Die goldenen Nähte der Auferstehung

Zerbrochenes Geschirr und die Wunden des Erlösers. Foto: UOJ

In den Sälen eines Museums für ostasiatische Kunst kann man eine alte Schale für die traditionelle japanische Teezeremonie entdecken. Ihr tönerner Körper ist von einem Netz tiefer Risse überzogen. Die dunklen Bruchstellen wurden nicht unter Farbe verborgen, sondern durch Linien aus mit Goldpulver vermischtem Lack hervorgehoben. Diese Handwerkskunst heißt Kintsugi.

Der Meister versucht nicht, die ursprüngliche glatte Oberfläche der Keramik wiederherzustellen. Im Gegenteil: Der Bruch wird zum entscheidenden Bedeutungsträger des Gegenstands – zu seiner sichtbaren Biografie.

In der japanischen Ästhetik zeigt sich ein tiefer Respekt vor der Geschichte eines Gegenstands, seiner Unvollkommenheit und Vergänglichkeit.

Mit der Entstehung dieser ungewöhnlichen Tradition ist eine Legende verbunden. Im 15. Jahrhundert zerbrach der japanische Herrscher Ashikaga Yoshimasa versehentlich seine geliebte Schale aus chinesischem Seladon. Das Gefäß wurde nach China geschickt und kam mit Metallklammern zusammengeheftet zurück. Um den seltenen und wertvollen Gegenstand zu retten, entwickelten japanische Handwerker die Technik, Risse mit dem Saft des Lackbaums und hinzugefügtem Goldpulver auszufüllen.

In der Sammlung des Nationalmuseums Tokio wird jene Longquan-Schale bis heute aufbewahrt. Wir treten an die Vitrine heran und stellen etwas Erstaunliches fest: Das legendäre Gefäß wurde nie mit der Kintsugi-Technik repariert. Auf seiner blassgrünen Glasur sind tatsächlich Metallklammern zu sehen, die an Heuschreckenbeine erinnern. Die Handwerker vergoldeten die Bruchstelle nicht.

Diese Entdeckung regt zum Nachdenken über die menschliche Natur an. Bereitwillig erschaffen wir ein schönes Märchen über die Verwandlung des Leidens in kostbaren Glanz, doch den tatsächlichen Spuren einer Katastrophe weichen wir lieber aus. Wir möchten die Erinnerung an die Zerstörung auslöschen, eine zufällige Absplitterung verbergen und so tun, als sei nichts Schlimmes geschehen. Unsere Kultur lehrt uns, uns für Wunden zu schämen, weil sie als Zeichen menschlicher Verletzlichkeit gelten. Im christlichen Verständnis hört eine Narbe jedoch auf, ein Zeichen der Niederlage zu sein.

Die leuchtende Wunde unter dem Purpurgewand

Wenden wir unseren Blick von der Vitrine mit ostasiatischen Altertümern der byzantinischen Ikone „Die Vergewisserung des Thomas“ zu. Vor uns entfaltet sich die im Johannesevangelium beschriebene Szene. Der Erlöser steht inmitten seiner verunsicherten Jünger. Seine Gestalt hebt sich vom goldenen Hintergrund ab. Mit einer sanften Bewegung zieht Christus den purpurfarbenen Stoff seines Gewandes zur Seite und enthüllt seine durchbohrte Seite.

Der Apostel Thomas streckt seine Hand aus. Sein Finger nähert sich der Wunde in der Seite des Auferstandenen. Im Evangelium erklingen die nachdrücklichen Worte des Herrn: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände; reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (Joh 20,27).

Wie war der Leib des auferstandenen Erlösers beschaffen? Er hatte den Tod besiegt, sein Leib war unverweslich und verherrlicht worden. Dennoch waren an seiner durchbohrten Seite die Spur der Lanze und an seinen Handgelenken die Spuren der Nägel erhalten geblieben.

