Krise und Heilung der Männlichkeit
Männer sind grundsätzlich ein Problem – so lautet, mehr oder weniger offen, eine immer wiederkehrende Botschaft unserer Zeit. Das Schlagwort der toxischen Männlichkeit ist allgegenwärtig: in den Medien, in der Schule, im politischen Diskurs. Es benennt zwar teils durchaus reale Symptome wie Herrschsucht und fleischliche Besitzergreifung. Doch der Begriff selbst ist Teil des Problems. Er macht Männlichkeit als solche verächtlich, ohne ein positives Ideal an ihre Stelle zu setzen. Was er erzeugt, ist kein Ringen um eine bessere Männlichkeit, sondern ein unaufhörliches Sich-selbst-in-Frage-Stellen – eine Verunsicherung, die keine gute Frucht bringen kann.
Männlichkeit ist nicht toxisch. Sie ist eine Schöpfung Gottes und somit gut erschaffen. Stattdessen müssen wir von einer Krise oder Krankheit der Männlichkeit sprechen, die sich in allen Bereichen der Gesellschaft bemerkbar macht: zerrüttete Familien, verantwortungslose Politik, eine von Leidenschaften gefesselte Gesellschaft. Erst wenn wir Männlichkeit als gute Schöpfung Gottes annehmen, können wir überhaupt die Frage stellen, was sie positiv ausmacht.
Es hat eine tiefere Bedeutung, dass hierzulande der Vatertag immer am Fest der Himmelfahrt Christi (nach gregorianischem Kalender) begangen wird. Denn wo finden wir das Ur- und Vorbild echter Männlichkeit wenn nicht im himmlischen Vater und Schöpfer selbst? In seiner Himmelfahrt hat uns Christus den Weg zum Vater aufgetan – und damit auch den Weg zur Heilung der gebrochenen Männlichkeit.
Coming of age
Als der König David auf dem Sterbebett liegt, wendet er sich an seinen Sohn und Nachfolger Salomon mit den letzten Worten:
Ich werde den Weg aller Welt gehen. Du aber sollst stark sein und zu einem Mann werden und die Verordnungen des Herrn, deines Gottes, einhalten ... – 1./3. Könige 2,2
Die neue Verantwortung Salomons als Mann und König beginnt in dem Moment, wo sein Vormund und bisher herrschender Vater diese Welt verlässt. Dabei macht David unmissverständlich klar, wie sich Salomon „als Mann erweisen“ soll: nämlich in der Stärke, die darin liegt, Gottes Verordnungen und Gebote zu wahren. Das coming of age, der Eintritt in die Mannesreife ist hier verbunden mit einem Moment der Trennung und Emanzipation von der elterlichen Vormundschaft einerseits (vgl. Gen 2,24: Deswegen wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden und die zwei werden ein Fleisch sein). Andererseits geht diese Emanzipation mit einer größeren Verantwortung einher: im einen Fall für das Königreich Israel, im anderen für die Frau und Familie.
König David von Israel spielt auf der Harfe, von Gerard van Honthorst (1622) (gemeinfrei/Wikimedia Commons)
Ein vergleichbare Situation finden wir im Johannesevangelium vor dem Leiden des Erlösers (Kapitel 13–16). In den sogenannten Abschiedsreden spricht Christus zu den Aposteln von seinem kommenden Leiden als Heimgang zum Vater:
Ich bin von dem Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; wieder verlasse ich die Welt und gehe zum Vater. – Joh 16,28
Die Apostel sind in diesem Moment wie verängstigte Jungen. Sie verstehen nicht, was auf sie zukommt und wovon der Herr spricht. Gleichzeitig fühlen sie sich unvorbereitet und traurig bei dem Gedanken, die geliebte Gegenwart des Meisters entbehren zu müssen:
Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat, und niemand von euch fragt mich: Wohin gehst du?, sondern weil ich dies zu euch geredet habe, hat Traurigkeit euer Herz erfüllt. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist euch nützlich, dass ich weggehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden. – Joh 16,5-6
Der Weggang des Herrn erscheint hier als Bedingung für die Sendung des Heiligen Geistes. Doch hätte Christus nach der Auferstehung nicht einfach bei seinen Jüngern bleiben und ihnen den Heiligen Geist schenken können? Die göttliche Heilsordnung wollte es offenbar anders, wie uns der heilige Johannes selbst an anderer Stelle verrät: denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war (Joh 7,39).
