Mensch. Schließlich wurde er in den Hausarrest entlassen – wahrscheinlich, weil man befürchtete, dass er im Gefängnis sterben könnte. Und das hätte natürlich sehr schlecht ausgesehen.

Ich weiß, wo er sich jetzt befindet. Aber was muss dieser Mensch empfunden haben, als er die Fotos sah und vom Mord an dem Mönch erfuhr?

Ich erinnere mich bis heute daran, wie er war – nicht verzweifelt oder mutlos, sondern zutiefst bedrückt –, als er die Beerdigung eines der Mönche halten musste, der durch einen zufälligen Granateneinschlag in das Kloster ums Leben gekommen war. Ich sehe das noch heute vor meinen Augen. Er selbst hielt die Beerdigung in der Kirche – unter Tränen.

Und nun ist das geschehen. Damals war es ein Unglück, es geschah nicht absichtlich. Jetzt aber wurde dieser Mönch bewusst und auf grausame Weise getötet. Das ist schrecklich.

Pilger aus ganz Europa beim Empfang der Kommunion in der Kirche zur Kreuzerhöhung. Foto: UOJ

UOJ: Halten Sie den getöteten Mönch Warsonofij für einen Märtyrer?

Schima-Archimandrit Gabriel: Wie ich Ihnen bereits in unserem persönlichen Gespräch gesagt habe: Ob diese Menschen an Gott glauben oder nicht, weiß ich nicht. Und darüber steht mir kein Urteil zu. Aber sie glauben nicht an das Gericht der Geschichte.

Wenn all das eines Tages vorbei ist … Ich persönlich bin der Meinung, dass der getötete Mönch ein Märtyrer ist und gerade als Märtyrer heiliggesprochen werden sollte. Er hat sein Leben für Christus hingegeben.

Viele haben mir auch gesagt, dass Seine Seligkeit Metropolit Onufrij heiliggesprochen werden wird, sobald er stirbt. Ich kenne ihn persönlich und schätze ihn sehr hoch. Aber die Geschichte wird später geschrieben.

UOJ: Was meinen Sie, wenn Sie vom Gericht der Geschichte sprechen?

Schima-Archimandrit Gabriel: Man sagt immer, die Geschichte werde von den Siegern geschrieben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ebenso wahr und nachweisbar ist etwas anderes: Man kann noch so viele Dokumente vernichten, es wird immer genügend Material übrig bleiben, um den Verlauf eines Konflikts oder anderer Ereignisse zu rekonstruieren.

Und in der Geschichte wird all das bleiben, was die kanonische Ukrainisch-Orthodoxe Kirche erlitten hat, die ja immer von allen Kirchen als die einzige kanonische Kirche in der Ukraine anerkannt wurde. Auch Patriarch Bartholomäus erkannte sie an.

Schima-Archimandrit Gabriel (Bunge) mit einem UOJ-Journalisten. Foto: UOJ

UOJ: Warum hat sich das Ihrer Meinung nach geändert?

Schima-Archimandrit Gabriel: Wir wissen doch, dass Patriarch Bartholomäus nicht freiwillig gehandelt hat. Jetzt werde ich Ihnen eine Insiderinformation mitteilen.

Ich weiß aus einer zuverlässigen Quelle, dass Patriarch Bartholomäus zu einem griechischen Botschafter gesagt hat: Wenn die Amerikaner nicht einen derart starken Druck auf ihn ausgeübt hätten, hätte er das niemals getan – er hätte die Kirche nicht gespalten.

Natürlich geschah all das mit dem Ziel, Russland zu schwächen. Die Ukrainische Kirche war damals enger mit dem Moskauer Patriarchat verbunden als heute. Ich meine damit die rein institutionelle Verbindung.

Genau das enttäuscht mich. Auch der Erzbischof von Athen, Hieronymos, der ebenfalls ein würdiger Mensch ist, wurde einem außerordentlich starken Druck ausgesetzt und gab schließlich nach.

Aber warum haben diese Menschen, unsere Kirchenoberhäupter, nicht einfach ihre Panagien auf den Tisch gelegt und gesagt: „Nein, nicht mit mir. Ich will meinen guten Namen nicht beflecken“?

Ich persönlich kann das nicht verstehen. Deshalb frage ich mich immer wieder: Begreifen diese Menschen wirklich nicht, dass sie vor dem Gericht der Geschichte nicht bestehen können?

Ein Bischof oder Patriarch, der eine Spaltung in der Kirche hervorgerufen hat, kann dies – unabhängig von den Gründen – nicht einmal mit seinem eigenen Blut abwaschen. So sagen es die Heiligen Väter. Nicht einmal mit dem eigenen Blut.

Ich halte das für furchtbar, für schrecklich. Mich erfasst Entsetzen bei dem Gedanken daran. In der Kirchengeschichte, in den Kapiteln, die dieser Epoche gewidmet sein werden, ist all das schon jetzt eingeschrieben.

Wenn er wenigstens Buße getan hätte … Aber nein. Ich kenne Patriarch Bartholomäus persönlich. Ich habe ihn bereits in jungen Jahren kennengelernt, deshalb überrascht mich sein Handeln eigentlich nicht. Aber all das ist unendlich traurig.

Gott sei Dank sind wir nicht die Richter unserer Brüder. Christus allein richtet alle. Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien ich ein gerechtes Urteil fällen könnte. Gott sei Dank ist das nicht meine Aufgabe.

Aber als Theologe und Historiker muss ich mich dennoch fragen: Begreifen diese Menschen wirklich nicht, dass sie vor dem Gericht der Geschichte, also vor dem Urteil der Menschheit, nicht bestehen können?

Ich möchte nicht, dass mein Name mit etwas Derartigem verbunden wird. Hinter uns liegen zweitausend Jahre Kirchengeschichte. Und wir wissen sehr genau, wie die Kirchengeschichte am Ende über diesen oder jenen Patriarchen, diesen oder jenen Papst geurteilt hat. Es bleiben immer genügend Dokumente erhalten, um später eine historische Bewertung vornehmen zu können.

Und vor diesem Hintergrund möchte ich noch einmal meine tiefste Achtung und Verehrung für diese Treue bis zum Tod zum Ausdruck bringen – für die Treue zur kanonischen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche.

UOJ: Amin!

Schima-Archimandrit Gabriel: Amin.

 

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