Wie ein Psalm mit Schreibfehlern einen Soldaten vor Dämonen schützte
Byzantinischer Grenzsoldat. Foto: UOJ
Im Jahr 1937 führte der Archäologe Harris Dunscombe Colt Ausgrabungen in den Ruinen der kleinen Stadt Nessana im Süden der Negev-Wüste durch und stieß auf einen unerwarteten Fund. Unter den Trümmern einer der Kirchen lag ein Bündel von fast 200 Papyri.
Es handelte sich um das Geschäftsarchiv einer byzantinischen Garnison, das 13 Jahrhunderte lang in der Erde gelegen hatte. Die Dokumente umfassen den Zeitraum von 505 bis 689 – von der Blütezeit des Reiches unter Kaiser Justinian über die persische Invasion bis hinein in die Zeit der arabischen Herrschaft.
Jahrelang werteten Historiker diese Schriftstücke Stück für Stück aus. Das Ergebnis ist ein einzigartiges und detailliertes Bild vom Leben einfacher Soldaten am äußersten Rand der christlichen Welt.
Wer bewachte diese Grenze?
Nessana war ein Kastron – eine befestigte Siedlung mit einer Garnison von Kamelreitern. Diese bildeten eine örtliche Miliz im Dienst des Reiches und erhielten dafür Land zugeteilt. Die militärische Einheit wird in den Dokumenten als „Theodosianer“ bezeichnet – als treue Söhne Kaiser Theodosius’.
Der Militärdienst wurde innerhalb der Familien vererbt: Der Sohn trat an die Stelle seines Vaters, der Enkel an die seines Großvaters. Diese Männer waren keine Berufssoldaten, die aus der Hauptstadt entsandt worden waren. Sie waren inmitten dieser menschenleeren Sandlandschaft geboren worden, heirateten hier, handelten mit Kamelen und bewachten die Karawanenstraße, auf der die Pilger zum Berg Sinai zogen.
Gerade deshalb unterscheidet sich ihr Archiv so stark von einer offiziellen Chronik. Es enthält keine heroischen Berichte über militärische Siege, sondern lediglich Schuldscheine, Eheverträge, Testamente und gerichtliche Auseinandersetzungen um Erbschaften. In nahezu jedem Dokument, für das ein Zeuge benötigt wurde, steht neben dem Namen auch ein militärischer Rang: Dromedarius, Dekurion oder Vorsteher des Kastrons.
Das Christentum erscheint in diesen Dokumenten nicht in einer nüchternen Zeile unter der Bezeichnung „Religionszugehörigkeit“, sondern durchdringt buchstäblich den gesamten Text.
Verträge werden im Namen Christi besiegelt, Geld wird für die Bedürfnisse der Kirche vermacht, und das gesamte Archiv wurde jahrzehntelang unter dem Dach eines Gotteshauses aufbewahrt – als wären die Dokumente gerade dort am sichersten gewesen.
Ein Schutzamulett mit Rechtschreibfehlern
Diese Soldaten besaßen jedoch noch einen anderen, wesentlich persönlicheren Glauben – einen Glauben, der nicht nur ihr Eigentum, sondern auch ihr Leben schützen sollte. Aus Ägypten und den angrenzenden Gebieten sind kleine Amulette mit dem Text des 90. Psalms bekannt: „Wer unter dem Schutz des Höchsten wohnt.“
Wissenschaftler bezeichnen ihn als den am häufigsten abgeschriebenen biblischen Text der Spätantike. Einen solchen Papyrus aus der Sammlung der Duke University, der auf das Ende des 6. Jahrhunderts datiert wird, ordnen die Fachleute eindeutig einem Soldaten zu.
Er sieht wie eine kleine Schriftrolle aus, auf deren einer Seite der Psalm und auf deren anderer das Vaterunser geschrieben steht – mit zahlreichen Rechtschreibfehlern. Verfasst wurde sie offenbar nicht von einem professionellen Schreiber aus einer städtischen Kanzlei, sondern vom Besitzer selbst oder von einem zufällig gefundenen Schreibkundigen gegen eine geringe Bezahlung.
Dieser Psalm verspricht Schutz vor dem „Pfeil, der am Tage fliegt“, und vor der „Seuche, die im Finstern schleicht“. Für einen Soldaten, der in der Wüste Wache hielt, wo nicht abstrakte Dämonen, sondern Räuber und Durst eine sehr reale Gefahr darstellten, waren dies keine entrückten poetischen Metaphern. Die Schriftrolle wurde in die Kleidung eingenäht, am Hals getragen oder neben die Waffe gelegt. Kirchliches Gebet und alltägliches Schutzamulett befanden sich in derselben Tasche.
Dokumente, die das Reich überdauerten
Die Kamelreitergarnison wurde etwa um das Jahr 600 aufgelöst, als das Reich seine Grenztruppen nicht länger unterhalten konnte. Einige Jahrzehnte später kamen die arabischen Eroberer. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass die Dokumentation an dieser Stelle abbricht. Doch das Archiv wurde weitergeführt.
Unter den späteren Papyri befindet sich eine Anforderung von Weizen- und Öllieferungen aus dem Jahr 675. Das Dokument wurde im Namen des neuen Statthalters in zwei Sprachen verfasst – auf Griechisch und Arabisch. Die Stadt entrichtete ihre Steuern weiterhin an die neue Obrigkeit, so wie zuvor an die alte. Die Kirchen blieben geöffnet, und die Pilger zogen noch immer durch Nessana zum Sinai.
Die Soldaten, deren Namen durch diese Papyri überliefert wurden, hinterließen keine einzige Predigt und vollbrachten keine Heldentat, die eine eigene Chronik verdient hätte. Dennoch zeigt sich die Größe ihres Glaubens selbst in ihrer alltäglichen Lebensweise.
Sie bewahrten wichtige Schriftstücke in Kirchen auf, unterzeichneten fremde Verträge als Zeugen im Namen Christi und trugen abgenutzte Schriftrollen voller Rechtschreibfehler bei sich. Das Reich, das sie bewaffnet und in seinen Dienst genommen hatte, zerfiel vor ihren Augen. Doch das, woran sie glaubten, blieb ihnen bis zum Ende ihres irdischen Lebens und darüber hinaus im ewigen Leben erhalten.
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