Das Beispiel der Vorväter Salomons und Adams hilft uns, die Gründe hierfür zu verstehen: Die Trennung von der sichtbaren Gegenwart des Meisters war für die Apostel notwendig, um durch den Empfang des Heiligen Geistes in ihre eigene, männliche Verantwortung als Fürsten der Kirche einzutreten. Die alttestamentliche Königssalbung, die Salomon empfing, ist nach der väterlichen Tradition ein Vorbild für diese Salbung des Geistes, an der alle Christen nach der Weise ihres jeweiligen Standes Anteil haben. Für die Apostel bedeutete das: die Verantwortung als Hirten für die Herde Christi, des neuen Israel. Für den Mann bedeutet es: die Sorge für Frau und Familie, deren Haupt er ist (s. Eph 5,23). Und wenn er keine eigene Familie hat, wie heute oftmals der Fall ist, im Einsatz für seine Nächsten insbesondere in der Gemeinde.
Hingabe und Stärke als männliche Eigenschaften
Erst im Gottmenschen Jesus Christus ist den Menschen das vollkommene Inbild der Männlichkeit und Vaterschaft aufgeleuchtet. Deshalb ist er auch ist das gemeinsame Vorbild der Apostel und aller Männer insgesamt: Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Kirche geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat (Eph 5,25). Wohlgemerkt ist diese Selbsthingabe Jesu gleichbedeutend mit seinem Heimgang zum Vater: Sie beginnt mit seinem heilbringenden Leiden und findet ihre Vollendung in der Himmelfahrt, mit der Christus die auferstandene menschliche Natur in die ewige Gegenwart Gottes erhöht. Denn das ganze Heilswerk dient nichts anderem als der Hingabe und Mitteilung des göttlichen Lebens an die Menschen: Ich bin gekommen, damit sie Leben haben uns <es> überreich haben (Joh 10,10).
Auch die männliche Selbsthingabe ist nicht etwas ziel- und zweckloses. Sie gipfelt in der ewigen Gemeinschaft mit Gott, die schon in diesem Leben beginnt: Und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und sie hat hier auf Erden den Sinn, das von Gott empfangene Leben und Heil weiterzugeben – einerseits in der natürlichen Zeugung von Kindern als Frucht der Ehe, andererseits in der übernatürlichen Zeugung von Gotteskindern aus dem Wasser und Geist der Taufe. Deshalb ist das amtliche Priestertum den Männern vorbehalten.
All das bedeutet natürlich nicht, dass den Frauen nach der Himmelfahrt Jesu und der Ankunft des Heiligen Geistes keine besondere Rolle zukommt. Auch die Frau ist wie der Mann berufen zu dienen, in der gegenseitigen Unterordnung der Geschlechter (s. Eph 5,21). Doch verkörpert die Frau sozusagen mehr die Rolle eines dienenden Empfangens als einer dienenden Hingabe – eine Tatsache, die sich auch biologisch im Akt der Zeugung widerspiegelt. Wie die Apostel und männlichen Jünger sind auch die Frauen bei der Ankunft des Geistes im Abendmahlsaal zu geben. Doch es sind die Apostel und die von ihnen eingesetzten Männer (Presbyter, Diakone), die hernach vom Geist erfüllt predigend und taufend auftreten.
Wenn christusähnliche Selbsthingabe die Eigenschaft ist, die einen Mann nach dem Neuen Testament auszeichnen soll, so ist andererseits die Stärke die Eigenschaft, die im Alten Bund dem Mann zugedacht wird. So etwa in den Worten des Psalms:
Harre auf den Herrn:
Handle mannhaft, und stark werde Dein Herz,
und harre auf den Herrn.
– Ps 26,14
Die oben schon besprochenen Worte des sterbenden Davids an Salomon bringen dasselbe zum Ausdruck: Du aber sollst stark sein und zu einem Mann werden. Wie in den Worten Davids so auch hier im Psalm ist die Stärke nicht unabhängig von Gott und der Übung seiner Gebote zu denken, sondern vielmehr durch sie bedingt: „Harre auf den Herrn“ – mit anderen Worten, übe Geduld. Nicht umsonst trägt der Auferstandene seinen Aposteln auf: Ihr aber, bleibet in der Stadt Jerusalem, bis ihr bekleidet werdet mit Kraft aus der Höhe – das heißt, vom Heiligen Geist (Lk 24,49).