Der heilige Johannes Chrysostomos erläutert diesen Umstand mit erstaunlicher Tiefe. Der Kirchenvater weist darauf hin, dass der Erlöser die Spuren seines Leidens keineswegs aus Schwäche bewahrte. Er hätte seinen Leib augenblicklich heilen und ihm eine vollkommen makellose Oberfläche verleihen können. Doch der Herr ließ die Wunden als ewigen Beweis für die Echtheit seines Opfers bestehen. Nach den Worten des Heiligen bewahrte der Auferstandene seine Wundmale, um zu zeigen: Vor den Jüngern steht derselbe Lehrer, der am Kreuz gekreuzigt worden war und den Tod besiegt hatte.

Die Wunden Christi verwandelten sich von Spuren der Verstümmelung in Siegeszeichen.

Im Kanon der Ikonenmalerei wird die Wunde in der Seite des Erlösers häufig mit Goldassist ausgeführt. Feinste Fäden aus Blattgold betonen ihre Ränder. In der orthodoxen Tradition symbolisiert das Gold das ungeschaffene göttliche Licht. Der Ikonenmaler hebt die Konturen der Wunde mit demselben kostbaren Material hervor, mit dem er den Heiligenschein des Erlösers gestaltet.

Goldene Wunden auf den Leibern der Märtyrer

Die Erinnerung an das vom Menschen ertragene Leid wird im Himmelreich nicht ausgelöscht, sondern verwandelt. Der heilige Augustinus fragt in seinem Werk „Vom Gottesstaat“, in welcher Gestalt die heiligen Märtyrer von den Toten auferstehen werden. Werden sie die Spuren der Qualen bewahren, die sie für ihren Glauben erlitten haben? Der Bischof von Hippo gibt daraufhin eine eindeutige Antwort: Im künftigen Leben werden auf den Leibern der für Christus Leidenden Narben zurückbleiben. Diese werden jedoch nicht als Makel wahrgenommen.

Der heilige Augustinus schreibt, dass in den Narben der Märtyrer eine besondere Schönheit der Tugend erstrahlen werde. Die Spuren von Schwertern, Feuer und wilden Tieren würden sich in Zeichen hoher Würde verwandeln.

Wie bei einer Kintsugi-Schale der dunkle Bruch zum zentralen Muster wird, so werden bei der leiblichen Auferstehung auch die Wunden der Heiligen zu kostbaren Verzierungen.

Auf alten Mosaiken sehen wir Glaubenszeugen, die die Werkzeuge ihres Martyriums in den Händen halten. Die Heiligen schämen sich nicht für den Schmerz, den sie ertragen haben.

Ein von der Gnade gezeichnetes Herz

Oft versuchen wir, die schweren Kapitel aus unserer Erinnerung zu streichen. Wir meinen, das geistliche Leben müsse uns unverwundbar, vollkommen und makellos machen. Wir schämen uns für die durchlebten Katastrophen und inneren Zusammenbrüche.

Doch das Evangelium zeigt einen anderen Weg. Die göttliche Gnade löscht unsere Geschichte nicht aus. Der Herr verwandelt den Menschen nicht in ein unbeschriebenes Blatt, indem er seine Vergangenheit restlos tilgt. Er tritt in unsere Bruchstellen ein.

Wenn ein Mensch Gott sein zerbrochenes Leben darbringt, vollzieht sich eine unsichtbare Wiederherstellung. Die Gnade füllt jeden Riss in unserer Erinnerung wie goldener Urushi-Lack. Unsere durch Reue geläuterte Vergangenheit hört auf, eine Quelle der Scham zu sein. Sie wird zu einem Ort der Begegnung mit Gott.

Die Narben des auferstandenen Christus erinnern uns daran, dass bei Gott weder eine Träne noch ein Riss im menschlichen Herzen vergessen werden. Unser Schmerz wird zu einer goldenen Naht, die uns mit der Ewigkeit verbindet.

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