Auch hier darf betont werden, dass weibliche Stärke in der Schrift nicht grundsätzlich ausgeschlossen wird. Die Stärke, die das männliche Geschlecht auszeichnet, bezieht sich auf die Sendung des Mannes als Kämpfer und Schützer, die wir auch in den Worten des Johannes angedeutet finden: „Ich habe euch, ihr jungen Männer, geschrieben, weil ihr stark seid und das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt.“ Denn den Männern ist von Gott insbesondere aufgetragen, Kirche, Familie und Volk zu schützen.
König Salomon, von Simeon Salomon (1872/74) (Wikimedia Commons)
Die Krise Männlichkeit
Der heutige Zeitgeist erzieht die Männer im genauen Gegensatz zur christusähnlichen Hingabe und gottverbundenen Stärke. Auf der einen Seite macht er die Rolle des Mannes als Vorkämpfer, Schützer und Haupt verächtlich, indem er sie als ‚toxisch‘ darstellt. Er verunsichert das „starke Geschlecht“, wie es der Volksmund durchaus mit gutem Grund seit jeher nennt, und hält es schwach. Gleichzeitig entzieht er ihm jedes positive Vorbild und Ideal, an dem es sich orientieren könnte.
Die anerzogene Schwäche geht zugleich einher mit einer Selbstsucht, die das Gegenteil von Hingabe ist. Das ist höchstens auf den ersten Blick paradox, denn Stärke im christlichen Sinne ist eben wie bemerkt nicht selbstherrlich, sondern sie gründet in Gott und sucht, ganz von Liebe getragen, nicht das Ihre. Männer werden nicht mehr gelehrt, ihre Leidenschaften zu zügeln um höherer Ziele willen, seien es nun weltliche oder über-weltliche Ziele, die größer sind als sie selbst: eine stabile Familie, ein blühendes Volk oder – die ewige Gemeinschaft des dreieinen Gottes.
Die heutige Krise der Männlichkeit ist aber nicht primär das Ergebnis politischer oder sozialer Verhältnisse. Sie ist im Kern eine Krise der Vaterschaft, das heißt: der Abwesenheit oder Unzulänglichkeit väterlicher Zuwendung und Führung in der Erziehung der allermeisten Jungen. Die Erziehung der heranwachsenden Jungen zur Hingabe, zur Zügelung der Leidenschaften, zur gottverbundenen Stärke ist vor allem Aufgabe der Väter. Damit wird aber auch sichtbar, dass es sich gewissermaßen um ein ererbtes Problem handelt, das sich nicht nur von Generation zu Generation fortpflanzt, sondern sogar noch verstärkt – wenn nicht Gottes Gnade eingreift. Hier behält das alt-israelische Sprichwort Recht: Die Väter aßen unreife Trauben und die Zähne der Kinder wurden stumpf (Jeremia 38 [31], 29).
Der Schwund von Vaterfiguren und echt väterlicher Erziehung hat aber sehr wohl gesellschaftliche und politische Auswirkungen, vor denen schon die Schrift warnt: Wehe dir, Stadt, die du einen Knaben als König hast und deren Machthaber schon frühmorgens tafeln (Prediger 10,16) und: Ich werde Jünglinge als ihre Herrscher einsetzen, und Mutwillige werden sie beherrschen (Jesaja 3,2). Die Mentalität einer Gesellschaft, deren Männer Spielbälle ihrer eigenen Launen und Leidenschaften sind, beschreibt treffend das Wort des Evangeliums: Wem aber soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Es ist Kindern gleich, die auf den Märkten sitzen und den Spielgefährten zurufen und sagen: Wir haben für euch Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben für euch Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht getrauert (Matthäus 11,16-17).
Der Weg zum Vater
Es ist aber auch ein Trost, dass schon die Propheten und Evangelisten die Wurzeln und Auswirkungen der Krise kannten, die unsere heutige Gesellschaft im Griff hat. Dass der menschgewordene Gott uns den Weg zum Vater – und damit zu uns selbst – gezeigt hat.
Denn die Heilung der gebrochenen Männlichkeit ist nicht in Selbstoptimierung und Persönlichkeitscoaching zu suchen. Sie liegt in der Begegnung mit dem Gottmenschen Jesus Christus, der der Abglanz des Vaters und das Inbild des vollkommenen Mannes ist, sowie die Gottesgebärerin – im neuen Testament oft vielsagend „Frau“ genannt – die vollkommene Weiblichkeit verkörpert (Lk 1,42; Joh 2,4; 19,26).
Wir sehen heute, wie viele vor allem junge Männer sich der Orthodoxie zuwenden, weil diese ein geradezu „absurdes Maß an Männlichkeit“ verspreche, so ein Artikel des Nachrichtenportals BBC. Was aus weltlicher Perspektive teils als gefährlicher Trend wahrgenommen wird, ist in Wahrheit Zeichen eines gesunden Verlangens nach einer Männlichkeit, die nicht von Besitzergreifung und Selbstsucht, sondern von christlicher Selbstbeherrschung und Hingabe gekennzeichnet ist. Das ist es, wozu vor allem die asketische Tradition der orthodoxen Kirche uns anleitet.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie und Biographie, die Vergebung gegenüber den eigenen Eltern – vor allem den Vätern – ist oft schmerzhaft. Aber sie ist unbedingte Voraussetzung für die Vergebung der eigenen Sünden, die in der Orthodoxie als seelische Heilung verstanden wird: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebet, <so> wird euer himmlischer Vater auch eure Verfehlungen nicht vergeben (Matthäus 6,15). In dieser Vergebung findet der Mann sich selbst, seine gottverbundene Stärke und damit die Fähigkeit zu echter Hingabe.
Die Vergebung der Sünden stellt das gesunde Rollenverhältnis zu Gott und den Mitmenschen her – in der Familie und darüber hinaus. Dieses Rollenverhältnis ist, wie der Psychologe und Priester Andrej Lorgus schreibt, nichts rein Äußerliches, das man abstreifen könnte wie ein Kleidungsstück, auch wenn das heute behauptet wird. Es ist das, worin der Mensch sich als Persönlichkeit entfaltet und heil, das heißt: heilig wird – als Ebenbild Gottes, der in sich selbst heilig ist und in ewiger Gemeinschaft lebt: Vater, Sohn und Geist.
Der Weg des Mannes zu sich selbst ist also kein anderer als der Weg des Menschen nach Hause in die Gemeinschaft mit Gott. Und dieser ist kein anderer als der Weg der Heimkehr Jesu zum Vater. Jeder Versuch, die Krise der Männlichkeit mit weltlichen Mitteln zu Lösen, ist deshalb zum Scheitern verurteilt, weil das Urbild wahrer Männlichkeit im Schöpfer selbst gründet:
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, nach dem jede Vaterschaft in den Himmeln und auf Erden benannt wird: Er gebe euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnt.– Epheser 3,14-17
Griechische Ikone der Himmelfahrt Christi, 15. Jh. (Wikimedia Commons)
Lesen Sie auch
„Ich kam zur Orthodoxie wegen ihrer Schönheit und Wahrheit“ – Influencer aus Österreich
Interview der UOJ mit Stefan with Jesus über seinen Weg zur Orthodoxie, seinen orthodoxen Blog und die Mission in den sozialen Medien.
Worin besteht der Kern der christlichen Tugend?
Protopriester Wassili Kutscher reflektiert über das heutige asketische Leben.
Geistige Blindheit und der Preis wahrer Freiheit
Das Wunder der Heilung im Evangelium offenbart die Kluft zwischen lebendigem Glauben und gesellschaftlicher Angst. Eine Reise in die mystische Theologie und die Geheimnisse wahrer Nüchternheit.
„Metropolit Schio wird das Erbe von Patriarch Ilia II. sicherlich bewahren wollen“, — Priester Elias Schlepegrell
UOJ-Interview mit Priester Elias Schlepegrell, Augenzeuge der Wahl von Metropolit Schio zum neuen Patriarchen von Georgien.